Er/Ich währt am längsten (eBook)
100 Seiten
tolino media (Verlag)
978-3-7546-2093-9 (ISBN)
Seit 2020 hat Thomas Röpke einen Reiseführer, eine Historische Abhandlung und drei Theaterstücke publiziert. Sicheren Quellen zufolge sind weitere Romane und andere Schriftstücke schon abgefasst oder in seinem Kopf geschrieben und warten lediglich auf ein großartiges Lektorat. Bis dahin gilt, dieses erste belletristische Meisterstück an Verwirrung und Zeitebenenverschiebung zu genießen und die Wartezeit damit bis zur nächsten großen Überraschung aus Röpkes elektronischer Feder zu verkürzen.
Seit 2020 hat Thomas Röpke einen Reiseführer, eine Historische Abhandlung und drei Theaterstücke publiziert. Sicheren Quellen zufolge sind weitere Romane und andere Schriftstücke schon abgefasst oder in seinem Kopf geschrieben und warten lediglich auf ein großartiges Lektorat. Bis dahin gilt, dieses erste belletristische Meisterstück an Verwirrung und Zeitebenenverschiebung zu genießen und die Wartezeit damit bis zur nächsten großen Überraschung aus Röpkes elektronischer Feder zu verkürzen.
Kapitel 2
Mit 14 Jahren konnte man kaum mehr vom kleinen Peter sprechen. Immerhin war er nun schon eins neunzig groß und wäre ein ausgezeichneter sowjetischer Basketballspieler oder Boxer geworden, wenn er in der Sowjetunion bei seinem Vater großgeworden wäre. Das heißt, falls man ihn entdeckt hätte, dort in Magnitogorsk, wo sein Vater lebte. In der DDR war Profisport zwar auch Chefsache auf staatlicher Ebene, aber zwei Meter große, muskulöse Leistungssportler waren dort vor allem weiblich. Aufgrund dieser geschlechterspezifischen Ungerechtigkeit blieb Peter nur die Karriere eines halbkriminellen Samizdatautors oder eines aufrichtigen, ehrbaren und gesellschaftlich vollständig akzeptierten Politikers. Es hätte ihn ja weitaus schlimmer treffen können. Von allen möglichen Lebenswegen, die sich aus der intensiven Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ergaben, hatte er das große Los gezogen.
Was an Peter Schmonkewitz durchaus faszinierend war, war seine Weigerung, sich dem Genörgel der Leute anzuschließen. Der junge Peter sei ein unheilbarer Optimist, befanden viele. Ironischerweise trug ja bereits die Zuschreibung unheilbar eine furchtbar pessimistische Herangehensweise an seine Tatkraft, sein Engagement und seinen Idealismus in sich. Tatsächlich war es aber so, dass Peter Schmonkewitz wie kein anderer die Konzeption, die Theorie und das Verständnis um den planmäßigen Aufbau des Sozialismus, welche er von allen Seiten beigebracht bekam, geradezu in sich aufsog. Peter spürte zwar tief in sich, dass seine Lehrer, Mentoren, die Repräsentanten der Arbeiterklasse und der gesellschaftlichen Kräfte, einschließlich vieler Mitglieder der Partei und der anderen Organisationen, eine sehr halbherzige, wenn nicht sogar zynische Herangehensweise an die große Mission des werktätigen Volkes hatten. Seine Überzeugung von der Richtigkeit der Freisetzung der schöpferischen Kräfte des Kollektivs, sein Glaube an die Werte des Marxismus-Leninismus und seine Einsichten in deren wissenschaftlichen, ja vereinzelt fast schon semi-esoterischen Hintergrund waren so tief und ruhten auf so unerschütterlichen Fundamenten, dass es ihm schlicht egal war, für wie unrealistisch die anderen Menschen den Realexistierenden hielten. Er war beseelt von der stetigen Verbesserung des Menschen durch den Menschen und die flächendeckende, ewige Befreiung des Menschen vom menschengemachten Joch des Imperialismus.
Wegen dieser jugendlichen Frische und Unaufhaltsamkeit belächelten ihn viele. Sogar einige Lehrer waren der Meinung, dass dieser Schmonkewitz-Junge nicht mehr alle Latten am Zaun habe. Das Leben, das würde ihm ja noch zeigen, wohin das alles führe. Er müsse vom Leben nur noch ein paar Schläge bekommen, dann sei er schon noch kuriert, befanden sie in fast einmütiger Übereinstimmung ihrer schallenden und gehässigen Unkenrufe.
Im FDJ-Rat seiner Klasse fand Peter Schmonkewitz tatsächlich die Klassen- und Waffenbrüder, die er sich immer erträumt hatte. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft, die allen Widrigkeiten trotzte. Sie halfen sich gegenseitig bei allen Problemen und standen auch ihren Mitschülern jederzeit mit vollem Einsatz bei, sobald jene mit ihren Problemen, Sorgen und Nöten zu ihnen kamen.
Eine besonders enge Beziehung ging Peter Schmonkewitz mit seiner Stellvertreterin Gabi Dittrich ein. Peter und Gabi verstanden sich auf Anhieb richtig gut. Sie hatten viele gemeinsame Interessen, allen voran die leidenschaftliche und in vielen schlagworthaltigen Reden bei Schulveranstaltungen jedweder Art manifestierte Hinwendung zum werktätigen Kollektiv. Wirklich funkte es zwischen Gabi und Peter bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Patenbrigade Völkerfreundschaft bei den veb-Barkaswerken. Die Patenbrigade der Klasse gab eine Feier, da sie die Auszeichnung Kollektiv der Sozialistischen Arbeit erhalten hatte. Peter Schmonkewitz und Gabi Dittrich trugen zu diesem feierlichen Anlass einige flammende Redebeiträge vor, die ihr Ghostwriter László Kertész mit seinem unübertrefflichen Sinn für Lyrik und Prosa des sozialistischen Realismus vorbereitet hatte. Allen voran das Gedicht Weiter auf Lenins Wegen, das Gabi rezitierte, erntete nachhaltigen Beifall vonseiten der 25-köpfigen werktätigen Masse der Brigade.
Es ging so:
Schweiße! Nur schweiße, Schweißer!
Die Flamme brennt, sie brennt heißer,
als des Volkes Herzen jemals.
Es ist die Flamme, die hell erleuchtet,
der Zukunft weiten Weg euch deutet.
Es ist der Weg, den ebnete euch vormals
Lenin, mit der Liebe für den Proleten!
Lenin, mit dem Geiste des Propheten!
Drum lasst uns weitergehen!
Weiter, mit Lenins Segen!
Weiter, auf Lenins Wegen!
Schweiße! Schweißer!
Schweiße heißer!
Die Teile des Ganzen zusammen!
Glühender Stahl, wenn er gerinnt,
die Menschheit aus dem Geschweiße gewinnt
den Stahl aus dem die Brücke geschmiedet,
den Stahl, den das Kollektiv gesiedet.
Die Brücke, sie führt mit Lenins Segen,
sie führt weiter,
weiter auf Lenins Wegen!
Peter kannte die Worte, denn er hat sie etliche Male mit Gabi zusammen geprobt und auch das Manuskript mit László zusammen einer ausgiebigen Kritik und Selbstkritik unterzogen. Letzteres war notwendig, da László in seinem übermotivierten Sinn für proletarischen Humor ein etwas anderes Reimschema für »Schweiße!« vorgesehen hatte, welches, wie Gabi, Peter und die anderen Ratsmitglieder befanden, dem ernsthaften, wenngleich feierlichen Charakter des Anlasses nicht gänzlich angemessen erschien. Der Jugendfreund Kertész bekam von Peter eine lobende Anerkennung seiner kreativen Fähigkeiten, die er zum Wohle des Volkes stetig weiterentwickeln solle. Inge gab noch die Anregung zum Besten, die religiös anmutenden Elemente vielleicht das nächste Mal etwas zu reduzieren, da diese, ihrer Ansicht nach, mit dem materialistischen Weltbild nicht vereinbar seien. László bedankte sich für die aufrichtige und hilfreiche konstruktive Kritik seiner Genossen und gelobte Besserung. Er habe sich von der Feierlichkeit der sozialistischen Liturgie allzu sehr vereinnahmen lassen.
Auf die Frage, was denn eine Liturgie sei, antwortete er nur noch ausweichend mit: »Diese Diskussion ist jetzt wirklich nicht mehr zielführend, Jugendfreunde.«
Der Vortrag durch Gabi allerdings versetzte Peter in eine Art von Erregung, die er wohl nur so beschreiben konnte, dass er sich auf der Stelle in diese hervorragende Agitatorin verliebte. Es musste so sein, schließlich hatte er ein ganz komisches Kribbeln im Bauch, welches er bislang noch nie verspürt hatte. Peter war von der Hoffnung ergriffen, dass auch Gabi ihm derart hinterherschmachtete. Er entschied an diesem Tag, der Sache auf den Grund zu gehen.
Wie durch einen fast filmisch inszeniert anmutenden Zufall, meldeten sich sowohl Peter Schmonkewitz als auch seine Angebetete Gabi Dittrich in der darauffolgenden Woche zum Tanzkurs an. Trotz des enormen Größenunterschieds (Gabi war eineinhalb Köpfe kleiner als Peter) und der ansonsten eher grobmotorisch anmutenden, enormen Steifheit von Peters Bewegungen, harmonierten sie als Tanzpaar beinahe schon zu perfekt. Peter war selbst verwundert, dass alles um ihn herum einen so perfekten Anschein machte. Es war ihm, als wäre er allerorten von einer fast schon rauschhaften Glückseligkeit und Harmonie umgeben. Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Kollektivgeist und Einklang umgaben ihn überall in dieser jungen, aufstrebenden Republik, die es als erste in der Welt geschafft hatte, Krieg und Elend systematisch und vor allem planmäßig zu beseitigen. Aber selbst das alles war nichts im Vergleich mit Frieden, Liebe und Eintracht, die die Tanzbewegungen ausstrahlten, die er gemeinsam mit seiner Tanzpartnerin Gabi ausführte. Taktgefühl, Rhythmus, Zuneigung und Flüssigkeit der Bewegungen prägten den gemeinsamen Tanz. Es war, als verschmelze er mit ihr beim Tanzen, als spüre er sie als Teil seiner selbst. Dieses Gefühl war gegenseitig. Der Farbenrausch, den die gemeinsamen rhythmischen Bewegungen hervorriefen, war bunt und gewaltig. Der Saal, in dem die Tanzstunde stattfand, verlor genauso an Bedeutung wie die anderen Teilnehmer. Es war ein Herz das dort schlug, nur eben mit zwei Kammern. Diastole und Systole und wieder von vorn! Herzen hatten normalerweise auch zwei Kammern, versicherte ihm Gabi. Das wäre völlig normal für den Herzschlag, selbst wenn, wie im Moment des Tanzes, des Herz schneller schlug. Gabi musste es wissen, sie bereitete sich schließlich auf ihr Medizinstudium vor. Ihr Wunsch war, Kardiologin zu werden und der Volksgesundheit zu dienen. Ein gesundes Volk mit einem gesunden Geist sollte schließlich auch einen gesunden Körper haben. Dieser setzte, vor allem in Zeiten des immer größeren Wohlstandes im verwirklichten Sozialismus der DDR, auch ein gesundes Herz voraus, das bei immer mehr Menschen indessen zu verfetten drohte. Bislang hatte niemand Peter so romantisch die Wichtigkeit der Herzgesundheit für den Sozialismus ans Herz gelegt. Er nahm sich Gabis Worte für alle Zeiten zu Herzen.
Nach dieser ersten gemeinsamen Tanzstunde begleitete Peter Gabi nach Hause. Es war schon dunkel und Peter fand selbst bei Marx und Engels nichts, was gegen die Beibehaltung althergebrachter Galanterie gegenüber dem zarten Geschlecht sprach. Insbesondere sah er die Verwirklichung der Gleichberechtigung von Mann und Frau nur durch gegenseitige Rücksichtnahme mittels Berücksichtigung der tatsächlichen Gegebenheiten realisiert. Gabi schmolz bei der Äußerung dieser Worte dahin. Gabi und Peter...
| Erscheint lt. Verlag | 23.11.2021 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Schlagworte | 1989 • Agentengeschichte • DDR • Humor • Parodie • Postsozialismus • Satire • Science Fiction • Sowjetunion • Spionagethriller • SubCon-Time-Fiction • Transsibirische Eisenbahn • Wendeverlierer • Zeitreise |
| ISBN-10 | 3-7546-2093-2 / 3754620932 |
| ISBN-13 | 978-3-7546-2093-9 / 9783754620939 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopierschutz. Eine Weitergabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persönlichen Nutzung erwerben.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich