Kein Nebel in Havanna (eBook)
372 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7557-1832-1 (ISBN)
Leopold G. Haller lebt in Hessen und London. Beruflich ist er als IT-Experte für verschiedene Unternehmen deutschlandweit tätig.
2 Die Ruhe vor dem Sturm oder: Der Flieder blüht nur kurz
Halldorf, Freitag, 9. Juni – 7:45 Uhr
Ein Traum:
Vor einer Mauer sitzt eine völlig nackte schwarzhaarige Frau mit kleinen Brüsten. Von Autoreifen, einem großen weißen und einem kleineren schwarzen, sind viele Abdrücke an der Mauer zu erkennen; die Reifen lehnen an der Mauer. Plötzlich tauchen zwei Soldaten auf, an deren Aussehen ich mich nicht mehr genau erinnere. Sie befehlen der nackten Frau, die vorher saß und aß, aufzustehen und sich mit dem Rücken vor den Soldaten aufzustellen. Diese haben Hellebarden in den Händen, heben sie in Richtung der Frau, als wollten sie sie damit töten, werfen sie auch mit aller Kraft in ihre Richtung, verfehlen sie jedoch. Die Hellebarden bleiben rechts und links neben der Frau im Sand stecken. Ich bin enttäuscht, dass die Frau nicht getroffen wurde. Zu den Autoreifenabdrücken an der Mauer macht irgendjemand noch irgendeine Bemerkung, die ich aber vergessen habe; nur eine weibliche Stimme habe ich gehört, eine Gestalt war nicht zu sehen.
Im Moment kann ich mir nur einen Teilaspekt des vermutlich stark verdichteten und verschobenen manifesten Trauminhaltes deuten: Die Hellebarden sind auf jeden Fall Phallussymbole, die Frau steht stellvertretend für Miriam (Verschiebung); dass die beiden Hellebarden sie nicht getroffen haben, deutet auf unsere ersten, nicht ganz gelungenen Liebesakte hin. Was ich bedauere. – Die Reifen kommen wohl über Schrottplätze, an denen ich in den letzten Tagen vorbeigekommen bin, in den Traum hinein. Warum die Frau schwarzhaarig ist und kleine Brüste hat, weiß ich nicht, vielleicht liegt es an einer aktuellen Begegnung?
Samstag, 10. Juni – 11:30 Uhr
Mit dem Pastor geht alles klar. Treffen uns Montagabend, um unsere Strategie zu besprechen, und dann am Dienstag fahren wir gemeinsam zum Kreiswehrersatzamt, unserer Arena. – Die 500 von Sarah, ihr Scheck für mein Abi, gut angelegt. – Ein ganzes Wochenende mit Miriam… Sie hat es dringend nötig, sich von ihrer Maloche zu erholen. – Ich muss arbeiten für meine Prüfung. – Tobias an diesem Wochenende zu Hause. Hat Bereitschaftsdienst. – Sarah urlaubt mit ihrer Tochter für zwei Wochen an der holländischen Nordsee. Hoffentlich tut es ihr gut. – Fahre als Rechtsbeistand am Montag mit nach Frommkirchen, Egbert bei seiner Gewissensprüfung unter die Arme zu greifen. Sehe dann mal, wie der ganze Mist abläuft und sammle Erfahrungen. Vielleicht kann ich sie noch dringend gebrauchen… – 49 verdient.
Montag, 12. Juni – 23:15 Uhr
Morgen ist es endlich so weit, meine Gewissensprüfung. – Egbert ist anerkannt! – Manche Leute reden mir ein, mit der Begründung, die ich verfasst habe, könnte ich gar nicht anerkannt werden, viel zu politisch, viel zu wenig Gewissensnöte. Wir werden ja sehen! Ich fühle mich jetzt gut vorbereitet und allem gewachsen. Nach dem, was ich heute als Rechtsbeistand in Egberts Verhandlung gesehen habe, müsste ich es schaffen! – Der Pastor war gerade da… – Ich bin Herr im Haus. – Sarah an der kalten Nordsee. – Im Moment habe ich Schluckauf; liegt es an dem polnischen Wodka mit dem Steppengras, den ich gerade gekippt habe? – Wird schon alles hinhauen morgen! (Und wenn nicht, gibt es noch weitere Instanzen; außerdem tröstet mich Miriam…) Gute Nacht!
Dienstag, 13. Juni – 14:30 Uhr
Anerkannt! Gleich in der ersten Instanz! Während der ganzen Verhandlung kamen nie Zweifel auf! Fantastisch! Es hat alles hingehauen! Ausruhen.
Donnerstag, 15. Juni – 20:00 Uhr – bei mir
Zeit, Ruhe und Muße, die Ereignisse der letzten vergangenen Tage zu reflektieren. – Miriams Familienleben gleicht einem Chaos… Heute Nacht kam sie gegen 1:00 Uhr – völlig verweint – zu mir – ich bin momentan allein –, weil ihr Vater wieder durchgedreht war, sie angeschrien und beschimpft hatte… Versuchte sie zu trösten. Zehn Minuten später kam ihre Mutter hinterher, um den Vater, der angeblich in seinem Leben schon so viel durchgemacht hat, in Schutz zu nehmen. Er zerstört und zerreißt die Familie. – Wie soll das nur weitergehen? – Verdiene gutes Geld mit Nachhilfe. Diese Woche 49. – Bei 2001 für 100 viele Schallplatten (Dylan, Santana, Stivell, Zamfir, McLaughlin, Baez) und Bücher bestellt. – Vielleicht ein Zivildienstplatz in Bad Waldheim mit Heimschlaferlaubnis? Essen rumfahren und Verwaltungsarbeit. – Der Gedanke, einen Brief an Willy Zacharias schreiben zu müssen, hindert mich am weiteren Räsonieren… – Fühle mich sehr allein heute Abend. Miriam ist nicht da. Ich vermisse sie… – Lion Feuchtwanger, Goya oder der arge Weg der Erkenntnis angefangen. Historischer Roman. Scheint spannend zu werden!
Sonntag, 18. Juni – 5:00 Uhr
Habe leider zum Grübeln und Nachdenken keine Alternative… – Es begann alles vor zwei Tagen. Miriam wollte am Freitag, den 16. Juni, morgens zum Sektfrühstück unserer Schule. Nachmittags wollten wir zu zweit, abends zu dritt mit Karl den Tag verbringen. Ich gab nur eine halbe Stunde Nachhilfeunterricht (Harald), um möglichst früh fertig zu sein. Das Warten sollte vergeblich bleiben… Gegen 19:00 Uhr kam ein Anruf von ihr, sie wolle nun auch zu dem abendlichen Abiturball gehen. – War entsprechend sauer, mit Recht, wie ich glaube: Nicht nur Geld zum Fenster rausgeworfen (ich war schon zu Karl nach Bierheim gefahren) – das wäre nebensächlich –, sondern hatte auch sehr lange vergeblich gewartet – und mich auf unser gemeinsames Treffen gefreut… – Diese Säuernis habe ich ihr am Telefon auch durchaus nicht verhehlt. Warum auch? – Letzteres nahm sie offensichtlich zum Anlass, mit Wilhelm Schreiner, einem Klassenkameraden, mit dem sie sich, wie sie sagt, gut versteht, loszuziehen. Losziehen heißt, dass sie in erotischer Hinsicht alles miteinander durchprobiert haben, außer – sagt sie(!) – zusammen zu schlafen, wovon ich aber nicht überzeugt bin, weil sie bei ihm übernachtet hat… – Gestern Nachmittag, kurz bevor wir zu der Fete von Patrick Nombach fuhren, hat sie mir ihre Aktion gebeichtet. Ich war und bin immer noch sprachlos. – Weiter gehts: Wir fuhren also gestern Abend gemeinsam mit dem Rad zu Patrick. Meine psychische Verfassung entsprach einer Trinität: Ärger Wut Enttäuschung. Sie entspricht ihr immer noch… Ich ließ sie also während der Radfahrt und auf der Fete links liegen, beachtete sie nicht. Sollte ich ihr dafür um den Hals fallen, dass sie mit Wilhelm geknutscht und sonst noch was hat? – In ihren Augen hätte ich das anscheinend tun sollen – sie zog nämlich wieder los, diesmal mit Patrick Nombach – Arm in Arm… Ich stand daneben. – Denke, ich bin weit davon entfernt, so etwas wie einen eifersüchtigen Ehemann darzustellen. Ich hätte Ärger, Wut und Enttäuschung runtergeschluckt, aber warum musste das mit Patrick sein? Warum musste sie noch einen draufsetzen? Nur um mir zu zeigen: Schau her, ich habe dich gar nicht nötig; sieh mal, ich habe schon andere Männer gefunden; du kannst froh sein, wenn ich überhaupt mit dir vorliebnehme… – Wenn es ihr so leichtfällt, jemand anderen zu finden, dürfte sie mein Weggang wohl kaum schmerzen. – Ich habe, als ich heute gegen 1:30 Uhr zu Hause war, zum ersten Mal seit Jahren wieder richtig geheult… – Habe Miriam wirklich gern. Warum tut sie sowas?
18:45 Uhr – bei mir
Die Tatsache, dass sie nichts von sich hören lässt – ein nächster Schritt muss(!) von ihr ausgehen – macht mich krank… – Muss mich ablenken, versuchen, nicht dran zu denken. Sie hat gestern Nacht eine Zigarette nach der anderen geraucht, anscheinend mir zum Trotz, sie weiß nämlich, dass ich überzeugter Nichtraucher bin! – Dieser Trotz ist für sie ein Schutzwall, hinter dem sie sich verschanzt, um meinen berechtigten Forderungen zuvorzukommen. Wie unsinnig! – Hätte ihr verziehen, aber die Sache mit Patrick noch dazu… – Muss unter Menschen, vor den Fernseher… Jedenfalls darf ich nicht ins Grübeln kommen! – Den ganzen Tag mit Tobias zusammen gewesen. Gehe gleich wieder rüber. – Morgen früh in die Schule, mein Abiturzeugnis abholen, treffe Karl, werde ihn um Rat fragen. – Abends kommt Patrick, der sich vermutlich bei mir entschuldigen will, dafür, dass er mit ihr losgezogen ist… Oder eher sie mit ihm? Die böse trotzige Absicht liegt bei ihr. – Bin gespannt, was sie tun wird. Es wäre nicht schlecht, wenn wir uns eine längere Zeit nicht sähen. Fühlte sie auch. – (Ich werde mich nicht rühren!)
Montag, 19. Juni – 21:00 Uhr – auf meinem Sofa – Lapsang Souchong mit einem Schuss polnischen Wodkas (der mit dem Steppengras drin) –...
| Erscheint lt. Verlag | 8.3.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-7557-1832-4 / 3755718324 |
| ISBN-13 | 978-3-7557-1832-1 / 9783755718321 |
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