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Villa Verde oder das Hotel in Sanremo (eBook)

Das italienische Exil der Familie Benjamin

(Autor)

eBook Download: EPUB
2022
290 Seiten
btb Verlag
978-3-641-28427-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Villa Verde oder das Hotel in Sanremo - Eva Weissweiler
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Ein kleines Hotel an der Blumenriviera wird zum Treffpunkt von Exilanten und Literaten - Mit einem Nachwort von Mona Benjamin, der Enkelin von Dora und Walter Benjamin

Die Geschichte der Villa Verde, eines kleinen Hotels in Sanremo, das von 1934 bis 1940 im Besitz von Dora Sophie Kellner war, der geschiedenen Frau Walter Benjamins. Dora, eine aufstrebende Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin, verließ als Jüdin Berlin, nachdem Hitler an die Macht gekommen war. In Sanremo baute die ebenso praktische wie geschäftstüchtige Dora sich ein neues Leben auf, gemeinsam mit ihrem Sohn Stefan. Das Hotel, auf einer Anhöhe über dem Meer gelegen, war ein großer Erfolg. Schriftsteller, Maler und Journalisten waren dort zu Gast, Aristokraten und Schieber, Spekulanten und Flüchtlinge, Theodor W. Adorno und seine Frau Gretel, der jüdische Nietzsche-Forscher Oscar Levy oder die Star-Journalistin Anita Joachim. Und auch immer wieder Walter Benjamin selbst, für den es »ein stiller Hafen« in den Jahren der Heimatlosigkeit wurde. Doch es spielten sich auch Dramen in diesem Haus ab: Eifersucht, Intrigen, Liebesgeschichten, kleine und große Tragödien des Exils. 1940 musste es schließlich unter dem Druck der italienischen Rassengesetze schließen, Dora selbst hatte sich 1938 nach London retten können.

Eva Weissweiler ist eine renommierte Musikwissenschaftlerin und Biographin. Zu ihren bekanntesten Büchern zählen »Clara Schumann«, »Die Freuds«, »Tussy Marx. Das Drama der Vatertochter«, »Otto Klemperer« und viele mehr. Sie lebt mit ihrem Mann in Köln.

PROLOG
Berlin 1933


Einmal herauskommen!


Im Juli 1933 war der Himmel über Berlin grau und bewölkt. Es regnete viel und war sehr kühl für die Jahreszeit, nicht einmal achtzehn Grad. An manchen Tagen musste Dora die großen Räume in der Grunewald-Villa sogar heizen. Doch es war nicht nur das Wetter, das diese unbändige Lust, »einmal herauszukommen«, in ihr weckte.1 Es war die ganze verzweifelte Lage. Ihr Schwager, der Arzt Georg Benjamin, saß in Plötzensee ein und wurde, wie es hieß, schwer misshandelt, weil er nicht nur Jude, sondern auch Kommunist war. Sein Bruder, ihr geschiedener Mann, der Schriftsteller und Philosoph Walter Benjamin, hatte im März gerade noch rechtzeitig abreisen können, erst nach Paris, dann nach Ibiza, von wo er traurige Briefe schrieb. Er war krank, hatte kaum Geld, keinen guten Arzt und durfte nicht mehr für seinen Hauptauftraggeber, den Rundfunk, arbeiten, sondern nur noch für Zeitungen wie die »Vossische« oder die »Frankfurter«, meistens unter Pseudonymen wie »Detlef Holz«, »K. A. Stempflinger« oder »C. Conrad«.

Sie waren von 1917 bis 1930 verheiratet gewesen und hatten einen Sohn, Stefan, der 1918 in Bern geboren worden war. Es war eine intensive, wenn auch manchmal sehr schwierige Ehe, zum Schluss eigentlich nur noch eine Art Freundschaft, in der jeder sein eigenes Leben führte.2 Dora, 1890 geboren, war zwei Jahre älter als Benjamin. Sie stammte aus Wien. Ihr Vater war der Zionist und Anglist Leon Kellner, ihre Mutter, Anna Kellner, geborene Weiß, eine anerkannte literarische Übersetzerin aus dem Englischen. Sie selbst hatte nach einem Elite-Abitur Chemie studiert, später auch Philosophie, erst in Wien, dann in Berlin, zusammen mit ihrem ersten Mann, Max Pollak, mit dem sie von Anfang an unglücklich gewesen war. Es war eine erzwungene Ehe. Ihre Eltern hatten diesen Mann, Sohn reicher jüdischer Eltern aus Bielitz,3 der Heimatstadt ihrer Mutter, für sie ausgesucht, des Geldes und wohl auch des Anstands wegen. Denn Dora war groß, blond und langbeinig. Sie hatte zu viele Verehrer. Das durfte nicht sein. Darum musste sie schnell verheiratet werden. An ihr Glück hatte man dabei nicht gedacht, denn Pollak war psychisch krank und sehr aufbrausend. Die Ehe mit ihm wurde körperlich nie »vollzogen«.4

Die erste Begegnung mit Benjamin war wie eine Offenbarung für sie. Es war im Frühjahr 1914 in Berlin: im »Sprechsaal« der »Freien Studentenschaft«, einem Forum für junge, hauptsächlich jüdische Intellektuelle, in dem über Fichte, Nietzsche, George, Pädagogik, Erotik, Wandern, Natur, das Studentenleben, die Jugend und vieles andere diskutiert wurde, oft sehr heiß und bis tief in die Nacht. Hier hörte sie den jungen Studenten der Philosophie am 4. Mai 1914 über das Thema »Hilfe« sprechen, das sie selbst vorgeschlagen hatte.

Es war wie eine Erlösung. Man atmete kaum. […] Und zwar sagte Benjamin: Helfen sei nur möglich, wenn man sich liebe. Mir blieb das Herz stehen, ich erfasste ganz, was dies bedeute: dass man nur helfen dürfe, wenn man liebe und geliebt werde. Immer hatte ich die Möglichkeit gefühlt. 5

Sie hatten sich schnell ineinander verliebt, obwohl sie aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen kamen, sie aus einem ostjüdisch geprägten Wiener Milieu, er aus großbürgerlichem Berliner Elternhaus, in dem man zu Weihnachten einen Christbaum aufstellte und nur noch an Feiertagen in die Synagoge ging. Niemand sprach Jiddisch. Niemand war Zionist. Man bekannte sich zwar dazu, jüdisch zu sein, war aber, wie viele assimilierte Berliner Juden, nicht wirklich »religiös«, auch wenn man fast ausschließlich jüdische Freunde hatte. Sein Vater war als Rentier oder Privatier an verschiedenen Firmen beteiligt, einem Kunsthaus, einem Bauunternehmen, einer Zichorien-Fabrik, am Berliner Eispalast. Die Geschäfte waren sehr unübersichtlich, jedenfalls für Benjamin, der nie so recht wusste, woher der Reichtum seines Vaters eigentlich stammte und wieso er sich dieses riesige Haus in Berlin-Grunewald, einer der besten Wohngegenden der Stadt, leisten konnte, ausgestattet mit Teppichen, Nippes und Kitsch, darunter ein Mohr, der auf einer Gondel stand.6

Wie ein Traum?


Manchmal muss ihr das alles wie ein Traum vorgekommen sein. Die erste Verliebtheit, der Beginn des Krieges, die Trennung von Pollak, die ersten Wochen des Zusammenlebens mit Benjamin in Seeshaupt am Starnberger See, die Hochzeit mit den vielen, teilweise sehr unangenehmen Verwandten, die Jahre in Bern, wo er seine Dissertation »Über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik« geschrieben hatte, die Geburt von Stefan im Kantonsspital. Es war eine glückliche Zeit, die aber schon bald wieder vorbei war, spätestens 1920, als sie, da sie in der Schweiz kein Auskommen mehr hatten, in Benjamins Elternhaus zurückkehren mussten, in die Villa in Berlin-Grunewald an der Delbrückstraße Nr. 23.

War es das Protzige, Steife dieses Ambientes? Die Fabrikbesitzer und Generaldirektoren in der Nachbarschaft? Die Feindseligkeit, die von seinen Eltern und seiner Schwester, die ebenfalls Dora hieß, ausging, während sein Bruder Georg, der schon länger nicht mehr zu Hause wohnte, sich eher zurückhielt? Vor allem war es natürlich das Geld, das er, Benjamin, nicht verdiente, weil er forschen und schreiben wollte, anstatt einen Brotberuf zu ergreifen, als Buchhändler, Lektor oder Bankkaufmann, wie seine Eltern es sich dringend gewünscht hätten. Dauernd gab es Streit um das Thema, bis sie schließlich aus der Villa in Grunewald auszogen, um alsbald wieder einzuziehen, denn ihre finanzielle Not war zu groß, auch wenn sie, Dora, noch so viel arbeitete, als Übersetzerin, Redakteurin oder Journalistin. Sie war Autorin von Kurzgeschichten, Rezensionen, Satiren und Reportagen, schrieb für fast alle großen Ullstein-Blätter und die »Literarische Welt«, manchmal bis spät in die Nacht, durchaus erfolgreich, aber immer einen »einzigen Kampf um die Mittel« führend,7 der sie oft an den Rand des gesundheitlichen Ruins trieb.

Sie wurden sich fremd, verliebten sich heftig in andere, es war mehrmals von Trennung die Rede, aber dann kamen sie doch immer wieder zusammen, wenn auch nur als Freunde. Er war viel im Ausland, Paris, Capri, Neapel, Moskau. Sie blieb in Berlin, um Geld zu verdienen, für Stefan, für sich selbst, aber auch für Benjamin, der kaum Einkünfte hatte, bis er Ende der zwanziger Jahre das Medium »Rundfunk« für sich entdeckte und ein gefragter Autor von Rezensionen und Hörstücken wurde.

Und dann, 1930, die Scheidung wegen einer anderen Frau, der lettischen Schauspielerin und Regisseurin Asja Lacis, die ihn schon bald wieder verlassen würde.8 Für Dora war das ein gewaltiger Schock. Sie hatte gedacht, es würde ewig so weitergehen, diese »Kameradschaftsehe«, wie man es damals nannte, sehr modern, sehr freizügig, aber trotzdem von Dauer. Doch sie hatte sich bitter getäuscht. Es war ein schlimmer Prozess, in dem Benjamin plötzlich »die verachteten deutschen Gesetze gut genug« waren,9 um ihren Ruf zu vernichten und ihr das Sorgerecht für Stefan, ja sogar die Wohnung zu entziehen, was ihm allerdings nicht gelang.10 Seine Klage wurde abgewiesen, da man sie als nicht glaubwürdig und stichhaltig ansah.

Doch das war drei Jahre her. Sie hatten sich wieder versöhnt und im Übrigen andere Sorgen, die Weltwirtschaftskrise, die »Machtergreifung«, die Repressalien gegen die Juden, die Existenzangst, die Geldnot, das Schicksal von Georg, den sie vielleicht nie mehr wiedersehen würden. Zuerst hatten sie sich nur zögernd wieder einander genähert. Im Juli 1931, bei einem Abendessen mit Joseph Hergesheimer, einem amerikanischen Schriftstellerkollegen, den Dora in ihr Haus eingeladen hatte. Sie hatte einige seiner Romane übersetzt und eine enge Beziehung zu ihm entwickelt, die wohl weit über das Kollegiale hinausging, zumindest zeitweise. »Ich brauche Dir nicht zu sagen, dass meine Liebe und Sorge für Dich unverändert ist, und dass jetzt, da wir so weit voneinander getrennt sind, Dein Bild nichts von seiner Strahlkraft und Bedeutung für mich verliert«,11 schrieb er in einem Brief aus dem Jahr 1935. Benjamin hatte sich durch die Nähe der beiden nicht irritieren lassen, sondern sich intensiv ins Gespräch mit Hergesheimer, den er sehr schätzte, begeben. Der fand ihn seinerseits nicht besonders beeindruckend, eher bedauernswert: wie jemanden, der »gerade von einem Kreuz herabgestiegen [war], um das nächste zu besteigen«.12

Seit dieser Begegnung im alten Zuhause in Berlin-Grunewald sahen Dora und Benjamin sich wieder öfter oder schrieben sich Briefe. Es war alles wie früher, nur ohne Trauschein. Auch in der Unterhaltsfrage wurde eine Lösung gefunden. Dora bestand nicht auf ihren verbrieften Rechten – Rückzahlung der Mitgift und 300 Reichsmark Unterhalt im Monat –, sondern gab sich mit einer Hypothek auf das Haus zufrieden. Benjamin konnte aufatmen. Sie würde ihn nicht ruinieren. Alle ihre Ansprüche seien »in voller Höhe abgefunden«, schrieb der Notar, bei dem sie die Vereinbarung trafen.13 Beide mögen sich im Nachhinein gefragt haben, wozu diese Scheidung, die so viel Geld und Schmerzen gekostet hatte, überhaupt gut war.

Eine tollkühne Idee


Dora, die sich seit der Scheidung...

Erscheint lt. Verlag 28.9.2022
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Schlagworte 2022 • Biografie • Biographien • Dora Sophie Kellner • eBooks • Exil • Exilgeschichte • Italien • Italien Faschismus • Italienische Riviera • Jüdische Emigration • luise-büchner-preis 2023 • Mona Benjamin • Neuerscheinung • San Remo • Stefan Benjamin • Villaverde • Walter Benjamin
ISBN-10 3-641-28427-9 / 3641284279
ISBN-13 978-3-641-28427-5 / 9783641284275
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