Totenglöckchen (eBook)
200 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7557-4715-4 (ISBN)
Esther Koch wurde 1969 in Mainz geboren und wuchs in Wiesbaden auf. Sie absolvierte ein Studium der Anglistik, der Vergleichenden Sprachwissenschaft und der Alten Geschichte in Mainz. Nach Zwischenstopps in Bayreuth und Rangsdorf zog sie 2010 mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen nach Waldshut-Tiengen. Sie ist Trainerin für allgemeines und technisches Englisch und seit 2014 Ortsvorsteherin von Detzeln. Ihr erster Roman - Das Erbe der Väter - erschien 2015 und in einer Zweitauflage bei BoD 2019.
Kapitel 1 – Tag
Ein Hustenanfall schüttelte den alten Totengräber, als er die letzte Sprosse der Leiter aus dem frischen Grab heraus erklommen und sich an dessen Rand niedergelassen hatte.
Er zog ein zerknittertes Stofftaschentuch aus der Tasche seines Kittels und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. Der Dezemberkälte zum Trotz schien die Sonne freundlich herab auf die Sorgen der Lebenden und auf die Gräber der Toten. Die wenigen Bäume auf dem Friedhof spendeten nur vereinzelte Winterschatten.
Mühsam erhob sich der alte Mann und streckte mit schmerzverzerrtem Gesicht den Rücken durch. Er weigerte sich immer noch beharrlich, einen Bagger für den Grabaushub zu verwenden. Neumodisches Zeug. Als ob die Toten es nicht verdienten, dass man sich die Mühe machte, ihre letzte Ruhestätte sorgfältig und mit ein bisschen Respekt vorzubereiten. Zumal sie ja nicht in einer Großstadt lebten, und Anatole so gut wie jeden, den er zur Ruhe bettete, persönlich gekannt hatte.
Er fühlte sich hier wohl, auf seinem Kleinstadtfriedhof. Wobei der Begriff Kleinstadt immer noch übertrieben war. Nicht einmal tausend Einwohner zählte der Ort. Lebende, wohl gemerkt.
Anatole versuchte, sich daran zu erinnern, wann er das erste Grab auf diesem Gottesacker ausgehoben hatte. War es bereits Jahrzehnte her? Oder doch tatsächlich gerade erst einmal ein Jahr? Und wessen Grab war das erste gewesen? Wessen Grab war SEIN erstes gewesen?
Anatole zog eine flache Metallflasche aus der eigens dafür eingenähten Innentasche seines Kittels. Er schraubte den Verschluss ab und nahm einen Schluck, so bedacht wie möglich, um keinen weiteren Hustenanfall zu riskieren. Dann blinzelte er ins Winterlicht und schloss für einen Augenblick die Augen, den Schritten lauschend, die sich ihm über den mit frischem Schnee überpuderten Kiesweg näherten.
„Mein guter alter Anatole!“
Der Totengräber musste grinsen. Der Geistliche, der über den schmalen Weg auf ihn zukam, war zwar durchaus jünger als er. Allerdings hatten ein paar familiäre Schicksalsschläge den Priester sichtlich altern lassen.
Der Wahnsinn schien in seiner Familie zu grassieren. Nachdem sein acht Jahre älterer Bruder, der ebenfalls Priester gewesen war, unvorstellbarerweise Selbstmord begangen hatte, war mittlerweile auch noch sein Neffe Markus, der Sohn seines jüngeren Bruders, unter schrecklichen Umständen in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden.
Ungeachtet all dessen bemühte sich Pfarrer Paul Ruga, den Lebensmut nicht zu verlieren. Nicht zuletzt, um weiterhin als Fels im Sturm für die Schäfchen seiner Gemeinde fungieren zu können, unter anderem eben auch für seinen langjährigen Nachbarn und Freund, der nun auch noch im wahrsten Sinn des Wortes die Drecksarbeit für ihn machte.
Solange Anatole sich zurück erinnern konnte, sahen sich die beiden täglich. Ob auf dem Friedhof oder bei einem gelegentlichen abendlichen Glas Wein beim Pater in der Stube und redeten über Gott und die Welt.
Ihm hatte Pfarrer Ruga als einzigem anvertraut, welche Zweifel an seiner Berufung ihn manches Mal heimsuchten. Sowohl zu Zeiten seines Aufenthaltes am Priesterseminar wie auch heute noch bei mancher Gelegenheit. Dann fragte er sich, ob die Entscheidung, das Priesteramt zu wählen, wirklich seine eigene gewesen war, ob sie wirklich aus ihm selbst heraus gewachsen war, oder ob er nur seinem großen Bruder nachstrebte, den er Zeit seines Lebens als Vorbild gesehen hatte.
Ebenso war Anatole der Einzige, der von Pauls Glaubenskrise wusste. Von dem Brief, den er an den Bischof geschrieben und um Laisierung gebeten hatte, um die Entlassung aus seinem geistlichen Dienst. Anatole war es gewesen, der ihn damals dazu überredet hatte, den Brief nicht abzuschicken. Gemeinsam hatten sie ihn in jener Nacht an der Flamme der Osterkerze entzündet und dann dabei zugesehen, wie er im Waschbecken der Sakristei zu Asche verbrannte.
‚Siehst du,‘ hatte Anatole damals zu Paul gesagt, ‚das Licht Jesu Christi ist stärker als jeder Zweifel.‘
Nicht einmal seinem Bruder Benedikt hatte Paul von alldem erzählt, aus Angst, ihn zu enttäuschen.
Seinem besten Freund und seinem Herrgott hatte er diese Gedanken anvertraut. Aber von Anatole hatte er wenigstens eine Antwort bekommen …
„Bist du schon wieder fleißig?“ fragte der Pfarrer. “Du wirst deine Kräfte später noch benötigen, mein Freund.“
„Ich weiß, Pater, aber wer rastet, der rostet.“ Anatole lachte. Ein erneuter Hustenanfall überfiel ihn.
„Mach doch langsam, mein Lieber.“ Der Geistliche legte eine Hand auf die Schulter des Totengräbers.
„Schon gut, schon gut.“ Anatole lächelte. „Aber es dauert ja jetzt nicht mehr lang.“
Pater Ruga nickte und klopfte Anatole ein paar Mal leicht auf den Rücken. „Glaubst du denn,“ der Geistliche zögerte kurz, „dass das mit deiner Nachfolge so funktioniert? Es ist etwas ungewöhnlich …“
Der Totengräber schüttelte den Kopf: „Mach dir deswegen keine Sorgen. Du hast recht, es wäre ungewöhnlich. Aber wir können es uns nicht immer aussuchen, an wem die Reihe ist. Allerdings habe ich in diesem Fall eine Idee. Möglicherweise überschreite ich damit eine Grenze, aber ich glaube, es ist die beste Lösung.“
„Nun, ich hoffe, du weißt, was du tust. Ich muss jetzt los. Die Beerdigung beginnt in zwanzig Minuten. Sehen wir uns zur Andacht heute Abend?“
Anatole lächelte und schüttelte den Kopf. „Es bleibt noch viel zu tun, Paul. Und wenn alles gelingt, wie ich es hoffe, dann sehen wir uns heute Abend nicht mehr. Das weißt du doch. Darf ich dich daher jetzt um einen kleinen Segen bitten?“
Paul seufzte. „Nun denn, alter Freund. Unser aller Zeit steht in des Allmächtigen Hand.“
Anatole schloss die Augen, senkte den Kopf und faltete die Hände. Pater Ruga legte seine Handflächen auf das Haupt seines Freundes und flüsterte: „Der Herr segne und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“
Während der letzten Worte hatte der Geistliche mit den Tränen kämpfen müssen. Er zog den alten Totengräber in eine herzliche Umarmung, die dieser erwiderte.
„Wir werden uns wiedersehen,“ flüsterte Paul. Dann ließ er von seinem Freund ab, drehte sich um und entfernte sich mit schnellen Schritten.
Anatole sah ihm ein paar Sekunden nach, dann nickte er und ließ sich auf ein Knie hinab, um die Leiter aus dem Grab zu ziehen. Ächzend hievte er das hölzerne Gestell über den Kiesweg und auf die Ladefläche seines klapprigen kleinen Transporters. Die Leiter, seine Schaufel, sein Transporter. Alles Relikte aus einer anderen Zeit. So wie Anatole selbst.
In einiger Entfernung hatte sich eine Handvoll Menschen eingefunden. Direkt an einem offenen Grab, das Anatole tags zuvor ausgehoben hatte, und über dem bereits der Sarg aus hellem Birkenholz auf einem Absenkautomaten bereitstand.
Anatole schnaubte leise. Noch mehr neumodisches Zeug. Aber die Beerdigungen wurden ja heutzutage von den verschiedenen Bestattungsunternehmen in den umliegenden Städten organisiert. Und je nach dem, ob die Angehörigen Sargträger hatten oder wünschten oder eben nicht, sah man immer öfter diese Dinger.
Und in diesem Fall hatten die Angehörigen, genauer gesagt, der Witwer, nicht einmal eine Trauerfeier in der kleinen Kirche unweit vom Friedhof gewünscht! Nun denn. Was ging es ihn an?
Anatole beobachtete ein Paar mittleren Alters, das in einigen Metern Entfernung damit beschäftigt war, die Tannengrünzweige auf einem Grab zu ordnen, letztes Herbstlaub zu entfernen und ein rotes Windlicht anzuzünden und zwischen den Zweigen zu platzieren.
Der Totengräber wusste, dass es sich bei diesem Grab um das des Vaters der Frau handelte, eines renommierten Professors.
Anatole wusste auch, dass dieses Paar, das gerade noch selbst mit der Grabpflege beschäftigt war, sich gleich zur sich bereits sammelnden Trauergemeinde hinzugesellen würde.
Die alte Frau hingegen, die nun auf das mit raschen Handbewegungen arbeitende Paar zuging, kannte Anatole nicht.
Die Frau verlangsamte ihre ohnehin unsicheren Schritte, als sie am Grab des Professors vorbeiging.
Das Paar unterbrach seine Arbeit nicht, aber beide blickten kurz auf, und die Drei tauschten einen Gruß aus. Ein kurzes Nicken, ein angedeutetes Lächeln.
Auch Anatole lächelte. Er wusste, wenn sich Menschen auf einem Friedhof begegneten, würden sie einander grüßen, selbst wenn sie sich nicht kannten. Alle, die sich an diesen Ort begaben, hatten etwas gemeinsam.
Die alte Frau war weitergegangen und hinter einer Hecke verschwunden.
Das Paar hatte seine Arbeit beendet und eilte nun auf die Trauergesellschaft zu.
Anatole sah, wie Pfarrer Ruga in schwarzer Soutane und violetter Stola nun vor den Sarg trat, mit beiden Händen sein...
| Erscheint lt. Verlag | 17.1.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| ISBN-10 | 3-7557-4715-4 / 3755747154 |
| ISBN-13 | 978-3-7557-4715-4 / 9783755747154 |
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