Skebyrnok (eBook)
692 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7543-6318-8 (ISBN)
XLVII. Hypnos
Schwarz versank in Rot. Quietschende, knarzende Töne entstanden zwischen einer Jeans und grell gefärbtem Kunstleder der Sitzgelegenheit.
"Also dann, was kann ich für Sie tun, Herr Napok?", gab der gegenüber positionierte Mann den Startschuss für jene Konversation, die mit barer Münze entlohnt werden sollte und, infolgedessen, möglichst schwerwiegenden Themenstellungen unterzuordnen war.
Nicht unbedingt im Sinne des Therapeuten. Aber definitiv im Sinne seines Gesprächspartners. Dem Kunden.
Napok prustete aus, lehnte sich vor und rieb die Hände ineinander: "In erster Linie bin ich hier, weil Verwandte von mir der Meinung sind, dass ich mich dem Ratschlag meiner Ärzte beugen soll - endlich professionelle Hilfe aufsuche."
Dr. Thoresen hatte bereits an der Körpersprache und der deutlich negativ behafteten Betonung abgeleitet, wie der junge Mann darüber dachte:
"Was Ihnen jedoch nicht besonders sinnvoll erscheint?"
"Naja, ich erlebe im Prinzip eine Ausnahmesituation, die ich aber nicht in meinem gewohnten Umfeld verarbeiten kann. Wie es der Zufall wollte, bin ich direkt aus meinem Krankenhausaufenthalt zu meiner Tante und ihrem Vater verfrachtet worden, weil meine Eltern im Ausland sind und sich ansonsten niemand um mich kümmern konnte. Oder wollte."
Nun lehnte sich auch der Psychologe nach vorne. Dabei verkniff er rätselnd sein Gesicht, blinzelte zwanghaft, in hoher Frequenz, und rückte dann auf seinem Sessel quer, um seine Haltungen zu korrigieren und zurückzusacken. Dr. Thoresen konnte ihm nicht folgen: "Eigentlich leben Sie noch bei Ihren Eltern. Dann kam es irgendwie zum Aufenthalt im Krankenhaus. Und nun sind Sie zeitweise bei Ihrer Verwandtschaft?
Okay, das habe ich verstanden. Und was genau ist dann diese Ausnahmesituation, welche Sie jetzt verarbeiten müssen? Wo genau liegt der Konflikt?"
Napok lächelte belastet, da er die offizielle Berichterstattung, die Fakten von Klinik und Behörde, noch immer nicht recht glauben konnte: "Ich bin letztes Jahr überfahren worden. Lag Wochen im Koma. Aber als ich aufgewacht bin, waren meine Eltern gerade nicht im Land. Also haben mich stattdessen die Frau meines längst verstorbenen Onkels, sowie ihr relativ betagter Vater, provisorisch aufgenommen - und das bis heute." Dann drückte er sich zurück und saß ein Stück bequemer auf dem roten Therapiesofa. Dessen Eigentümer schlug ein Bein über das andere, legte ein Notizbuch darauf und machte sich seine erste Gedächtnisstütze:
"Okay. Das kann man in der Tat als Ausnahmesituation beschreiben. Für alle Beteiligten wohl nicht einfach. Sie haben kein gutes Verhältnis zu dieser Tante?"
"Das ist wahrscheinlich der springende Punkt. Wir haben uns eigentlich bloß alle paar Jahre gesehen, zu diesen üblichen Familienveranstaltungen: Hochzeiten, Beerdigungen, runder Geburtstag - das war's. Sie war ja nur angeheiratet."
"Nagut, heutzutage nicht unbedingt außergewöhnlich. Viele große Familien verteilen sich im Laufe der Zeit, in verschiedene Regionen. Dass man sich auseinanderlebt, ist fast schon ein natürlicher Vorgang. Was mich eher interessieren würde, wäre, wieso die der Meinung sind, dass Sie Hilfe in Anspruch nehmen sollen? Hat das etwas mit dem Unfall zu tun? Wie hängt das zusammen?"
Dontu sprang förmlich vor, drückte seine Ellbogen kurz vor den Knien in die Oberschenkel und sah grübelnd ins Leere. Dann stellte er wieder hämisch grinsend einen Blickkontakt her, der ausdrückte, dass er nicht auf eigene Faust handelte:
"Sehen Sie, für mich ist das Ganze mehr ein Missverständnis. Dr. Hamlun, dieser Arzt, der mich zuerst behandelt hat ... der hatte meine Eltern auf Verletzungen hingewiesen, die, seiner Meinung nach, nicht vom Unfall gewesen sein konnten. Im Laufe des Komas haben die es dann an jeden anderen Idioten weitergetratscht, als ich das Thema Nummer Eins war. Als ich dann aber in dem anderen Krankenhaus aufgewacht bin - ich bin nämlich zwischendurch verlegt worden; wieso weiß ich nicht; das muss ich meine Eltern noch fragen - da hat man meiner Tante natürlich auch geraten, dass ich mit der traumatischen Erfahrung und der langen Dauer des Komas, unbedingt einen Therapeuten aufsuchen müsste. Nur hat die hohle Frau das alles zusammengewürfelt und meint jetzt, dass ich ja offenbar irgendwelche anderen, tiefgründigen Probleme habe, die man behandeln muss, um einen Neuanfang zu schaffen." Dr. Thoresen schrieb fleißig mit, schob die Lesebrille an der Nase herab und fragte: "Und wie kommt Ihre Tante auf diese Idee? Was glauben Sie?"
Napok rutschte in die Lehne und starrte an die Decke. Er versuchte sich in die Verwandtschaft zu versetzen, die all seine Eigenarten und Besonderheiten eigentlich nur aufgrund von sporadischen, oberflächlichen Merkmalen bewerten konnte:
"Naja, ich denke durch Klischees. Es wird irgendwie darauf zu reduzieren sein, dass ich vor der ganzen Geschichte noch lange Haare hatte; eigentlich immer nur schwarze Klamotten getragen habe und mich meist abfällig und negativ zu allen möglichen Themen geäußert habe. Die Schlussfolgerung wird wohl gewesen sein, dass ich total depressiv bin. Und deshalb haben sie die Ärzte auf Selbstverletzungsnarben, Geritze oder sonstwas für eine Scheiße hingewiesen. Fernsehschrott."
Der Mann ließ sich davon nicht ablenken, sondern warf den wesentlichen Fokus auf den Impuls Dr. Hamluns zurück:
"Was sind das denn für Verletzungen gewesen, die man da bei Ihnen diagnostiziert oder entdeckt hat?"
"Das weiß ich nicht hundertprozentig. Meine Tante hatte das nur am Rande erwähnt. Doktor Hamlun habe gesagt, dass ich noch ganz andere Probleme zu bewältigen habe, oder so ähnlich. Ansonsten fehlt mir aber nichts. Wirklich nicht."
Wieder rückte der Therapeut nachdenklicher auf seinem Stuhl hin und her und schien Dontus Äußerungen, aber auch seine eigentlichen Nöte, nicht ergründen zu können. Dr. Thoresen wirkte skeptisch: "Sie halten also auf jeden Fall daran fest, dass diese Gedanken unbegründet sind. Dass sich Ihr Umfeld unnötig Sorgen macht. Und trotzdem sind Sie hier?"
Napok versteinerte und sah ihn für jenen Moment mit leicht geöffnetem Mund an. Er überlegte konzentriert. Sein Problem war vielleicht eher, dass es verdammt viele Dinge gab, über die er sich den Schädel zerbrach. Aber die eine, große Problemstellung; die eine zu knackende Nuss - derart klar konnte er sein Anliegen nicht greifen, bündeln oder formulieren.
Da seine Frage unbeantwortet blieb, suchte Dr. Thoresen in einer anderen Form nach Knotenpunkten, mit welchen das therapeutische Gespräch konstruktiver weitergeführt werden konnte: "Also schön. Dann reden wir doch über das Koma. Was glauben Sie, weshalb man Ihnen geraten hat, sich Hilfe zu suchen? Aus medizinischer Sicht."
Napok hielt eine Hand mit Fingern und Daumen in die Höhe gestreckt und ließ ihre Komponenten nach etwas greifen, das einfach nicht zu fassen war. Als wollte er demonstrieren, was sich parallel dazu im Kopf abspielte: "Dieser ... Schlaf ... war wahrscheinlich, also wenn ich das nüchtern betrachte ... die merkwürdigste Erfahrung, meines ganzen Lebens."
"Inwiefern? Als bewusstes Erlebnis, oder in Retrospektive?", erhielt der Block neue Stichpunkte.
Dontu machte einen sofortigen Bogen zur emotionalen Ebene und stellte eine Gegenfrage: "Wissen Sie, dass ich bisher mit keinem einzigen Freund gesprochen hab, seit ich aufgewacht bin? Also auch Leute, mit denen ich am Abend davor unterwegs war. Die konnte ich gar nicht fragen, ob die Erinnerungen; diese Puzzleteile, die ich noch vor Augen habe - ob die wirklich so passen, wie ich mich daran zu erinnern glaube."
"Hmm. Wurde denn bei Ihnen eine Amnesie diagnostiziert?" "Es gab bereits im Krankenhaus ein Gespräch mit deren Psychologen, der mir und meiner Tante geraten hatte, all diese Sachen mit einem Psychotherapeuten zu ergründen. Aber an der Aufarbeitung des Abends, am Unfall und meiner Konfrontation mit der Realität, nach dem Koma - daran hatte, zu diesem Zeitpunkt, außer mir, niemand ein Interesse. Wichtig war bloß, dass ich wach und gesund war und schnell Laufen lerne, damit ich selbstständig weitermachen kann, wo ich aufgehört habe. Aufhören musste. Es gab ja kein Verbrechen aufzuklären oder so was. Ein Unfall. Pech gehabt. Weiter."
"Das klingt doch nach einem Vorwurf, finden Sie nicht?"
"Ich mache auch vielen Leuten Vorwürfe. Ich bin sauer und gefrustet. Und das würde ich nie leugnen. Anfangs hatte ich richtige Wut."
"Auf wen genau?"
"Meine Freunde. Meine Eltern. Diesen totalen Vollidiot, der mich überfahren hat. Diese scheiß Touristen! Auf mich selbst. Auf fast alles."
Dr. Thoresen musste nachbohren: "Wieso auf Sie selbst?"
"Weil ich einsehen musste, dass nur ich mir die Antwort auf diese ganzen Fragen hätte liefern können, wenn überhaupt."
"Welche Fragen?"
"Was in dieser Unfallnacht tatsächlich mit mir passiert ist ..."
"Ihnen fehlen irgendwelche Details, die Ihnen wichtig zu sein...
| Erscheint lt. Verlag | 19.12.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| ISBN-10 | 3-7543-6318-2 / 3754363182 |
| ISBN-13 | 978-3-7543-6318-8 / 9783754363188 |
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