www Sammelstücke ade (eBook)
176 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7541-9071-5 (ISBN)
geboren 1955 in Wien, arbeitete als Assistentin und Trainerin. Befeuert durch die Fernstudien 'Journalismus' und 'Kreatives Schreiben', widmete sie sich der Schriftstellerei. Bisher erschienen vier Romane und zwei Novellen.
geboren 1955 in Wien, arbeitete als Assistentin und Trainerin. Befeuert durch die Fernstudien "Journalismus" und "Kreatives Schreiben", widmete sie sich der Schriftstellerei. Bisher erschienen vier Romane und zwei Novellen.
8. Die Elite
Die Zeit vergeht wie im Flug. Gestern war ich noch ein kleiner Junge. In Nullkommanichts werde ich ein Mann sein. So wie Papa. Tagsüber unermüdlich in seinem und Mamas Bioladen. Frühmorgens oder spätabends die Kunden mit Waren beliefern. Nein, ich werde es besser hinkriegen als mein Vater. Obwohl: er ist super, etwas unbeholfen manchmal, aber okay sonst. Das Klingeln an der Haustür reißt mich aus meinen Gedanken. Wer könnte das sein, an einem Vormittag um elf? Auf dem Treppenabsatz stehen zwei Möbelpacker und deuten auf den Lastwagen hinter ihnen.
„Eine Lieferung für Finnen Kosta.“ Ich habe gar nichts bestellt. Peinlich berührt beiße ich mir auf die Unterlippe. Finnen, das muss mit den Games zusammenhängen.
„Ja, danke. Was war das nochmal?“
„Eine komplette Zimmerausstattung, der Herr“, sagt der Lieferant. Die Schilder auf ihren Overalls sind orange. Das Logo darauf, wie eine Surfwelle, habe ich noch nie gesehen.
„Okay, dann mal rein damit.“ Sagt man das so, oder vielleicht war das zu machomäßig. Den beiden jedoch ist nichts Außergewöhnliches anzumerken. Es kommt ein breites, gepolstertes Bett. Kostspielige Tapeten mit Motiven aus dem Spielgeschehen. Eine neue, teure Stehlampe, die die Decke flutet. Regale aus echtem Eichenholz. Die ausgedienten Möbel nehmen sie gleich mit. Dahinter steckt mit Sicherheit dieser Farercrai.
Als sie die Haustür hinter sich schließen, renne ich die Treppe hoch.
„Hallo Maultrommel“, rufe ich. „Bist du online?“ Jovial meldet er sich, in gönnerhafter Manier.
„Na, was sagst du. Ist das nicht formidabel?“
„Ja sicher, ich bin ganz geplättet. Was das alles gekostet haben muss.“
„Peanuts“, sagt er. „Das werden wir schon wieder hereinbringen.“
„Was, wer wird das wieder hereinbringen?“ Farercrai räuspert sich.
„Könnte es sein, dass du etwas ausheckst“, frage ich freundlich.
„Immer“, versichert er. „Sonst wäre das Leben wahrhaft langweilig. Oder etwa nicht?“ Farercrai ist einfach ein verspielter Mensch, ein Gambler. Achso Geist. Als er sich überschwänglich verabschiedet hat, überlege ich lange. Ist er eher ein Erwachsener oder ein Kind? Er spricht jedoch wie ein Mann und sein Timbre erinnert an Peter O’Toole. Eigentlich habe ich keine Ahnung, wohin mich seine Pläne führen werden. Bis jetzt jedoch hat sich mein Schicksal zum Besseren gewendet.
Farercrai gibt mir Instrumente an die Hand, die mich stark erscheinen lassen. Er ist eine Art verlängerter Arm für mich geworden. Darin eine Macht liegt. Eine Beschaffungsquelle, die ich jederzeit anzapfen könnte. Allein der Gedanke, warum er dies für mich tut, liegt im Verborgenen.
„Ich bin doch dein Freund“ sagt er, wenn ich ihn darauf anspreche. Möglich, dass gute Freunde alles für einander tun.
„Okay“, sage ich dann. „Nicht dass es mir unangenehm wäre. Im Gegenteil. Nur: ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir nichts gegeben wird, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.“
„Sicher. Eine Hand wäscht die andere“, sagte er dann und ließ die Maultrommel anklingen.
Meinen beiden Alten blieb der Mund offen. Staunen pur von ihnen. Vor meinem Zimmer, an dem Geländer, über das man in den Eingangsbereich hinuntersehen kann, bleiben sie wie angewurzelt stehen.
„Alles neu, wow“, sagt Mama. Sie ist sichtlich angetan von der Veränderung. Tapeten lagern vor meinem Zimmer und Papa starrt auf den Stapel an in Folie verpackten Rollen.
„Morgen kommen die Tapezierer“, verkünde ich. „Ich habe ein Problem. Wo kann ich die Einrichtung hinräumen, während bei mir tapeziert wird.“
„Kannst du zu uns reinstellen, ins Nebenzimmer“, schlägt Mama vor.
„Dein Problem sehe ich ganz woanders“, sagt Papa. „Du hättest uns fragen sollen. Vorher.“ Ich, der selbst überrascht wurde. Das sollte ich ihnen aber nicht auf die Nase binden.
„War so eine spontane Entscheidung. Entschuldigt bitte.“
„Außerdem mochte ich deine frühere Ausstattung“, sagt er und zieht seine Stirn in Falten. Ich mag ihn wirklich sehr. Seinen treuherzigen Blick. Manchmal hat er etwas von einem dieser Hush Puppies an sich. Ich nehme seinen Arm und schneide eine Grimasse, bis er heftig lachen muss.
„Nächstes Mal frage ich. Versprochen.“
Sie sind es gewohnt, dass ich sie um Erlaubnis frage. Wegen des Rombotreffens sage ich einfach, dass ich mit Kumpels in einer Pizzeria zu Abend essen werde.
„Amüsier dich gut“, sagt Mama.
„Bitte wartet nicht auf mich. Es kann spät werden. Wenn ich den letzten Zug verpassen sollte, übernachte ich bei Chris.“ Neuerdings habe ich Heimlichkeiten vor ihnen und Chris, den es gar nicht gibt, ist eine davon.
Im Chatroom bekannt zu sein ist die eine Sache. Eine ganz andere hingegen ist es, den Menschen zu begegnen, die sich hinter den Pseudonymen verbergen. Ich betrachte die Tapete mit all den Gestalten, die sich Rang und Namen erspielt haben. Morgen werde ich sie treffen, die Fangemeinde von Rombogames. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie von der Wand heruntersteigen. Sie schütteln mir die Hand, klopfen mir auf die Schulter.
Der Wecker ratscht und wackelt auf dem Nachtkästchen. Eines dieser althergebrachten, unsanften Dinger, das Opa gehört hat. Heute ist der Tag der Tage. In Hadersdorf am Kamp, in einer Pizzeria, nahe der Schillerstraße. Hört sich jetzt nicht so toll an, der Treffpunkt. Eher wie ein verschwiegenes Stelldichein.
„Die meisten reisen mit der Bahn an“, sagte Farer. Im Waggon ziehe ich neugierige Blicke auf mich. Eine Dame mit norwegischem Akzent fragt mich, wo ich diesen edlen Hut aufgetrieben hätte. Wir Robogamer statten uns mit einem Erkennungszeichen aus.
„Da vorne sitzen auch Maskierte. Gehört ihr zusammen?“
„Jaja“, nicke ich der attraktiven Touristin zu. Die breite Krempe meines blauen Hutes schwingt mit. Auf dem samtenen Hutband prangt eine eckige Messingspange. Ich betrachte das feine, in Gold geprägte Muster auf meiner Heldenbrust. Ob Rica es wohl geschafft hat, zu dem Treffen zu erscheinen?
„Wir erreichen in Kürze Hadersdorf am Kamp“, verkündet eine Lady im Lautsprecher. Mein Herz klopft schneller. Was wird mich bei diesem Event erwarten? Auf dem Trittbrett des Waggons streift meine Hutkante die Wagentüre entlang. Geschwind halte ich ihn fest. Seine buschige Feder kitzelt mein Handgelenk. Er stammt von einem Shop, der der Spielewebseite angegliedert ist.
Der Bahnhof liegt etwas exponiert, in der frischen Luft. Ein schmales, schlichtes Gebäude steht isoliert, in einem Hauch von Mint gestrichen. Daneben vereinzelt Bäume, anschließend die Äcker und Zweckgebäude, wie aus dem Boden gestampft. Sauber und gepflegt, verkünden sie eine Stadtbevölkerung, die praktisch veranlagt ist. Eine Gruppe von jungen Leuten drängt sich an heruntergelassenen Jalousien vorbei. Ihre Kostümakzente sind die reinste Augenweide. Als wären sie ein Sammelsurium aus der Weltgeschichte. Ein Schwarm bunter Gesellen in freudiger Erwartung. Die bloßen Schultern eines Jungen tragen stachelige Aufsätze. Um seinen Hals eine tätowierte Kette. Ein anderer Gamer hat Tattoos auf seiner Stirn. Wenn die echt sind, hats sicher weh getan. Oder sind es bloß Dekoelemente, die mit Henna appliziert wurden. Sie erinnern an einen Maori. Er unterhält sich mit einem jugendlichen Krieger mit Pferdeschwanz. Vorne rechts sehe ich Brooke. Ich kenne sie von der architektonischen Etappe im Finale. Sie war mir dicht auf den Fersen, lag nur wenige Punkte hinter mir. Sie trägt Mokassins und das Fransenhemd einer Indianerin. Dazu silberfarbene Ohrringe mit Türkisen. Bezaubernd sieht sie aus, mit ihren glänzenden, schwarzen Zöpfen.
Man könnte meinen, es wäre ein Karnevalsumzug. Jedoch die Qualität der ihrer Kostüme und Attribute lässt auf Profis schließen und sollte jeden Passanten beeindrucken. An der spärlich befahrenen Landstraße beeilen sie sich, den Stadtrand zu erreichen. Ein einsamer Mopedfahrer kommt uns entgegen und biegt zu einer Siedlung ein. Die Pizzeria „da Fredo“ ist in Sicht, ein unscheinbares Gassenlokal. An der linken Seite des hüfthohen Schaufensters gelangt man durch eine Glastüre in die Veranstaltungsräume. Schmucklose Betonwände, ein enger Gang. Ich überlege kurz, ob ich hier richtig bin. Sieht eher nach einer Fabrikhalle aus. Schon höre ich zahlreiche lärmende Besucher. Gelächter dröhnt aus der Halle, in der sich Kostümierte an sportlich Gekleidete reihen. An den Kassen zeigen wir unsere ID-Cards. Rica ist bereits angereist und befindet sich in der Warteschlage vor mir. Als sie vom Schalter zurückkommt, bindet sie ein purpurrotes Armband an ihr Handgelenk.
„Rica“, rufe ich. Endlich hat sie mich bemerkt. Lächelnd kommt sie auf mich zu und umarmt mich kurz. Ihr Anblick raubt mir den Atem. In der Ferne rauschen ihre Worte bezüglich meiner Aufmachung vorbei. Während ich, fasziniert über ihre Wandlung, dastehe. Beinahe kommt es mir vor, als wäre sie über Nacht erwachsen geworden.
„Du musst weiter“, sagt sie und schubst mich sanft. „Sonst drängt sich noch jemand vor.“
Über unseren Köpfen schwebt eine riesige, gewölbte Präsentationsfläche. Fanfaren erklingen. Wie Messer durchschneiden sie die ewig öden Werbespots. Nanu, kurz ist der fluoreszierende Schweif von Farercrai zu sehen. Eine Sensation kündigt sich an. Das schönste Blaugrün, das ich jemals sah. Ein Teich, von Schilfrohr umringt. Teils in Dunst und Nebel, der sich langsam lichtet. Die Sonne bricht plötzlich durch, mit ihrem gleißenden Licht. Da, er nennt den Urheber....
| Erscheint lt. Verlag | 14.4.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Geister • Internet • Jugendkultur • Kontaktanzeigen • Onlinespiele |
| ISBN-10 | 3-7541-9071-7 / 3754190717 |
| ISBN-13 | 978-3-7541-9071-5 / 9783754190715 |
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