Humbug über Xenosol (eBook)
192 Seiten
Hybrid Verlag
978-3-96741-145-4 (ISBN)
Tino Falke wurde 1988 in Rostock geboren, hat in Freiburg 'Neuere Deutsche Literatur, Kultur, Medien' studiert und lebt inzwischen in Hamburg, wo er im Korrektorat/Lektorat arbeitet. Nach dem Comiczeichnen in seiner Jugend fand er zum Schreiben. Entstanden sind seitdem Kurzgeschichten und Romane in vielen verschiedenen Genres - von Fantasy und Science-Fiction über Solar- und Steampunk bis Abenteuer und Horror, mit ein bisschen Slam Poetry, Romance und Ausflügen in der Nichtphantastik.
Tino Falke wurde 1988 in Rostock geboren, hat in Freiburg „Neuere Deutsche Literatur, Kultur, Medien“ studiert und lebt inzwischen in Hamburg, wo er im Korrektorat/Lektorat arbeitet. Nach dem Comiczeichnen in seiner Jugend fand er zum Schreiben. Entstanden sind seitdem Kurzgeschichten und Romane in vielen verschiedenen Genres – von Fantasy und Science-Fiction über Solar- und Steampunk bis Abenteuer und Horror, mit ein bisschen Slam Poetry, Romance und Ausflügen in der Nichtphantastik.
- Schnee im All
Ebaneez Scrooge hatte viel gesehen in seinem Leben. Er hatte die Invasion der Chromfüßler miterlebt, die nach Jahren des Krieges zur kompletten Zerstörung seiner Heimatkolonie geführt hatte. Er war dabei gewesen, als Ma-Læ, sein Ma-Læ, zum jüngsten Kommandanten in der Geschichte der Trans-Nebula-Allianz ernannt worden war. Er hatte Sterne gesehen, die kollabiert und in strahlenden Supernovas explodiert waren, und Monde, die sich dem Gravitationsfeld ihres Planeten zu sehr genähert und beim Einschlag auf der Oberfläche alles Leben dort ausgelöscht hatten. Doch was Scrooge noch nie zuvor gesehen hatte, war Schnee im Weltraum.
Er hatte überhaupt seit seiner Kindheit keinen Schnee gesehen. Auf dem Planeten, auf dem er aufgewachsen war, hatte es aber noch Winter gegeben. Einmal im Jahr schneite es, manchmal nur tagelang, manchmal ein paar Wochen, und einmal war es so kalt geworden, dass die Gelenke aller Biped-Bots der Kolonie eingefroren waren, deren Update-Arkaden im Freien standen. Sogar die Schule fiel aus, weil auch die Kinder mithelfen sollten, die Roboter wieder aufzutauen. Wie lange war das nun her? 50 Jahre, 60? Lange genug, dass der Anblick wieder den Zauber bekommen konnte, den Gewohnheit ihm sonst genau so genommen hätte wie bei all den technischen Errungenschaften, die Scrooge einst zum Staunen gebracht hatten. Heute machten sie seinen Alltag aus. Niemand auf der Humbug wunderte sich noch über sprechende Algorithmen und Hologramme. Aber es stand außer Frage, dass der Schnee in diesem Moment von mehr als nur einem Fenster aus beobachtet wurde.
Inzwischen war Scrooge selbst lange genug Kommandant, dass er sich kindliches Staunen nicht mehr leisten durfte. Trotzdem konnte er den Blick nicht abwenden — er war auch nur ein Mensch. Er sah an seiner Spiegelung vorbei, dem weißen Haar, der hellen Haut, den Abzeichen. Das Fenster seiner Kabine zeigte die endlose Fremde mit all ihren Sternen und direkt vor dem Glas unzählige Schneeflocken, tanzend im Vakuum, unbekümmert und vielleicht unendlich lang, denn wenn das All eines war, dann kalt. Scrooge versuchte, seine Uniform weiter zuzuknöpfen, doch fand bereits alle Knöpfe verschlossen. Er fror eigentlich immer auf der Station.
So hypnotisierend das ungewohnte Schneetreiben auch war, Scrooge kam nicht umhin, sich über den Grund dafür zu ärgern. Schon seit mehreren Tagen waren alle Reproduktoren defekt. Statt die gewünschten Speisen zu produzieren, spuckten die Wandterminals nichts als gefrorenes Wasser aus. In allen Korridoren und auf den GastroDecks häuften sich riesige Hügel aus Eis, und natürlich sollte es nicht dazu kommen, dass die weißen Landschaften schmolzen und die Crew durch knöcheltiefes Eiswasser waten musste. Also ließ Scrooge PortalPanels montieren, ein In-Panel vor jeden Reproduktor, die dazugehörigen Out-Panels an die Außenhülle der Station — manche so klein wie ein Schreibdisplay, andere so hoch und breit wie eine Tür. Bis Crewmitglieder vom TechDeck herausgefunden hätten, wie der Defekt zu beheben wäre, wurde das unablässig produzierte Eis pulverisiert und direkt ins All hinausgeschickt. Und dort tanzte es.
Für einen Moment fragte sich Scrooge, ob die Flocken es wohl bis in die Atmosphäre des Planeten unter ihnen schaffen konnten, da klopfte es an der Tür. Der Kommandant strich seine Uniform glatt, dann ließ er die verspätete Besucherin in sein Büro.
»Offene Hände«, zitierte Schwester Fana ihre übliche Begrüßung.
»Offene Herzen«, murmelte Scrooge die Standardantwort auf die Grußformel der Kultistin.
»Aber weiter verschlossene Türen, wie ich sehe«, sagte sie und setzte sich in einen der Sessel vor Scrooges Schreibtisch.
Die Bræga trug eine purpurne Robe, die den gesamten Rücken und die Arme frei ließ, damit keine ihrer Tätowierungen verdeckt war. Ihre für ihr Volk typische gelbe Haut war über und über mit filigranen roten Linien und Mustern bedeckt, mit rituellen Schriftzeichen und heiligen Symbolen. Fanas Kopf war halb geschoren, um Platz für weitere Ornamente zu machen, das lange Haar auf der anderen Schädelhälfte war mehreren Kulturen gewidmet, die ihren Glauben in besonderen Filz- oder Flechtstilen ausdrückten. Sie faltete die Hände und lächelte ihren Kommandanten an.
»Weißt du, dass die Crew manchmal wettet, wie lange es dauert, bis sie dich mal wieder zu Gesicht bekommt? Es wäre vielleicht gut für die Moral auf der Station, wenn du dich hin und wieder unter die Arbeitenden mischst, statt dich immer nur in deinem Büro zu verschanzen.«
»Meine Tür ist verschlossen, damit mich keiner stört.« Scrooge blickte wieder aus dem Fenster. Das Schmunzeln auf Fanas Gesicht erkannte er auch aus dem Klang ihrer Stimme, er musste sie dafür nicht ansehen. »Und in meinem Büro bin ich, um zu arbeiten. Etwas, was die Crew vielleicht auch tun sollte, statt unsinnige Wetten über ihren Vorgesetzten abzuschließen.«
»Niemand an Bord lehnt sich tatenlos zurück, keine Sorge. Dass die Besatzung zwischendurch Spaß hat, bedeutet nicht, dass sie ihre Aufgaben vernachlässigt.«
Scrooge wandte sich vom Fenster ab und setzte sich Schwester Fana gegenüber. Die Bræga war seine älteste Vertraute auf der Station. Einst war sie seine Lehrerin gewesen, viele Jahre später hatte er sie auf die Humbug geholt, um ihre Dienste als spirituelle Expertin in Anspruch zu nehmen. Fana hatte jahrzehntelang die Religionen und Weltanschauungen des bekannten Universums studiert und es zur angesehensten Kultistin der ganzen Allianz geschafft. Sie hatte sich ihrer Profession wortwörtlich mit Leib und Seele verschrieben.
Sein Blick wanderte über die Bilder auf ihrer Haut, über all die Segenssprüche und Beschwörungstexte, die stets offen lagen. Wer von Brægon stammte, hatte eindeutig kein Problem mit Kälte. In der Tat strahlte Fana sogar immer eine gewisse Wärme aus.
»Ich vermute«, fuhr Scrooge fort, »du bist nicht nur hergekommen, um mir mitzuteilen, was die Crew hinter meinem Rücken über mich erzählt?«
»Ich bin hier, um dich zu der Feier heute Abend einzuladen!«
Scrooge stöhnte auf. Jetzt fing auch Fana noch damit an.
»Reicht es nicht, dass ich ein paar Dutzend Einladungen von f(red) abgelehnt habe? Ich habe keine Zeit zum Feiern. Ganz abgesehen davon, dass ich nur aus Höflichkeit gefragt wurde. Niemand will seinen Kommandanten um sich haben, wenn ausgelassen getanzt und getrunken wird.«
»Du unterschätzt deine Crew.«
»Was ist denn überhaupt der Anlass?«
Fana musste lachen.
»Mit der richtigen Weltsicht gibt es immer was zu feiern. Und gerade zum Jahresende kommen in vielen Kulturen Freundeskreise oder Familien zusammen. Die Ni’moni feiern Cha’mena, die kitaurischen Luxlaufenden begehen das Aurorum, die XKT38/b feiern polyload, die Brægai das Wallen des Mondmeeres unter den sieben neuen Winden — ich könnte dir stundenlang weitere aufzählen. Auch auf der Menschenwelt Erde soll es solche Feste gegeben haben.«
Scrooge schnaubte verächtlich. Was kümmerte ihn ein Planet, auf dem Generationen zuvor Verwandte von ihm gelebt hatten? Doch die Schwester ließ sich nicht beirren. Mit einem Strahlen in den Augen beugte sie sich vor.
»Vielleicht hat deine Familie Ōmisoka gefeiert, den letzten Tag des Jahres, oder das Lichterfest Chanukka. Es gab das Julfest und Kwanzaa und Pancha Ganapati, und in vielen Regionen war Weihnachten sehr beliebt.«
»Als würde mir auch nur einer dieser Namen irgendwas bedeuten!« Scrooge erhob sich wieder. Sein Büro bot nicht viel Platz zwischen dem Tisch und den altmodischen Schränken für Papiere an der Wand, doch trotzdem schritt er energisch auf und ab.
»Nein danke, sage ich dazu. Ein Jahr endet, oder ein Rotationszyklus, die Leute tauschen einen Kalender durch den nächsten aus, und alle müssen dasselbe leisten wie am Tag zuvor. Ich wüsste nicht, wieso man sich ganze Tage frei nehmen sollte, nur weil regelmäßig die Konstellationen irgendwelcher Sterne oder Positionen von Planeten variieren.«
»Weißt du«, sagte Fana, stützte sich auf dem Tisch ab und legte eine schmale Hand an ihre Wange, »auf der Station läuft alles in perfekter Routine ab. Sie wird nicht eingehen, wenn du dich mal einen Tag nicht um sie kümmerst.«
Ihr Blick fiel auf die verstreuten Dokumente auf dem Schreibtisch — echtes Papier, das Scrooge mit farbiger Tinte beschriftete, statt wie alle anderen auf Displays zu schreiben. »Außerdem kann vieles, was du dir aufbürdest, genauso gut von Bots erledigt werden. Manches sogar schneller, nehme ich an. Sind das hier Budgetrechnungen für das Labor? Kalkulierst du die immer noch von Hand?«
Mit einem Satz war Scrooge wieder am Tisch, hastig sammelte er die Papiere zusammen.
»Solange ich dazu in der Lage bin, meine Arbeit selbst zu machen, wird keine Maschine mich ersetzen!« Er funkelte Fana finster an. »Und selbst, wenn sie uns irgendwann in allen Bereichen überlegen sind — wohin soll das denn führen? Heute übernehmen sie die Buchhaltung, morgen bestimmen sie über unsere Rationen und die Truppenführung, und übermorgen wird gar kein humanoider Kommandant mehr gebraucht!«
»Dann könntest du dich zur Ruhe setzen.« Sie zog die Augenbrauen hoch und verschränkte die Arme. »Verdientermaßen.«
Wortlos sortierte Scrooge die Papiere in die antiken Aktenschränke. Nur aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass Fana den Blick auf die Tischplatte senkte. Sie seufzte.
»Ich glaube, wenn den Bots nicht von Anfang an...
| Erscheint lt. Verlag | 3.12.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Entführung • Humbug • Notruf • Raumstation • Schnee • scrooge • Space Opera • Vergangenheit • Weihnachten • Xenosol • Zeitreise |
| ISBN-10 | 3-96741-145-1 / 3967411451 |
| ISBN-13 | 978-3-96741-145-4 / 9783967411454 |
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