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Mit geballter Faust (eBook)

Roman | Eine mitreißende Freundschaftsgeschichte im Italien der 70er Jahre
eBook Download: EPUB
2022 | 1. Auflage
384 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-60289-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Mit geballter Faust -  Nicoletta Giampietro
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Die mitreißende Geschichte einer jungen Frau im turbulentesten Jahrzehnt der italienischen Nachkriegszeit Mailand in den Siebziegern. Am Liceo öffnet sich für Giulia eine neue Welt: Die Schüler begehren auf. Mit ihren Freunden Carmela und Michele geht auch sie auf die Plätze der Stadt, wo Tausende junge Mailänder für eine bessere Zukunft kämpfen. Für ihre große Schwester Gabriella ist klar: Italien muss kommunistisch werden, egal, was ihre Eltern sagen. Als Carmela, selbst Arbeiterkind, von ihrem Vater aus der Schule genommen und Michele von linksextremen Mitschülern bedroht wird, stellt Giulia die Ideologie ihrer Schwester infrage. Doch die hat inzwischen einen gefährlichen Weg eingeschlagen... Nicoletta Giampietro erzählt emotional packend von Freundschaft und Schwesternliebe, von jugendlichen Hoffnungen und Irrwegen und von dem Wunsch, auch in unübersichtlichen Zeiten immer das Richtige zu tun.

Nicoletta Giampietro, geboren 1960, wuchs in Mailand in einer italienisch-französischen Familie auf. Sie studierte Politikwissenschaften und Geschichte in Mailand und Tübingen und zog 1986 endgültig nach Deutschland. Nach längeren Aufenthalten in Köln und Rotterdam lebt sie seit 1995 in Mainz. Sie spricht fünf Sprachen, ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder. Nach 'Niemand weiß, dass du hier bist' ist 'Mit geballter Faus ihr zweiter Roman.

Nicoletta Giampietro, geboren 1960, wuchs in Mailand in einer italienisch-französischen Familie auf. Sie studierte Politikwissenschaften und Geschichte in Mailand und Tübingen und zog 1986 endgültig nach Deutschland. Nach längeren Aufenthalten in Köln und Rotterdam lebt sie seit 1995 in Mainz. Sie spricht fünf Sprachen, ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder. "Niemand weiß, dass du hier bist" ist ihr erster Roman.

1


Als sie aufwachte, spürte Giulia eine leichte Spannung im Bauch, wie vor einer anstehenden Schularbeit. Gabriella war schon aufgestanden und wusch sich im Badezimmer. Ihre Nachttischlampe brannte noch. Die Sache war ernst, wenn man sie sogar von der Schule befreite. Aber Papà hatte darauf bestanden. Sie würden alle zusammen dabei sein, als Familie. Als Mailänder.

Giulia warf die Decke zurück und sah die Klamotten am Bettende. Mamma hatte ihr Kleidung rausgelegt, als wäre sie noch im Kindergarten: den scheußlichen grauen Faltenrock, der ihr schon zu eng war, und den marineblauen Pullover, den sie ganz hinten im Schrank versteckt hatte, dazu eine dunkle Wollstrumpfhose.

Als es Zeit wurde aufzubrechen, war es noch dämmerig, der dichte Nebel beschlug die Fenster und stumpfte die gegenüberliegenden Häuser ab. Giulia schaute auf die Straße hinunter, die Ulmen streckten ihr die nackten Zweige entgegen, schwarz und glänzend vor Nässe. Sie wäre lieber in die Schule gegangen.

Auf dem Flur warteten schon alle auf sie. An den Wänden hingen zwei Ölgemälde und ein Spiegel, alle drei mannshoch und goldgerahmt, rechts von der Wohnungstür stand die geschnitzte Holztruhe für Hüte und Handschuhe, links ein Tiroler Schrank, blau und rot bemalt und mit kleinen Alpenblüten verziert.

»Wie siehst du denn aus?«, sagte Mamma. Sie drehte Giulia den Rock gerade und zog ihr den Blusenkragen aus dem Pullover. »Du hast dich nicht einmal gekämmt.«

Gabriella hingegen stand geschniegelt und gestriegelt neben Papà. Sie trug den hellgrauen Mantel mit Pelerine und die halbhohen Schuhe. Ihr dunkelblonder Pagenschnitt glänzte im Licht des Lüsters. Sie hatte genauso triste Klamotten an wie sie, Giulia hatte das schon beim Frühstück gesehen, aber es war eigentlich egal, was sie anzog, bei Gabriella sah alles elegant aus. Sie war fast so groß wie Mamma und hatte den Gang einer Gazelle.

Papà hatte seinen feinen, dunkelgrauen Mantel an, Mamma den schwarzen mit dem wunderbar weichen Pelzkragen. Sie sahen gut aus, fast wie an den Abenden, an denen sie ohne ihre Töchter ins Restaurant oder ins Theater ausgingen. Warum trugen sie ihre Festkleidung zu einer Beerdigung? Zu dieser Beerdigung?

Giulia fuhr sich mit den Fingern durch ihre wuscheligen Haare, zog schnell den Mantel über und folgte ihnen. Sie fuhren die fünf Etagen mit dem Aufzug hinunter und durchquerten schweigend den herrschaftlichen Eingang. Nur das trockene Klappern ihrer Ledersohlen auf dem Marmor war zu hören. Marino grüßte mit ernster Miene aus der Loge. Er wusste, wohin sie gingen.

Es war kalt und grau, wie seit Tagen schon. Der Mailänder Winter hatte alles mit einem Schleier aus Smog, Nebel und Nieselregen überzogen, ein allgegenwärtiges Grau, das nach Abgasen und nassem Asphalt roch.

Auf dem Weg zur Metro schlich sich die Kälte durch alle Kleidungsschichten. Giulia hielt Gabriella am Arm zurück, damit die Eltern sie nicht hörten.

»Wieso müssen wir auch mit?«

»Um Solidarität zu zeigen.«

»Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.«

»Einfach nur still sein.«

Sie stiegen die Treppen hinunter, entwerteten die Karten, drückten die schweren Drehschranken und liefen zum Bahnsteig. Als der rot-weiße Zug einfuhr, wuchs Giulias Anspannung. Sie hatte Angst vor dieser Beerdigung. Sie hatte Angst vor den vielen Leuten, die weinen würden, vor dem Schmerz und der Verzweiflung, vielleicht auch vor der Wut, die überall zu spüren sein würde. Denn an diesem Tag wurden vierzehn Menschen zu Grabe getragen.

Fast alle Fahrgäste stiegen mit ihnen aus. Draußen brannten noch die Straßenlaternen. Es war, als traute sich das Licht nicht, den Tag zu erhellen. In den Schaufenstern des Kaufhauses Rinascente hatte man die Weihnachtslichter nicht angeschaltet. Auch der hohe Tannenbaum auf der Piazza war dunkel. Der Duomo war eine unscharfe Masse aus verrußtem Marmor. Die zierlichen Guglie und die goldene Madonnina an der höchsten Spitze waren nur schemenhaft zu sehen.

Die Piazza del Duomo war schwarz vor Menschen. Sie füllten den ganzen riesigen Platz vor der Kathedrale, sie hockten auf den Stufen des Standbilds von König Vittorio Emanuele II, manche waren sogar auf die Laternen geklettert. Junge und Alte, Familien, Studenten, einfache Mailänder, viele Arbeiter im Blaumann. Von über dreihunderttausend, sprachen die Nachrichten später. Und doch war es vollkommen still. So still, dass Giulia erschrak, als ein Schwarm Tauben plötzlich aufflog.

Über dem Tor des Duomo war ein Schild aufgehängt worden: Mailand verneigt sich vor den unschuldigen Opfern und betet für Frieden.

 

Drei Tage zuvor, am 12. Dezember, wollten Giulias Eltern abends in die Oper gehen. Papà hatte Mamma zum Geburtstag Karten für Il barbiere di Siviglia in der Scala geschenkt, und darauf freuten sie sich seit Wochen. Der Friseur hatte Mammas kastanienbraune Haare zu einer wunderschönen Frisur hochgesteckt, ihr dunkelrotes Abendkleid lag frisch gereinigt auf dem Bett. Um kurz nach fünf hatte Papà angerufen. Es hatte eine Explosion gegeben. Wahrscheinlich ein Heizkessel. Es gab Tote und viele Schwerverletzte. Er musste im Krankenhaus bleiben.

Als die Abendnachrichten die Bilder der Explosion zeigten, vergaß Mamma ihre Enttäuschung. Es waren verwackelte Aufnahmen eines runden Saals. In seiner Mitte klaffte ein schwarzes Loch. Drum herum lagen zerschlagene Möbelstücke und einige wie durch ein Wunder heil gebliebene Stühle. Glasscherben und unzählige Blätter Papier färbten den Boden hell. Bis auf einige verdächtig dunkle Flecken.

Es war kein Heizkessel gewesen.

»Vierzehn Tote und über achtzig Verletzte bei der Explosion einer Bombe in einer Mailänder Bank«, las der Sprecher vor. »Aufgrund ihrer Grausamkeit und der Zahl der Toten und Verletzten ist diese Tat die schlimmste, die Mailand in Friedenszeiten getroffen hat.«

 

Mamma und Papà nahmen Giulia und Gabriella an die Hand und bahnten sich mühsam einen Weg durch die Menge zum Dom. Aber es war bereits so voll, dass sie keinen Platz fanden, auch nicht im Stehen. Gerade, als sie wieder hinausgehen wollten, erblickte Giulia die Särge. Sie waren in zwei Reihen aufgestellt, die fast die gesamte Länge des Mittelschiffs einnahmen. Giulia suchte den Blick ihrer Schwester, doch Gabriella starrte mit offenem Mund auf die Särge, ihre Augen bewegten sich, ohne zu blinzeln, als würde sie sie zählen, ungläubig.

Papà drängte sie nach draußen, an die Luft, weg vom ungeheuren Schmerz der Familien, zurück in die Menge der einfachen Mailänder. Neben ihnen hörte Giulia einen Mann immer wieder murmeln: »Warum dieses Gemetzel? Warum? Warum? Warum dieses Gemetzel …«

Der Trauergottesdienst begann, von Lautsprechern auf die Piazza übertragen. Giulia verstand kein Wort, sie hörte nur
die unterdrückten Tränen in der Stimme des Erzbischofs. Als die Särge hinausgetragen wurden, drückte ihr die Stille auf
die Trommelfelle. Es wurde dunkel. Später berichteten die Zeitungen von der gespenstischen Dunkelheit, die sich plötzlich über die Kathedrale und die Trauergemeinde gelegt hatte.

Über einen breiten Weg, den die Polizei abgesperrt hatte, wurden die Särge fortgefahren. Erst, als der letzte Wagen Richtung Piazza Cordusio verschwunden war, setzte sich die Menschenmenge, langsam und still, in Bewegung. Giulia hörte nur ihre Schritte.

»Ich will sehen, wo es passiert ist«, sagte Gabriella. Sie war ganz weiß, sogar ihre Lippen.

Sie überquerten den Platz und liefen am Duomo entlang
bis zur Piazza Fontana. Die Banca dell’Agricoltura hatte bereits wieder geöffnet. Mamma und Papà wollten nicht reingehen, aber Gabriella hörte nicht auf sie und trat ein. Und die anderen folgten ihr. Die Trümmer, die Scherben und die furchtbaren dunklen Flecken waren weg. Nur das große Loch in der Mitte des Saals war noch da, es war mit Kordeln abgesperrt. Drum herum lagen Blumensträuße. Zwei Carabinieri in Paradeuniform standen Wache. Es roch unheimlich. Nach Bank, aber auch nach Verbranntem und nach Chlorputzmittel. Als Giulia tief einatmete, nahm sie einen weiteren, fast versteckten Geruch wahr, der ihr auf den Magen schlug, metallisch und unangenehm. Papà drängte sie wieder hinaus.

»Auch zwei Kinder wurden schwer verletzt«,...

Erscheint lt. Verlag 28.7.2022
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 1969 • anni di piombo • Antifaschismus • Aramburo • Aufbruch • Aufwachsen • Bestseller • Brigate Rosse • Coming of Age • deutscher Roman • Elena Ferrante • Eltern-Kind-Beziehung • Emanzipation • Emotion • Emotionaler Roman • Erste Liebe • Feminismus • Frauenbewegung • Frauenrechte • Freundinnen • Freundschaft • Historischer Roman • Iris Wolff • Italien • Italienische Literatur • linke Szene • Lotta Continua • Mailand • Melandri • politisch • Politische Geschichte • Protest • RAF • Roman • Roman Geschenk • Schwestern • Schwesterngeschichte • Siebzigerjahre • Studentenbewegung • Terrorismus • Zeitgeschichte • Zusammenhalt
ISBN-10 3-492-60289-4 / 3492602894
ISBN-13 978-3-492-60289-1 / 9783492602891
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