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Der glückliche Sklave -  Heiner Borgmann,  Hanns Truckenmüller

Der glückliche Sklave (eBook)

Die Abenteuer des französischen Schiffsarztes Pierre de la Martinière mit Berichten von Versklavten und Befreiten bei den Barbaresken Korsaren
eBook Download: EPUB
2022 | 1. Auflage
208 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7557-0483-6 (ISBN)
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Das Mittelmeer wurde von den Barbaresken Korsaren über drei Jahrhunderte beherrscht und ausgebeutet. Die ersehnte Beute, natürlich neben den Handelsgütern der gekaperten Schiffe, war vor allem die menschliche Ware. Es waren unvorstellbar grausame Zeiten. Heute würden wir von Zivilisationsbrüchen sprechen, damals empfanden die Menschen es resigniert als unabwendbares Schicksal, als allgegenwärtige und unabänderliche Gefahr. Die langsamen und schwerbeladenen Handelsschiffe des christlichen Europas hatten kaum eine Chance auf Entkommen. Wurden sie gesichtet, war ihr Schicksal zumeist schon besiegelt: auf den Sklavenmärkten rund um das Mittelmeer war der Verkauf der menschlichen Ware ein gut etabliertes, grausames System. Frauen, Kinder, Männer, alle fanden nach ausgiebiger Musterung, zumeist nackt auf einem öffentlichen Platz, ihre Abnehmer. Das Elend der Versklavten war unvorstellbar und kaum zu beschreiben, in unserer heutigen Vorstellung sind diese Beschreibungen auch kaum zu ertragen. Gehalten wie die Tiere, der Willkür preisgegeben, konnte lediglich ein hoher Rang den Wert der Beute steigern, man hielt sie für alle Eventualitäten als Tauschgut geradeso am Leben. Ein paar wenige Berichte der glücklichen Überlebenden legen davon Zeugnis ab: Wer hatte das Glück, fliehen zu können? Wer das Glück, durch Weiterverkauf seine Freiheit wiederzuerlangen? Wer hat ihnen dabei geholfen, zum Teil mit dem Einsatz des eigenen Lebens? Durch die Wiedergabe und teilweise Übersetzung dieser Berichte in diesem Buch soll dieses schwarze Kapitel der Menschheit aus dem Vergessen hervorgeholt werden, um sich eingraben zu können in das kollektive Gedächtnis der Menschen: derer, die sich für die geschichtlichen Themen der Seefahrt interessieren, aber auch von denen, die nicht vergessen wollen, wozu der Mensch fähig ist. Das Thema erfährt heute neue Aktualität: wieder sind Menschen auf der Flucht, wieder werden sie wie Ware verschachert und entsprechend den Zielen derjenigen, die die Macht dazu haben, verschoben und ausgesperrt. Und wieder sind sie Druckmittel im Tausch gegen wirtschaftliche und geostrategische Interessen der Mächtigen. Dies sind die Zivilisationsbrüche der Moderne, die in ihrem Mangel an verbindlicher Ethik den Tragödien im Mittelmeer um nichts nachstehen.

Dr. Heiner Borgmann Jahrgang 1943. Seit dem zwölften Lebensjahr infiziert vom Segeln auf Binnengewässern. Während des Medizinstudiums begann das Hochseesegeln mit vielen Reisen im Mittelmeer. 1975 Transatlantik Überquerung. Danach verheiratet seit über 45 Jahren. Drei Kinder. Über dreißig Jahre in eigener Praxis als Facharzt für Orthopädie. Ab 1990 bis 2000 begann zweite Phase der Hochseesegelns mit Extremtörns: Südamerikanische Küste, mehrere Kap Hoorn Umrundungen, Rettungsaktion im Bereich der Süd-Shetland Inseln der Antarktis. Zweimonatiger Besuch aller subantarktischen Inseln von Neuseeland und Australien bis zur Scott Insel vor dem Packeis des Ross Meeres. Danach Aufenthalt vorwiegend in heimischen Gewässern. Langjährige Beschäftigung mit seegelhistorischen Expeditionen und Seefahrerberichten sowie das Sammeln von Erzählungen mit dem Schwerpunkt des mythologischen Aberglaubens der Seeleute.

Pierre Martin de la Martinière


(1634-1690)

P. M. de la Martinière lebte in einer Zeit der Kriege. Der Dreißigjährige Krieg beschäftigte die damaligen Herrscher mit Intrigen und Grausamkeiten und endete erst 1648, als Martinière 14 Jahre alt und noch in Gefangenschaft der nordafrikanischen Piraten war. Der Achtzigjährige Krieg zwischen den Niederlanden und Spanien endete im gleichen Jahr wie der Dreißigjährige Krieg. Doch der Krieg zwischen Frankreich und Spanien in der Zeitepoche zwischen 16351659 dauerte noch an. Während dieser Zeiten großer kriegerischer Auseinandersetzungen innerhalb von Europa lebte und arbeitete Martinière als Wund oder Schiffsarzt auf den Piratenschiffen und später nach seiner Gefangenschaft in den Krankenhäusern von Rom und Paris. Ein Jahr später, vermutlich 1660 veröffentlichte er seine alchemistische Streitschrift „Das Grab des Wahnsinns“, die sich mit der Erzeugung des „Steins der Weisen“ beschäftigte. Vermutlich auch im gleichen Jahr folgte die Veröffentlichung seiner abenteuerlichen Erlebnisse bei den nordafrikanischen Piraten, den Barbaresken-Korsaren.

Durch seine Gefangenschaft wurde er Zeitzeuge von Piratenüberfällen im Atlantik und Mittelmeer. Diese Seegebiete waren der Tummelplatz auf dem nicht nur sie, sondern auch die christlich geprägten Seenationen große Beute machten, Vermögen gewannen durch den florierenden Sklavenhandel oder auch ihr Leben in den vielen Seegefechten verlieren konnten. Die Seefahrt oder der Handel über See wie über Land war für alle ein gefährliches Unterfangen, welches durch egoistische Willkür und gnadenlose Herrschsucht beeinflusst wurde.

Vier Jahre – also bis zu einem Teenageralter von sechzehn Jahren - dauerte die Gefangenschaft des jungen Martinière. Bereits im Alter von 9 Jahren erlebte er die Grausamkeiten des Krieges an Land. Mit zwölf Jahren wurde er unfreiwillig Zeuge von grausamen Bestrafungs- und Hinrichtungsmethoden, die im Christentum und Islam aus übereinstimmender Überzeugung ausgeübt wurden:

Macht durch willkürliche Todesstrafen.

Warum er sich dennoch als einen glücklichen Sklaven während der vierjährigen Gefangenschaft bei den Piraten bezeichnete, davon berichtet diese erste deutsche Wiedergabe seiner Jugenderinnerungen. Folgen Sie seinen jugendlichen Spuren, auch wenn diese durch die fast 375 zurückliegenden Jahre in unserer heutigen Erinnerung deutlich verweht sind!

Flucht aus dem Elternhaus

Genauso wie ein Steuermann nicht durch den Grad seiner Steuermannskunst das Meer besänftigen, ein Gewitter besiegen noch die Wellen beherrschen kann, so tun die Väter und Mütter oft alles in ihrer Macht stehende, aber vergebens, ihren Kindern alles so zu richten, wie sie es wollen. Das ist in meinem Falle geschehen. Da ich bereits im Alter von neun Jahren den Vater verloren habe, verließ ich meine Mutter, ohne mich zu verabschieden. Ich nahm den Weg von Paris in Richtung Lyon, um von dort nach Savoyen zu gelangen, um Verwandte (mütterlicherseits) zu besuchen. So überließ ich mich dem Schicksal, welches es so wollte, dass ich, in dem ich über Cosne an der Loire reiste, in die Hände der Truppen eines Hauptmannes des Herrn Grafen d´Arcourt, einem Freund meines Vaters, geriet.

Henry de Lorraine

(1601-1666)

oder der Graf von Harcourt ist der jüngste Sohn des französischen Charles I. aus dem Haus Lothringen. Wegen seiner besonderen Tapferkeit erhielt er den Spitznamen „Cadet la Perle“, da er eine Perle im Ohr trug. In den Jahren 1627-1628 kämpfte er bevorzugt gegen die Protestanten in Frankreich. Im Deutsch-Französischen Krieg (1635-1659) besiegte er eine spanische Armee. 1640 belagerte er die Stadt Turin, die er nach drei Monaten endlich einnahm. Danach kämpfte er auf Sardinien und in Katalonien. 1645 wurde er zum Vizekönig von Katalonien ernannt.

Die ersten Abenteuer des glücklichen Sklaven und wie er sich in Lissabon nach Indien einschiffte

Eines Tages wurde ich aufgegriffen, als ich einem seiner Soldaten, einen Iren, mit einer Brandschere behandelte, welche sich wie ein Klappmesser schließt und die man in Paris für sechs Liard kaufen konnte (nach heutigem Wert ca. 1,00 €, wobei die damalige Kaufkraft dadurch nicht berücksichtigt wird). Der Hauptmann befahl daher seinem Feldscher, mir seine Kunst beizubringen, da er erkannt hatte, dass ich ein Geschick dafür hatte.

Während des Winters brachte er mir die Namen aller Körperteile, äußere wie innere, der Arterien und der Venen bei und setzte mich in Stand, alle Arten von Krankheiten zu behandeln, die mir auf dem Feldzug nach Katalonien begegneten. Dies hat er so gut hinbekommen, dass ich zum Ende des Kriegszuges einen spanischen Infanterie-Hauptmann, der nach einer Armverletzung - einer Bizeps Muskel Verletzung durch eine Pistolenkugel - gefangen genommen wurde, selbständig behandelt habe. Ich versorgte ihn als erster. Weil er Gefangener meines Hauptmanns war, nahm dieser ihn in seinem Zelt auf, wo er zwei Wochen blieb. Danach wurde er gegen einen Leutnant unseres Regimentes, den die Spanier gefangen genommen hatten, ausgetauscht.

Da ich ihn während dieser vierzehn Tage behandelt und geheilt hatte, brachte mir das im Folgejahr einen Vorteil ein. Man hatte mich mit vier- oder fünfhundert weiteren französischen Soldaten, die in der Schlacht von Lerida gefangen genommen wurden, in Tarragona in einen Turm geworfen. Der spanische Hauptmann erkannte mich wieder und veranlasste, dass ich in seine Garde kam. Er nahm mich mit nach Madrid, wo wir einen ganzen Monat verblieben, um dann nach Toledo weiter zu ziehen. Dort verbrachte er sechs Wochen. In dieser Zeit bat ich ihn um den Gefallen, mir einen Pass ausstellen zu lassen, mit dem ich nach Portugal reisen könne, um von dort mit einem Schiff nach Frankreich zu gelangen, was er mir versprach.

Noch am selben Tage erhielt er vom Gouverneur, was ich verlangt hatte und überreichte mir dreißig Geldstücke, die nach unserer Währung einem Wert von ungefähr achtzig Franc entsprachen. Da ich am nächsten Tag ein Schiff fand, das bereit war, nach Alcantara auszulaufen, begab ich mich an Bord. Ich verabschiedete mich von meinem Hauptmann und dankte ihm für die zahlreichen Gunstbezeugungen. Von Alcantara ging die Reise nach Lissabon, wo ich mich von Franzosen auf einem portugiesischen Schiff anheuern ließ, dass nach West-Indien auslaufen sollte. Auf diesem Schiff wurde ich als Chirurg (Schiffs- oder Wundarzt) angeheuert, da sie keinen hatten.

Einschiffung des glücklichen Sklaven auf einem portugiesischen Schiff und seine Gefangenschaft durch die Piraten von Salé

Nachdem ich beim Kapitän des portugiesischen Schiffes angeheuert hatte, brauchten wir ungefähr zwei Wochen, bis die ganze Ladung an Bord war. Ich ging mit den anderen an Bord, und nachdem gegen Mittag die Anker gelichtet wurden, verließen wir den Hafen.

Wir trieben vor einem günstigen Ostwind auf hoher See und nahmen Kurs nach Westen und segelten den restlichen Tag, die Nacht und den folgenden Tag durch vor stetigem Wind, der für uns sehr günstig war und bis zum Sonnenuntergang für gute Laune sorgte.

Die Schlacht von Lerida: Im Frühjahr 1643 erhielt Louis d'Enghien (so hieß er in jungen Jahren, später hieß er Louis II. de Bourbon oder Prince de Condé) den Befehl über die französische Arme an der Grenze zu den spanischen Niederlanden. Bereits seit 1635 befanden sich Frankreich und Spanien im sogenannten „Französisch-Spanischen Krieg“ (1635-1659) und zusätzlich kämpfte Frankreich gegen den habsburgischen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, der in den „Dreißigjährigen Krieg“ verstrickt war. Seine größten Erfolge erzielte er in den Schlachten von Rocroi (1643), Schlacht bei Freiburg im Breisgau (1644) und in der Schlacht bei Alerheim bei Nördlingen (1645).

Lerida ist eine Stadt im Westen von Katalonien. Sie ist die Hauptstadt der Provinz Lerida und liegt ca. 160 Kilometer südlich der Pyrenäen am Fluss Segre. Hier scheiterte der Condé erstmals, denn es gelang ihm 1647 nicht, die Stadt Lerida einzunehmen. - Ein Jahr später – 1648 – wurde der westfälische Frieden geschlossen und der dreißigjährige Krieg damit beendet.

Da schlug unsere Freude plötzlich in Angst um, als unser Steuermann in Richtung Nord-Ost – noch weit entfernt - eine Formation von sechs Schiffen entdeckte, die mit vollen Segeln auf uns zuliefen. Er erkannte am Aufbau ihrer Schiffe und daran, dass sie weder Flagge noch Wimpel zeigten, dass es Piraten von Salé waren.

Als unser Kapitän sah, dass wir ihre rasche Annäherung nicht verhindern konnten, entschloss er sich zu Verteidigung. Zu diesem Zweck ließen wir die Schaluppe zu Wasser, damit sie uns nicht auf dem Deck behinderte. Er sprach uns Mut zu, indem er uns erklärte, dass wir mit Tapferkeit kämpfen sollten, wenn wir nicht in die Sklaverei wollten. Dann ließ er uns beten und danach gab es für jeden von uns zwei Gläser besten Weins. An jede...

Erscheint lt. Verlag 11.1.2022
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-7557-0483-8 / 3755704838
ISBN-13 978-3-7557-0483-6 / 9783755704836
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