VON MENSCH ZU MENSCH & VON ZEIT ZU ZEIT (eBook)
194 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7541-8944-3 (ISBN)
*1985 Thüringen.
Mäander Visby *1985 Thüringen
VON ZEIT ZU ZEIT
EIN IDEENDRAMA IN 5 AKTEN
VON MÄANDER VISBY
PERSONEN
FRAU MANZEL
--- Blaise Pascal
--- Charlotte von Stein
--- Claire Clairmont
--- Zelda Fitzgerald
--- Swetlana Alexijewitsch
FRAU HERRMANN
--- Madeleine de Scudéry
--- Charlotte Schiller
--- Mary Godwin
--- Pablo Picasso
--- Olga Tokarczuk
FRAU WÖLLNER
--- Marie de Rabutin-Chantal
--- Caroline von Wolzogen
--- John Polidori
--- Gertrude Stein
--- Elfriede Jelinek
HERR TAMBREA
--- Jean-Baptiste Poquelin
--- Friedrich Schiller
--- Percy Bysshe Shelley
--- F. Scott Fitzgerald
--- Alice Munro
HERR SCHUCH
--- François de La Rochefoucauld
--- Johann Wolfgang von Goethe
--- George Gordon Byron
--- Ernest Hemingway
--- Herta Müller
I.AKT
Paris:
Ein Zimmer, das der Zeit entspricht, mit einem Kamin, vor dem im Halbkreis fünf Sitzgelegenheiten stehen.
Auftritt Blaise Pascal, Madeleine de Scudéry, Marie de Rabutin-Chantal, Jean-Baptiste und François de La Rochefoucauld, die sich alle auf eine freie Sitzgelegenheit setzen.
JEAN-BAPTISTE POQUELIN
(Sonett LXXXVI)
Herrje, das Glück der andren zu betrachten -
Was soll das mir, den bösen Buben, bringen?
Ich möcht' nicht tiefer in die Menschen dringen,
Die mich für meine brüske Art verachten.
Ach, was Gefühle schon mit Menschen machten:
Sie taten für ein Fräulein Lieder singen.
Sie taten über ihre Schatten springen.
Sie taten, was sie nie zu Wagen dachten.
Wenn aber ich an Glück und Freude denke,
Dann wird den Mensch man da vergebens suchen,
Genauso wie Gefühle und Geschenke.
Ich ziehe vor ein jedes Stück vom Kuchen
Allein zu essen, dass ich keinen kränke.
Und Glück bedeutet, einmal nicht zu fluchen.
BLAISE PASCAL
(Sonett LXII)
Ich träume jede Nacht: Die Welt ist rund.
Und das, was wirklich zählt, ist hier und jetzt,
Dass sich die Menschheit stets einander schätzt.
Und die Natur erblüht in Farben bunt.
Ich wünschte, ach, ich wär' als Mensch gesund
Und schaute nicht bedröppelt noch entsetzt,
Ja, hätte meine Kleidung nicht zerfetzt
Und täte nichts dergleichen ohne Grund.
Und doch raubt eine Frage mir die Zeit:
Bin ganz allein ich denn als Mensch so weit,
Dass niemand sonst die Dinge recht versteht?
Gewiss, wie weit ein jeder selber geht,
Zeigt sich im Wesen, wenn es nahtlos denkt.
Wofür zudem wird Leben auch geschenkt?
FRANÇOIS DE LA ROCHEFOUCAULD
(Sonett LXXIII)
Das lange Warten auf die wahre Liebe,
Macht selbst den edlen Mann mit sanften Zügen,
Mit einem Mal zum Bettler oder Diebe,
Und lässt ihn tratschen, meckern oder lügen.
Und wenn er dann begibt sich auf die Suche,
Und wie ein Löwe Ausschau hält nach Beute,
Dann steht am Ende wenig ihm zu Buche,
Mit dem im Herz zufrieden sein er sollte.
Der Mann, der wahre Liebe weiß zu schätzen,
Der wartet bis ans Ende aller Tage
Und lässt sich von dem Lauf der Welt nicht hetzen
Noch stellt er jemals zeitlich eine Frage.
Der Mann, der auf die wahre Liebe wartet,
Der ist fürwahr als Mann noch nicht entartet.
MARIE DE RABUTIN-CHANTAL
(Sonett LXXXVII)
Identisch ist mir das Gefühl von gestern
Mit dem Gefühl, was ich verspür' von heute.
Wie öde, denken sich die feinen Leute,
Und werden über mich bestimmt noch lästern.
Mir scheint als würden die im Traum nicht wissen,
Wie schön es ist an jedem Tag zu lieben,
Wenn ein Gefühl beharrlich ist geblieben,
Sodass es keinen Grund gibt, zu vermissen.
Der Grundstock wird der Liebe ewig reichen,
Um Herzen, wie sie schlagen, zu erweichen,
Ergiebig sie, enthemmt und treu zu machen.
Ansonsten, wenn Gefühle heut' entbrennen,
Dann wird man sie als solche nicht erkennen,
Denn voll bekommt der Mensch nicht seinen Rachen.
MADELEINE DE SCUDÉRY
(Sonett XXII)
Es kann der Mensch nicht gottesfürchtig werden
Durch das, was lässt man alles ihm gewähren.
Er lebt vorab den Himmel schon auf Erden
Und glaubt', er müsst' nicht einen Tag entbehren.
Es sollt' der Mensch die Hölle erst erleiden,
Sich opfern, fügen, dulden und sich quälen.
Er muss gewillt sein, dankbar und bescheiden
Und einen schlichten Weg zu Gott erwählen.
Welch Vorteil hätte Gott von dem Geschöpfe,
Lebt eines nur davon auf großem Fuße?
Er hätt' sich sparen können ihre Köpfe
Und klüger nutzen sollen seine Muße.
Es taugen die, die gottesfürchtig leben
Und als Gestalt sich ihrem Herrn ergeben
JEAN-BAPTISTE POQUELIN
(Scharade III)
Das Erste ist nicht hoch und breit,
Nicht kurz noch tief, nicht schmal noch weit.
Das Zweite wird sehr oft geraubt,
Doch hat man mehr von als geglaubt.
Dagegen ist das Dritte nicht.
Dafür, wenn jemand widerspricht.
Das Vierte wiegt ein wenig auf,
Gepaart jedoch wiegt es zuhauf.
Das Ganze ist ein sachter Streich:
Bloß heute nicht, von jetzt auf gleich.
BLAISE PASCAL
(Scharade XXXIV)
Das Erste treibt die Kinder an,
Erst recht, wenn dies das Letzte ist.
Das Zweite zieht stark in den Bann,
Wenn's schöne lange Beine misst.
Das Ganze hat wer dann und wann,
Je öfter wohl, je mehr er frisst.
FRANÇOIS DE LA ROCHEFOUCAULD
(Scharade XLVIII)
Das Erste ist der Menschen schlimmste Missetat.
Das Zweite wird gesucht verkrampft für gut und schlecht.
Das Dritte fließt, doch kommt nicht in die Gänge recht.
Das Ganze ist zum Schutz vorm eignen Schweregrad.
MARIE DE RABUTIN-CHANTAL
(Scharade XXXIII)
Das Erste steigt, vom Grad d'accord,
Dem Dritten peu à peu empor.
Das Zweite nutzt das Dritte viel.
Das Dritte heizt sich auf subtil.
Das Ganze ähnelt dem zuvor,
Doch führt es schneller an das Ziel.
MADELEINE DE SCUDÉRY
(Scharade XXVII)
Das Erste bleibt sehr selten stumm.
Das Zweite ist der Schnecke Spur.
Das Dritte ist am schönsten pur.
Das Ganze sabbert stets herum.
JEAN-BAPTISTE POQUELIN
(Sonett LVIII)
Um Beistand wird ersucht, doch nicht gefunden,
Von einem, der die Hilfe weiß zu schätzen.
Auf einmal aber ist das Glück verschwunden -
Es glückt nicht mal sich selber zu verletzen.
Wer braucht denn schon, ach, diesen oder jenen,
Wenn diese oder jene sich vertuen,
Wenn nach der Not den Rat sie überdehnen
Und ständig auf die Hilfe nur beruhen?
Der Kluge geht da längst allein durchs Feuer,
Verbrennt mit Haut und Haar an seinen Nöten.
Der Beistand wird auf Dauer schlicht zu teuer
Und schlägt die Zeit, um letztlich sie zu töten.
So lasst euch besser nicht zu vieles raten
Und werdet lieber ab und an gebraten.
BLAISE PASCAL
(Sonett CXIX)
Erhellung und Vertiefung ihrer Augen -
Die braunen, die mit ihrem Blick bestechen,
Als würden sie mir aus das Leben saugen,
Was gleich darauf sie zu mir wieder sprechen.
Ich habe mich in ihrem Blick verfangen,
Der wie ein Netz geworfen wurd' beim Fischen,
Um an das Licht der Erde zu gelangen,
Wo sie versucht mich köstlich aufzutischen.
Ich kämpf' zunächst noch heftig um mein Leben,
Doch dann lass' ich es über mich ergehen.
In meinen Augen kann ich ihr vergeben,
Was schon am Anfang war mir anzusehen.
Bei ihrem Blick sind alle kleine Fische,
Die sie nur weiter schiebt auf andre Tische.
FRANÇOIS DE LA ROCHEFOUCAULD
(Sonett C)
Ach, die schönsten Augen sah ich funkeln,
Die als letzten Blick man mag begehren -
Die sogar im Schlafe wiederkehren
Und erstrahlen können hell im Dunkeln.
Wenn sie auch die Schmerzen sollen lindern,
Lassen einen Fieber sie durchleben,
Bringen ein intaktes Herz zum Beben,
Das den Eingriff niemals könnt' verhindern.
Zwecklos gegen Augen sich zu sträuben,
Die beim ersten Anblick schon betäuben -
Geist und Körper rasch gefügig machen.
Im Bewusstsein aber dieser Kerzen,
Lässt sich jeder tiefe Schlaf verschmerzen,
Wenn sie über einem...
| Erscheint lt. Verlag | 28.3.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Lyrik / Dramatik ► Lyrik / Gedichte |
| Schlagworte | Aphorismen • Dramen • Ideendrama • Lyrik • Sonette • Theater • Theaterstück |
| ISBN-10 | 3-7541-8944-1 / 3754189441 |
| ISBN-13 | 978-3-7541-8944-3 / 9783754189443 |
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