Was die Großmutter erzählt (eBook)
258 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7557-2232-8 (ISBN)
Sechserlei besser
s war einmal ein armer Webergesell. Der hörte, als er auf der Wanderschaft war, von einem verwunschenen Schlosse.
„Wenn man das fände“, dachte er, „könnte man sein Glück machen.“
Der Tau glitzerte an dem grünen Gras, und die Lerche sang vom Himmel über Feld und Flur, und der Webergesell zog fröhlich seine Straße.
Da saß eine Itsche1 auf einem Steinblock am Wege, die war in aller Herrgottsfrühe im Wald gewesen, Kräuter zu sammeln, eine ganze Kiepe voll, und nun saß sie auf dem Steinblock und verschnaufte sich, und die Kiepe mit den Kräutern stand neben ihr.
„Guten Morgen, Itsche“, sagte der Webergesell, als er die Kröte sah, „das Ding da ist wohl ein bißchen sehr schwer. Wenn wir denselben Weg haben, könnt´ ich es Euch ein Stückelchen tragen.“
„Dank für die Hilf´, Webergesell“, sagte die Itsche, „ich komm´ schon allein zurecht.
Aber woher des Weges und wohin?“
„Auf Weg und Steg, der recht ist, bis ich Arbeit finde“, antwortete der Webergesell.
„Arbeit hätt´ ich schon für Euch, mehr als Ihr schaffen könnt“, sagte die Itsche.
Der Webergesell, der schon länger als sieben Wochen gewandert war, dachte: „Es ist Zeit, daß du von der Landstraße kommst“, und fragte, was es den bei ihr für einen ehrlichen Webergesellen zu tun gäbe.
„Sechserlei besser“, sagte die Itsche.
Davon hätte er in seinem Leben noch nichts gehört, meinte der Webergesell, was das wäre.
Das würde er zu rechter Zeit schon noch erfahren; vom vielen Fragen wäre sie nicht her, sagte die Itsche, hockte die Kiepe auf und machte sich auf den Weg nach Haus, und der Webergeselle ging neben ihr hin.
Der Weg führte durch Gestrüpp und über Steingeröll.
Und da sie eine Weile gewandert waren, stieß die Itsche mit ihrem langen Stab dreimal auf einen großen Felsblock, der ganz mit Moos bewachsen war.
Da tat sich mit einem Male ein großes Tor auf, sie gingen hindurch und kamen auf eine große Wiese. „Hier sind wir zu Hause“, sagte die Itsche. „Wenn es Euch paßt, könnt Ihr sogleich an die Arbeit gehen. Über den Lohn werden wir schon einig.
Wir sind am Flachsrösten. Dort ist der Teich.“
Der Webergesell dachte: „Da wollen wir sehen, daß der Flachs noch vor Abend ins Wasser kommt“ und ging stracks zum Teich hinaus.
Als er nun hinkam, war kein Wasser darin.
Aber ein baumlanger Kerl lag im Grase, guckte den blauen Himmel an und gähnte.
„Ist es nicht eine Verrücktheit“, sagte er, „nun soll ich Flachs rösten, und es ist kein Wasser im Teich, nicht ein Fingerhut voll.
Da ist es am besten, man rauft den Flachs erst gar nicht.“
Und aller Flachs stand auch wirklich noch auf dem Felde.
„Da will ich ihn raufen“, sagte der Webergesell, „es möchte über Nacht Regen geben, und dann könnte er doch gleich in den Teich in die Röste kommen.“
„Glaub´s nicht“, sagte der andere, drehte sich auf die andere Seite und gähnte weiter.
Der Webergesell aber ging wacker an die Arbeit, und als der Abend kam, war aller Flachs gerauft.
Weil nun aber der Flachs, ehe er in die Röste kommt, geriffelt werden muß, schaute sich der Webergesell am anderen Morgen nach einem Riffeleisen um und fand auch eins im Schuppen unter allerlei Gerümpel und Gerät.
Und nun zog er hurtig ritsch, ratsch den Flachs durch die langen Zähne des Riffeleisens, daß die Knoten lustig umhersprangen. Und als nun der Tag um war, da hatte er just die letzte Handvoll durchgezogen.
„Nun wäre zu wünschen, daß es regnete“, dachte er, „damit Wasser in den Teich kommt zur Röste“, und schlief ein.
Am nächsten Morgen war er schon draußen am Teich, ehe noch der Hahn zum erstenmal gekräht hatte, zu sehen, ob es geregnet hätte, und ob Wasser im Teich wäre; aber da war immer noch keins darin.
Aber der Tau glänzte auf dem grünen Grase, daß es eine Lust war, und der Webergesell dachte: „Wenn es nicht regnet, so können wir den Flachs ja auch in den Tau legen.“
Und er spreitete Bündel bei Bündel aus, in den nassen Tau.
Als er das letzte Bündelchen noch in der Hand hielt, kam die Itsche daher.
In nachtschlafender Zeit war sie mit ihrer Kiepe wieder im Walde gewesen, Kräuter zu sammeln, und wollte nun nach Hause gehen.
„Guten Morgen, Webergesell“, sagte sie zu ihm, „was macht Ihr da?“
„Ich röste den Flachs im Tau, weil kein Wasser im Teich ist“, sagte er und legte das letzte Bündelchen an den Boden.
Die Itsche nickte ihm zu und ging nach Hause.
In sieben Tagen war aller Flachs im Tau geröstet und lag auf der Spreite und war so schön weiß, wie er weißer nicht sein konnte.
Da schickte die Itsche den Webergesellen auf den Acker zum Kornschneiden.
Der Acker war aber so groß, daß sieben Mäher sieben Tage daran zu tun hatten.
Als er hinkam, lag der baumlange Kerl wieder da. Er hatte sich ins Gras am Ackerrain ausgestreckt, guckte den blauen Himmel an und gähnte.
„Den Acker soll ich mähen, und man kann noch nicht einmal sehen, wo er aufhört, und mit der Sense“, sagte er, „da fang´ ich lieber gar nicht an“, drehte sich auf die andere Seite und gähnte weiter.
„Wo kein Anfang ist, da ist auch kein Ende“, dachte unser Webergesell und nahm die Sense vom Boden auf.
Da war ihre Klinge rostig von oben bis unten und so stumpf, daß man keinen Halm damit schneiden konnte.
„Damit kann man den Acker nicht mähen, und wenn man mäht bis zum jüngsten Tage“, dachte er, setzte sich am Ackerrain nieder und dengelte die Sense, daß im Korn die Hasen die Ohren spitzten und die Rebhühner davonliefen.
„Jetzt ist´s Zeit, daß wir uns davonmachen“, sagten sie, „jetzt ist der Rechte da.“
Und es war der Rechte; denn als er die Sense noch einmal tüchtig gewetzt hatte, da schnitt er schnurr, schnurr ins reife Korn, daß es eine Lust war.
Kaum aber lagen die goldenen Schwaden am Boden, so waren zwei Bindeweiberchen da, und er wußte nicht, woher sie gekommen waren; die rafften das Korn auf und banden es auf Garben und hausteten es auf.
Und als am siebenten Tage die Sonne unterging, da fuhr der Wind über die Stoppeln, und alles Korn stand auf Hocken.
Wie nun der Webergesell, voller Freuden, daß die Arbeit getan war, die Sense noch einmal strich, da verschwanden die Bindeweiberchen mit einem Mal, so schnell, wie sie vor sieben Tagen gekommen waren.
Vom Wald aber hickelte die Itsche an ihrem Stocke daher.
„Guten Abend, Webergesell“, sagte sie, „morgen früh gibt’s Äpfel zu pflücken drüben im Wingert“, und hickelte weiter.
Als der Webergesell am nächsten Morgen in den Wingert kam, da stand ein Baum neben dem anderen, und es waren ihrer so viele, daß einem die Lust zum Zählen verging, wenn man sie nur ansah, und die Äste waren brechevoll, daß sie bis auf den Boden hingen.
Aber sie hatten Nadeln wie die Kiefer, und die Früchte, die an den Zweigen saßen, waren holzhart wie Tannenäpfel.
Unter dem ersten Baum aber lag der baumlange im Grase, guckte in den blauen Himmel und gähnte.
„Das scheint mir eine schöne Sorte Äpfel zu sein“, sagte er, „sie sind holzhart, daß man sich die Zähne daran ausbeißt.
Und an den nadeligen Blättern sticht man sich die Finger wund.
Da ist es besser, man läßt die Äpfel auf dem Baume sitzen und wartet, bis sie herunterfallen“, drehte sich auf die andere Seite und gähnte weiter.
Unser Webergesell hatte nun zwar auch keine hohe Meinung von den Äpfeln, aber er dachte: „Holzicht hin, holzicht her! Das ist deine Sache nicht. Du bist hergeschickt, die Äpfel zu pflücken!“
Und so ging er frisch ans Werk, und knicke, knacke war ein Korb nach dem anderen voll.
Am Abend aber standen so viele Körbe am Boden, daß man sie kaum zählen konnte. Die Äpfel aber, die darin lagen, waren mit einem Mal quittengelb und hatten rote Bäckelchen, daß jedem, der sie nur ansah, die Lust kam, hineinzubeißen.
Dann kamen viele kleine Hickelweiberchen, hickelten die Körbe auf den Rücken und trugen sie auf Boden und Speicher.
Und so ging es sieben ganze Tage.
Dann waren alle Bäume leer.
Und als nun der Webergesell eben dachte: „Was wird es nun morgen wohl für Arbeit geben?“, da hickelte die Itsche an ihrem Stocke daher; aber diesmal hatte sie die Kiepe leer auf dem Rücken.
„Guten Abend, Webergesell“, sagte sie, „ich denk, die Äpfel waren doch alle Astreif. Und wenn sie lagerreif sind, mögt Ihr Euch einen Korb voll...
| Erscheint lt. Verlag | 1.2.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| ISBN-10 | 3-7557-2232-1 / 3755722321 |
| ISBN-13 | 978-3-7557-2232-8 / 9783755722328 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 4,7 MB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich