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Den Drachen jagen -  Kerstin Herrnkind

Den Drachen jagen (eBook)

Die Geschichte meines verlorenen Bruders
eBook Download: EPUB
2022 | 1. Auflage
200 Seiten
Edition W (Verlag)
978-3-949671-51-7 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
16,99 inkl. MwSt
(CHF 16,60)
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Es ist spätabends, als es bei Kerstin Herrnkind an der Haustür klingelt. Zwei Polizisten stehen vor der Tür. Die Journalistin ahnt Schlimmes. Und richtig. Ihr Bruder Uwe ist tot aufgefunden worden. Gestorben an einem Mix aus Heroin, Alkohol und Medikamenten. Fast fünfundzwanzig Jahre war er drogensüchtig. Mutter, Schwester und Freunde haben alles versucht, um ihm zu helfen. Ihn aufgenommen, in der Therapie besucht, ihm Jobs besorgt und ihm doch immer wieder Geld gegeben, weil es nicht auszuhalten war, wie er litt, wenn er einen Affen schob. Nach seinem Tod bleibt eine große Traurigkeit über den verlorenen Bruder, den verlorenen Sohn, den verlorenen Freund. Im Trauerjahr schreibt seine Schwester, die nie über ihren Bruder schreiben wollte, ein Buch über den verlorenen Kampf. Lässt ihre Mutter erzählen, spricht mit Weggefährten und Leidensgenossen. Spürt den Ursachen seiner Sucht nach. Einer Kindheit auf dem Land, hinter gestärkten Gardinen, in einem Elternhaus, das jedes Jugendamt für ideal befunden hätte.

Kerstin Herrnkind wurde 1965 in Bremen geboren. Nach dem Studium volontierte sie bei der "Nordsee-Zeitung" und ging zur "taz". 1999 wechselte sie zum "Stern", wo sie seither als Reporterin arbeitet. Sie ist Autorin mehrerer Sachbücher und zweier Krimis. 2016 wurde sie mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. Kerstin Herrnkind wohnt in Lübeck und Hamburg.

Trauerfeier


Als der Wecker am nächsten Morgen um Viertel vor sechs klingelte, hatte ich nicht geschlafen, war nur, benebelt vom Rotwein, kurz weggedöst. Wie elend ich mich fühlte, kann ich nicht beschreiben. Irgendwie schaffte ich es aus dem Bett und unter die Dusche. Griff in den Kleiderschrank, fuhr ins Büro und wunderte mich, dass ich ankam.

Die Facebook-Nachricht war eine gute Idee gewesen. Ich musste niemandem erklären, warum ich so schlecht aussah. Meine Kolleginnen und Kollegen umarmten mich auf dem Flur oder im Fahrstuhl. Das Angebot meiner Ressortleiterin, zu Hause zu bleiben, schlug ich aus. Was sollte ich dort? Rotwein trinken und heulen?

In den nächsten Tagen funktionierte ich wie ein Roboter, ging zur Arbeit, versuchte, mich zu konzentrieren, doch immer war da dieser Schmerz in der Brust. Draußen war es düster, kalt und grau. Februar halt. Als Norddeutsche ist man Demut in Sachen Wetter gewohnt. Doch in den Tagen nach Uwes Tod setzte mir die Dunkelheit zu.

Meine Mutter hatte sich sofort auf den Weg nach Deutschland gemacht. Am Telefon erzählte sie mir, dass Uwe sie einen Tag vor seinem Geburtstag angerufen habe. »Ich wollte nur mal deine Stimme hören«, hatte er gelallt. Seltsam. An seinem Geburtstag erreichte sie ihn gegen Mittag, gratulierte ihm. »Ich knall mir jetzt einen. Und wenn’s vorbei ist, ist auch gut«, sagte er und lachte. Mein Mutter hielt es für einen schlechten Scherz. Jetzt, da Uwe tot war, bekamen seine Worte eine Bedeutung. Hatte er sich umgebracht?

Meine Mutter war zu durcheinander, um die Bestattung zu organisieren. Mir dagegen tat es gut, es lenkte mich ab.

Ich wollte eine kleine Trauerfeier für Uwe ausrichten. Pepsi, Uwes alter Schrauberkumpel, der vor Jahren mit mir den letzten Versuch unternommen hatte, ihm ein cleanes Leben zu ermöglichen, wollte sich von Uwe verabschieden. Er hatte meinen Facebook-Post gelesen und sich gemeldet. Miriam, die Sozialarbeiterin aus dem Obdachlosenheim, schrieb mir: »Wir sind alle sehr betroffen, da wir Uwe im Laufe der Jahre doch sehr ins Herz geschlossen haben. Sein üblicher Spruch zu mir: ›Gaar nischt loos‹, wird mir, glaub ich, immer in Erinnerung bleiben«.

Trotz der Vorbereitungen, die ich traf, konnte ich noch immer nicht begreifen, dass Uwe tot war, fühlte mich wie im Film, sah, wie er mir an der U-Bahn einen Handkuss zuwarf. Ich wollte, ja ich musste ihn noch ein letztes Mal sehen.

Im Internet suchte ich nach alternativen Bestattern. Mit Unbehagen dachte ich an die Trauerfeier meiner Großmutter Helene vor über 20 Jahren. Der Pfarrer nutzte die Beerdigung als Bühne für seine göttliche Botschaft, die niemand hören wollte. Seine Rede hatte nichts mit Helene zu tun. Sie war über 90 geworden, hatte zwei Weltkriege überlebt, früh geheiratet, nachdem ihre große Liebe, ein Taucher, ertrunken war. Sie bekam vier Kinder, von denen drei überlebten, putzte auf der Werft und anderswo. Ihr Leben war Kampf. Mit einem Ehemann, der sie schlug und das Geld versoff. Ein beengtes Frauenleben.

Vielleicht interessierte sie sich deshalb so für Politik, wählte SPD und nie eine andere Partei, bekam Bauchschmerzen, als ich geboren wurde, zeigte meine Geburt als »Putzfrau« beim Standesamt an, was mein Vater Jahre später mit einem schwarzen Edding vertuschte, weil er sich für den Beruf seiner Schwiegermutter schämte. Und verhindern wollte, dass ich als Enkelin einer Putzfrau Nachteile bekommen würde. Es war die Zeit, in der im Klassenbuch noch die Berufe der Väter notiert wurden.

Meine wunderbare Großmutter erzählte mir später vom Hunger und Todesangst im Luftschutzbunker. Dass es »nie wieder Krieg« geben dürfe, bleute sie mir ein, lange bevor ich wusste, wer Käthe Kollwitz war.

Kurz vor ihrem Tod hatte ich sie im Krankenhaus besucht. Da lag sie schon im Sterben, konnte nicht mehr sprechen, aber in ihren Augen lag eine seltsame, wissende Zuversicht. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich erkannte. Und mir sagen wollte: »Ich gehe jetzt, das ist in Ordnung. Mach’s gut.« Noch heute tröstet mich der Gedanke an diese letzte Begegnung.

Ihre Trauerfeier, ein paar Tage später, hatte dagegen nichts Tröstliches. Auch weil wir uns an ihre Anweisungen gehalten hatten. Keine Blumen. Die gehörten in die Erde. Und nur in die Vase, wenn sie abgeknickt waren. Diese Trauerfeier war so trist, obwohl überraschend viele Leute gekommen waren. Nur Uwe nicht, weil wir gerade mal wieder nicht wussten, wo er steckte, nicht mal eine Handynummer hatten. Vielleicht wäre er sogar gekommen; Helene hatte ihn mehrmals aufgenommen, als er in seiner Drogensucht nicht wusste, wohin. Bis sie ein Messer in seinem Zimmer gefunden und sich bald danach einen Platz im Altenheim gesucht hatte.

Ihre Urne wurde, weil sie es so gewollt hatte, anonym in einem Gräberfeld beigesetzt. Wenn ich mir vorstelle, wo sie liegen könnte, fällt mir die Zeile eines Gedichtes von Else Lasker-Schüler ein. »Seit du begraben liegst auf dem Hügel ist die Erde süß.« Sie wollte kein Aufhebens um sich machen. Das war es.

Ihre Trauerfeier hatte ich anderen überlassen. Bei Uwe wollte ich es besser machen.

»Lebensnah« – was für ein Name für ein Unternehmen, dessen Geschäftsmodell der Tod ist. Als ich die Seite anklickte, erinnerte ich mich an das Porträt über den Firmengründer in der »Süddeutschen Zeitung«, das ich vor einiger Zeit gelesen hatte. Eric Wrede war Musikmanager gewesen, bis er sich die Sinnfrage stellte und Bestatter wurde. Ein Anruf, eine Vollmacht per Mail, und ich musste mich um nichts mehr kümmern. Konnte es auch gar nicht. Der Schmerz war zum Nerv durchgedrungen. Uwe war tot. Mein kleiner Bruder. Ich würde ihn nie wieder sehen. Nie wieder mit ihm lachen. Würde ihn nicht mehr retten können. Es war zu spät.

Dass Uwe irgendwann an seiner Drogensucht sterben würde, hatten wir seit Jahren befürchtet, auch wenn es jetzt überraschend geschehen war und sehr weh tat.

»Bei BtM-Verdacht wird in Berlin grundsätzlich obduziert«, erklärte mir der Kripobeamte am Telefon nüchtern im Ton, wenn man überhaupt nüchtern berlinern kann.

Ich kaufte eine schwarze Jeans, einen schwarzen Hoodie, Wollsocken, ein T-Shirt und sogar Unterwäsche für Uwe.

In seinem Zimmer hatte Miriam außer ein paar Büchern »nichts wirklich Persönliches« gefunden. Auch den beigen Teddy nicht, den Uwe als Baby bekommen und ewig mit sich rumgeschleppt hatte. »Die Kleidung haben wir komplett entsorgen müssen. Da war nichts zu retten«, schrieb Miriam. Nichts Persönliches. Auch keine Fotos. Uwe hatte Bilder von sich im Heim herumgezeigt. Ein Foto, das ihn im Urlaub in Ungarn am Plattensee zeigte. Lange, bevor er drogensüchtig geworden war. Mit nacktem Oberkörper auf einem Tretboot, braungebrannt, das Haar bleich von der Sonne. Die Arme, muskulös von der Arbeit in der Werkstatt, lässig gekreuzt. Wo war dieses Bild, auf das Uwe so stolz war? Seltsam. Hatte er alles weggeworfen und sein Leben abgewickelt?

Als ich die Musik für die Trauerfeier aussuchte, verweinte ich einen Sonntagnachmittag. Früher, bevor er angefangen hatte, Drogen zu nehmen, war Uwe Sinatra-Fan gewesen. Anfang der 1990er Jahre war er mit seinem besten Freund Ingo zu einem der letzten Konzerte des Sängers gefahren. In dunkelblauem Anzug mit grüner Krawatte. Zu seinem Geburtstag hatte ich ihm mal eine CD mit Sinatras größten Hits geschenkt. Mir ist Sinatra zu schmalzig, aber der Text von I did it my way passt zu Uwes Leben. Ein Mann, der nicht alles richtig gemacht hat, aber seinen Weg gegangen ist. Sinatra nahm das Lied 1968 auf, das Jahr, in dem Uwe geboren wurde.

Unser Verhältnis war nicht immer so liebevoll gewesen wie an unserem letzten Abend. Vor Jahren war Uwe nach einem Entzug bei mir eingezogen. Es war nicht lange gut gegangen. Er wurde rückfällig, tauchte tagelang ab, hinterließ blutige Spritzen. Bis ich es nicht mehr aushielt und ihn rauswarf. Danach sahen wir uns kaum. Er rief nur noch an, wenn er Geld brauchte. Er den Tierarzt für seinen Husky Judy nicht bezahlen konnte. Wegen Schwarzfahrens im Gefängnis saß. Einen Anwalt brauchte, weil er beim Dealen erwischt worden war.

Einmal fanden Pepsi und ich ihn in seiner Wohnung. Sein Arm war dick wie ein Fußball. Vermutlich von einer verdreckten Spritze. Wir fuhren ihn ins Krankenhaus. »Das war knapp«, sagte der Arzt. Kaum war sein Arm abgeschwollen, legte Uwe wieder los.

Ich war ihn so leid gewesen, wollte nichts mehr von meinem kleinen Bruder wissen. Trotzdem konnte ich nie aufhören zu hoffen, dass er doch noch die Kurve kriegen würde.

Jetzt kamen mir Zweifel. Würde ich es schaffen, meinen toten Bruder anzusehen?

»Kann sein, dass ich zusammenbreche und Sie alleine weitermachen müssen, leider kann ich für nichts garantieren«, schrieb ich Birgit, der Bestatterin.

»Alles kann, nichts muss. Sie können mitmachen oder bei uns sein und zuschauen oder zwischendurch rausgehen – ganz wie Sie möchten. Sie schaffen das.«

Ich kaufte ein Tuch aus Samt, drei Meter lang, royalblau. Blau war Uwes Lieblingsfarbe. Das Tuch würde ich über seinen Sarg breiten. Und Teelichter draufstellen, die flackernd seinen Namen buchstabierten.

Meine Mutter war inzwischen in Deutschland. Ihr fehlte die Kraft für die Trauerfeier. »Ich würde am Sarg zusammenbrechen«, weinte sie ins Telefon. Sie wollte Uwes Asche mit nach Spanien nehmen und sie im Mittelmeer verstreuen, er war doch im Sternzeichen des Wassermanns geboren worden. Mir war es recht. Soll doch jeder trauern, wie er will.

Am Abend vor der Trauerfeier traf ich mich in Berlin mit Pepsi,...

Erscheint lt. Verlag 31.1.2022
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-949671-51-X / 394967151X
ISBN-13 978-3-949671-51-7 / 9783949671517
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