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Der hingestreckte Sommer (eBook)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
252 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-76958-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der hingestreckte Sommer - Gisela von Wysocki
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Es gibt Geschichten, die sich unbemerkt, gewissermaßen undercover, im Gedächtnis festsetzen - oder solche, deren Strahlkraft uns wie ein Blitzschlag trifft: Auf einer Straßenkreuzung spielt sich in dem nicht enden wollenden »hingestreckten Sommer« die Begegnung mit einer Schlange ab. Ein Kind lernt das Lesen und sieht seinen Hund in ein jämmerliches Buchstabenbündel verwandelt. Johann Sebastian Bachs Augenhöhlen werden zum Gesprächsstoff Leipziger Gemeindemitglieder. Marlene Dietrichs Nachlass stellt sich als überraschend befremdlich heraus. Und die Tochter ist von Schneeengeln genauso fasziniert wie vom Vater, der eine Apfelsine so in Schiffchen schneidet, als wäre es ein Zauberstück.
In ihren Prosatexten erzählt Gisela von Wysocki berückende Geschichten und erweckt biographische Einschläge zu neuem Leben. Ihnen bereitet sie eine Bühne: Fundstücke, unerwartete Wendungen und Ereignisse treten hervor, werden aufrüttelnde Gegenwart. Denn: »Alles dies lebt, hat seine Wirklichkeit, greift über auf uns, die wir nach Worten suchen.«

<p>Gisela von Wysocki, geboren in Berlin, Essayistin, Theater- und H&ouml;rspielautorin, Literaturkritikerin, studierte Musikwissenschaft in Berlin und Wien und Philosophie bei Theodor W. Adorno. Sie promovierte &uuml;ber den &ouml;sterreichischen Dichter Peter Altenberg und wurde f&uuml;r ihre Buchver&ouml;ffentlichungen <em>Die Fr&ouml;ste der Freiheit. Weiblichkeit und Modernit&auml;t. &Uuml;ber Virginia Woolf</em> und <em>Fremde B&uuml;hnen. Mitteilungen &uuml;ber das menschliche Gesicht</em> mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihre B&uuml;hnenst&uuml;cke &ndash; <em>Abendlandleben, Schauspieler T&auml;nzer S&auml;ngerin</em> u.a. &ndash; entwarfen neuartige szenische Vorlagen f&uuml;r das Theater. Sie lebt in Berlin.</p>

Die Familie


Die Großmutter. Ein sperriges Porträt. Der Vater war im Schallplattenstudio zuhause, die Mutter in einer aufmerksamkeitsheischenden Gefühlswelt. Zwei ergiebige Produktionsstätten, wie ich fand. Man hatte die Ohren aufzusperren, musste sich ranhalten. Das Paar war spezialisiert auf temporeiche Szenenwechsel; erstaunlich gut aufeinander eingespielt. Auch ihre Unstimmigkeiten fand ich fesselnd, dann war die Hölle los. Demgegenüber hatte die Großmutter, die mit uns lebte, schlechte Karten. Ich hatte sie abgehakt unter »triste Unauffälligkeit«. Verwachsen mit ihrer Vergangenheit, blieb sie Teil einer legendären Stadt, die Breslau hieß. Teil einer Rede über die einstmalige Wohlgestalt ihrer Beine. Und einer Prozessgeschichte, die mit der Firma Faber-Castell zu tun hatte und deren unrechtmäßig einbehaltenen Dividenden. Mein Gedächtnis zeigt ihr weißgepudertes Gesicht, verschneit sah es aus; zeigt sie, wie taumelnd mit ihrem Stock verwachsen; mit Augen, die hinter der kompakten Verglasung der Brille die Pupillen so klein wie Stecknadelköpfe erscheinen ließen. Der Vater brachte die beiden Söhne mit in die Ehe, die Mutter meine Großmutter. Eine Frau, in die Familie einsortiert auf gut Glück, die ihren Platz nicht finden konnte.

Mein Blick machte ihr gegenüber dicht. Es fehlte ihm schlicht eine Spielregel für den Umgang mit ihr. Er vergaß sie, sobald sich die Zimmertür hinter ihr schloss. Ihre Kleider, von der Hausschneiderin angefertigt, hatten durchgehend die gleiche Schnittführung: kleiner Kragen, Knopfleiste, ein in breiten Falten zugeschnittener Rock. Als Pferdeliebhaberin war sie die Eigentümerin eines Tabletts mit lauter farbig fotografierten Pferdeköpfen. Als Anhängerin von Adolf Hitler besaß sie ein gerahmtes Foto von ihm. Hinter der Schrankwand versteckt, wurde es von den Transportarbeitern gefunden, die unseren Umzug aus Brandenburg nach Berlin bewerkstelligten.

In einem abgelegten Album entdeckte ich viele Jahre nach ihrem Tod ein mir unbekanntes Foto von ihr. Jung ist sie noch, bekleidet mit einem weißen Seidenjackett. Sie sitzt an einem Teetisch, ihr feines Gesicht ist über ein aufgeschlagenes Buch gebeugt. Abenteuerlich ihre Kopfbedeckung. So hatte ich die Großmutter noch nie gesehen, einen solch hoch aufgetürmten Hut hätte ich ihr nicht zugetraut. Der über der Stirn nach oben sich verjüngende Aufbau war aus Federn in Form einer Agraffe geschaffen. Mitte der zwanziger Jahre, vermutete ich. Und schämte mich für den Gedanken, das Foto, wäre ich ihm nur früher begegnet, hätte womöglich eine Brücke zur Großmutter geschlagen. Einem Damenhut diese Macht zuzusprechen war skurril, es war erbärmlich. Und trotzdem, unter der Hand nicht ganz ohne Überzeugungskraft.

Ihr krankes Herz wäre nun so weit, sagte sie eines Abends. Stündlich könnte es seinen Dienst einstellen, sie sei bereit zu sterben. Zuvor aber wünsche sie sich, noch einmal in ihrem Leben Tschaikowskys Capriccio italien zu hören. Mit einem Bein schon in dem großen Ereignis, hatte sie sich in ihrem Zimmer im ersten Stock des Hauses ins Bett begeben. Unten im Musikzimmer legte der Vater die Schallplatte auf und drehte den Lautstärkeregler auf Fortissimo. Ich hatte Platz bezogen auf den Treppenstufen: zwischen Tschaikowskys lautstarken Blasinstrumenten, zweiundzwanzig an der Zahl, nebst Glockenspiel, Trommel und Becken, und dem stillen Horchen der zum Abschied bereiten Großmutter. Das war viele Jahre, bevor sie in einer überfüllten Berliner Klinik, vereinsamt in einer Badewanne abgelegt, leibhaftig gestorben ist.

Begleitet von sanftem Geschepper, räumte sie die Messer und Gabeln tagtäglich in die Fächer eines Besteckkastens ein. So lange, bis die Anordnung stimmte. Sie kniete katholisch vor diesem Schrein, ihre Finger verschwanden in den blauen Einbuchtungen einer unzweckmäßig von Samt überzogenen Fächerordnung. Dagegen waren ihre Hände alles andere als geradegerückt, ordnungsgemäß ausgerichtet. Knotig, geschwollen waren sie. »Das hat mit der Gicht zu tun«, erklärte man mir. Mit der schlechten Ernährung im Kaiserreich und ihrer Vorliebe für fettes Fleisch. Den Schwellungen konnte man ansehen, wie es den Händen unter die Haut gegangen war. Ich wollte nichts von einem Leben wissen, das die Hände der Menschen derartig verschandelte.

Wenn sie ihre Lieder sang, wand ich mich vor Unbehagen, sie brachten schlechte Laune mit. Nichts klappte, nichts ging glatt. Es Kommt ein Vogel geflogen, der aber allein, ohne die sehnsüchtige Liedsängerin weiterflog. Das Gleiche bei Horch, was kommt von draußen rein, auch hier ein Zurückbleiben und sehnsüchtiges Hinterherschauen. Ich war in einem Alter, in dem das wörtlich Genommene den Ton angab. Wenn sie sang, dann, so erschien es mir, von eigenen Rückschlägen. Von Schiffbrüchen in Liedform. Manchmal, unerwartet, jede von uns beiden mit Besorgungen beschäftigt, standen wir uns plötzlich auf einem Bürgersteig gegenüber. Sie machte auf mich den Eindruck, einer Geisterwelt entsprungen zu sein. Urvertraut in den Umrissen, aber versetzt in ein »Außerhalb«. Ein Grundriss ihrer selbst. Ein Zitat.

Mit Verwandlungen, Formwechseln kannte sie sich aus. Sie wird Eleonora Duse geliebt haben. Wenn die Eltern von ihren beruflichen Reisen zurückkehrten, wurde der schwarze Kajalstift in Anschlag gebracht. Sie malte sich dunkle Ringe unter die Augen, die dem Gesicht etwas Unausgeschlafenes, Gequältes verliehen. So wollte sie den Blick der Heimkehrenden auf mich als Verursacherin lenken, auf den Kern des Übels: meine nervtötende Widersetzlichkeit. Damals fand ich ihr Verhalten tückisch, heute kann ich einen gewissen Einfallsreichtum darin erkennen. Ein Stückchen erfinderischer Theatralität.

Und dann passierte dieses Abendessen zu dritt. Die Großmutter hatte gekocht, unerwartet fand sich einer meiner Brüder, der jüngere von beiden, ein und setzte sich dazu. Vor kurzem hatte er direkt um die Ecke ein Zimmer bezogen und berichtete über seine Vermieterin. Ich erzählte von einer Demonstration gegen die Schändungen der Gräber auf einem jüdischen Friedhof. Und von meiner Entscheidung, die ich mit wild entschlossener Empathie getroffen hatte, an der Demonstration teilzunehmen. Wie ich auf eine derart abwegige Idee habe kommen können! Gereizt, fuchsteufelswild der Ton, in dem die Großmutter ihren Kommentar vorbrachte. Mein Bruder und sie waren kurz darauf in ein erbittertes Gespräch verstrickt. Zum ersten Mal hörte ich das Wort »Judenpogrom«. »Schon im sechzehnten Jahrhundert hat es Judenpogrome gegeben«, sagte die Großmutter überlaut.

Ich bin an diesem Abend dreizehn Jahre alt und weiß es noch nicht. Dass meine Brüder eine andere Mutter hatten. Dass ihre Mutter, neu verheiratet, eine jüdische, eine in Auschwitz umgebrachte Mutter ist. In diesem Moment, an diesem Tisch hatte ich keinen Blick für die Bedeutung der Situation, wenig später wurde sie mir von meinen Eltern vor Augen geführt. Und ist mir dann nicht wieder aus dem Sinn gegangen. Das Foto hatte die Großmutter in friedfertiger Gefasstheit gezeigt. Milde. Wunderschön. Es musste doch eine Entsprechung in ihrer Seele, eine Art von Einmütigkeit zwischen ihm, dem Foto, und ihrem Blick auf die Welt gegeben haben. Was war mit dem feingezeichneten, über das Buch gebeugten Gesicht? Und was mit dem Buch selbst? Es konnte ein Roman von Vicki Baum gewesen sein. Aber genauso gut auch der erste Band von Adolf Hitlers Mein Kampf, der im Sommer 1925 erschienen ist. Nicht, dass ich das behaupten möchte. Aber ausgeschlossen ist es eben auch nicht.

Mein Bruder. Eine Geburtstagsrede. »Das Glück der Jugend besteht im Besteigen der Berge. Das Glück des Alters im Verstehen des Wesens der Berge.« Es kommt mir so vor, als habest Du früh herausgefunden, dass die Eroberung von Bergmassiven, die Bewältigung von Steilhängen keine unabwendbaren Notwendigkeiten für Dich darstellen würden. Du willst die Dinge aus der Nähe sehen, ihr Wesen mit einem Blick aus sicherer Position heraus verstehen. Daher hast Du den Beobachterposten bezogen, bist ein kundiger Augenzeuge unserer Zeit. Ich meine damit nicht nur Deinen Blick für die...

Erscheint lt. Verlag 23.11.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung 2020 • Erzählungen • Fundstücke • Heinrich-Mann-Preis 2017 • Hund • Italo-Svevo-Preis 2022 • Johann Sebastian Bach • Kurzprosa • Leichtigkeit • Marlene Dietrich • Momentaufnahmen • neues Buch • Poesie • poetisch • Prosa • Prosastücke • Sammlung • Schilderungen • Schlange • Tiefsinn
ISBN-10 3-518-76958-8 / 3518769588
ISBN-13 978-3-518-76958-4 / 9783518769584
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