Der unsichtbare Thron
Leopold Federmair, geboren in Oberösterreich, studierte Germanistik, Publizistik und Geschichte an der Universität Salzburg. Er ist als Schriftsteller, Essayist, Kritiker und Übersetzer tätig (Übersetzungen aus dem Französischen, Spanischen und Italienischen, u. a. Werke von Michel Houellebecq, José Emilio Pacheco, Francis Ponge, Ricardo Piglia, Ryu Murakami, Juan Ramón Jiménez). 2012 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung. Seine Essays erscheinen regelmäßig in der Neuen Zürcher Zeitung und im Wiener Standard. Leopold Federmair lebt in Hiroshima, wo er an der Universität Deutsch unterrichtet.
DER AMERIKANER Den Amerikaner habe ich von der Straße aufgelesen. Und lese ihn immer noch auf. Denn er war dort verloren und brauchte eine Rast von seiner Verlorenheit. Vielleicht fühlte ich mich ihm verwandt. Fühle mich immer noch verwandt. Auf einer anderen, ferneren Bahn kam ich selbst aus Amerika. Für einen Augenblick berührten sich unsere Bahnen. DER UNSICHTARE THRON Ich fragte sie, wo ich hinschauen soll, zu ihr oder auf die Verkaufsstände. Im Zimmer im fünften Stock hatte ich lange einen Punkt an der Wand zwischen zwei Porträts fixiert, ehe ich dann vergaß, irgendwohin zu schauen. Hier auf dem Markt, wo sich alles bewegte, konnte ich diesen Trick nicht anwenden. „Schau, wohin du willst“, sagte die Photographin. Und nach einer Pause, sanfter, als fürchtete sie, mich verletzt zu haben: „Am besten, du schaust nach innen.“ Durch diese Antwort fühlte ich mich frei, mit meinem Blick einzelnen Gestalten in der Menge zu folgen, und ich bemerkte, daß viele von ihnen tatsächlich stehen blieben, einige drehten sich sogar nach mir um. Es war, als schwebte ich auf einem Thron. „Thron?“ sagte Leo überrascht. „Ja“, bestätigte seine Gefährtin. „Thron oder Sänfte, genauer gesagt. Kaum ist eine Kamera im Spiel, halten die Leute den Mann für wichtig. Sie bleiben stehen und fragen sich, wo sie ihn schon einmal gesehen haben. Dabei ist es der Photograph, der die Bedeutung schafft. Er schafft einen Raum um den Gegenstand und hebt ihn auf den unsichtbaren Thron. Ich brauche nicht einmal die Kamera zu zücken, allein durch meine Blicke schaffe ich den Raum, den niemand betritt außer mir selbst. Und ich hebe ihn wieder auf, wenn ich will.“
| Erscheinungsdatum | 19.05.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Maße | 140 x 210 mm |
| Themenwelt | Literatur ► Essays / Feuilleton |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Amerika • Erzählband • Japan • Jazz • Katzenmond • Kung Fu Fighting • Prosa-Porträts • Synchronisität • Tänzeln • Untergang • verdichtete Biographien • Zufallsbekanntschaften |
| ISBN-10 | 3-96258-105-7 / 3962581057 |
| ISBN-13 | 978-3-96258-105-3 / 9783962581053 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
aus dem Bereich