Kurze Geschichten (eBook)
268 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7562-9003-1 (ISBN)
Der Autor dieses Machwerks ist nicht besonders hoch gewachsen, was er aber durch eine gewisse Körperfülle wieder gut macht. Durch diesen geschickten Schachzug erreicht er trotzdem die durchschnittliche Abtropfmasse eines Normalbürgers. Wie die meisten seiner Mitmenschen unterliegt er der irrigen Annahme, er sei ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Und dass er immer und immer wieder Kurzgeschichten schreibt, darf man getrost seinem Altersstarrsinn zuschreiben.
Frühstückseier
Die meisten Menschen setzen sich hin und wieder vor ihr Fernsehgerät, um sich informieren oder bespaßen zu lassen. Ein Privatdetektiv macht das auch nicht anders. Wenn ich nicht gerade wegen eines Falles unterwegs bin, sitze ich auch gelegentlich vor dem Flimmerkasten. Allerdings schränke ich meinen Fernsehkonsum immer und immer mehr ein. Das hat natürlich seinen Grund. Was mir da jedes Mal entgegen flimmert, kotzt mich langsam an. Gegen Pay-TV hat mein Bankkonto Einspruch eingelegt, und die Fernsehwerbung raubt mir den letzten Nerv. Da behauptet beispielsweise eine Frau, das eine Zahnbürste „alles“ verändert hat. Aber bei mir hat sich da gar nichts geändert. Ich bin nach wie vor ziemlich hässlich im Gesicht, mein Konto macht mir auch immer noch vor, wie man schnell abnehmen kann, und mein kleines Auto braucht weiterhin Treibstoff. Da hätte ich wirklich mal eine Veränderung gebraucht. Was mich ebenfalls leicht verärgert, ist die Tatsache, dass es bei den verschiedensten Lotto-Werbungen scheinbar immer nur Gewinner gibt. Von den Millionen hoffnungsgetäuschter Einzahler wird nie berichtet. Und dann gibt es noch eine Werbung, in welcher mir erklärt wird, dass es neuerdings von einer bestimmten Firma waschbare Unterwäsche gibt. Was glauben denn diese Knallschoten, was ich bisher mit meinen Unterhosen gemacht habe? Jeden Abend verbrannt, oder was? Selbst wenn ich Filmchen aus dem Internet schaue, ploppt immer wieder Werbung auf. Langsam kommen mir wider Willen solche Gedanken, wie zum Beispiel: Wenn Stiftung Warentest Vibratoren testet, ist da befriedigend besser als gut?
Samstagabend. Der Tag war ruhig, aber ich hatte noch eine traurige Aktion vor mir, nämlich den Schraubverschluss der letzten Flasche Wein zu öffnen. Traurig deshalb, weil es die letzte von hundert Flaschen war, die ich vor ungefähr drei Jahren als Honorar für einen bravourös gelösten Fall bekommen hatte. Eine Flasche später, während ich zweimal den Fernseher ein- und frustriert wieder ausgeschaltet hatte, besaß ich die nötige Bettschwere. Ich tappte in mein Badezimmer, natürlich barfuß. Ich gehe zuhause immer barfuß. Eine kleine Marotte von mir. Ebenfalls typisch für mich ist die Tatsache, dass ich etwas vergesslich bin. Also hatte ich vergessen, dass mir vor einigen Augenblicken der Flaschenverschluss vom Tisch gekullert war. Wenn ein metallener Schraubverschluss mit der Öffnung nach oben auf dem Boden liegt, und ein Tollpatsch barfüßig durch die Gegend stiefelt, dann weiß jeder halbwegs intelligente Mensch, was die Folge davon ist. Erstaunlicherweise blutete meine Fußsohle nur ganz wenig. Natürlich hatte ich kein Wundpflaster im Haus, aber ein vorsichtig angedrücktes Zellstofftaschentuch tat auch das Seine. Während ich mit der Zahnbürste meine Kauwerkzeuge malträtierte, vernahm ich plötzlich ein seltsames Geräusch. Ein unangenehmes Klirren. Zunächst dachte ich, dass ich mich vielleicht verhört hätte, jedoch als ich aus dem Bad zurückkam, glotzte mich mein Wohnzimmerfenster mit einem großen Loch an. In der Stube lag ein Stein, an welchen ein Zettel mittels Paketschnur gebunden war. Ich beschloss meine Nacktheit mit einer Hose zu verschleiern, sowie aus Sicherheitsgründen Gummihandschuhe überzustreifen. Dann popelte ich den Zettel vom Stein herunter. Darauf stand in einer ungelenken Handschrift: „Das war noch nicht alles!“ In meinem Hirn breitete sich eine Leere aus, die bestimmt gut und gerne bei Bedarf das gesamte Universum hätte ersetzen können. Keine Ahnung, was mein anonymer Freund von mir wollte. Kopfschüttelnd holte ich einen Karton aus der Abstellkammer, den ich mittels einer Schere von einem Seitenteil befreite. Ein paar Streifen Klebeband krallten die zugeschnittene Kartonage an meinem weidwunden Fenster fest. Stein, Schnur und Papier wanderten in eine Tüte. Am nächsten Tag würde ich in meinem Büro die Korpora in Ruhe untersuchen. Jetzt hieß es erstmal das Bett zu beehren, um mein unwissendes Hirn der Erholung zuzuführen.
Ich weiß nicht genau warum, aber wenn jemand über einen guten Spürsinn verfügt, dann sagt man gelegentlich, er hätte ein feines Näschen. Und meine Nase sagte mir, dass der Werfer des fenstervernichtenden Wurfgeschosses irgendwie mit Hühnern zu tun haben musste. Eine anhaftende Substanz erinnerte mich mit ihrem Geruch deutlich an meine Kindertage. Damals musste ich meinem Vater immer bei periodisch anberaumten Reinigungen unseres Hühnerstalls helfen. Viel mehr bekam ich nicht heraus. Also rief ich erstmal einen Glaser an. Der weigerte sich standhaft, die Reparatur bei mir zu Hause auszuführen. Ich hätte gefälligst meinen Fensterflügel in seine Werkstatt zu bringen. Typisch Handwerker. Denen macht es anscheinend Spaß, uns Unwissende zu drangsalieren. Als neulich mein Kühlschrank irgendwie stromlos wurde, habe ich höflich den Elektromonteur gefragt, wie hoch denn der Schaden zu veranschlagen sei. Und er meinte hinterhältig lächelnd, dass lediglich der Stecker einen neuen Kühlschrank braucht.
Der nächste Morgen verlief anfänglich genauso, wie an den vergangenen Tagen. Ich kleckerte ausgiebig während des Frühstücks. Diesmal mit Eigelb. Das Zeug hatte unerklärlicher Weise dermaßen Lust zum Fallen, dass es garantiert bis zum Erdmittelpunkt gestürzt wäre, hätte es mein Teppich nicht vorher aufgehalten. Ich nahm mir vor, in Zukunft nur mehr hartgekochte Eier zu verspeisen. Aber zunächst musste ich meinen Teppich reinigen. Und wie üblich stieß ich dabei mit dem Hinterkopf derart heftig an die Tischkannte, dass ich mehr Sterne vor den Augen hatte, als ein Astronaut, der aus dem Fenster einer Raumstation blickt. Als ich das Eigelb aus dem Putzlappen wusch, kam mir plötzlich eine Idee. Also fuhr ich, im Gegensatz zu sonst, danach nicht sofort ins Büro, sondern klingelte bei meinem Nachbarn. Der war zwar schon zur Arbeit gefahren, aber zum Glück war seine Frau noch zu Hause. Etwas verlegen kratzte ich mich am Kopf: „Sie werden entschuldigen, aber ich hätte da eine Frage. Ihr Mann hat mir mal erzählt, dass Sie Ihre Eier nicht im Supermarkt kaufen, sondern direkt von einem Bauern beziehen. Könnten Sie mir vielleicht sagen, wie der Bauer heißt, und wo sich sein Bauernhof befindet?“ Sie schien keineswegs über meine Frage verwundert zu sein: „Das ist kein direkter Bauer. Es ist ein Hühnerhof im nächsten Ort. Ein wenig abseits zum Wald hin. Es gibt auch einen selbstgebastelten Wegweiser. Hühnerfarm Gumpert. Aber ich glaube, der hat Konkurs angemeldet. Jedenfalls haben wir zuletzt keine Eier mehr bekommen“. Ich nahm mir vor, erst einmal in meinem Büro nach dem Rechten zu sehen, um danach einem gewissen Herrn Gumpert einen Besuch abzustatten.
Als ich mein Auto vor dem Grundstück abstellte, kam ein Mann mit verdreckten Gummistiefeln und einem Hammer in der Hand auf mich zu: „Hauen Sie ab! Ich habe Ihren Kollegen bereits erfolgreich verscheucht. Bei Ihnen klappt das garantiert auch“. Er hob den Hammer, und ich machte vorsichtshalber einen Schritt rückwärts: „Meinen Kollegen? Was für einen Kollegen. Ich habe keinen Kollegen“. Er ließ den Hammer sinken: „Ach, dann sind Sie gar nicht vom Veterinäramt? Tut mir leid, aber ich verkaufe keine Eier mehr. Gibt ja auch keine Hühner hier auf dem Hof. Alle abtransportiert“. Er feuerte den Hammer hinter sich an den Zaun: „Angeblich Kokzidiose. Alles Lüge!“ Ich fragte aufgrund seines erregten Gemütszustandes lieber nicht, was diese Kokzidiose eigentlich sei. Er fuhr hochgradig erregt fort: „Aber diesem Kerl vom Veterinäramt hab ich es gezeigt, diesem Baer! Dem hab ich die Fensterscheibe eingeschmissen. Und ich lass mir noch ein paar andere Sachen einfallen. Da können Sie Gift drauf nehmen!“ Ich spürte förmlich, wie meine Augen immer größer wurden: „Gift vertrage ich nicht. Aber haben Sie wirklich Baer gesagt? Dann kann ich Ihnen mitteilen, dass Sie nicht dem Baer vom Amt, sondern einem unschuldigen Privatdetektiv gleichen Namens das Fenster ruiniert haben. Und dieser Detektiv bin ich. Aber wenn Sie die Rechnung bezahlen, sehe ich von einer Anzeige ab. Er sackte mit einem Schlag in sich zusammen: „Scheiße! Tut mir wirklich leid. Schicken Sie mir bitte die Rechnung! Natürlich bezahle ich“. Er drehte sich um, hob seinen Hammer auf und trabte mit hängendem Kopf in Richtung Haustür.
In der Regel betreten die Menschen mein Büro etwas unschlüssig. Wohlerzogene klopfen sogar vorher an. An diesem Tag wurde aber die Tür regelrecht aufgerissen. Ein Mann im grauen Anzug fuchtelte mit einem Dienstausweis vor meiner Nase herum: „Sind Sie Herr Baer? Waren Sie gestern Nachmittag bei einem gewissen Herrn Gumpert? Und gibt es dafür eventuell Zeugen? Sind Sie gewillt hier auszusagen, oder wollen Sie lieber vor einen Richter?“ Nun machen mich derartige Überfälle überhaupt nicht an. Ich lehnte mich genüsslich zurück: „Darf es vielleicht auch eine Richterin sein? Oder sind Sie vielleicht ein Vertreter des Maskulinismus? Oder gar ein Antifeminist? Weiß das Ihr Vorgesetzter? Sind Sie bereit, das...
| Erscheint lt. Verlag | 4.7.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Fantasie • Kriminalfälle • Kurzgeschichten • Liebe • Privatdetektiv |
| ISBN-10 | 3-7562-9003-4 / 3756290034 |
| ISBN-13 | 978-3-7562-9003-1 / 9783756290031 |
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