DER DICHTUNG ZAUBERISCHE HÜLLE (eBook)
289 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7541-9380-8 (ISBN)
*1985 Thüringen.
*1985 Thüringen.
II.
››DIE GESCHICHTE DER NUMMER SECHS
EINE PARABEL IN VERSEN VON FRIEDRICH GOTLAND
I. TEIL
29. FEBRUAR 2020
Es sitzt bei reichlich Essen und bei rotem Wein,
Ein kleines Häufchen Elend sichtlich ganz allein.
Und wie verharrt am runden hölzern Tisch zu Haus,
Weiß weder ein der Herr, ach, noch weiß dieser aus.
Indem nun aber, dass er förmlich gar nichts weiß,
Verflüchtigt sich ein leerer Blick, schweift ab, wird starr –
Hinüber seiner Kochkunst, dem geraumen Fleiß –,
Sodass erzürnen würd' daran sogar ein Narr.
Vor seinen Augen wirkt das helle Licht gedämmt,
Dass grau und trist erscheint sein blütenweißes Hemd,
Dass holder Schimmer, Flecken voller Schatten reißt,
Und als ein Bild des Trugs letztendlich sich erweist –
Vertraulich mit gewetzten Messern salutiert,
Bewundernd sich im Silber wiederspiegeln tut,
Herausgeputzt auf seine trübe Fratze stiert,
Gelenkt von zeitlich ausgedehntem Übermut.
Aus frischem Schneid und hübsch polierten Porzellan,
Wird nach und nach Verzweiflung, Wut, Verdruss und Wahn –
Im Hinblick auf ein Scheitern, schwenkt das Gläschen Wein.
Doch mehr fällt nicht dem stolzen Herrn des Hauses ein,
Denn bald vergangen ist der Wunsch am Appetit.
Und auch die Stimmung ist bedenklich herb gedrückt.
Und wenn er zu den recht robusten Stühlen sieht,
Dann sind sie alle, derer fünf, noch nicht verrückt.
Und wie er blickt, als ob er mustert tief ein Loch,
Da spitzt er seine Ohren, lauscht und hört jedoch
Nur Stille vor dem Haus, im Festsaal und im Flur.
Und als er schaut gebannt auf seine Taschenuhr,
Da rennt voran die Zeit, so eilig unbeirrt,
Dass es ihm steigt zu Kopfe der Gedanke schon,
Dass niemand seiner Gäste heute kommen wird,
Und alle Mühe sei umsonst, zu seinem Hohn.
Ein Lied des Spottes wird auf seinen Lippen laut,
Dass er sich kräftig auf den seinen Schnabel haut,
Ein Messer, kühl, an die gespitzten Lippen setzt,
Und sich, mit raschen Schnitt der Schneide, selbst verletzt,
Dass etwas blutig wird, was glänzend war geputzt,
Und wieder sauber wird, indem daran er leckt,
Das Blut zum Stillen seines wüsten Drangs recht nutzt,
Bis voll und ganz das Messer in den Mund er steckt.
Er geht zum nahen Fenster, wo er Ausschau hält
Und ihm das Messer auf den Marmorboden fällt,
Als er nicht eine Seele vor dem Häuschen sieht,
Vorbei auch niemand durch die schwarzen Gassen zieht.
Da wird ihm so, als hätt' das Messer er verschluckt,
Und läge nun im Magen, wie ein schwerer Stein.
Und wie er ohne Ausdruck aus dem Fenster guckt,
Beschleicht ihn der Gedanke, dass er bleibt allein.
Alleine in der Welt, allein im Land, zu Haus –
Erschrocken sieht der Herr und ziemlich kränklich aus,
Gekränkt von halben Sachen und gescheutem Drang,
Gepeinigt von der Menschen List ein Leben lang,
Verdammt zu glauben und zu hoffen auf den Ruck,
Der weit entfernt vom Beben einen Wert beschreibt,
Der kaum vergleichbar ist mit einem großen Schluck,
Der darbend, schmachtend, dürstend in den Wahnsinn treibt.
Und wie beständig er da auf der Stelle tritt,
Obwohl bekräftigt wird der Herr zu jeden Schritt,
Der noch zu gehen ist, begangen werden muss,
Dass selbst das Ende betteln tut um einen Schluss,
Der nie genehmigt wird, solang' der Bund besteht,
Beschleunigt, ja, doch ohne Tempo, ohne Sinn,
Dass wie im Fluge zwar ein Maß der Zeit vergeht,
Doch mehr gehalten wird die gute Seele hin.
Vor Jahren noch, verbunden in der Einigkeit,
In jedem vierten Jahr, gekonnt zur selben Zeit,
Da fanden sich die Damen und die Herren ein
Zum steten Tête-à-Tête und zum Beisammensein,
Im zweiten Monat, wenn geschaltet wird ein Jahr,
Zum letzten Tage, der so oft hängt in der Luft,
Der selten stellt sich fröhlich als Geburtstag dar,
Und wenig mag versprühen einen Lebensduft.
So trafen sich die sechs, seit Menschgedenken an –
Datiert ist nicht, wann dieses Bündnis einst begann –,
Drei Damen und drei Herren auf das Land verteilt,
Wo jeder dort, an einer andren Stelle weilt,
Herbeigerufen und gekommen aus dem Stand,
Um zu vermitteln, um zu leiten Recht und Staat,
Um zu verbessern all die Menschen in dem Land,
Und um zu ernten, was der Boden gibt als Saat.
Die Macht, die ihnen wurd' gegeben mit der Zeit,
Ist faktisch nichts als all der Menschen Fähigkeit,
Wenn sie gebildet wird, befeuert und gelehrt,
Und menschlich stetig steigern tut der Menschen Wert,
Bis eine Seele fast vollkommen dann erscheint,
Indem sie handelt, eifert, strebt, begehrt, vergibt,
Bewundert, leidet, achtet, fördert, lacht, beweint,
Erobert, spürt, beteuert, trauert, schätzt und liebt.
Und an dem höchsten Punkt des Wesens angelangt,
Wenn für ein Leben herzlich sich der Mensch bedankt,
Erklommen ist der Berg, hoch an der steilsten Wand,
Auf letzter Stufe sich befindet der Verstand,
Dem Himmel nah ein Denken, durch Vernunft geprägt,
Von leisen Zungen schützend in das Wort geraunt,
Von Blut und Schweiß das Kreuz am Gipfel Blüten trägt,
Erst dann wird frohes Schaffen durch den Blick bestaunt.
Er schaut herab und bückt sich, blickt sodann herauf,
Und hebt das Messer von dem Marmorboden auf,
Begibt sich wieder an den schmucken Tisch zurück,
Probiert vom warmen Apfelstrudel schon ein Stück,
Nimmt einen Hauch getürmter Sahne hinterher –
Geschmacklich aber bleibt er aus, der süße Schlag,
Und schmeichelt sich ins Ziel hinein von ungefähr,
Wie keine Mahlzeit je gegessen werden mag.
Vom roten Wein genehmigt er sich einen Schluck,
Und gibt sich für den zweiten trocken einen Ruck,
Doch bitter stößt er auf und schmeißt das Gläschen um,
Betrachtend sein Malheur gelassen und auch stumm,
Verfolgend, wie der Wein den Weg sich langsam bahnt
Und sorglos auf der straffen weißen Decke fließt,
Mit jedem Zentimeter schier erfolglos mahnt,
Und so beinahe übers Ziel der Tafel schießt.
Ein roter Faden, just versickert, aber frisch,
Mäandert auf dem reich gedeckten Gabentisch,
Und macht vergeblich auf der Decke den Versuch,
Zu wirken nicht wie ein versifftes Leichentuch.
Der Herr des Hauses aber stört sich nicht daran –
Er trägt vortrefflich zu der schlechten Stimmung bei,
Indem die schlechte Stimmung nimmt er nahtlos an,
Und fühlt sich ihr zu widersprechen wenig frei.
Und unterstützend zum Gefühlchen der Tristesse,
Da untermauert schallend Gotyes hearts a mess
Den vagen Ausbruch der gespannten Lage nun,
In der noch niemand wusste, was genau zu tun,
Dass übrig bleibt dem Herrn nur eine Möglichkeit,
Die über den gewissen Punkt zu reichen scheint:
Zu denken mit Vergnügen an die schöne Zeit,
In der sie alle waren noch zum Mahl vereint.
29. FEBRUAR 2000
Geladen hatte zur Jahrtausendwende ein,
Der aus dem Bündnis sollte an der Reihe sein.
So trafen sie sich dann im schönen Städtchen Mainz,
Bei einer Dame mit dem Namen Nummer Eins.
Wo Gutenberg den Buchdruck einst erfunden hat,
Das deutsche Gut den Ursprung seines Wesens fand,
Da zogen ein die andern Nummern in die Stadt,
Von allen Ecken aus dem weiten deutschen Land.
Wie gern sie alle kamen zu der Nummer Eins,
Lag nicht direkt am Glanz und Umfeld der Stadt Mainz,
Stattdessen waren sie mit Freude immer Gast,
Und machten mit Erfüllung bei ihr Halt und Rast,
Weil Nummer Eins gesegnet wurde mit Talent,
Das gustatorisch von der höchsten Qualität –
Geschmacklich stets die Spreu vom Weizen hat getrennt –,
Von weiser Zunge Nahrung schätzt, benutzt und sät.
So eben auch zu dieser Zeit, in jenem Jahr,
Wo wieder höchste Kochkunst zu erwarten war,
Und sich besonders freuen tat die Nummer Zwei,
Die schon von weitem riechen konnte allerlei,
Was Nummer Eins in ihrem Töpfchen alles kocht,
Was in der Pfanne brät, was in dem Ofen bäckt,
Was wann, wieviel, wovon am meisten wird gemocht,
Und was als Zutat in geheimer Mischung steckt.
Doch niemand hat so viel Geschmack wie Nummer Eins,
Bezüglich aller puren Speisen und des Weins –
Ja, selbst den Schweiß, die Tränen, die vom Mensch sie leckt,
Weiß sie genaustens zu bewerten, wie dies schmeckt,
Wonach dies schmeckt, bedingt von welchem Hintergrund –
Sie lebt und denkt und fühlt mit einem Sinn so klar.
Durch ihre Lippen, ihrem wohlgeformten Mund,
Nimmt sie die Welt, allein auf ihre Weise, wahr.
...
| Erscheint lt. Verlag | 13.6.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Crime • Dichter • Erfurt • Fortsetzung • Lyrik • Mystery • Parabel • Prosa • Sonette • Weimar |
| ISBN-10 | 3-7541-9380-5 / 3754193805 |
| ISBN-13 | 978-3-7541-9380-8 / 9783754193808 |
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