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Aus smarter Silbermöwensicht (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2022 | 1. Auflage
329 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7541-8271-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Aus smarter Silbermöwensicht -  Martina Kirbach
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Um nichts in der Welt möchte Anja ihre Empathiefähigkeit verlieren. Doch durch die Arbeitsverdichtung im Seniorenheim und die Intrigen einer Kollegin kann sie nur noch mühevoll ihre Stärken zum Wohle ihrer 'Schützlinge' einbringen. Nach einem Unfall ihrer Tochter spitzt sich die emotionale Lage der alleinerziehenden Mutter zu. Entscheidungen stehen an. Und welche Rolle spielen Seb und Herr Steger?

Studium der Anglistik/Romanistik in Berlin; reist viel und gerne, verheiratet, drei Kinder, unterrichtete viele Jahre Fremdsprachen an einem norddeutschen Gymnasium.

Studium der Anglistik/Romanistik in Berlin; reist viel und gerne, verheiratet, drei Kinder, unterrichtete viele Jahre Fremdsprachen an einem norddeutschen Gymnasium.

Schulpflicht


Anjas Dienst war fast zu Ende, als Marga auf sie zustürzte. »Du, es tut mir echt leid, dass ich dich heute Morgen so angepampt habe, aber bei mir geht‘s zuhause drunter und drüber.«

Anja konnte sich nicht so recht vorstellen, wie es bei Marga drunter und drüber gehen sollte, da sie kinderlos, alleinstehend und eine perfekt organisierte Frau war.

»Ist okay, vergiss es. Das kann jedem passieren, dass er mit dem falschen Bein aufsteht.«

Marga sah sie prüfend an. »Sag mal Anja, ich bekomme unerwarteten Besuch von meiner Schwester aus München, könnten wir morgen die Schichten tauschen? Wenn du meine Spätschicht übernimmst, kann ich mich besser um sie kümmern.«

Das war also der Grund für den plötzlichen Gesinnungswandel. Anja verkniff sich ein ›Ach, daher weht der Wind‹, schwieg und schaute Marga nur lange an. Ein wenig zu lange vielleicht, bevor sie sagte: »Meinetwegen« und ging.

Dieser Schichtwechsel passte ihr überhaupt nicht, weil sie sich fest vorgenommen hatte, Phillip mehr im Auge zu behalten. Verflixt, erneut hatte sie ihre eigenen Interessen hintangestellt. Oder war sie schlichtweg zu feige, ›Nein‹ zu sagen?

Auf dem Weg zum Auto kreuzte Emma ihren Weg.

»Sag mal, ist alles okay? Marga hat eben groß heraushängen lassen, wie unkooperativ du wieder seist. Was ist mit euch beiden?«

»Das frage ich mich auch«, sagte Anja, »denn ich habe soeben auf ihren Wunsch hin den Dienst morgen mit ihr getauscht. So viel zum Thema Kooperation und Solidarität.«

»Au Mann, das klingt nicht gut.«

»Finde ich auch, aber was soll‘s. Ich muss jetzt nach Hause.«

»Und, erhol‘ dich ein bisschen. Ich hoffe, du kannst abschalten.«

»Danke, ebenfalls.«

Im Auto hielt Anja für einen Augenblick inne. Lange Zeit war sie nachts schweißgebadet hochgeschreckt, zitternd mit dem Gefühl Jakob stünde vor oder – noch schlimmer – hinter ihr, kurz davor, sie anzubrüllen. Ein anderes Mal schien er sie aus der Ferne zu observieren – wie eine stumme Bedrohung. Diese Momente wurden erfreulicherweise seltener, dafür war es nun Marga, die eine dunkle Kraft in ihren Träumen verkörperte und einem erholsamen Tiefschlaf im Wege stand.

Wieder kreisten Anjas Gedanken um die Begegnung mit Marga. Sie hatte sich von dieser falschen Schlange breitschlagen lassen. Nicht nur ihre eigenen Interessen hatte sie zurückgestellt, nein, auch die ihrer Kinder, was viel unverzeihlicher war.

Fest nahm sie sich vor, sich in einer solchen Situation nie mehr überrumpeln zu lassen, und schon gar nicht von einer Frau wie ihr. Warum hatte es Marga, deren Einkommen als gelernte Altenpflegerin bedeutend höher war als ihrs, auf sie abgesehen? Sie hatte als ältere mehr Mitspracherechte bei der Dienstplangestaltung und überdies einen guten Draht zur Pflegedienstleitung. Anja wünschte sich, selbstbewusster auftreten zu können, sich anderen gegenüber besser zu behaupten. Nachdenklich fuhr sie nach Hause.

 

Dort angekommen, erwarteten Clara und Phillip sie wie immer im Treppenhaus. ›Es gibt nichts Schöneres als freudig begrüßt zu werden, wenn man heimkommt‹, durchfuhr sie der Gedanke. Und genau aus diesem Grund mochte sie nicht gleich nach den Hausaufgaben fragen, sondern setzte sich in die Küche, atmete durch und versuchte Nacken und Schultern zu entspannen.

Nach zehn Minuten kam Clara und erzählte von einem Gespräch mit der Klassenlehrerin.

»Meine Leistungen in Deutsch und Mathe liegen oberhalb des…. Ich glaube ‚Regelstandards‘ hat sie gesagt und sie würde mir raten, zum Gymnasium zu gehen. Soll ich das?«

»Na klar, und ich bin überzeugt, dass du es schaffst, wenn du so weitermachst. Ich bin stolz auf dich und werde dich unterstützen, so gut ich kann. Aber, arbeiten musst du alleine. Du weißt, ich muss die Brötchen verdienen.«

»Warst du auch auf dem Gymnasium?«

»Nur kurze Zeit.«

»Warum?«

»Nach meiner Grundschulzeit sind wir wegen Opas Arbeit oft umgezogen, und es ist mir jedes Mal schwerer gefallen, mich an eine neue Klasse zu gewöhnen. Es dauerte nicht lange und meine Noten gingen den Bach runter. Ich hatte in der Klasse keine Freundinnen und wurde zunehmend gleichgültig.«

»Ich freue mich über gute Noten.«

»Das kannst du auch und ich freue mich mit dir. Weißt du, ich bereue, damals so schnell aufgegeben zu haben.«

»Was hast du aufgegeben?« Phillip hatte sich von hinten in die Küche geschlichen und dem Gespräch der beiden gelauscht.

»Die Schule und alles.« Wie gerne hätte Anja vermieden, mit Phillip über ihre eigenen Schulerfahrungen zu reden. Sie erinnerte sich, dass ihre Mutter mehrmals gesagt hatte, dass Kinder punktgenau die Schwächen ihrer Eltern orteten. Und genau so würde Phillip sich nicht mit ausweichenden Antworten zufriedengeben.

»Die kann man so aufgeben, die Schule? Das will ich auch.«

»Nein, kann man nicht. Alle Kinder müssen zur Schule gehen, es gibt die Schulpflicht bei uns. Nur, ich habe irgendwann aufgehört, mich anzustrengen, und das war ganz, ganz dumm.«

Bloß das Thema wechseln!, dachte Anja und erkundigte sich bei Phillip, was bei ihm gerade in der Schule dran war. Zum Glück bemerkte er das Manöver seiner Mutter nicht, sondern antwortete wahrheitsgemäß.

»Wir üben für die nächste Rechtschreibkontrolle. Das ist langweilig und nervig. Frau Vittel gibt uns immer so viele Übungsblätter. Die sollen wir dann ganz schnell die schwierigen Wörter in die Lücken übertragen. Manchmal stehen die Worte an der Tafel, manchmal müssen wir sie aus der Erinnerung aufschreiben. Da komme ich am Ende nicht mehr mit.« Phillip stand mit verschränkten Armen und leicht eingezogenen Kopf in der Mitte des Raumes und blickte teils trotzig, teils kleinlaut seine Mutter an.

»So, so. Wann schreibt ihr diese Rechtschreibkontrolle?«

»Übermorgen.«

»Mist, dann bleibt uns nur heute zum Üben. Morgen habe ich nachmittags Dienst. Komm, zeig mir mal deine Sachen.«

Wenig begeistert stapfte Phillip in sein Zimmer, um sein Heft zu holen. Es dauerte mehr als zehn Minuten, bis er mit einem zusammengeknüllten Papier in der Hand erschien.

»Ist dies der Text, den ihr bis übermorgen können müsst?«

»Und hier ist die Liste. Und hier der Text, aber der ist blöd!«

»Wenn ihr später Aufsätze schreibt, kannst du dir eigene interessante Sachen ausdenken. Nur, jetzt bei diesem Test kommt es auf die Rechtschreibung an, das heißt, wie man etwas schreibt und nicht was.«

»Das ist echt langweilig! ›Marie geht mit ihrer Oma einkaufen‹«, zitierte er abfällig. »Wenn die wenigstens in den Zoo gehen würden oder auf Safari. Diesen Text hier«, er deutete mit einer abfälligen Handbewegung auf das Papier, »haben wir schon drei Mal in der Schule geschrieben.«

»Drei mal denselben?«

»Nö, der war jedes Mal etwas anders. Aber jetzt sollen Oliver, Sven und ich die schweren Wörter noch einmal abschreiben oder mit den Eltern üben. Nur wir drei! Das finde ich gemein!«, empörte sich Philipp und kniff die Augen zusammen.

»Das hat Frau Vittel wahrscheinlich gut gemeint, damit ihr das übermorgen alle schafft.«

»Nein, die will mich ärgern.«

»Sei froh, dass ihr genau wisst, was ihr üben müsst!«, mischte sich Clara ein. »Unsere Lehrer sagen nur ungefähr, was drankommt.« Phillip hatte nur ein verächtliches Schnauben für seine Schwester übrig.

»Komm Phillip, kümmere dich nicht um Clara. Hol Stift und Papier. Wir fangen erst mal an.«

»Manno, so was Blödes!«, seufzte er und ging auffallend langsam in sein Zimmer.

Es dauerte eine Zeit, bis sein Füller einsatzbereit war und das Papier richtig lag. Dann ging es tatsächlich los.

Anja begann, Phillip die Worte zu diktieren, war aber schon nach den ersten zehn über die vielen Fehler erschrocken. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, da Phillip sehr empfindlich auf Kritik reagieren konnte. Seine Schrift war krakelig und verkrampft. Anja beschloss, nach der Hälfte zu pausieren, um ihn bei der Stange zu halten. Aber schon bald ließ Phillip den Kopf auf die Tischplatte fallen.

»Das ist ätzend. Ich kann nicht mehr!«

Wir hätten viel früher anfangen müssen, dachte Anja. Und, war die Liste überhaupt vollständig? Der untere Teil des Arbeitsblattes war abgerissen. Aber Phillip war schon aufgesprungen und aus dem Zimmer gerannt.

»Ich schau mir das jetzt mal an und dann machen wir nach einer Pause weiter, okay Phillip?«, rief sie ihm hinterher.

Aber Phillips Zimmertür war bereits ins Schloss gefallen. Wenigstens hatte er sie nicht wütend zugeschmissen, fand Anja.

 

Seb betrat das gemeinsame Wohnzimmer und blickte Anja fragend an.

»Verflixte Rechtschreibung. Ich weiß gar nicht, wo ich dabei mit Phillip anfangen soll und übermorgen schreiben sie einen Test. Seine Mitschüler wissen das vermutlich schon seit zwei Wochen.«

»Zeig mal her«, sagte Seb und sah sich Phillips Worte an. »Oh, je, da müssen wir uns wirklich etwas einfallen lassen.«

»Bloß was? Ich habe Angst, dass er ganz dicht macht, wenn ich ihm hier alles rot verbessere oder anstreiche.«

»Dann nimm doch grün!«

»Ha ha.«

»Tut mir leid, kleiner Scherz… stimmt… war nicht gut.«

»Und jetzt?«

»Warte mal, ich hab ‘ne Idee«, flüsterte Seb und war mit dem Text in seinem Zimmer verschwunden.

Nach zehn Minuten war er wieder da und weihte Anja in seinen Plan ein. Wenig später saßen Seb und Phillip gemeinsam vor Sebs PC.

»Hör zu Phillip, ich habe hier deinen Text abgetippt. Du darfst jetzt 5-7...

Erscheint lt. Verlag 5.2.2022
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Alleinerziehende • Burnout • Erpressbarkeit • Frauenroman • Fremdbestimmung • Pflegenotstand • Resilienz • Selbstbestimmung • Selbstfindung • Sozialkritik
ISBN-10 3-7541-8271-4 / 3754182714
ISBN-13 978-3-7541-8271-0 / 9783754182710
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