Zwischen Leben und Hölle (eBook)
359 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7541-9291-7 (ISBN)
Ich bin der Mann von Ramona und habe ihre Geschichte mit ihren Worten niedergeschrieben da sie bei den Erinnerungen teilweise nicht in der Lage gewesen wäre selbst zu schreiben. Wir sind seid 1982 zusammen und ich habe viele Etappen ihres Lebens miterlebt und konnte so auch ein wenig bei den Erinnerungen helfen.
Ich bin der Mann von Ramona und habe ihre Geschichte mit ihren Worten niedergeschrieben da sie bei den Erinnerungen teilweise nicht in der Lage gewesen wäre selbst zu schreiben. Wir sind seid 1982 zusammen und ich habe viele Etappen ihres Lebens miterlebt und konnte so auch ein wenig bei den Erinnerungen helfen.
Kinderheim
Ich sitze in einem Raum, von dem aus viele Türen in verschiedene andere sehr große Räume gehen. Viele Kinder rennen laut schreiend und tobend durch diese Räume. Manche bleiben kurz stehen und schauten mich neugierig an. Es war mir alles so fremd und ich fühlte mich so allein und ängstlich. Eine Frau kam zu mir und nahm mich bei der Hand.
„Komm Ramona!“, sagte sie und zog mich hinter sich her.
Sie brachte mich in einen kleineren Raum und setzte mich auf einen Stuhl, der in der Mitte des Raumes stand. Sie legte mir einen Umhang um die Schultern, dann hörte ich ein summendes Geräusch was auf mich zu kam. Ich wollte mich umdrehen um zu sehen, was es ist, aber sie hielt meinen Kopf fest und dann vibrierte es auf meiner Kopfhaut. Eine Strähne meines sehr feinen, weißblonden, glatten Haares fiel auf meinen Schoß. Ich fing leise zu weinen an.
Mittlerweile war ich in der zweiten Klasse. Ich stehe in einem Gang eines Schulgebäudes, das ich nicht kenne. Das Gebäude scheint sehr alt zu sein, es gefällt mir nicht. Der Boden ist grün und glatt. Ich schau auf viele Türen die sich in unterschiedlichen Gängen befinden und weiß nicht, wo ich hin muss. Ich fühle mich verloren.
Es ist Abend. Alle Kinder aus dem Kinderheim gehen in Zweierreihen eine Treppe hinab in eine untere Etage (oder auch Keller) wo sich die Waschräume befinden. In dem Raum befinden sich zwei oder drei Reihen ziemlich mittig des Raumes, mit Waschbecken. An einer Wand (ich weiß nicht mehr an welcher) stehen Stühle. Da müssen wir uns ausziehen und die Sachen ablegen. Rechts neben der Tür, zu der wir hereinkamen steht eine Badewanne. Eine Erzieherin steht dort und wir stellen uns wieder in Zweiergruppen wartend an um baden zu können. Immer zwei Kinder setzen sich gleichzeitig in die Wanne, um kurz zu baden, dann kommt die nächste Gruppe dran ohne das Wasser gewechselt wird. Die Kinder, die fertig sind sollen zu den Waschbecken gehen und sich die Zähne putzen. Anschließend gehen wir zusammen in einen Raum mit vier Doppelstockbetten. Links neben der Tür, quer zum Raum, stehen zwei davon mit einem schmalen Gang dazwischen. Noch weiter links ist eine weitere Tür, an der Wand gegenüber stehen nochmals zwei Betten längs zur Wand. Alle sind belegt.
Nachts muss ich oft aufstehen, weil ich dringend auf die Toilette muss. Mein Po brennt und es wird jedes Mal schlimmer, wenn ich aufs Klo und mir wieder den Po abwischen muss. Eine Erzieherin macht mir Salbe darauf was ein wenig hilft, aber mein Durchfall wird nicht besser.
Wir sitzen in einem der Aufenthaltsräume. Ein Mädchen, sie ist ein wenig älter als ich, sitzt auf ihrem Platz und hatte eine Torte mit ein paar Kerzen darauf vor sich. Sie bläst sie aus und alle lachen und klatschen. Das Mädchen lächelt die anderen Kinder an und obwohl ich selbst erst acht Jahre alt bin sehe ich, das sie traurig ist, sie tut mir leid. Sie schaut auf die Torte und sagt mehr zu sich selbst,
„Das ist nun schon mein dritter Geburtstag hier!“, dann rollen ihr Tränen über die Wangen.
Manche Kinder im Heim waren schwer erziehbar. Andere, so wie ich, waren dort, weil sie wegen Misshandlung von zu Hause weggenommen wurden und wieder andere waren da, weil ihre Eltern tot waren und es keine Verwandten gab, die sie aufnahmen. An bestimmten Feiertagen gab es aber Familien, die sich für kurze Zeit Kinder aus dem Heim holten damit sie mal da heraus kamen. Ich war eines der Kinder was über Ostern zu so einer Familie kam (vielleicht sollte es auch eine Art Probe für eine eventuelle Adoption sein). Auch diese Familie hatte eine Tochter, wir waren glaube ich circa gleich alt. Ich kann mich nur an das Wohnzimmer erinnern. Ich empfand es als sehr schön da. Am meisten freute ich mich über meine Ostergeschenke. Ich bekam so eine kleine Tafel mit einem Holzstift. Der Mann zeigte mir das ich mit dem Stift auf der Tafel schreiben und malen konnte und das ich dann alles, was ich gemalt hatte löschen konnte, wenn ich den kleinen Schieber nach unten zog, der rechts an der Tafel zwischen der Folie und dem Brett befestigt war. Ich hatte mich noch nie so über etwas gefreut wie über diese Tafel.
Ich erinnere mich das ich etwas zerbrochen habe, ich glaube es war eine Vase, bin aber nicht sicher und die Frau war ziemlich aufgebracht deswegen.
Ich kam zurück ins Heim.
Ich bin alleine in einem Raum und liege in einem Bett. Ich fühle mich schwach und mir ist langweilig. Eine Erzieherin kommt herein und stellt mir einen Teller mit weißlichem Brei auf das kleine Tischchen neben meinem Bett. Ich sage ihr, dass ich das nicht essen möchte, weil es mir nicht schmeckt, aber sie sagt, dass ich das essen müsste, denn wenn ich das nicht täte müsste ich ins Krankenhaus und da würde man mir eine Nadel in den Arm stechen und mich so ernähren. Ich wollte keine Nadel in meinem Arm haben, also schluckte ich den Haferschleim tapfer hinter. Kurz nachdem ich alles aufgegessen hatte, wurde mir übel und ich erbrach mich so wie jedes Mal, wenn ich etwas aß und wenn ich mal ein wenig drin behielt, bekam ich wieder Durchfall.
Eines Abends kam eine Erzieherin herein und sagte, dass ich mitkommen sollte. Ich stieg aus dem Bett und folgte ihr auf wackligen Beinen. Im Durchgangszimmer, von dem aus es in die verschiedene Aufenthaltsräume ging, saßen ein Mann und eine Frau. Die Erzieherin ging zu den beiden und drückte mich auf den Stuhl, der den beiden gegenüber stand, dann wand sie sich dem Paar wieder zu und sagte.
„Ich muss mich noch kurz um die Kinder kümmern, es ist gerade die Zeit zum Waschen, aber sie können sich ja schon ein wenig informieren...“
dabei zeigte sie auf mich
„ … und sobald die Kinder im Bett sind komme ich zu ihnen!“
Damit ließ sie uns alleine und ging mit der Gruppe die Treppe hinunter. Ich schaute mir die Frau an die vor mir saß und mich nun ebenfalls musterte. Sie war schlank, hatte braune Haare und blaue Augen, ihre Lippen waren sehr schmal und etwas zusammen gepresst. Der Mann war sehr kräftig, seine Haare waren ebenfalls braun und einfach nach hinten gekämmt, oberhalb der Stirn waren sie gewellt, sodass sie dort etwas abstanden. Er hatte graublaue Augen, eine normal große, ganz leicht gebogene Nase und vollere Lippen die offen lächelten. Er rieb ständig beide Hände aneinander und schaute sich um, immer noch vor sich hin lächelnd. Dabei drehte er leicht den Kopf, sodass ich ihn im Profil sah. Er erinnerte mich von der Seite an einen Halbmond da sein Gesicht, bis auf die Nase, ganz gerade war, keine Wölbung der Stirn oder der Wangen oder des Kinns, nichts, ganz gerade und die zurück gekämmte Welle am Haaransatz stand leicht nach vorn was den Eindruck eines Halbmondes noch verstärkte. Sein äußeres schüchterte mich ein wenig ein.
Die Frau fragte mich nach meinem Namen.
„Ramona!“,
antwortete ich und sie schaute mich etwas irritiert an.
„Wie alt bist du?“,
wollte sie dann wissen.
„Acht!“
„Warum bist du hier?“,
fragte sie mich. Ich zuckte mit den Schultern, denn ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich wusste nicht, warum meine Mama nie zu mir zurückkam. Ich wusste auch nicht, warum ich damals nach der Schule nicht mehr nach Hause durfte. Ich hatte keine Ahnung warum ich Frau Seidel, die ich sehr vermisste, nicht mehr sehen konnte und stattdessen zu ganz fremden Menschen kam, die mich dann plötzlich in ein Kinderheim gebracht hatten. Ich war immer noch traurig, dass ich nach Ostern wieder zurück ins Heim musste, aber da konnte ich mir wenigstens den Grund denken, ich hatte bei dieser Familie etwas kaputt gemacht, eine Vase zerbrochen oder etwas in der Art, worüber sich die Frau ziemlich geärgert hatte. Also was sollte ich dieser Frau antworten, warum ich hier war?
„Was ist mit deinen Eltern?“,
fragte sie weiter. Wieder dachte ich an meine Mama und Tränen traten mir in die Augen, ich dachte auch an meinen Vater und trotz der vielen Schläge und Schmerzen, die ich ertragen musste, fehlte er mir. Ich zuckte wieder nur mit den Schultern und schaute nach unten, Tränen liefen mir über das Gesicht. Der Mann, der bis dahin nichts gesagt hatte und ununterbrochen seine Hände aneinander gerieben hatte, berührte die Frau am Arm damit sie zu ihm hin sah und schüttelte leicht den Kopf. Sie entzog ihm ihren Arm und schaute wieder zu mir. Sie wollte gerade etwas sagen oder mir wieder eine Frage stellen als die Erzieherin aus dem Keller kam und mich wieder in mein Zimmer brachte. Ich fühlte mich so elend und alleine, durch die Fragen der Frau war meine Sehnsucht vor allem zu meiner Mama sehr groß und, ohne das ich etwas gegessen hatte, würgte ich, aber es kam nur Schleim. Danach sind die Tage wieder ein einheitlicher grauer Nebel, durchzogen von Unbehagen, Traurigkeit und Erbrechen.
Ich kann mich nicht daran erinnern das der Mann und die Frau wieder im Kinderheim waren, meine Erinnerung setzt erst ein als ich mit ihnen zusammen in einem kleinen Auto sitze, dass ich bis dahin noch nie zuvor gesehen hatte. Es war ziemlich eng darin, enger als in einem Trabant den ich ja von meinem Vater her noch kannte und das Auto war rund herum abgerundet. Später erfuhr ich das es ein Saporosch war. Ich kann mich nicht mehr entsinnen, ob es Frühling oder Herbst war, auf alle Fälle lag kein Schnee, aber es war ziemlich kalt draußen. Ich hatte ein schwarz-weißes Pepitakleid an. Es war das einzige Kleidungsstück, was ich noch von meinem ersten zu Hause hatte, ich hatte es an dem Tag getragen als ich Frau Seidel meine Verletzungen am Po zeigte. Weiter besaß ich wohl nichts und das Kinderheim gab wohl keine Kleidungsstücke mit, denn das war alles, was ich trug, ich hatte keine Strumpfhose und auch keine Jacke an. Aber wenigstens im Auto war es schön warm. Der Mann und die Frau unterhielten sich, ich verstand...
| Erscheint lt. Verlag | 29.5.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-7541-9291-4 / 3754192914 |
| ISBN-13 | 978-3-7541-9291-7 / 9783754192917 |
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