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Und der Wind drehte (eBook)

eBook Download: EPUB
2022 | 1. Auflage
407 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7541-9062-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Und der Wind drehte -  Thilo Beckmann
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Heinrich wächst in einer Hafenkneipe auf. Fasziniert lauscht er den Erzählungen der Seeleute. Mit der Zeit kennt er sie alle: die Geschichten von Stürmen, Ungeheuern, gesunkenen Schiffen, verschollenen Mannschaften und vor allen Dingen die Mythen um das sagenumwobene Piratenschiff 'Godmund'. Und was er weiß, das verkauft er an die Bürger der Stadt. Dabei beginnt Heinrich immer mehr, die Macht seiner Informationshoheit zu missbrauchen. Er lenkt die Geschicke der Stadt aus dem Verborgenen. Als er jedoch die 'Godmund' mit der Dänischen Krone in Verbindung bringt, eskalieren die Ereignisse und entgleiten seiner Kontrolle.

Thilo Beckmann, 1969 in Lübeck geboren und aufgewachsen, verbrachte nach dem Abitur mehrere Monate für eine Missions- und Entwicklungshilfegesellschaft in England, Irland, Guatemala und Indien, bevor er in Berlin Maschinenbau studierte. Heute lebt er mit seiner Familie in Salzgitter und arbeitet in der Automobilindustrie. Die Bindung zu seine Heimatstadt Lübeck mit ihrer hanseatischen Geschichte prägt diesen Roman.

Thilo Beckmann, 1969 in Lübeck geboren und aufgewachsen, verbrachte nach dem Abitur mehrere Monate für eine Missions- und Entwicklungshilfegesellschaft in England, Irland, Guatemala und Indien, bevor er in Berlin Maschinenbau studierte. Heute lebt er mit seiner Familie in Salzgitter und arbeitet in der Automobilindustrie. Die Bindung zu seine Heimatstadt Lübeck mit ihrer hanseatischen Geschichte prägt diesen Roman.

Geschichten für Geschäfte



Die 10% von Klaus wollte ich mir nicht entgehen lassen. Fortan hörte ich bei den Geschichten der Seeleute noch genauer hin. Nicht nur wegen der Faszination, die sie auf mich ausübten, sondern nun auch, weil ich ein wirtschaftliches Interesse hatte. Ich merkte mit der Zeit, dass es viele Schiffe gab, die nicht wiederkehrten. Ich versuchte ihre Namen herauszubekommen und versuchte zu behalten, welche Geschichten über sie erzählt wurden. Ich merkte mir, welche Seeleute von den Ereignissen erzählten und auf welchen Schiffen sie fuhren. Das war nicht einfach, denn was die Seeleute erzählten, war selten chronologisch oder strukturiert. Sie erzählten von Stürmen, Havarien, Überfällen durch Seeräuber und von vielen anderen Dingen einfach, um sich gegenseitig zu beeindrucken. Viele Geschichten ähnelten sich und man wusste nicht, ob sie neu waren oder alt oder in Variationen immer wieder erzählt wurden. Man wusste nicht, ob der Erzähler sie selbst erlebt hatte oder nur wiederholte, was er von jemand anderem gehört hatte. Wenn sich die Gelegenheit bot, fragte ich nach und versuchte Fakten, wie Schiffsnamen, Orte und Zeiten zu erfahren. Resultat war, dass ich meist die ausgelassene Stimmung zerstörte, weil ich den Redefluss unterbrach. Deshalb hielt ich mich dann doch lieber zurück. Ich wollte nicht den Anschein erwecken, als ob ich durch das Nachfragen nach Fakten die Glaubwürdigkeit des Erzählers anzweifeln wollte. Stattdessen drückte ich meine Bewunderung und meine Anerkennung für den Erzähler aus und versuchte so, ihn noch mehr zum Erzählen anzuregen. So bekam ich zwar eine Vielzahl an Informationen, konnte sie aber nicht zuordnen. Es war auch einfach viel zu viel, um sich alles merken zu können.

In meinem Kopf herrschte ein riesiges Gewirr an Geschichten. Ich begann Dinge zu verwechseln und vergaß auch viele interessante Details. Das war schade. Alle Geschichten waren interessant. Außerdem hatte ich ja auch einen Auftrag, nämlich herauszufinden, was mit der „Godmund“ geschah und wo Peter steckte. Ich musste etwas ändern und ich beschloss deshalb, dass ich schreiben lernen musste. Ich wollte mir die Geschichten aufschreiben. Ich wollte mir für jedes Schiff eine Sammlung an Informationen zulegen, was an Bord geschah, wer auf dem Schiff mitfuhr und von wem ich die Geschichte hatte. Dies war insbesondere für die Schiffe interessant, die nicht wiederkehrten. Nicht nur Klaus würde jemanden vermissen und sich dafür interessieren, was mit seinen Kameraden geschehen ist. Auch andere Seeleute würden sich dafür interessieren und vielleicht auch Reeder, die nichts über den Verbleib ihrer Schiffe wussten oder Kaufleute, deren Ware nie ankam. Diese Leute würden sich nie mit Seeleuten unterhalten. Außerdem verschwand mit dem Schiff ja auch die jeweilige Mannschaft. Die einzige Chance etwas über den Verbleib eines Schiffes zu erfahren, waren andere Seeleute, die mit ihren verschwundenen Kameraden vorher in irgendeinem Hafen Kontakt gehabt hatten. Es gibt in anderen Häfen bestimmt ähnliche Kneipen, wie die von meiner Mutter. Wenn Klaus bereit ist, Geld für Informationen über ein Schiff und über einen Seemann zu bezahlen, dann waren es Kaufleute oder Reeder bestimmt auch. Bei ihnen geht es ja noch um viel mehr Geld als bei Klaus. Hier ging es um den Verlust ganzer Schiffsladungen oder dem Verbleib der Schiffe selbst. Ich war überzeugt, damit konnte man Geld verdienen.

Ich musste unbedingt schreiben lernen. Ich wusste, dass es in unserer Stadt Menschen gab, die schreiben konnten. Das waren die Mönche. Ich wusste auch, dass sie Schreibstuben hatten und dort nichts anders taten, als Bücher abzuschreiben. Wenn meine Mutter und ich sonntags in die Kirche gingen, sah ich die Mönche immer in einem Seitenflügel des Domes sitzen. Sie saßen da im Gottesdienst und sangen. Wenn sie das taten, bekam ich immer eine Gänsehaut, denn obwohl es so viele waren, klangen ihre vielen Stimmen wie eine einzige. Wenn dann noch die Orgel einsetzte, wurde man von der Musik förmlich durchflutet. Man hörte sie nicht nur mit den Ohren, sondern spürte sie am ganzen Körper. Ich mochte die Gottesdienste. Ich mochte auch den Dom. Er war so riesig, dass ohne weiteres ein paar Schiffe hineinpassen würden. Außerdem sah sein Deckengewölbe ein bisschen so aus, als würde man unter einem umgedrehten Bootskörper sitzen. Ich fragte mich manchmal, ob sich das Heulen eines Sturmes auf See ähnlich majestätisch anhörte, wie die Orgel und ob man sich dann auf See auch so klein fühlte.

Am nächsten Sonntag gingen wir in den Gottesdienst. Auf dem Weg dorthin sagte ich meiner Mutter, dass ich mit den Mönchen reden müsste. Meine Mutter war erstaunt. Ich fragte sie, ob sie einen von ihnen kennen würde. Meine Mutter kannte sich ja sonst auch mit seltsamen Männern aus. Schließlich waren Seeleuten eine ähnlich eingeschworene Männerrunde, genauso wie die Mönche. So sah ich das auf jeden Fall. Sie lachte und meinte: „Nee, mein Lieber, Mönche sind ganz besondere Menschen. Die würden nie zu uns in die Kneipe kommen, und als Frau darf man sie auch nicht im Kloster besuchen. Ich kenne keinen von ihnen.“

Das machte die Sache geheimnisvoll.

„Komm wir reden nachher mit ihnen. Ich will sie kennen lernen“, sagte ich. Aber meine Mutter wollte nicht. Sie machte einen etwas verlegenen Eindruck, also ging ich nach dem Gottesdienst alleine zu dem Ausgang der Kirche, den die Mönche immer benutzten.

Jetzt war ich mir doch etwas unsicher. Sprachen die Mönche überhaupt deutsch? Ich hatte mal gehört, dass sie immer nur Latein sprechen oder Altgriechisch. Vielleicht redeten sie auch gar nicht, sondern kommunizierten über liturgische Gesänge miteinander? Ich stellte mich also an den Ausgang und versuchte zu hören, ob irgendeiner etwas sagte. Die meisten gingen schweigend aus der Kirche, aber zum Schluss kamen zwei, die sich unterhielten. Ich verstand die Worte „Bier“ und „Kessel“, welche offensichtlich Deutsch waren, und so beschloss ich, sie anzusprechen. Beide waren recht jung und trugen Bärte. Der eine hatte sogar einen roten Bart. Ihn sprach ich an: „Kannst du schreiben?“

„Klar“, sagte er und schaute mich etwas überrascht an. „Warum fragst du? Soll ich dir helfen, einen Brief zu schreiben?“

„Nein“, antwortete ich, „Ich möchte schreiben lernen und lesen natürlich auch.“

„Wenn du keinen Brief schreiben willst, warum willst du dann lesen und schreiben lernen?“, fragte er mich.

„Ich möchte mir Sachen über Schiffe aufschreiben, über jedes Schiff, das in unseren Hafen kommt“.

Der Mönch schaute mich erstaunt an. „Das ist aber interessant“, sagte er „Über Schiffe habe wir wenig Bücher. Wir haben was über Astronomie. Ein Bruder von mir forscht auf diesem Gebiet. Das kann man für die Navigation auf See gebrauchen und zur Berechnung von Ebbe und Flut. Aber über Schiffe als solche haben wir nichts.“

„Das macht nichts“, sagte ich, „Ich will nur schreiben lernen.“

„Wenn du willst, kannst du ja morgen mal bei uns im Kloster vorbeikommen, dann zeige dir ein paar Buchstaben und wie man damit Worte schreibt. Ich bin übrigens Bruder Markus. Frag einfach nach mir.“ Ich war begeistert. Das ging alles viel einfacher als gedacht. Ich bedankte mich und lief zu meiner Mutter zurück. Freudig verkündigte ich ihr: „Morgen gehe ich ins Kloster!“ Fragend schaute sie mich an. Ich konnte es kaum erwarten.

Am nächsten Tag ging ich gleich nach dem Frühstück los. In unserer Wirtschaft war nicht viel los. Wir warteten wieder auf Westwind. Es war genau der richtige Zeitpunkt, um Schreiben zu lernen. Das Kloster lag innerhalb der Stadtmauer und war selbst noch einmal von einer hohen Klostermauer umgeben. Es lag direkt neben dem Dom, in den wir sonntags immer in den Gottesdienst gingen. Es gab aber auch noch eine kleine Kirche dabei, in die nur die Mönche gingen und die Kranken. Das Kloster nahm nämlich auch Kranke auf. Gab es jemanden, um den sich keiner kümmerte, waren es häufig die Mönche, die ihn aufnahmen und pflegten.

Ich klopfte an die schwere Tür des Klosters. Ein alter Mönch öffnete und lächelte mich an: „Was kann ich für dich tun, junger Mann?“

„Ich möchte Bruder Markus besuchen“, sagte ich.

„Na, dann komm mal rein“, antwortete er und zog die schwere Tür so weit auf, dass ich eintreten konnte. Wir gingen einen überdachten Weg entlang, vorbei an Gärten mit verschiedensten Arten von Kräutern, mit Gemüsebeeten und auch mit Obstbäumen. Ich hätte nicht gedacht, dass es mitten in der Stadt so etwas gibt. Die Stadt mit ihren Straßen war eng und dreckig. Pferdemist lag auf dem Pflaster. Der Wind wehte kalt durch die Gassen. Nur mittags, wenn die Sonne auf ihrem höchsten Stand war, konnte sie kurz in die engen Gassen hineinscheinen. Die Häuser standen so eng, dass man meistens im Schatten ging. Hier im Kloster war alles anders, keine Häuser dicht an dicht gedrängt, sondern Gärten, Bäume, sogar Vögel konnte man hören. Schön war es hier. Ich ging langsamer, weil ich mir alles anschauen wollte. Warm war es auch, denn die Sonne schien über die Klostermauer in den Garten. Alles war irgendwie weiter, heller und wärmer.

„Kommst du?“, fragte mich der alte Mönch, „Bruder Markus müsste drüben in der Schreibstube sein.“

Das klang genau richtig. Am Weg standen mehrere Körbe. Im Vorbeigehen griff der alte Mönch in einen hinein und gab mir eine Handvoll Kirschen. „Hier für dich!“, sagte er. Kirschen gab es zu Hause nie. Meine Mutter kaufte sie nicht, weil sich daraus kein Seemannsessen machen ließ. Außerdem waren sie teuer. Die Mönche waren offensichtlich...

Erscheint lt. Verlag 19.4.2022
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror
Schlagworte Abenteuer • Hafenkneipe • Hafenleben • Hansezeit • Mittelalter • Mönche/Kloster • Piraten • Seefahrer • Segelschiffe • Stadtbrand
ISBN-10 3-7541-9062-8 / 3754190628
ISBN-13 978-3-7541-9062-3 / 9783754190623
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