Die letzten Tage der Leda Grey (eBook)
320 Seiten
DelRay Publishing GmbH (Verlag)
978-3-949636-08-0 (ISBN)
Essie Fox stammt aus Herefordshire. Nach ihrem Studium der Englischen Literatur an der Universität Sheffield arbeitete sie zunächst für Zeitungen und Buchverlage in London. 2011 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, die viktorianische Gothic Novel The Somnambulist, die für den UK National Book Award nominiert wurde. Es folgten mit Elijahs Mermaid und The Goddess and the Thief weitere viktorianische Romane, mit The Last Days of Leda Grey begibt sie sich dann auf die Reise in die 1970er Jahre. Essie Fox ist Mitglied der Historical Writers Association sowie der Historical Novelists Association. Zudem ist sie für die BBC als Gastautorin tätig und hat Vorträge im Victoria & Albert Museum und in der National Gallery in London gehalten.
Essie Fox stammt aus Herefordshire. Nach ihrem Studium der Englischen Literatur an der Universität Sheffield arbeitete sie zunächst für Zeitungen und Buchverlage in London. 2011 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, die viktorianische Gothic Novel The Somnambulist, die für den UK National Book Award nominiert wurde. Es folgten mit Elijahs Mermaid und The Goddess and the Thief weitere viktorianische Romane, mit The Last Days of Leda Grey begibt sie sich dann auf die Reise in die 1970er Jahre.Essie Fox ist Mitglied der Historical Writers Association sowie der Historical Novelists Association. Zudem ist sie für die BBC als Gastautorin tätig und hat Vorträge im Victoria & Albert Museum und in der National Gallery in London gehalten.
TOTE SIND BILDER NUR
Macbeth
Oft braucht es nur eine Kleinigkeit, und mir ist, als würde ich diesen frühen Augustnachmittag noch einmal erleben. Fast so, als ließe man einen Film rückwärtslaufen, bis das Bild einfriert und alles wieder von vorn beginnen kann. Und es wäre ein Farbbild gewesen, doch wenn ich mich erinnere, dann in Schwarzweiß. Das sengend weiße Leuchten des Himmels über mir. Schwarze Schatten in den Kopfsteingassen. Wie ich eine Postkarte aus dem Drehgestell kaufte, auf der man den nächtlichen Hafenkai sah, erleuchtet von blasssilbernen Lichtringen. Wie vor dem »Bath Arms«, einem Pub, mein Blick zunächst auf den vergilbten Blättern der Geranien haften blieb, die zu beiden Seiten der offenen Flügeltüren schlaff aus ihren Körben hervorquollen – und dann auf einem noch traurigeren Bild, das sich mir in den Silhouetten bot, die ich trotz der düsteren Trübnis im Innern des Pubs erkennen konnte. Zwei Liebende, die sich hin und her schaukelten, verschlungen in einem doch recht trägen Tänzchen, während aus einem blechern klingenden Radio hypnotische Gitarrenakkorde weinten. The Eagles. »Hotel California«.
Zumindest hätte ich schwören können, dass es dieser Song war. Zeit und Erinnerung verwischten. Die warme Luft. Der süßliche Duft der colitas … Marihuana.
Gras hatte ich keines, stattdessen griff ich nach dem Päckchen Woodbines, das sich stets in der Gesäßtasche meiner Jeans befand. Meine Mutter hatte diese Marke immer geraucht, und ich mochte ihren kratzigen, billigen Geschmack. Ich mochte den Schwefelgeruch, der aufstieg, wann immer ich ein Hölzchen über die Reibefläche an der Seitenkante der Streichholzschachtel riss, um mir eine anzustecken.
Tief saugte ich das bittere Nikotin ein und spürte ein Kribbeln, das durch meine Kopfhaut fuhr, durch den Mief des Suffs von letzter Nacht, während ich mich weiter in das Gewirr der Gassen von Brightland hineinwagte, wo die leiser werdende Melodie aus dem Radio dem jähen und hochtönenden Kläffen eines kleinen schwarzen Terriers wich, der an mir vorbeipreschte.
Ich wandte mich nach hinten, um ihn in den schimmernden Nebelschwaden verschwinden zu sehen, dort, wo die Gasse wieder in die breitere Promenade mündete; ich muss mich zu plötzlich umgedreht haben, denn mir wurde schwindlig; ich ließ meine Zigarette fallen, als ich gegen eine Fensterfront stolperte.
Unter einer ausgefahrenen Markise war das Glas dunkel beschattet, fast undurchsichtig wie Obsidian. Doch meine Augen gewöhnten sich rasch, und ich konnte sehen, was im Fenster ausgestellt war. Die ganzen substanzlosen Abscheulichkeiten der Hippiejahre und die Dauerbrenner des Souvenirhandels von Brightland – Tarot-Sets, eine Glaskugel, ein paar kleine Messing-glöckchen und der rissige Porzellankopf eines Mannes, verziert mit spinnwebigem, schwarzem Gekrakel: Vorsicht. Verzweiflung. Ehrgeiz. Liebe. Hoffnung. Zerstörung. Elend.
Die Warnsignale waren nicht zu übersehen.
Nicht ganz so erwartbar waren die Postkarten, die Hollywood-Legenden vergangener Tage zeigten. Charlie Chaplin. Greta Garbo. Douglas Fairbanks in einer seiner Draufgänger-Rollen. Valentino, in der Hand eine Zigarette, und ein guter Teil seines Gesichtes verführerisch verschleiert von aufsteigenden Rauchschwaden. Und außerdem Bette Davis, die meine Mutter immer geliebt hatte; unzählige Stunden hatte sie vor unserem Fernsehgerät verbracht, die Wohnzimmervorhänge zugezogen, damit das Licht und die Welt da draußen nicht hineingelangen konnten, während sie sich in alten Film noirs wie Dangerous oder Die große Lüge verlor.
Einer Laune folgend beschloss ich, hineinzugehen und das Bette-Davis-Foto zu kaufen – doch ich schreckte beinahe zurück, als ich meine Handfläche auf das spiegelnde Stabkreuzfenster der Ladeneingangstür legte. Fünf Finger, die sich meinen entgegenstreckten. Ein magerer dunkler Arm, der aus dem weißen Ärmel eines Baumwoll-T-Shirts herausragte. Goldschimmernde Bartstoppeln unter spitzen Wangenknochen. Zwei ängstlich starrende Augen unter schweißdunklen, blonden Locken.
Ich erkannte mich kaum wieder. Eine stark eingefallene Version des Glamrock-Boys, dessen Foto und Autorenname auf der »Hip and Happening«-Seite des Londoner City-Magazins abgedruckt waren. Die Vormittage, die ich in der Fleet Street verbrachte, inmitten des Klackerns und Schepperns der Schreibmaschinen, um über die aufstrebenden Stars der Londoner Szene zu schreiben. Die langen trägen Nachmittage, die ich mit all den anderen angetrunkenen Schmocks in altmodischen Kneipen verbrachte, wo wir soffen, bis in die Abende hinein, die wir dann auf Konzerten, bei Filmvorstellungen oder Aftershow-Partys verbrachten – nur damit all das am nächsten Tag von vorn beginnen konnte, wenn ich mich aus den zerwühlten Betten gesichtsloser, namenloser Fremder quälte. Ins Vergessen gevögelt.
Vergessen. Das perfekte Wort. Wann hatte all das aufgehört, Spaß zu machen, sodass ich nun nur noch einsam, rastlos und gelangweilt war? Und diese eigenartige elektrische Spannung, die ich die endlose Hitze des Sommers hindurch gespürt hatte. Wie Insekten, die in meinen Adern summten.
In diesem Augenblick spürte ich es auch, ein klirrendes Jucken, das im Getöse der Glocke resonierte, die über meinem Kopf bimmelte, als ich die Tür zum Laden öffnete – und, so schien mir, die Vergangenheit betrat, wo ich mich vor einem imposanten Verkaufstresen aus Mahagoni wiederfand; darauf eine alte Registrierkasse aus Messing, in deren glanzpolierten Seiten die Umrisse von Blumen, Blättern und Schriftrollen gestanzt waren. Neben der Kasse saß ein kleiner schwarzer Hund auf einem hölzernen Sockel, und von der ergrauten Schnauze einmal abgesehen konnte ich keinen Unterschied ausmachen zu dem Hund, den ich eben erst draußen gesehen hatte. Nur war dieser hier bewegungslos. Auf dem Kopf eine silberne Krone.
Für ausgestopfte Tiere hatte ich nie etwas übriggehabt. Ich wandte mich ab und ließ meinen Blick stattdessen über einige Regale schweifen, die vollgestopft waren mit alten Kleidungsstücken, von denen ein modriger Geruch ausging. Es roch ein wenig nach Rosen, aber auch unangenehm klamm, wie nicht ganz durchgetrocknete Wäsche, die vom Restdunst stockig geworden war. In meiner Nase machte sich ein Kitzeln bemerkbar. Ich konnte ein heftiges Niesen nicht zurückhalten, wodurch ich den Ladenbesitzer auf mich aufmerksam gemacht haben muss. Über mir hörte ich ein Knarzen. Das langsame, doch stetige Aufsetzen von Füßen, die eine in der Nähe befindliche Treppe hinunterstiegen, dann das Säuseln eines Perlenvorhangs …
Er sah aus wie ein Spielshow-Moderator vergangener Tage. Ein Nadelstreifenanzug mit breitem Revers, den man in zurückliegenden Zeiten durchaus als schick empfunden haben mochte. Cagney hätte so etwas tragen können, in einem Gangsterfilm aus den 1930ern, mit einer Knarre in der Hand oder einem Springmesser. Die Ärmelaufschläge waren ausgefranst. Vorne sah man mehrere Fettflecken. Und der Besitzer des Anzugs machte selbst keinen besseren Eindruck. Was immer sein Haar mal gewesen sein mochte, übrig waren davon nur noch ein paar lange weiße Strähnen, die er sich über die Schädeldecke gekämmt hatte, wie der Fußballer Bobby Charlton es tat, wenn auch seine Interpretation eines »Bobs« zu licht war, um den Schorf zu verbergen, der seine Kopfhaut verunstaltete. Schlaffe Wangen umrahmten seine Lippen, die so rot waren, dass sich mir der Gedanke aufzwang, er müsse Lippenstift aufgetragen haben. Darüber zwei blasstriefende Augen, groß und beinahe kindlich, vergrößert noch durch die Gläser einer schwarzgerahmten Brille – wobei der Blick des alten Mannes stechender wurde, als er seine Hände langsam nach oben fahren ließ, sodass der Hautlappen, der unter seinem Kinn baumelte, die zusammengeführten Fingerkuppen begrub.
Seine Stimme klang überraschend jung, sie war samten und tief; ich konnte nur einen Hauch von Brüchigkeit ausmachen, als er mich fragte: »Kann ich Ihnen behilflich sein? Gibt es vielleicht etwas Bestimmtes …?«
»Da ist ein Bild im Schaufenster. Ich wollte wissen, ob …«
Jeder Gedanke an Bette Davis war wie weggeblasen, als ich an der Wand hinter ihm ein paar andere Fotografien entdeckte. Die Aufnahmen waren vielleicht um die Jahrhundertwende herum entstanden und hatten allesamt einen leicht verblichenen Charme.
Eine furchtlos wirkende Frau, die beide Arme nach oben gestreckt hatte, so als wolle sie die weiten Hängeärmel ihrer mittelalterlich anmutenden Robe präsentieren, deren glänzender Stoff pfauenblau und -grün schimmerte. Die anderen Fotos indes waren Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Eine lächelnde Frau, den Kopf geneigt, ihre Augen und die Nase zu guten Teilen verborgen hinter den Rosen, die die Krempe ihres Hutes umkränzten. An ihrer Seite befand sich ein kleines Mädchen, das nicht viel älter als sechs Jahre sein konnte. In ihrem...
| Erscheint lt. Verlag | 12.12.2021 |
|---|---|
| Übersetzer | Peter Peschke |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Besessenheit • Das Licht zwischen den Meeren • düstere Vergangenheit • Geheimnisse der Vergangenheit • Goldene Zwanziger • Intrigen und Spannung • Liebe • Macbeth • Magie der Filmwelt • Mord aus Eifersucht • roaring 20s • Romantic Horror • Romantic Thriller • Spiel mit dem Feuer • Spukhaus • Spurensuche • Stedman • Stummfilm • Theda Bara • Times Book of the Month • Tod bei Dreharbeiten • Traum und Wirklichkeit • verhängnisvolle Liebe • Wahrheit kommt ans Licht • Zerstörte Träume |
| ISBN-10 | 3-949636-08-0 / 3949636080 |
| ISBN-13 | 978-3-949636-08-0 / 9783949636080 |
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