Spaltungen (eBook)
238 Seiten
Skript-Verlag
978-3-928249-92-8 (ISBN)
Werner Berens hat als Autor von Fachartikeln und Büchern zum Thema Fliegenfischen dieses ganz andere literarische Format und Thema als notwendig erachtet, weil er als mittelbar Betroffener und in der Region Wohnender die Kriege um die Braunkohleverstromung auszuhalten hat. Er ist der Meinung, dass man die Problematik nur dann annähernd zu erfassen vermag, wenn alle gegensätzlichen Akteure zu Wort kommen.
Zwei
Der Restwald soll abgeholzt werden, hörte sie im Radio, sah sie im Fernsehen und las sie in der RP. Das bedeutet Krieg, dachte sie sofort. Sie sah ihn vor sich, sah die Waldbewohner sich an ihren Baumhäusern festbinden, hörte sie schreien und auf die Polizisten einbrüllen. Vielleicht würde es noch schlimmer werden, und sie dachte an die Fernsehbilder vom G20-Gipfel in Hamburg: an brennende Autos, an Steine und Stahlkugeln, die Polizisten trafen, an schwarz vermummte Gestalten, die sich an Bäume, aneinander und womöglich an Maschinen im Tagebau festketteten. Niemand von den Aktivisten würde freiwillig seinen Baum und seinen Wald verlassen. Sie dachte an Bilder von Greenpeaceaktivisten, auf der Spitze von Schornsteinen. Sie sah vor sich in Klettergurten und Seilzeug an Maschinen festgezurrte Menschen baumeln.
Den Wald zu zerstören war Wahnsinn. Das konnte man dem Konzern nicht durchgehen lassen. Dagegen musste man, sie, die Bürgerinitiative, alle etwas tun, unbedingt, aber was war das Richtige? Was sollte SIE nun tun? Eine leise, schleichende Angst, dass sie das Falsche beginnen könnte, verunsicherte sie. Vielleicht wäre es besser, sich aus allem herauszuhalten, sich zu verstecken, hinter den Aktivisten, sie heimlich unterstützen und in den Verlautbarungen nach außen Gewaltlosigkeit einzufordern. Ja, vielleicht, aber jetzt war sie zu tief drin, als legale Verbindung der Aktivisten zur Öffentlichkeit in dem unerklärten Krieg. Da käme sie nicht mehr raus. Nicht in diesem Leben und diesem Land. In Zeiten, in denen Facebook, Twitter und die Presse bürgerliche Existenzen von einem auf den anderen Tag vernichten können, kann man sich nicht mehr unsichtbar machen, wenn man schon einmal sichtbar war.
Der Krieg zwischen Aktivisten, Politikern und dem Konzern fraß sich seit Jahren wie ein leise knisternder, aber noch unsichtbarer, unterirdischer Moorbrand immer weiter. Und gleichzeitig fraßen sich die Maschinen des Konzerns durch die Rüben und Maisfelder, vertilgten Dörfer, die im Weg lagen, und standen nun kurz vor dem letzten Wald, der inmitten der Agrarsteppe überlebt hatte. Mit der Räumung des Waldes würde der Moorbrand sichtbar werden, die Gefechte sich an die Erdoberfläche verlagern.
„Lass die Finger davon“, hatte ihr Mann damals gesagt. Wahrscheinlich hatte er recht. Zu spät. Zwei Jahre war es jetzt her, dass sie sich in den Kampf, die gegenseitigen Beschuldigungen, das nervenaufreibende Aufeinandereinhacken, das politische Hickhack hineinmanövriert hatte. Mit der Autobahn hatte es begonnen. Als sie verlegt wurde, weil sie den Baggern im Weg war, hatte das noch niemanden gestört. Doch als sie bis vor die Haustür kam, ein Lärmschutzwall die Aussicht verbaute, fiel einigen Anwohnern auf, das nun etwas anders war. Das unablässige leise Brummen hinter dem Wall belästigte als Hintergrundrauschen den Alltag und erinnerte daran, dass die Umgebung sich änderte. Manche interessierte es nicht. Andere ärgerten sich ein wenig, aber zuckten mit den Schultern, und die dritte Gruppe war empört, wieso man eine Autobahn vor ihre Häuser verlegen könnte ohne sie zu fragen. Da müsse man etwas machen, riefen sie einander zu in den Vorgärten der gepflegten Einfamilienhäuser. Das könne man nicht zulassen, dass da etwas offenbar Machtvolles, etwas Unheimliches tat, was es wollte. Das war wie ein großer anonymer Krake, der Fangarme um alles legte.
Sie hatte in ihrer Vergangenheit da und dort gewohnt, war vor einigen Jahren hier in der Kreisstadt erschienen mit der Absicht zu bleiben. Und nun machte der Krake ihr und anderen das vorausgedachte Leben unkomfortabel, brachte Lärm und Staub in das durchgetaktete nachhaltige Leben. Nein, es war nicht nur verletzte Eitelkeit, es war auch Betroffenheit darüber, was so ein Konzern alles machen konnte, ohne dass jemand Stopp sagte. Es war durchaus nicht so, dass sie sich selbst nicht nach ihren Motiven gefragt hätte. Warum erst jetzt die Empörung wach werde, hatte ihr übernächster Nachbar sie gefragt. Er war beim Konzern beschäftigt und bemängelte zu Recht, dass man alles auch vorher wissen konnte, bevor man hier hinzog und Krawall machte. Lena Steinhauer war 52 und verheiratet mit einem Internisten, hatte eine noch erwachsen werden wollende Tochter. Bis vor zwei Jahren hatte sie als Sozialpädagogin gearbeitet. Mit 50 hatte sie aufhören wollen, weil sie fand, dass sie sich lange genug darum bemüht hatte aus jungen Menschen, die morgens nicht zur Arbeit erschienen, weil sie müde waren, Menschen zu machen, die morgens nicht zu müde waren. Und das Elend von Frauen, die allein gelassen mit ihren Kindern, versuchten die Füße wieder auf den Boden zu bekommen, hatte an ihr gefressen. Sie wollte nichts mehr mit nach Hause nehmen müssen und hatte fast ein Jahr gebraucht, bis sie die von ihren Männern verprügelten, an Leib und Seele verwundeten Frauen aus dem Kopf bekam. Aber dann war wie ein schleichendes Gift Langeweile und ein Gefühl von Nutzlosigkeit in ihren gelegentlichen Gedanken über sich selbst aufgetaucht.
„Hast du mitbekommen, dass es losgeht?“, fragte die Stimme am anderen Ende des Telefons.
Sie antwortete nicht sofort. Doch dann: „Ja sicher, das wird furchtbar, was dachtest du denn. Wir müssen was machen.“
„Was willst du denn da machen, da können wir nichts machen.“
„Lass uns heute Abend darüber sprechen, auf der Versammlung, sag bitte den anderen Bescheid, schicke eine WhatsApp, sollen möglichst alle kommen. Ich fahre gleich raus, mal hören, was die in Woodtown dazu sagen und was sie vorhaben.“
„Ok, mach ich, bis heute Abend.“
Auf dem Weg zum Wald kam die Erinnerung zu ihr. Damals fand sie, dass man mit 50 zu jung war, nichts mehr zu tun und zu wollen und nur noch Bücher zu lesen. Sie begann sich in der Welt, das heißt im Fernsehen, umzuschauen, was es denn noch Wichtiges geben könnte. Da waren die Flüchtlingskrise und der Klimawandel. Beide waren groß genug, dass man sich lebensfüllend damit beschäftigen könne, fand sie, und dass man es müsse. Aber beides ging nicht, nur das Naheliegende. Das war der Krake vor ihrer Haustür. Er griff nach der Umwelt, um mit seinen in die Luft gepusteten Giften den Klimawandel zu befeuern. Schon seit Jahrzehnten war das so. Auch am anderen Tagebau standen zwei Kraftwerke, die ihr Gift in die Luft bliesen. An klaren Tagen konnte man sehen wie sich die Dampfwolken über den Kühltürmen als weiße Massen in den Himmel blähten. Aber damals war der Klimawandel noch heimlich. Nur wenige interessierten sich dafür. Jetzt war das anders. Ihre Entscheidung war klar. Aber ihr war auch klar gewesen, dass sie ihre Absicht nicht konkret umgesetzt hätte, wenn der entscheidende Funke gefehlt hätte. Sie hätte es bei verbalen Protesten gegen den Kraken im Bekanntenkreis belassen, auf Listen gegen die Kohleverstromung unterschrieben, gelegentlich mit einem Plakat in der Hand mit anderen zusammen demonstriert und beim Biobauern eingekauft. Das wäre alles gewesen. Das Leben einer unausgelasteten Bürgerin ohne finanzielle Sorgen, einer Salonaktivistin. Sie war klug genug zu wissen, dass sie auf Dauer mit sich selbst nicht im Reinen bleiben konnte, wenn sie sich nur deshalb engagierte, weil sie nicht Bücher lesend und frustriert ihre Lebenszeit totschlagen wollte. Aber da war dieser Funke in Gestalt ihres übernächsten Nachbarn, der auf der ersten Bürgerversammlung in der Eckkneipe vom Leder gezogen hatte als sei er allwissend. Er war beim Kraken beschäftigt.
Dass man ihm nicht zuhörte, dass er eine „Klatsche“ bekam, war er selbst schuld. Wäre er nicht aufgetreten wie ein Kindergärtner, der kleinen Mädchen erklärt, dass man vor dem Überqueren der Straße nach links und rechts schauen muss, hätte sich ein halbwegs zivilisierter Umgang mit den Gegensätzlichkeiten einstellen können, aber so? Er hatte selbst zu dieser ersten kleinen Versammlung gerufen, wollte den Anwohnern der Straße Zusammenhänge erklären, dem immer lauter werdenden Nachbarschaftsgemurre Informationen über das Vorgehen und vor allem die Leistungen des Konzerns entgegensetzen. Erschienen waren vor allem Frauen und einige Studierende. Es begann auch alles ganz harmlos, bevor die Veranstaltung mit unglaublich frauenfeindlichen Ausfälligkeiten seitens des Konzern-U-Bootes endete. Nachdem sich das Gemurmel gelegt und der Wirt alle mit Getränken versorgt hatte, erklärte der übernächste Nachbar: Der Konzern liefere Strom aus Braunkohle, weil man ihn noch nicht mit Windkraft im benötigten Maß erzeugen könne, und die Renaturierungsleistungen im ausgekohlten Tagebau seien übrigens vorbildlich. Der Konzern habe ja selbst Windkraftanlagen und erhöhe die Energieproduktion aus regenerativer Energie ständig, aber noch sei, wie schon erwähnt, die Braunkohleverstromung nötig. Der übernächste Nachbar hatte sein Wissen in sauber abgepackten Päckchen mitgebracht, die er in seinem Vortrag verteilte und offenbar erwartete, dass die Beschriftung der Päckchen selbsterklärend genug sei, das Murren zum Schweigen zu bringen. Zwischenfragen beantwortete er...
| Erscheint lt. Verlag | 7.3.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| ISBN-10 | 3-928249-92-4 / 3928249924 |
| ISBN-13 | 978-3-928249-92-8 / 9783928249928 |
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