Zauberland ist abgebrannt (eBook)
352 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7557-8832-4 (ISBN)
Kumud D. Schramm, geboren 1954, ist in Lünen/NRW aufgewachsen. Sie hat Sozialarbeit in Braunschweig studiert, war viele Jahre in der Erwachsenenbildung tätig, wurde Yogalehrerin und war einige Zeit in Indien. Sie gründete die erste Yogaschule in Frankfurt/M, bildete Yogalehrerinnen für den BDY aus und bietet bis heute als Yogalehrerin und Yogatherapeutin Kurse und Life Coachings an.
1
Aufgeregt und zittrig sitzt Yola mit einem flauen Magen in einem Flugzeug der Air India. Ihr Körper vibriert, stärker noch, als das Flugzeug bebt. Hat sie richtig entschieden? War es richtig alles aufzugeben? Die Freunde, die Freundinnen zu verlassen? Die Mutter zu enttäuschen und alleine zurück zu lassen?
Yola ist nicht auf dem Weg in den Urlaub.
Jolanda Gutwil verlässt heute am Donnerstag, den 12. Juli 1979 als Yola, alles, was ihr Leben bisher ausmacht. Yola nennt sich so, seit sie vor Jahren in Braunschweig studiert hat, wo sie bis gestern gelebt und gearbeitet hat. Die Mutter nennt sie mit ihrem westpreussischen Akzent „Jolchen“. Einfach grässlich, besonders, wenn die Mutter sie in der Öffentlichkeit so ruft. Yola hat schon vor Jahren die Schreibweise ihres Namens geändert in Yolanda. Das findet sie einfach interessanter, und ihre Freunde rufen sie Yola. Das klingt gut. Yola will ihr Leben endgültig neu starten, sie mag ihr altes Leben nicht mehr. So mutig kennt sie sich bisher nicht. Meist ist sie scheu und gehemmt und reagiert übersensibel auf eine mögliche Ablehnung. Sie ist ganz und gar nicht mutig. „Doch!“, empört sich eine Stimme in ihr, das stimmt so nicht. Im Grunde ist sie mutig. Da gibt es nur diese schreckliche Bremse in ihr, die sie zurückhält, sie zögern und verstummen lässt und dadurch die Umsetzung ihrer Träume aufschiebt. Wann und wie diese Bremse in sie hineinkam, weiß Yola nicht, nur, dass sie sie unfrei macht. Dieses Gefangensein kennt sie schon ihr ganzes Leben lang.
Und jetzt, heute, dieser unerhörte Schritt. Sie hat alles hingeschmissen und ist unterwegs in eine neue und sehnsuchtsvolle Zukunft, unterwegs in ein völlig unbekanntes Land. Indien! Sie ist auf dem Weg nach Bombay. Niemals hätte sie gedacht, dass sie in dieses Land reisen würde, denn Indien hat sie nie wirklich interessiert. Sie reiste bisher viel lieber mit einem Interrail-Ticket durch Europa. Einige ihrer Freunde zog es aber schon seit langem nach Rishikesh, dem geheimnisvollen Ort der Gurus und der Fakire, wohin auch Cat Stevens und Donovan gereist waren.
Für sie alle ist Indien ein Sehnsuchtsland. Aber Yola fühlt, seit sie denken kann, eine andere Sehnsucht, eine emotionale Sehnsucht nach unerschütterlicher Herzenswärme, danach, dass sich die Dinge endlich richtig und echt anfühlen, dass ihr Leben leicht werden möge und sie endlich jemanden hat, der sie wichtig nimmt und den sie alles fragen kann, der sie unterstützt und ihr hilft. All das vermisst sie in ihrem Leben, in ihrer Familie, mit ihren Freunden, einfach in allem. Das hat sie bisher nicht erlebt, und doch weiß sie ganz sicher, dass das existiert, irgendwo, sie muss es nur finden. Aber dafür nach Indien reisen?
Das kam ihr bisher nicht in den Sinn. Viel zu weit weg von… von was? Von zu Hause? Wo ist sie denn zu Hause? Dem Ort im Ruhrgebiet in der Nähe von Dortmund, an dem sie geboren wurde, und wo ihre Mutter noch heute lebt? Nein, sie ist froh, dem entkommen zu sein. Alles fühlte sich dort falsch an, schon immer. Der Erdboden des ganzen Ortes ist durch den Untertagekohleabbau zerlöchert wie ein Schweizer Käse. Immer wieder kommt es vor, dass Abbauschächte einstürzen und sich eine ansonsten flache Landschaft in eine unerwartet bergige verwandelt. Dann stehen die Häuser plötzlich störend schief da. Bizarr das Ganze. Außerdem sind überall hohe, schwarzgraue, die Seele bedrückende Kohlehalden zu sehen. Die Arbeit auf den Zechen bestimmt den Lebensrhythmus und dominiert das Lebensgefühl. Alles ist grau: ruhrgebietsgrau, kohlenpottgrau. Der Himmel ist meist rußiggrau, die Häuser innen und außen kohleofengrau, die Menschen oft trauriggrau, das Leben für viele mausbzw. taubengraublau. Nichts an dieser Gegend ist für Yola reizvoll. Dort geht es immer nur ums Überleben. Die Menschen waren nach dem Krieg auf der Flucht von überall her in diesen Schmelztiegel Ruhrgebiet gekommen. Entwurzelte, meist ohne Familie. Auch sie waren grau: Kriegsgrau und überlebensgrau. Im Ruhrpott gab es nur Arbeit in den Zechen. Nun tragen sie die Last der Halden auf ihren Schultern, den Druck der Erde auf ihrem Herzen und den Kohlenstaub in ihren Augen. In ihrer Freizeit treffen sie sich zum Süppeln einer Flasche Bier an der Klümpchenbude oder rücken in einer der vielen Kneipen wie in einem Wohnzimmer zusammen, um sich zu vergewissern, dass es ihnen nicht alleine schlecht geht. Nein! Das ist kein Zuhause für Yola.
Dort wollte sie auf keinen Fall bleiben. Sie wollte mehr. Da muss es mehr geben, als das.
Wie froh ist sie noch heute, dem durch den langerwarteten Studienplatz in Braunschweig entkommen zu sein. In Braunschweig begann endlich ihr Leben, zuerst in einer kleinen Wohnung, später in einer Wohngemeinschaft. Sie hat es genossen, zu studieren, in den Semesterferien zu reisen, im ersten Job als Sozialarbeiterin Bestätigung zu bekommen… Ach, es war eine gute Zeit für sie. Trotzdem meldeten sich in letzter Zeit immer öfter unerklärliche Missstimmungen und Unzufriedenheiten in ihr und eine stärker werdende, diffuse Sehnsucht. Irgendetwas fehlte, aber sie konnte nicht benennen, was das war.
Als sie das erste Mal von Bhagwan hörte, fühlte sie sich magisch angezogen von ihm und seiner psychophilosophischen Lehre, und von den unbekannten emotionalen Schwingungen. Die Leute, die ihm folgten, sahen anders aus, trugen grellorangene Kleidung und eine dicke Holzkette um den Hals. Es kümmerte sie nicht, was andere denken.
Das hat Yola beeindruckt. Sie begann regelmäßig zu den angebotenen „dynamischen Meditationen“ zu gehen, nahm an verschiedenen Seminaren teil, begann währenddessen sogar eine Ausbildung in Yoga und Rebirthing und tauchte ganz in diese spezielle Szene ein. Yola mochte deren Hype und fühlte sich so leicht wie nie zuvor. Trotzdem blieb da in ihr etwas offen. Irgendetwas war nicht wirklich rund. Alle drehten sich nur um sich selbst, und das reichte Yola nicht. Sie wollte etwas Sinnvolles tun, wollte mehr lernen, etwas bewirken und anderen Menschen helfen. Also besuchte sie weiterhin alle möglichen Fortbildungsseminare.
In einem davon lernte sie Prabhu Krishan Sharma kennen, der als spiritueller Meister und ayurvedischer Arzt im Programmheft angekündigt war. Sie kann sich bis heute nicht erklären, wie sie sich für ein Seminar in englischer Sprache anmelden konnte, wo sie selbst doch nur rudimentär bis gar nicht Englisch spricht. Und wieso hat sie Prabhu Krishan Sharma trotzdem sofort verstanden? Hat er gezaubert? Ja, er hat sie von Anfang an verzaubert. Für Yola war es Liebe auf den ersten Blick. Alles bisher Störende, Nicht-stimmige perlte von ihr ab wie Wasser von einer eingeölten, glitschigen Haut. Prabhu Krishan Sharma schaute Yola bei ihrer ersten Begegnung im Seminarraum direkt in die Augen, glitt mit seinen großen schokoladenbraunen Augen unter die Haut ihres Unerfülltseins, stärkte im selben Moment ihren Lebenstrotz und schuf in ihr eine sie seitdem schützende Ölschicht. Als Yola dann das erste Mal hörte, wie er ihren Namen aussprach, war es um sie vollends geschehen. Ihr war, als würde sie zum ersten Mal wirklich so gesehen, wie sie wirklich ist. Sie fühlte sich von ihm als Wesen akzeptiert und angenommen. Sie musste sich nicht verstellen, und wurde trotzdem von Prabhuji geliebt. Davon war sie plötzlich fest überzeugt: Prabhu Krishan Sharma liebt sie! Daran hält sie sich fest, ganz fest. Und Yola hat sich unsterblich in Prabhuji verliebt, wie er von allen genannt wird. In diesen indischen Adonis, mit seiner goldbraun schimmernden Haut, seinen dunkelglänzenden Haaren, die ihm bei jeder Bewegung ins Gesicht fallen, seinem lausbübisch verschmitzten Lächeln und seinen wissenden Augen. Sie wurde von ihm magisch angezogen. Jetzt also ist sie nicht auf dem Weg nach Indien. Nein! Sie ist auf dem Weg zu IHM, zu ihrem Guru Prabhuji. Im Seminar hat Prabhuji ihnen erläutert, was ein Guru ist: Ein Guru ist ein spiritueller Führer mit magischen Kräften und wird nach vedischer Tradition hochgeschätzt.
Er ist für seine Schüler*innen Eltern, Lehrmeister, Geliebter und Heiler zugleich. Das hat Yola sehr gefallen. So jemanden hatte sie herbeigesehnt. Prabhuji hat sie in einem persönlichen Gespräch eingeladen, ihm in seinen Arjuna Aschram zu folgen.
Yola fühlt sich noch jetzt ob der persönlichen Einladung geehrt. Deshalb ist sie jetzt unterwegs zu IHM ins Hochland nördlich von Puna. Sie würde ihm überallhin folgen. Sie will in seinem Aschram mitarbeiten, seine Meditationstechnik erlernen, Yoga intensiver studieren und in seiner Nähe sein.
Aber noch kann sie sich nicht so richtig freuen, denn die letzten vier Wochen waren schwer, geradezu horrormäßig. Niemals hätte sie sich vorstellen können wie anstrengend die endgültige Entscheidung und der Abschied sein würden. Sie hatte völlig unterschätzt, wie fordernd und erschöpfend der Abschied von der Mutter und ihren Freundinnen sein könnte. Die haben es ihr aber auch nicht leicht gemacht. Besonders Heike, ihre Arbeitskollegin und ehemalige Wohngemeinschaftsmitbewohnerin während des Studiums, hat Yolas Entscheidung aufs Schärfste...
| Erscheint lt. Verlag | 17.1.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| ISBN-10 | 3-7557-8832-2 / 3755788322 |
| ISBN-13 | 978-3-7557-8832-4 / 9783755788324 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 852 KB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich