Perry Rhodan Neo 280: Fremder als fremd (eBook)
160 Seiten
PERRY RHODAN digital (Verlag)
978-3-8453-5480-4 (ISBN)
2.
Doynschto
»Ich habe gesagt: Zurücktreten!«, brüllte der Raytare. Sein Schockstab schnellte vor und traf die Brust der Demonstrantin, die ein mit krakeliger Schrift bedecktes Schild emporhielt.
Ihr zierlicher, mit bereits leicht golden schimmerndem Flaum bedeckter Körper zuckte einige Male wild, ehe er auf den Boden fiel. Die anderen Yaanztroner der kleinen Protestgruppe, die im Eingangsbereich des Röhrenbahnhofs standen, ließen ihre Schilder fallen und stoben in alle Richtungen davon.
Während zwei weitere Raytaren die bewusstlose Frau hochhoben, ging Doynschto zügig und mit gesenkten Ohren an der Szene vorbei, die Augen starr zu Boden gerichtet, um die Aufmerksamkeit der Sicherheitsleute nicht auf sich zu ziehen. Das kompromisslose Vorgehen der Raytaren war nicht ungewöhnlich, und immerhin hatten sie die Protestierenden gewarnt.
Die Dummköpfe hätten einfach nur ihre Plakate nehmen und verschwinden sollen, dachte Doynschto in einer Mischung aus Mitleid und Verachtung. Er trat auf eins der Plakate – alte Verpackungsmaterialien, auf die die Leute ihre Losungen gemalt hatten und »mehr Kuschtas für bessere Nahrung« forderten.
Demonstrationen kamen in Nopaloor häufig vor, und ebenso häufig wurden sie von den Raytaren auf genau diese Weise beendet. Dass ihm eine solche Szene bereits am Morgen begegnete, auf dem Weg zur Arbeit, war indes nicht so häufig. Die Zeiten wurden schlimmer. Das bekam Doynschto zu spüren.
Er warf einen Blick zurück auf das Haus, in dem sich seine vergleichsmäßig luxuriöse Wohnung befand. Es war einer von zahllosen Schlauchbauten, die sich dicht an dicht reihten und deren runde Fassaden fast aneinanderstießen. Seine geräumigen zwei Zimmer im vierunddreißigsten Stockwerk musste er mit niemandem teilen – aber wie lange würde das so bleiben? Die Nachbarwohnungen waren bereits aufgeteilt worden, weil die Bewohner nicht mehr genug Statuspunkte zur Verfügung hatten. Seine Nachbarn zur Linken hatten ihre zwei ältesten Kinder auf die Straße gesetzt, weil mehr als sechs Yaanztroner in einem Zimmer wahrhaftig nicht gingen.
Na ja, die beiden waren fast in der Jungmauser; die sind alt genug, um in der Hauptstadt auch allein zurechtzukommen.
Doynschto ging an der Transmitterreihe vorbei, die den Röhren vorgelagert war. Unablässig sprangen Yaanztroner und andere Einwohner von Nopaloor in die verschiedenen Modelle und verschwanden.
Mit leichtem Unbehagen wandte er den Blick ab. Er hatte keine echte Transmophobie – ein Bruder von ihm dagegen hatte derartige Panik vor Transmittern, dass ihn Atemnot und Gliederzittern befielen, wenn er nur in die Nähe eines solchen Geräts kam. Dennoch verspürte auch Doynschto ein gewisses Unbehagen gegenüber einem Transmitterdurchgang und nutzte diese überall verfügbare Technik nur, wenn es unumgänglich war. Bei einem Termin auf der anderen Seite der Stadt beispielsweise.
Er war deshalb ganz froh, dass er seinen morgendlichen Weg zur Arbeit mit einer Röhre erledigen konnte. Dieses altertümliche Transportsystem war allerdings nur für kurze Strecken ausgebaut – und extrem störanfällig.
Als er seinen Zusteig erreichte, hatte sich davor bereits eine Warteschlange gebildet.
»Was ist denn diesmal wieder los?« Er stöhnte verärgert auf.
Ein fülliger Duynter – von einem Yaanztroner nur durch die rostbraune Fellfarbe zu unterscheiden, die in diesem Fall zum Großteil unter einem kuttenartigen Überwurf verschwand – drehte sich zu Doynschto um. »Zusammenstoß am Knotenpunkt beim Proklamat. Die Sicherheitsventile haben versagt, drei Passagiere sind kollidiert. Es wird immer schlimmer.«
Doynschto verzog das Gesicht. Am Proklamat – dem Regierungsviertel – musste er vorbei. Das würde seinen Transport verzögern. Tatsächlich kam es in jüngster Zeit häufiger vor, dass die Miniaturkabinen, die jeweils nur einen Passagier transportierten, zusammenstießen. Sie wurden mit Druckluft durch das Röhrensystem befördert, und bislang waren die Unfälle glimpflich abgelaufen.
Die Sache brachte selbst einen Transmitterskeptiker wie Doynschto zum Überlegen. Beim Transmittersystem gab es zwar hin und wieder Todesfälle, die stetig steigende Zahl der Röhrenbahnkollisionen ließ dieses Risiko jedoch geringer erscheinen.
»Hat jemand gesagt, wie lange das noch dauert?«, fragte Doynschto den Duynter.
Der Dicke wies auf eine Digitalanzeige über ihrer Röhre: »Mindestens eine Liss. Die Leute hat es ganz schön ineinander verkeilt, heißt es. Dauert bestimmt eine Weile, die Bergung.«
Doynschto stieß einen leisen Fluch aus, der etwas mit den Vorfahren derer zu tun hatte, die sich das Röhrensystem ausgedacht hatten, und wandte sich zum Gehen. Er konnte es sich nicht leisten, zu spät zu kommen. Nicht solange er bei Izgaat auf der Abschussliste stand.
Kurz überlegte er, ob er sich zu einer Transmitternutzung überwinden sollte, entschied sich dann aber doch, zu Fuß zu gehen. Wenn er sich beeilte, konnte er in einer Viertelliss da sein, und damit nur ein paar Aliss verspätet. Mit viel Glück würde Izgaat das nicht mal bemerken.
Auf der Straße verfiel Doynschto in einen gleichmäßig trabenden Schritt, der Zusammenstöße mit anderen verhinderte – auf dem dicht frequentierten Weg gar nicht so einfach – und ihm gleichzeitig ein leidlich schnelles Vorankommen ermöglichte. Er war nicht mehr der Jüngste, aber noch war der feine Haarwuchs an seinem Körper saftig grün und nicht von Goldfäden durchzogen. Er hätte besser in Form sein können; seine Arbeit ließ das jedoch nicht zu. Er verbrachte viel Zeit in der Hirnbank – gerade deswegen ärgerte es ihn, dass Izgaat ständig auf seinen Passivierungsquoten herumritt. Er hatte sie zweimal verfehlt, nur läppische zwei Mal im vergangenen Jahr – aber das rieb ihm sein Vorgesetzter immer wieder unter die Nase.
Die Empörung über diese Ungerechtigkeit beschleunigte Doynschtos Schritte. Die Schlauchhäuserzeilen flogen zur so an ihm vorbei. Einmal wäre er beinahe vor den Handkarren eines alten Fulgmyrers gelaufen. Das Echsenwesen stellte den vom Nacken bis zum Gesäß verlaufenden Sichelkamm auf und beschimpfte ihn unflätig. Als Doynschto den Kerl ignorierte, griff der Fulgmyrer in den Karren und warf ihm einen Pritchy hinterher. Hätte sich Doynschto nicht geduckt, hätte ihn das Gemüse am Rücken getroffen und seinen nagelneuen Arbeitsanzug mit orangefarbenen Flecken besudelt. Stattdessen verfehlte ihn der Pritchy und traf die Rikscha eines vorbeifahrenden Isnos.
Doynschto zog den Kopf zwischen die Schultern und eilte weiter, während die Rikscha anhielt und der Leibwächter des Reichen ausstieg. Der Fulgmyrer ließ seinen Handkarren stehen und rannte davon. Keine Ladung Pritchys war wertvoll genug, um sich von einem Handlanger der Reichen aus dem Isnoviertel verprügeln zu lassen. Der Karren schon gar nicht, er hatte nicht mal ein Antigravmodul, sondern musste tatsächlich durch manuelle Kraft geschoben werden.
Von diesen Dingern sah man in diesem Stadtteil eher wenige. Doynschto lebte zwar nicht in einem Viertel wie Isno, in dem sich die Bewohner frei stehende Häuser mit kleinen Grünstreifen leisten konnten. Sein Wohnviertel war dennoch kein Slum, in dem sich die Ärmsten herumtrieben.
Zumindest noch nicht, dachte er, während er weiterhastete. Wenn sich seine Befürchtungen bewahrheiteten und Izgaat ihn tatsächlich loswerden wollte, musste er wahrscheinlich umziehen ...
In plötzlicher Angst schüttelte Doynschto den Kopf. Er war seit vielen Jahren Zerebralpfleger in der Stalakk-Gehirnbank. Er machte seine Arbeit gut, denn er hatte viel Erfahrung und wusste, wie er mit den Ceynachs und den Trägerkörpern umgehen musste, damit die Transplantation möglichst gut verkraftet wurde. Was scherte es ihn da, wenn er die Quoten nicht erfüllte? Es ging ihm darum, die Ceynachs erfolgreich in der Passivität zu bewahren und später in gutem Zustand in die Trägerkörper zu übermitteln.
Izgaat aber war jemand, für den so etwas nicht zählte. Ihn interessierten nur Zahlen, Quoten und Ergebnisse. Er wäre durchaus imstande, Doynschto durch einen jüngeren Arbeiter zu ersetzen, bei dem vielleicht mehr Ceynachs auf der Strecke blieben, der jedoch eine höhere Schlagzahl in seiner Bilanz stehen hatte.
»Entwürdigend«, murmelte Doynschto empört und wusste nicht recht, ob er damit sich selbst oder die Gehirne meinte.
Der Gedanke, seine Arbeit zu verlieren, ließ seine großen Ohren erzittern. In der Milliardenmetropole war es kein Problem, Ersatz für ihn zu finden. Wenn es in Nopaloor eins im Überfluss gab, waren es Yaanztroner. Ein Jobverlust wäre eine Katastrophe für Doynschto. Es würden weniger Statuspunkte auf sein Kuschtuka fließen. Weniger Kuschtas auf dem Statuskonto bedeutete, dass er sich bestimmte Privilegien nicht mehr leisten konnte: keine zwei Zimmer mehr, nur noch fleischlose Mahlzeiten aus weniger frischem Obst und Gemüse ...
Nicht ohne Grund machte er seit mehreren Sonnenumläufen jede Menge Überstunden. Er musste Izgaat doch von seiner Qualität überzeugen.
Sein Arbeitsplatz lag in einem der Außenbezirke von Nopaloor. Von dort aus war das Stadtzentrum – dominiert vom Palastturm des Raytschas – nicht mehr zu sehen. Die Gehirnbank war in einem imposanten, kuppelförmigen Gebäude aus rosafarbenem Plastbeton untergebracht.
Als Doynschto dort eintraf, wünschte er sich, er hätte allen schlechten Bauchgefühlen zum Trotz den Transmitter genommen. Sein Anzug war durchgeschwitzt, sein Fell an Armen und Beinen verklebt. Und er war eine halbe Liss zu spät. Er hatte sich, was...
| Erscheint lt. Verlag | 9.6.2022 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Perry Rhodan Neo |
| Verlagsort | Rastatt |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Neo • Perry Rhodan • Perryversum • Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-8453-5480-1 / 3845354801 |
| ISBN-13 | 978-3-8453-5480-4 / 9783845354804 |
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