Brauchbare Menschen (eBook)
183 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-77310-9 (ISBN)
Magdalena Schrefels Figuren stehen vor den alltäglich-absurden Herausforderungen des Spätkapitalismus - Automatisierung, Kontrolle, Prekarität - und finden überraschende Wege, mit dem Unzumutbaren umzugehen. Und sie fragen nach den Bedingungen der Entstehung von Literatur: Wie macht sie sich Menschen zunutze? Und ist Literatur Arbeit, ja, sogar systemrelevante?
Magdalena Schrefel, 1984 geboren, studierte Europäische Ethnologie in Wien und Literarisches Schreiben in Leipzig. Sie schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Erzählungen, für die sie vielfach ausgezeichnet wurde, zuletzt mit dem Robert Walser-Preis 2022 für ihren Erzählungsband <em>Brauchbare Menschen</em> (es 2800) und mit dem NESTROY-Preis in der Kategorie »Bestes Stück - Autor:innenpreis« 2024 für <em>Die vielen Stimmen meines Bruders</em>, dessen Umsetzung als Hörspiel vom ORF als bestes Originalhörspiel des Jahres 2024 ausgezeichnet wurde.
25Landpartie
Das Feld ist gelb wie Pommes. Wie Quitte? Wie Post-its? – Gelb ist das Feld, wie Dotter! – Oder wie Bier!? – Eher wie Pisse, wenn man viel Bier getrunken hat!
Wir laufen den Feldweg entlang, lassen das Gelb hinter uns, links und rechts steht jetzt hoch der dunkle Mais, sodass man den Ort beinahe nicht mehr sehen kann. Komm, ich will dir was zeigen, sagt Simon und fasst mich bei der Hand. – Im Feld? – Hast du Angst? Nach ein paar Metern bleiben wir stehen. Ich mag dich, sagt Simon und küsst mich dann, seine rechte Hand fasst meinen Nacken, fährt meinen Rücken entlang, packt meinen Po. Und ich? Drücke mich an ihn, küsse zurück, fahre mit der rechten Hand unter sein T-Shirt. Hast du es schon einmal in einem Feld gemacht, frage ich, und Simon lacht. – Was denkst du denn. Wir waren früher ständig in den Feldern, in den Weinbergen, im Wald, in den Wiesen, in … Dann will ich nicht, sage ich und ziehe meine Hand zurück. – Kuck, es gibt wenig, was ich hier noch nicht getan habe. Aber du bist es, mit der ich das jetzt teilen will.
Auf dem Weg zurück sind wir schweigsam, bis Simon plötzlich sagt: Das ist die Kirche. Obwohl es doch offen26sichtlich ist. – Und hier sehen Sie den Supermarkt, den Discounter, den Blumenladen. Hier sind die Pizzeria und der Panasiate, und das dort drüben, das ist der örtliche Kondomautomat. Ich muss lachen. – Ein Kondomautomat? Irgendwie retro, oder, sage ich. Und Simon: Gibt da auch Truckermuschis.
Vielleicht wäre das eine Story, sagt Simon. – Was jetzt genau? – Das Haus, ich meine, wie man ein Haus loswird. Wie man es ausräumt, der Verkauf. Dass heute doch alle Immobilien kaufen wollten, darüber gebe es Hunderte von Berichten, aber dass er noch keinen gelesen hätte darüber, wie jemand verkauft. – Das ist doch wirklich ein Problem, dass hier diese riesigen Burgen stehen, aber keiner weit und breit, der in ihnen leben will.
Wie auch, ohne Arbeit, sage ich. Und dass es doch ständig Berichte über das Sterben der Provinz gibt. Dieses Niedergangsnarrativ, schon tausendmal erzählt. Simon sagt, dass er es auch ein bisschen schade findet. – Was jetzt genau? – Dass das Haus verkauft ist.
Ob ich mitkommen wolle, hatte er gefragt. – Wir könnten es eine Landpartie nennen, unseren kleinen Ausflug. – Unter einer Bedingung: Ich darf darüber schreiben. – Und was? Dass ich das noch nicht wüsste, hatte ich geantwortet. Weil ich ja noch nie dort gewesen bin.
Simon hatte zugestimmt und ich uns ein Auto gemietet. – Weißt du, was ich am Autofahren so liebe? Dass die Landschaft an einem vorbeizieht, als wäre sie ein Film. In 27Shanghai sind die U-Bahn-Schächte voller Werbebilder, sodass sie im Vorbeifahren einen kurzen Film ergeben, und genauso fühlt es sich für mich jetzt an, die Landschaft ist ein Film, und ich bin ihr Zuschauer. Bloß kein Stillstand. Wird mein Körper durch die Landschaft gefahren, entspannt sich in mir alles, mein Nacken wird locker, meine Glieder auch, ich kann dann gut nachdenken und … – Simon, das Navi sagt, wir sind gleich da. – Stimmt.
Das Haus ist anders, als ich es mir vorgestellt habe.
– Wie hast du es dir denn vorgestellt? – Abgelegener, leerer, einsamer. In deinen Erzählungen klang es immer so, als wäre es das letzte Haus vor dem Waldrand. Tatsächlich reiht es sich nahtlos an das nächste, getrennt bloß durch einen kleinen Garten, wie ein Bild in seinem Rahmen. Die Fenster sind verschmiert. Die habe ich eingeseift, sagt Simon, damit man nicht hineinschauen kann. Er schließt die Tür auf.
In Filmen sind in leerstehenden Häusern immer alle Möbel mit Stoff verhängt. Hier aber steht alles offen: die Kommode, der Spiegel, der Sessel. Als lebte hier noch jemand, der bloß mal kurz weg ist. Und niemals lüftet. Hal-lo, rufe ich, um mich zu versichern. Hallo-o, sagt Simon, küsst mich, und dann: Hier ist die Küche, das Bad und das Wohnzimmer. Oben sind noch zwei Schlafzimmer, eins war mein Kinderzimmer. Dazu noch der Keller und der Dachboden. – Ganz schön dunkel hier. – Das sind die Tannen, die stehen zu nah am Haus. Und dass die Fenster so klein sind, hilft auch nicht, sage ich. 28– Ich muss dich etwas fragen! Ja, klar, sage ich und erwarte eine Gewissensfrage. – Wo wollen wir schlafen? In meinem Kinderzimmer oder im Schlafzimmer? Wo willst du denn schlafen, frage ich. Am liebsten im Wohnzimmer, sagt Simon. Weil ich dort noch nie geschlafen habe. – Gibt also doch Dinge, die du hier noch nie gemacht hast.
Wir holen eine Matratze aus dem Schlafzimmer, holen Decken und Kissen und bauen uns ein Schlaflager, eine Insel. Habt ihr das als Kinder auch so gebaut, fragt Simon. – Was? – Höhlen, aus Decken. Klar, sage ich. Und wenn wir mal Kinder haben, werden sie das auch machen. – Bist du sicher? Ich lösche das Licht.
Ob er hier arbeite, frage ich den jungen Mann. Er nickt. Groß ist er, muskulös, sieht gut aus. Seine Haare sind kurz geschnitten, er trägt ein weißes T-Shirt und Jeans. Dass ich Journalistin sei und auf der Suche nach jemandem, der mir etwas über den Schlachthof erzählt. – Wir nennen ihn die Fleischfabrik. Aber darüber sprechen, das dürfen wir nicht, sagt er. Ich sage, setz dich doch trotzdem, ich beiße nicht, und er setzt sich neben mich. Dass er seine Ausbildung noch in einer Metzgerei absolviert habe, sagt er, und dann erzählt er doch:
Du musst wissen, die Hose war weiß, das Hemd weiß, die Schirmmütze auch weiß, und die Schürze, so weiß, und manchmal glaube ich, meine Aufregung, die war auch weiß. Zuerst hat es der Meister noch einmal vorgemacht, hat dem Vieh den Apparat auf die Stirn gesetzt, ganz ru29hig sei es gewesen, habe nicht geblinzelt. Dann habe der Meister ihm den Apparat in die Hand gedrückt. Das Metall ganz kalt, habe er vorsichtig die Sicherung gelöst, sei nah an den Verschlag herangetreten und habe beide Arme über die dicken Stangen gehoben.
Als er das sagt, eine Zigarette im Mundwinkel, hebt er seine Arme und schaut mich an, als säßen er und ich nicht auf dem Spielplatz, eine zufällige Begegnung, sondern als wäre ich selbst das Vieh vor dem Schlachter und dies ein Schicksalsmoment.
Ich setze an, sagt er dann, und mir ist, als fühlte ich den Apparat direkt auf meiner Stirn. – Ich setze ab, schaue den Meister an, der mich, setze wieder an, atme ein und halte die Luft an, bis ich dann abdrücke. Dem Vieh sind die Säfte aus Mund und Nase geronnen, während es an den Hinterbeinen schon hochgezogen wurde, zu zweit haben wir das gemacht, und wie die Ruhe vor einem Sturm ist das, sagt er. Diese wenigen Tropfen vor dem Schwall, wenn du dem Vieh dann den Hals aufschneidest, stürzt das Blut dir entgegen, pumpt das Herz um die Wette mit dem Leben, aber du lässt ihm keine Chance, dem Tier, das Schlag um Schlag um Schlag sein Leben aufbraucht, der Körper bald nur mehr Kadaver, während du sein Blut schon in Rinnsalen mit dem Besen vor dir herschiebst. Wenn das Vieh dann gestorben ist, ist der Schlachtraum wieder weiß und sauber. Als hätte es diese Szene nie gegeben. Bis das nächste Tier kommt.
Mit spitzer Klinge habe er durch das Fett gesäbelt, das Fell abgelöst und mit einem Schieber ab damit in ein Loch 30im Boden des Schlachtraums, darin verschwinde alles, was man nicht essen könne. Dass aus dem Leder ein Autositz werden würde, ein Steuerungsknüppel, ein Gürtel oder ein Schuh, habe sein Meister gesagt, während der abgeschnittene Kopf, an einem Haken aufgezogen, über ihm gebaumelt habe. Als überwache das Vieh seine eigene Verwertung, so hat der Kopf genickt, als würde es sagen wollen, ich sehe schon, du musst es noch lernen, bis ich ihm schließlich die Augen rausgeschnitten habe, sagt der junge Mann, da war das Schauen dann vorbei. – Und wie heißt du? – Radu. Und du?
Als ich Simon beim Kaffee von Radu erzähle, sagt er nur: Du isst doch gar kein Fleisch. – Aber das ist doch trotzdem spannend! Dass vor mehr als hundert Jahren die Menschen in die Stadt kamen, um in die Fabriken zu gehen, dass sie das Dorf und die Landwirtschaft hinter sich lassen mussten, um in der Industrie ihr Geld zu verdienen. Und jetzt, hundert Jahre später? Da produziert die Industrie, was damals noch die...
| Erscheint lt. Verlag | 7.3.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Alzheimer • Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich 2022 • Arbeit • Arbeiter-Klasse • Arbeitsmigranten • Arbeitswelt • Arm • Armut • Autofiktion • Automatisierung • Bahnhofsmission • Bauer • Behinderung • cloud rap • crip • Debüt • Demenz • Deutschland • Disney • edition suhrkamp 2800 • engagierte Literatur • Eribon • Erntehelfer • ES 2800 • ES2800 • Europa • Flughafen • Gewalt • Globalisierung • Hörspiel • Jobs • Journalismus • Junge Literatur • Karriere • Karstadt • Kinder • Kindheit • Klassismus • Kurzgeschichten • kurzweilig • Landwirt • Landwirtschaft • Maschine • Nebenjobs • Nestroy-Preis 2024 • Neu • neues Buch • Obdachlos • Österreich • politisch • prekär • Prekariat • Prekarität • Proletariat • Rassismus • Robert Walser-Preis 2022 • Schlüsselkind • Schriftsteller • security • Sexarbeit • Sex Work • Sex Worker • Spielsucht • spielsüchtig • Sucht • Systemrelevant • Technik • Theater • Ungleichheit • Weinlese • witzig • Zwillinge |
| ISBN-10 | 3-518-77310-0 / 3518773100 |
| ISBN-13 | 978-3-518-77310-9 / 9783518773109 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich