Unsichtbare Jahre (eBook)
Während die Nazis ihren Griff um die jüdische Bevölkerung in den besetzten Niederlanden immer fester spannten, wurde Daphne Geismars Familie allmählich vom öffentlichen Leben ausgeschlossen - alles war verboten, vom Besitz eines Fahrrads bis hin zur Ausübung eines Berufs. Sie ahnten die mörderischen Folgen einer Deportation und beschlossen, sich zu trennen und zu verstecken. Eltern und Kinder wurden auseinandergerissen, die einen lebten jahrelang von der Außenwelt abgeschnitten hinter einer Kirchenorgel, die anderen unter Holzdielen oder sogar in aller Öffentlichkeit.
Daphne Geismar hat Graphikdesign an der Yale University studiert und an verschiedenen amerikanischen Universitäten in unterrichtet. Sie gestaltet Bücher und Websites für Museen und Stiftungen, zu ihren Auftraggebern zählen einige der renommiertesten Museen der USA wie etwa das Guggenheim Museum und das Metropolitan Museum in New York.
Das Öffnen der Holocaust-Schublade
Daphne Geismar
Vorsichtig umfasse ich die Kante des zugezogenen, undurchsichtigen grünen Vorhangs, sodass er die Wand berührt, und schaffe mit einem Finger einen kleinen Spalt, nur um vor Angst zu erstarren. Auf dem Podest unter mir, zwischen den Kirchenbänken der Ältesten und Diakone, ungefähr vier Meter entfernt, gehen zwei Männer der Grünen Polizei herum und suchen alles ab. Und dann tritt die Phase der Lähmung ein, das Gefühl, dass alles verloren ist.
Die Worte meines Großvaters gehen mir durch den Kopf, als ich allein auf der Orgelempore der Breepleinkirche in Rotterdam stehe und den schweren Vorhang zurückziehe, um nach unten in das Kirchenschiff zu blicken, wo mein Großvater die deutsche Polizei sah.
Ich frage mich, ob es überhaupt Sinn macht, in das Versteck zurückzuklettern. Jetzt muss noch die superschwere Leiter hochgezogen werden. Ein Fehltritt, und alles ist aus, denn die Deutschen sind schon unter mir im Foyer, von dem wir nur durch dünne Holzlatten getrennt sind; sie kommen die Steintreppe herauf zu dem kleinen Lagerraum. Ich schließe die Falltür.
CHAIM
Ich lasse den Vorhang zurückfallen und klettere die Leiter hinauf, um mir das Versteck anzusehen, in dem meine Großeltern, Chaim und Fifi de Zoete, den Holocaust überlebt haben. Die Ziegel- und Betonwände des Dachbodens, der unter einem steil abfallenden Dach liegt, haben keine Fenster. Einen Fußboden gibt es auch nicht – nur Träger; man muss von einem Balken auf den anderen steigen, um nicht durch die Decke zu fallen. Ich frage mich, was sie während dieser langen Monate geflüstert haben, die im Winter eisig und im Sommer drückend heiß waren. Ich stelle mir vor, wie sie sich um ihre elf, zehn und neun Jahre alten Töchter gesorgt haben, Mirjam (meine Mutter), Judith und Hadassah, die getrennt voneinander bei anderen Familien versteckt waren, um ihre Überlebenschance zu erhöhen – ihre langen Zöpfe abgeschnitten und die Davidsterne entfernt.
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Dieser Moment in der Kirche löste ein Jahrzehnt der Recherche aus und führte zu dem Buch, das Sie jetzt in den Händen halten. Anlässlich des fünfundsiebzigsten Bestehens der Gemeinde lud die Breepleinkirche die Nachkommen der beiden jüdischen Familien ein, die während des Holocaust auf dem Dachboden der Kirche versteckt worden waren. Sie sollten die späteren Generationen der niederländischen Familien kennenlernen, die sich um ihre Vorfahren gekümmert hatten. Die Gemeinde hatte große Anstrengungen unternommen, um uns ausfindig zu machen – und sie waren, dank einer Anzeige in einer israelischen Zeitung und dem scharfen Blick einer Freundin meiner Tante von Erfolg gekrönt. Im November 2006 reisten wir, elf von Chaims und Fifis Verwandten, nach Rotterdam, um unsere Dankbarkeit auszudrücken: meine Mutter Mirjam aus den Vereinigten Staaten und ihre Schwester Judith aus Israel mit ihren Kindern und Enkelkindern. (Hadassah, die jüngste der Schwestern de Zoete, konnte die Reise nicht antreten.) Es war der Beginn einer tiefen und emotionalen Aufarbeitung der Kriegserfahrungen meiner Familie in den Niederlanden.
Am Tag unserer Ankunft betrat ich die Kirche. Sie wirkte wie eine Höhle auf mich, war schlicht, wunderschön und viel größer, als ich sie mir vorgestellt hatte. Bei Tee und Kuchen lernten wir die Kinder und Enkel von Chaim und Fifis Betreuern, Pfarrer Gerrit Brillenburg Wurth und seiner Frau Gerda sowie den Küster Jacobus de Mars und seine Frau Annigje kennen. Ich sah mir die Überbleibsel aus dem Versteck an: eine Schokoladenverpackung, eine Haarklammer und einen Bucheinband. Und ich stand mit meiner jugendlichen Tochter im Kirchhof, wo 1943 ein Widerstandskämpfer meine Tante Hadassah zum Spielen hingebracht hatte, damit Chaim und Fifi, die sich nicht zu erkennen geben konnten, sie von ihrem Versteck aus lebend und gesund sehen konnten.
Während der feierlichen Zeremonie an diesem Nachmittag dankte meine Cousine Sharon den Familien Brillenburg Wurth und de Mars für »die edle Gesinnung, mit der sie anderen geholfen haben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten«. Sie sprach von ihrer Hoffnung, dass solch schlimme Zeiten nie wieder zurückkehrten, fügte aber hinzu, »falls das Böse doch wiederkommt, werden wir wissen, an wem wir uns ein Beispiel nehmen sollten«. Die Feier endete mit mehreren jüdischen Volksliedern und der israelischen Nationalhymne, gespielt auf der Orgel. Als meine Großeltern sich lautlos auf dem Dachboden versteckten, konnten sie sich nicht vorstellen, dass ihre Kinder, Enkel und Urenkel einmal sechzig Jahre später unten in den Kirchenbänken sitzen und den Klängen einer jüdischen Kultur lauschen würden, die für sie das Todesurteil gewesen war.
An unserem letzten Abend in den Niederlanden luden uns die Enkel von Pfarrer Brillenburg zum Essen in ihr Haus ein. Mirjam und Judith erzählten uns mehr über ihre Erlebnisse als Onderduikers (Untergetauchte) und berichteten von anderen Familienmitgliedern, die sich in den gesamten Niederlanden versteckt hatten: Chaim und Fifi, Hadassah, David Geismar (Mirjams zukünftiger Ehemann und mein Vater) und Nathan Cohen (Judiths künftiger Ehemann). Wir stellten fest, dass niemand die ganze Geschichte kannte, weil Geheimhaltung oberstes Gebot gewesen war. Jeder verfügte nur über seine eigenen Erfahrungen – Familienmitglieder wussten nichts von dazugehörigen Details, ließen Teile aus, die zu schmerzhaft waren, um sie zu erzählen, oder verloren im Laufe der Zeit ihre Erinnerungen. In Rotterdam begriff ich, dass die Geschichten, von denen ich gedacht hatte, sie zu kennen, umfassender und stärker miteinander verknüpft waren, als mir bewusst gewesen war – und dass die zu den Geschichten gehörenden Menschen älter wurden. Bei diesem Abendessen mit den Brillenburg Wurths schmiedeten meine Verwandten und ich den Plan, die Geschichte unserer Familien während der deutschen Besatzung der Niederlande zusammenzufügen.
Die zwei Abbildungen am Anfang dieses Buchs bilden die Auskleidung von Mirjams Holocaust-Schublade nach – die unterste Schublade eines Sekretärs, der Erwin und Grete Geismar gehörte.
Als Sharon und ich wieder zu Hause waren, sie in Israel, ich in den Vereinigten Staaten, wandten wir uns an unsere Mütter. Mirjam überraschte mich in Connecticut, indem sie mich zu einem antiken Schreibtisch führte und dessen unterste Schublade aufmachte, die voll war mit Papieren und Tagebüchern. Dort, erklärte sie mir, bewahre sie alles auf, was mit dem Holocaust zu tun habe. Als ich Sharon in Israel anrief, um ihr meine Neuigkeit mitzuteilen, antwortete sie mir aufgeregt, dass auch Judith eine Holocaust-Schublade besitzen würde. Die Menge des Materials, das in diesen Schubladen überlebt hatte und das uns bis dahin völlig unbekannt gewesen war, ist bemerkenswert. Wir stießen auf persönliche und offizielle Dokumente unserer Großeltern, die während und kurz nach der Besatzungszeit entstanden, und auf Berichte und Gespräche unserer Eltern, Tanten und Onkeln, in denen sie mehr als fünfzig Jahre später über ihre Erfahrungen nachdachten. Wir entdeckten Judiths Judenstern, Chaims und Fifis Tagebücher und Briefe und – ein Wunder – die neunundvierzig Seiten umfassenden Memoiren meines Großvaters väterlicherseits, Erwin Geismar (siehe hier und hier). Er begann sie am 21. Juli 1943 in der Amsterdamer Wohnung zu schreiben, in der er sich versteckte, zwei Tage nachdem er seinen dreizehnjährigen Sohn David (meinen Vater) an einen sichereren Ort geschickt hatte. Erwin schrieb in seiner Muttersprache Deutsch und dokumentierte sorgfältig die Besatzung, seine Arbeit im Judenrat und seine Verzweiflung über das Schicksal seiner Familie und der Juden insgesamt. Sechs Wochen später nahmen die Deutschen ihn gefangen und ermordeten ihn am 19. November 1943 in Auschwitz. Irgendwie – wir wissen nicht, wie – erhielt die Familie seine Aufzeichnungen zurück. Jahrzehnte später, als meine Großmutter Grete starb, wanderten sie zusammen mit anderen Unterlagen der Familie Geismar in die Holocaust-Schublade meiner Mutter, verborgen in einem Umschlag der Union Electric Company von Missouri. Weder meine Mutter noch mein Vater wussten, dass diese Memoiren versteckt in diesem Umschlag lagen; mein Vater starb drei Jahre bevor wie sie fanden.
Erwin und Davids Stimmen wieder zusammenzuführen, ist für mich Freude und Kummer dieses Buches zugleich.
21. Juli 1943: Wie soll ich beginnen, das aufzuzeichnen, was mich die letzten dreieinhalb Jahre beschäftigt hat? Warum fange ich gerade heute hiermit an, an einem Tag, der mir besondere Enttäuschungen bringt, weil ich keinen Bericht von meinem Jungen bekomme, der seit zwei Tagen von mir weg ist, um an einem anderen Ort hier in Holland das Ende dieses für uns so schrecklichen Zustands abzuwarten?
Warum heute beginnen, wenn mich Sorgen plagen, Sorgen um meine Familie und das menschliche Leben? Sorgen um meinen Schwiegervater, den ich dreieinhalb Monate im Durchgangslager Westerbork halten konnte und der nun mit großer Wahrscheinlichkeit beim nächsten Transport in ein Vernichtungslager geschickt wird, denn sie wollen nicht nur ihn, sondern einfach alle Juden drangsalieren, deportieren und ermorden?
ERWIN
Mein Vater traf einen Mann auf der Straße, der Verbindungen zur Untergrundbewegung hatte. Dieser Mann sagte, er könne dafür sorgen, dass ich nach Friesland käme, in ländliches Gebiet. Ich war drei Wochen bei meinem Vater, während dieser Mann die Vorbereitungen traf. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich meinen Vater verließ, denn es war das letzte...
| Erscheint lt. Verlag | 2.11.2022 |
|---|---|
| Übersetzer | Irene Eisenhut |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Invisible Years: A Family’s Collected Account of Separation and Survival during the Holocaust in the Netherlands |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Schlagworte | 2022 • Biografie • Biographien • eBooks • Holocaust-Überlebende • Jüdische Geschichte • Neuerscheinung • Niederlande • Niederlande deutsche Besatzung • Niederlande Zweiter Weltkrieg • Niederländische Geschichte 20. Jahrhundert |
| ISBN-10 | 3-641-26632-7 / 3641266327 |
| ISBN-13 | 978-3-641-26632-5 / 9783641266325 |
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