Botschafterin des Friedens (eBook)
400 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-60179-5 (ISBN)
Eva Grübl-Widmann wurde 1971 in Wien geboren. Sie studierte Grundschullehramt und Gehörlosenpädagogik. Nach langjährigem Auslandsaufenthalt in Stockholm und Mailand, lebt sie heute mit ihrer Familie wieder in Österreich und unterrichtet an einem Kompetenzzentrum für hörbeeinträchtigte Kinder. Ihre Freizeit gehört ganz ihren drei Leidenschaften: ihrer Familie, dem Schreiben von Romanen und dem Reisen in ferne Länder. Nach »Botschafterin des Friedens« ist »Schau der Welt direkt in die Augen« ihr zweiter Roman im Piper Verlag.
Eva Grübl-Widmann wurde 1971 in Wien geboren. Sie studierte Grundschullehramt und Gehörlosenpädagogik. Nach langjährigem Auslandsaufenthalt in Stockholm und Mailand, lebt sie heute mit ihrer Familie wieder in Österreich und unterrichtet an einem Kompetenzzentrum für hörbeeinträchtigte Kinder. Ihre Freizeit gehört ganz ihren drei Leidenschaften: ihrer Familie, dem Schreiben von Romanen und dem Reisen in ferne Länder. »Botschafterin des Friedens« ist ihr erster Roman im Piper Verlag.
Wien, 1873
Bertha drehte ihr Stofftaschentuch nervös zwischen den Fingern, während die Kutsche über die Wiener Ringstraße rollte. Mit dreizehn Jahren war sie zusammen mit ihrer Mutter in die Reichshauptstadt gezogen und hatte sich noch lange nach Brünn zurückgesehnt, der Stadt, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte. Mittlerweile war sie längst Wienerin mit Herz und Seele, auch wenn die Finanzen ihre Mutter vor einiger Zeit gezwungen hatten, ins ferne Görz zu übersiedeln. Sie liebte die Ringstraße, die sich seit ihrer Jugend zu einem immer prachtvolleren Boulevard entwickelt hatte, die edlen Kaffeehäuser, aus denen es nach frisch gebackenen Kipferln und Melange duftete, die Theater und Museen.
Heute allerdings war sie so tief in Gedanken versunken, dass selbst das Parlamentsgebäude oder die Staatsoper sie mit ihrer beeindruckenden Pracht nicht von ihrer Nervosität ablenken konnten. Sie blickte nachdenklich auf ihre zitternden Hände, schloss die Augen und ging noch einmal im Geiste die Namen der Familienmitglieder Suttner durch.
Bertha hatte einen unkonventionellen Schritt gewagt. Mit einer Anstellung würde sie ihr Leben in neue Bahnen lenken und endlich Abschied nehmen von ihren Hoffnungen auf die große Liebe, eine Ehe mit einem angesehenen Mann, ein Leben in Wohlstand. Ihre Mutter schämte sich für die Entscheidung ihrer Tochter und träumte noch immer von deren Heirat, doch welche Wahl war Bertha geblieben? Mit fast dreißig Jahren galt sie als alte Jungfer. Wer würde sie, eine mittellose, längst nicht mehr junge Frau, noch nehmen? In Liebesdingen hatte sie bislang Pech gehabt, und so gab es nur die Möglichkeiten, bei ihrer Mutter zu bleiben und mit ihr von der Witwenapanage zu leben – oder sich eine Anstellung zu suchen. Bertha hatte sich wochenlang gequält, bevor sie eine Entscheidung getroffen hatte, doch sie wusste, dass es endgültig zu spät war für die Gründung einer Familie. Sie konnte sich aber beim besten Willen nicht vorstellen, weiterhin bei ihrer Mutter zu leben, sondern strebte nach etwas mehr Abstand von ihr.
Ihre überspannte Mama, die sie dennoch über alles liebte, konnte mit Geld nicht umgehen. Die hochfliegenden Träume und ihr ausufernder Lebenswandel, der ihr nur Schulden beschert hatte, waren für Bertha unerträglich geworden. Ihr restliches Leben hätte aus Lesen, Klavierspielen und Handarbeiten bestanden. Ein grauenvoller Gedanke. Die Gesellschaft verlangte, dass eine unverheiratete Frau ihres Standes in der Obhut der Mutter oder einer anderen Verwandten blieb, um nicht ihren Ruf gänzlich zu ruinieren. So hatte Bertha nur die Alternative, sich eine Anstellung zu suchen. Natürlich hatte sie keinen Beruf erlernt. Sie empfand es als große Ungerechtigkeit, dass sie als Frau die Universität nicht besuchen durfte. Dank ihres lieben Vormunds Friedrich Landgraf zu Fürstenberg hatte sie allerdings eine hervorragende Bildung erfahren, sie hatte gelesen, was ihr gefiel, spielte ausgezeichnet Klavier und beherrschte drei Fremdsprachen. Die Stelle als Gouvernante war für sie also wie geschaffen.
Die Kutsche hielt vor dem Palais Suttner in der Canovagasse, die im Herzen der Stadt lag, nur ein paar Schritte von der Ringstraße entfernt. Bertha lugte aus dem Fenster und betrachtete das herrschaftliche Gebäude. Sie wartete, bis der Kutscher die Tür öffnete, und stieg langsam die drei Stufen hinab. Dann atmete sie tief durch und sprach sich Mut zu.
Der Portier, ein groß gewachsener, dunkelhaariger Mann mit ernstem Blick und etwas hochnäsigem Gehabe, trat aus dem Palais und verbeugte sich höflich vor Bertha. »Gräfin von Kinsky, es ist mir eine Ehre, Sie im Palais Suttner begrüßen zu dürfen. Bitte, treten Sie ein!«
Bertha nickte freundlich und betrat den großen Vorsaal, der mit zahlreichen Gobelins geschmückt war. Eine angenehme Kühle strömte von den hellen Steinböden aus. Baronin von Suttner erschien im bodenlangen, dunkelblauen Kleid, im Schlepptau ihre vier Töchter. Sie musterte den Neuankömmling mit einem wohlwollenden Blick und kam lächelnd auf Bertha zu.
»Liebste Gräfin von Kinsky, es ist zu schön, Sie hier willkommen zu heißen.«
Bertha erwiderte ihr Lächeln. »Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Baronin.«
Die Hausherrin war trotz ihrer geschätzten fünfzig Jahre immer noch eine sehr schöne Frau mit ebenmäßigem Teint, kunstvoll hochgestecktem, dunkelblondem Haar, wertvollem Tagesschmuck und erlesener Garderobe. Bertha selbst stand als Gräfin im Rang sogar über den Suttners, doch die einfache Herkunft ihrer Mutter hatte ein Leben, wie die Baronin es führte, seit jeher verhindert.
»Ich darf Ihnen meine Töchter und die Dienerschaft vorstellen!« Die vier Töchter reihten sich der Größe nach vor Bertha auf. »Lotti, meine Älteste, ist bereits zwanzig Jahre alt, Marianne, neunzehn, Luise ist siebzehn, und Mathilde, unsere Jüngste, hat vor Kurzem ihren fünfzehnten Geburtstag gefeiert.« Die Mädchen knicksten der Reihe nach.
Bertha war entzückt von den hübschen Gesichtern, den zauberhaften Kleidern und dem unschuldigen Lächeln, das sie an ihre eigene Jugend erinnerte. Die Jüngste, ein zartes Geschöpf mit engelsgleichem blondem Haar, das in Wellen gelegt war, hielt eine kleine weiße Pudeldame im Arm.
»Und wer ist das?«, fragte Bertha lächelnd und kraulte den Hund hinter den Ohren.
»Das ist Amie, Madame!«, erwiderte Mathilde mit sichtbarem Stolz.
»Wir haben noch einen Hund, den Pinscher meines Gatten«, erzählte die Baronin. »Das Tier hört auf den Namen Schnapsei.«
Belustigt verzog Bertha die Lippen. »Sie haben vier ganz reizende Töchter, Baronin«, versicherte sie dann.
»Und drei erwachsene Söhne, doch die bedürfen keiner Aufsicht mehr!« Die Dame des Hauses lachte auf, amüsiert von der Vorstellung, die jungen Männer würden von einer Gouvernante betreut.
»Drei Söhne – das ist beachtlich!«, erwiderte Bertha, um der Baronin zu schmeicheln. Sie wusste natürlich längst, dass die Familie sieben Kinder hatte. Namen, Alter und den Rang der Männer hatte sie sich vorher extra eingeprägt.
»Carl und Arthur werden Sie beim Diner kennenlernen. Richard lebt mit seiner Frau auf der Herrschaft Stöckern«, erklärte die Baronin von Suttner.
Bertha nickte. Sie wurde durch die Reihen der Bediensteten geleitet, die sie alle mit einem freundlichen Knicks oder Diener begrüßten und sich vorstellten: zwei Kammerdiener, ein Jäger, drei Kammerjungfern, zwei Stubenmädchen, eine mollige, rotbackige Köchin, das Küchenmädchen, der Kutscher und der Portier. Bertha war zu gleichen Teilen beeindruckt und eingeschüchtert, denn die Anzahl der Hausangestellten ließ den unglaublichen Reichtum der Familie erahnen.
»Kommen Sie, Gräfin Kinsky! Ich zeige Ihnen das Haus«, meinte die Baronin.
Bertha nickte und folgte ihr in den ersten Stock durch den Grünen, den Gelben und den Blauen Salon, vorbei am Schlafgemach der Baronin bis zum holzgetäfelten Arbeits- und Raucherzimmer ihres Mannes, in dem immer noch ein zarter Geruch nach Zigarren hing.
»Den ersten Stock bewohnen mein Gatte und ich, meine Töchter und ab heute auch Sie. Im Zwischengeschoss wohnen zwei meiner Söhne: Carl mit seiner jungen Ehefrau Gräfin Firmian und Arthur, mein Jüngster.«
Die Baronin führte Bertha durch die zwei Mädchenzimmer bis zu dem Raum, der ihr zugedacht war.
»Nun sind wir also am Schluss meiner Hausführung angelangt. Dieser Raum ist Ihr Schlafgemach. Ich hoffe sehr, Sie fühlen sich hier wohl. Machen Sie sich ein wenig frisch, ich schicke die Kammerjungfer, um Ihnen beim Auspacken und Umkleiden zu helfen. Bitte, finden Sie sich in einer Stunde im Blauen Salon ein. Da werden wir eine Tasse Tee zu uns nehmen und alles Weitere klären. Um fünf Uhr dinieren wir. Dann werden Sie die Herren des Hauses kennenlernen.«
Bertha nickte. »Haben Sie vielen Dank, Baronin.«
Die Hausherrin scheuchte ihre Töchter mit einer dezenten Handbewegung hinaus und zog die große, schwere Tür hinter sich zu. Bertha atmete tief durch. Sie sah sich unsicher in dem prunkvoll eingerichteten Zimmer um. Inmitten des Raumes stand ein Bett aus dunklem Mahagoniholz mit einem Himmel aus roséfarbenem, glänzendem Stoff. Vor den großen Fenstern, die viel Licht in den Raum ließen, stand ein gemütlicher gepolsterter Ohrensessel. Bertha lächelte...
| Erscheint lt. Verlag | 28.7.2022 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Bedeutende Frauen, die die Welt verändern |
| Bedeutende Frauen, die die Welt verändern | Bedeutende Frauen, die die Welt verändern |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Alfred Nobel • Bedeutende Frauen • Bertha von Suttner • Dreiecksbeziehung • Eine Liebe für den Frieden • Freundschaft • Frieden • Friedensbewegung • Friedensnobelpreis • Gefühle • Georgien • Ikonen • Kampf für den Frieden • Krieg • Liebe • mutige Frauen • nach einer wahren Begebeheit • Nach einer wahren Geschichte • Nobelpreis • Pazifismus • Romanbiografie • Roman für Frauen • Romanhafte Biografien • Schicksal • Starke Frauen |
| ISBN-10 | 3-492-60179-0 / 3492601790 |
| ISBN-13 | 978-3-492-60179-5 / 9783492601795 |
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