Memento Mori (eBook)
264 Seiten
Dryas Verlag
978-3-98672-015-5 (ISBN)
Amalia Zeichnerin lebt in Hamburg und schreibt in den Genres Phantastik, Historisches, Krimi und Romance - gern mit queeren Hauptfiguren und Diversität, denn die Welt ist bunt und vielfältig. Sie hat außerdem ein großes Faible für England und die viktorianische Ära.
Amalia Zeichnerin lebt in Hamburg und schreibt in den Genres Phantastik, Historisches, Krimi und Romance – gern mit queeren Hauptfiguren und Diversität, denn die Welt ist bunt und vielfältig. Sie hat außerdem ein großes Faible für England und die viktorianische Ära.
Kapitel 2 – Mabel
Dienstag, 2. März 1880
Der Abend war kühl und regnerisch, wie so oft im Frühjahr. Kleine Regentropfen perlten an den Fensterscheiben ab, sie glänzten im Schein der Kerzen, die Mabel auf dem Fensterbrett entzündet hatte. Ein würzig-kräftiger Duft zog durch die Wohnung – feine Aromen, die das Essen ankündigten. Holz knackte im Kamin, brachte das Feuer zum Zischen und sorgte für eine angenehme Wärme. Gemeinsam mit ihrer Bediensteten Lindsey hatte sie für die Gäste gekocht: ihren Sohn Theodor und seine Verlobte Nellie Holbrooks.
»Bitte decken Sie den Tisch«, bat Mabel die junge Frau, die sich mit einem höflichen Lächeln an die Arbeit machte.
Als Theodor rund eine Viertelstunde später als Erster eintraf, erschrak Mabel angesichts seines Aussehens. Für gewöhnlich hatte er rosige Haut und wache, muntere Augen, doch unter Letzteren prangten an diesem Abend dunkle Ringe und sein Teint war aschfahl.
Clarence blickte ihn ernst an. »Guten Abend, Theodor. Ist etwas passiert?«
Theodor machte eine wegwerfende Handbewegung. Mit einer fahrigen Geste strich er sich über das glatt gekämmte Haar und zerzauste es damit. »Ja, schon. Aber lasst es mich bitte nachher erzählen, wenn Nellie da ist und wir beim Essen sitzen.«
Mabel musterte ihn nachdenklich. Während der letzten Jahre hatte sie ihn nie so übernächtigt gesehen. Er hielt sich mit dem Trinken zurück und zog am Wochenende nicht um die Häuser, wie es andere Menschen mit Anfang oder Mitte zwanzig gern taten. Was war nur vorgefallen? Sie zwang sich, nicht nachzuhaken, sondern übte sich in Geduld.
Sie mussten nicht lange auf Nellie warten. Etwa zehn Minuten später klopfte sie an die Tür und Lindsey bat die junge Frau herein. Theodors Verlobte trug noch immer schwarze Trauerkleidung ohne viel Zierrat. Bald würde sie darauf verzichten können, denn der Tod ihres Vaters war fast ein Jahr her und damit war das Trauerjahr für sie beendet. Als sie voreinander standen, zog Theodor seine Verlobte in eine feste Umarmung.
»Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen. Ist alles in Ordnung?«, fragte sie ihn.
»Kommt, meine Lieben«, sagte Mabel. »Setzen wir uns, dann kann Theodor erzählen, was geschehen ist. Möchtet ihr ein Glas Wein?«
Nellie, Clarence und Theodor bejahten dies und sie schenkte ihnen allen Rotwein aus der Glaskaraffe ein.
Theodor zerrte an seinem Kragen, als ob dieser ihm plötzlich zu eng sei. Er räusperte sich umständlich, wie es sonst gar nicht seine Art war. »Gestern Abend gab es einen Brand im Handelshaus. Ich war als Einziger noch dort.« Als alle ihn überrascht ansahen, begann er damit, die Einzelheiten zu berichten.
Mabel lauschte seiner Schilderung der Ereignisse und auch Clarence musterte Theodor aufmerksam. Er endete mit der Beschreibung, wie er im Polizeirevier eine Aussage gemacht hatte.
Nellie strich sich, während sie ihm zuhörte, mit nervöser Miene eine rotbraune Strähne hinters Ohr. Als er seine Erzählung beendet hatte, drückte sie seine Hand. »Gott sei Dank ist dir nichts passiert!«, rief sie.
Er nickte und stieß hörbar die Luft aus. »Oh ja, ich bin heilfroh darüber. Aber die Schäden im Geschäft sind so stark, dass Mr Finlay uns Mitarbeitern heute mitgeteilt hat, dass er es bis mindestens kommenden Montag schließen wird, womöglich sogar noch länger. Es geht nicht anders. Während dieser Zeit werden die Räume, so gut es geht, renoviert. Und natürlich wird die kaputte Fensterscheibe ersetzt. Die Polizei war noch einmal da und Mr Finlay hat eine Aussage gemacht. Sie haben auch alle anderen Mitarbeiter verhört, die heute da waren. Sogar mir haben sie noch einige Fragen gestellt, aber ich habe ihnen gesagt, dass ich meine Aussage bereits auf dem Revier gemacht habe.«
Clarence wandte sich an seinen Sohn. »Kannst du dir denn einen Reim darauf machen, wer dem Handelsunternehmen schaden will? Du sagtest eben, es gäbe ein Konkurrenzunternehmen im selben Stadtteil?«
Theodor strich sich über das dunkle Haar und zögerte. »Ja, das ist richtig«, sagte er gedehnt. »Sie handeln auch schon seit Jahrzehnten mit Textilien, das Unternehmen heißt Maynard & Sons. Mr Finlay liegt mit ihnen gewissermaßen im Clinch, weil sie ständig versuchen, uns Kundschaft abspenstig zu machen. Aber einen Brandanschlag traue ich diesen Leuten ehrlich gesagt nicht zu. Allerdings, das muss ich einräumen, kenne ich dort niemanden näher, also wer weiß, was sie möglicherweise im Schilde führen?« Er zuckte mit den Schultern. »Nun ja, die Polizisten, die heute bei uns waren, sagten, dass sie auch dort die Mitarbeiter und die Geschäftsleitung verhören wollen.«
Mabel trank einen Schluck Wein. »Und wenn es jemand von Finlays eigenen Mitarbeitern war?«
Clarence schüttelte den Kopf. »Das ergibt wenig Sinn, oder? Ich meine, wer um alles in der Welt würde denn den Ast absägen, auf dem er sitzt?«
Theodor griff nach seinem Glas und drehte es nachdenklich in der Hand. »Nun, vor ungefähr einem Jahr ist ein Mitarbeiter im Unfrieden gegangen. Mr Alridge hat unseren Geschäftsführer um eine Gehaltserhöhung gebeten, aber sie sind sich in dieser Angelegenheit nicht einig geworden. Das hat Mr Finlay uns anderen gegenüber erwähnt, als jener Mitarbeiter kurz darauf gekündigt hat.«
»Aber wenn das schon über ein Jahr her ist … dann ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass sich dieser Mr Alridge mit einem Brandanschlag rächen wollte, nicht wahr?«, gab Nellie zu bedenken.
»Ja, das halte ich auch für wenig plausibel. Hast du denn danach noch mal etwas von diesem Herrn gehört?«, wollte Mabel wissen.
Theodor trank einen Schluck, ehe er antwortete. Er stellte sein Glas ab. »Nein. Ich habe auch keinen meiner Kollegen mehr von ihm sprechen hören. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was aus ihm geworden ist. Vermutlich hat er woanders eine Anstellung gefunden.«
»Vielleicht sollte die Polizei auch einmal mit ihm sprechen«, warf Clarence ein.
Theodor nickte. »Ich bin mir sicher, sie werden alle Leute verhören, die in irgendeiner Weise verdächtig sind.«
»Gibt es nicht einen Teilhaber im Unternehmen?«, erkundigte sich Nellie.
»Ja, Adrian Peterson. Er ist seit zwei Jahren Teilhaber des Geschäfts. Aber er ist zurzeit gar nicht in London, sondern auf einer Urlaubsreise in Brighton.«
Nellie schnitt eine Kartoffel entzwei. »Ah, ich verstehe. Das wird sicherlich ein Schreck für ihn sein, wenn er von den Ereignissen erfährt.«
»Das sagte mein Kollege Mr Isham heute auch.«
»Habt ihr denn nun alle Urlaub? Wegen der Renovierung?«, fragte Mabel.
»Ja, teilweise. Aber ich habe einige der Bücher, die nicht verbrannt sind, mitnehmen dürfen und kann mich zu Hause um die Buchhaltung kümmern. Dann bleibt nicht so viel Arbeit liegen. Und die Leute, die bei uns im Lager tätig sind, können wie gewohnt weiterarbeiten. Zum Glück wurden die Lagerräume nicht durch das Feuer oder die Löscharbeiten beeinträchtigt.«
»Da hat Mr Finlay ja großes Glück gehabt, dass du ausgerechnet an diesem Abend länger gearbeitet hast«, fiel Mabel ein.
Theodor gab ein Seufzen von sich. »In der Tat. Nicht auszudenken, wenn keiner von uns da gewesen wäre! Ich meine, sicherlich hätten die Nachbarn in der Umgebung irgendwann das Feuer bemerkt. Aber ob dann noch etwas von der Inneneinrichtung übrig geblieben wäre – wer weiß?« Er stocherte mit der Gabel im gedünsteten Gemüse herum, machte aber keine Anstalten, einen Bissen zu sich zu nehmen. Stattdessen sprach er weiter. »Wir haben gemeinsam die Schäden gesichtet. Einige wichtige Papiere sind verbrannt, aber einen Teil davon kann Mr Finlay erneut bei unseren Handelspartnern anfordern, die bekommen wir dann sicherlich ohne Probleme als Brief zugestellt. Allerdings sind auch Papiere verbrannt, deren Inhalt wir nicht näher kennen, die waren noch unsortiert. Mr Isham wollte sie in den kommenden Tagen durchgehen. Sie lagen als Stapel auf dem Tisch, der wohl Feuer gefangen hat. Drei Aktenordner in einem Regal sind ebenfalls vollständig verbrannt und das Regal selbst wird ersetzt werden müssen, weil es starke Beschädigungen aufweist.«
»Oh. Wurde denn noch mehr zerstört?«, fragte Nellie mit gerunzelter Stirn.
»Die Wände und die Tür in dem betroffenen Raum müssen neu gestrichen werden, sie sind ziemlich verkohlt. Und wir brauchen neue Möbel, da ist nichts mehr zu retten. Das Feuer ist bis in den Flur gedrungen, der Teppich dort ist hinüber und der Boden verkohlt. Die Handwerker werden wohl neue Dielen einsetzen. Das alles wird mehrere Tage dauern.« Theodor nahm einen Bissen und kaute einen Moment lang schweigend. »Ach, da fällt mir ein – die Polizei erwähnte heute, dass Nachbarn zum Zeitpunkt des Brandanschlags jemanden vom Unternehmen haben weglaufen sehen.«
»Ach, das ist ja interessant!«, rief Mabel. »Konnten sie die Person denn beschreiben?«
»Leider nicht genau. Es war ja dunkel und im Schein der Gaslaternen war offenbar auch nicht viel zu erkennen. Sie gehen davon aus, dass es ein Mann war, wegen der Kleidung. Aber sein Gesicht wurde angeblich von einem recht großen Schlapphut verborgen. Nun ja, immerhin bin ich damit weniger verdächtig.«
Mabel sah ihn verwirrt an. »Was?! Sie haben dich verdächtigt? Das ist ja … Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.«
Theodor nickte. »Ich war der Einzige, der sich in den Räumlichkeiten des Unternehmens befand. Theoretisch hätte ich kurz rausgehen und dieses Brandgeschoss durchs Fenster hineinwerfen können.«
Clarence...
| Erscheint lt. Verlag | 22.8.2022 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Baker Street Bibliothek |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Brandstiftung • Ermittlungen • Großbritannien • Mord • Mrs und Mr Fox • Viktorianischer Krimi |
| ISBN-10 | 3-98672-015-4 / 3986720154 |
| ISBN-13 | 978-3-98672-015-5 / 9783986720155 |
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