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Schneegeboren (eBook)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
262 Seiten
tolino media (Verlag)
978-3-7546-1558-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Schneegeboren -  Marlies Lüer
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Schifferstochter Rilka soll Königin werden! Dem Orakel widersetzt man sich nicht, und so knüpft der Kronprinz zarte Bande mit dem Mädchen. Seine Stiefmutter, die amtierende Königin, lässt keine Gelegenheit aus, ihrer künftigen Schwiegertochter das Leben schwer zu machen.
Doch ist sie wirklich so skrupellos oder sind dunkle Mächte aus einer anderen Welt am Werk?


Die Autorin lebt mit Blick auf idyllische Weinberge in einem milden Klima. Das ist fast so gut, wie ein Hobbithaus im Auenland zu bewohnen, wo sie eigentlich mit ihrem Mann leben möchte. Sie liebt ihren Garten und sammelt - Drachen!

Die Autorin lebt mit Blick auf idyllische Weinberge in einem milden Klima. Das ist fast so gut, wie ein Hobbithaus im Auenland zu bewohnen, wo sie eigentlich mit ihrem Mann leben möchte. Sie liebt ihren Garten und sammelt - Drachen!

-1- Ob ich will oder nicht …


„Sie kommen!“

Vor diesen Worten hatte ich mich gefürchtet. Ich hörte wie durch dicken Nebel Mutters Stimme und ihre leichtfüßigen Schritte. Sie eilte die Dachbodenleiter herab, dann die Stiege ins untere Geschoss, wo ich in der Wohnküche stand und am ganzen Leibe zitterte. Aufgewühlt kam sie mir entgegen und schloss mich in ihre starken Arme. Hätte ich eine Wahl gehabt, so wäre ich geblieben. In unserer Küche, die stets nach Kräutern und sauer eingelegten Heringen duftete und nach frischem Brot. Ich wäre geblieben in der mütterlichen Umarmung. Doch mir blieb keine Wahl. Niemand stellte sich gegen das Orakel, gegen die Traditionen des Reiches. Nicht einmal ein König. Und schon gar nicht, wie in diesem Fall, ein Prinz. Niemand zweifelte die Weisheit des Orakels an. Ich roch den Duft von Mutters Haaren, die sie stets mit Wiesenschaumkraut wusch und mit Kamillensud spülte. Ihr blonder Zopf reichte bis zu den Kniekehlen, wenn sie ihn nicht zu einer Art Schaukel hochband. Vereinzelte hellgraue Strähnen verrieten ihr Alter, aber nicht ihr Gesicht. Es war faltenfrei und wunderschön. Selbst die Tränen, die ihre Augen eilends verließen, als fürchteten sie, von der Hitze ihrer mütterlichen Liebe zu mir ausgetrocknet zu werden, konnten ihrer Schönheit nichts anhaben. Mutter sei makellos, hatte Vater immer gesagt, und er wüsste nicht, womit er sie verdient habe. Ich wünschte, er wäre hier. Doch er war von seiner letzten Seereise nicht mehr zurückgekehrt, der zu frühe Wintersturm hatte das Schiff mit Mann und Maus untergehen lassen.

„Sie sind da!“, sagte Mutter überflüssigerweise, denn das Klopfen an der Tür war nun wirklich nicht zu überhören.

„Warum ich?“, fragte ich ein letztes Mal. „Das Orakel muss sich geirrt haben“, fügte ich flüsternd hinzu. Ich war nur ein einfaches Mädchen, eine Schifferstochter, und doch sollte ich nun die Königin des Landes werden.

„Das Orakel irrt nie, Rilka. Es ist deine Bestimmung.“

„Was, wenn er mich nicht mag? Ich ihm nicht schön genug bin?“ Meine Hand fuhr über die wulstige Narbe, die sich über den linken Jochbogen zog.

„Er wird dich sicher noch viel mehr lieben als du dir vorstellen kannst. Du bist ein gutes Mädchen. Mach ihn glücklich und schenke ihm Söhne und Töchter. Ich werde jeden Tag für dich beten.“

Wieder hämmerten sie gegen die Tür.

„Im Namen des Königshauses! Mach auf, Witwe, und gib deine Tochter her! Die Kutsche steht für die künftige Königin bereit“, rief ein Mann. In seiner Stimme glaubte ich ein gewisses Maß an Nachsicht zu erkennen.

„Ich komme!“, rief ich durch die geschlossene Tür. Noch trennte sie mich von der neuen Welt, die mich erwartete, von dem neuen Leben, das mir aufgezwungen wurde.

„Ich wünschte, du würdest mitkommen, Mutter.“

„Du weißt, dass das nicht geht. Ich bin nur eine einfache Frau. Aber mach dir keine Sorgen. Der Prinz wird mir eine Leibrente zahlen. Er hat es versprochen.“

Mutter atmete tief ein, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und hob ihren Kopf an. Mit geradem Rücken öffnete sie die Tür und schaute dem Herold stolz in die Augen.

„Achtet gut auf sie, sie ist nicht nur Eure künftige Königin, sie ist auch meine einzige Tochter!“

Der Mann nickte ernst. „Sorge dich nicht, gutes Weib. Bei uns ist sie sicherer als in dieser windschiefen Hütte.“

Er streckte seinen Arm aus und deutete zur königlichen Kutsche. Der Verschlag stand offen, davor stand ein junges Mädchen in einem tiefblauen Kleid, scheinbar in meinem Alter. Sie schaute demütig zu Boden. Eine Zofe? Jetzt schon? Ich folgte Mutters Beispiel und trat mit erhobenem Haupt vor das Haus. Die Möwen kreischten in der Ferne, es klang, als würden sie mich auslachen: Rilka, das dumme Ding, wird Königin! Ich roch das Salz im Wind, der die Dünen sachte wandern ließ. Heimat! Ich verließ sie nun für immer.

Die Nachbarn hatten sich in sicherer Entfernung versammelt und glotzten mich an. Mich, die Eskorte, die Kutsche mit zwei rabenschwarzen Pferden, deren Fell schimmerte wie schwarze Muscheln in mondheller Nacht. Ja, das war ein echtes Schauspiel, das ich ihnen bot, ohne Zweifel! Ich lächelte Mutter an, doch mein Herz schmerzte unsagbar. Vielleicht würde ich sie niemals wiedersehen. In diesem Moment hasste ich das Orakel und die Götter. Hätten sie mich nicht eine halbe Stunde später in diese Welt werfen können? Oder eine viertel Stunde früher? Dann müsste ich jetzt nicht Abschied nehmen und mich der Willkür eines Fremden unterwerfen. Denn nicht mehr war er für mich, der Prinz: Ein Fremder. Unsere Geburtsmomente harmonierten in absoluter Perfektion, hieß es. Ich müsse mich fügen, sagten sie. Es sei eine große Ehre.

Mutter nickte mir zu und neigte den Kopf ein wenig in Richtung Kutsche. Es waren keine Worte des Abschieds mehr nötig. Wir hatten alles gesagt, unsere Herzen waren gefüllt mit der Liebe der anderen, mit ihrem Segen und ihren besten Wünschen.

Festen Schrittes ging ich zur Kutsche und stieg ein. Der Herold setzte sich neben den Kutscher. Er beugte sich zu Mutter herunter und warf ihr etwas zu. Sie war aber zu aufgeregt, um richtig zuzupacken und ließ den kleinen Beutel in den Sand fallen. Während sie sich danach bückte, blies der Herold ins Horn und der Kutscher brachte die Pferde zum Antraben. Die Zofe wollte das Fenster schließen, aber ich verwehrte es ihr und beugte mich hinaus, um Mutter zuzuwinken und unser in der Tat windschiefes Haus noch einmal zu sehen. Ich hatte dort die ersten siebzehn Jahre meines Lebens verbracht und kannte jeden Winkel, jedes Astloch und alle Mauselöcher. Schatten, unser alter Kater, hatte sich nicht blicken lassen zum Abschied. Wahrscheinlich er schlief auf dem Dachboden. Oder er hatte sich im Kellerloch verkrochen. Ich vermisste ihn jetzt schon fürchterlich, diesen meist schlecht gelaunten, schwarzen Fellsack auf vier Beinen. Als die Kutsche rumpelnd auf den breiten Trampelpfad auffuhr, der uns der Stadt und somit dem Schloss näherbringen würde, gab ich das Winken auf und lehnte mich ins Polster zurück. Die Zofe schob energisch das Glasfenster hoch. Sie sprach kein Wort zu mir. Ich brauchte lange, um zu begreifen, dass sie nicht mundfaul war, sondern die Hierarchie achtete. Etikette! Daran würde ich mich gewöhnen müssen. Es gab so viel zu lernen.

„Wie ist dein Name?“, fragte ich sie schließlich.

„Bihla, meine Herrin.“

Ich betrachtete neidisch ihr Kleid. Es war viel schöner als meins, dabei trug ich mein Festtagskleid. Verunsichert strich ich eine Falte glatt.

„Ihr habt gar kein Gepäck, meine Herrin?“

„Man sagte mir, ich würde alles, was ich brauche, im Schloss bekommen.“

„Sicherlich. Die Schneiderin und ihre Gehilfinnen warten schon auf Euch, meine Herrin. Ich dachte mehr an persönliche Dinge.“

„Ich habe keine“, antwortete ich und schlug für einen Moment die Augen nieder, weil ich mich meiner Armut schämte. Ich hatte ja nicht mal Schuhe. Die groben Winterstiefel zum Kleid tragen? Niemals!

„Sei so gut und tu mir einen Gefallen, ja?“

„Jeden, meine Herrin. Ich diene Euch.“

„Bis wir beim Schloss sind, hör auf mit ‚meine Herrin‘ und so. Noch bin ich es nicht. Erzähl mir lieber, was mich alles erwartet.“

Bihla schaute mich mit großen Augen an, machte den Mund auf, um etwas zu sagen, und schloss ihn wieder. Sichtlich überlegte sie, ob sie meiner Bitte Folge leisten sollte. Dann nickte sie.

„Gut. Ich verstehe das. Du möchtest noch eine Weile ganz du selbst sein, nicht wahr? Denn wenn wir erst mal durch das Tor gefahren sind, wird das ein Ende haben. Du wirst standesgemäße Kleidung bekommen, eine Erziehung und viele Diener. Seit das Orakel dich erwählt hat, sind alle im Schloss in heller Aufregung. Was sage ich? In Aufruhr! Die Tochter eines Schiffers! Das hat es noch nie gegeben, immer sind in den Kreisen der Adligen die Ehepartner gefunden worden.“

Ich grinste breit, weil ich an unser Fischerdorf denken musste. Genauer gesagt: An die dummen Gesichter, als sich die Neuigkeit herumsprach. Alle hielten es für einen Scherz. Mein Herz klopfte wieder schneller, als ich an mein Zuhause dachte. Prompt ließ ich die Schultern hängen. Würde ich mein Heimatdorf je wiedersehen dürfen? Ich vertraute Bihla meine Gedanken an. Doch sie winkte ab.

„Wenn du Königin bist, kannst du fast alles tun, was du willst. Vorausgesetzt, es schadet nicht dem Reich oder der königlichen Familie. Aber an deiner Stelle würde ich damit warten. Du darfst nicht den Eindruck erwecken, du würdest das Leben bei Hofe fliehen …“

„Wie sieht er aus?“, fragte ich gespannt.

Bihla lächelte mich an. Sie hatte sofort verstanden, von wem ich sprach. Wir waren zwei Mädchen, die über einen Jungen tuschelten, mehr nicht. Weder Herrin noch Dienerin. So verging die Zeit und plötzlich beschleunigte die Kutsche das Tempo. Wir fuhren jetzt auf einer breiten, befestigten Straße, und um ganz ehrlich zu sein: Ich hatte noch nie zuvor eine solche gesehen. Bald schon fuhren wir durch eine Stadt, durch noch eine und noch eine … sie wurden immer größer. Schließlich sah ich in der Ferne das Schloss auf einer Anhöhe. Es war riesig und schien teilweise aus dem Berg geradezu herausgehauen zu sein. Mir wurde flau im Magen. Sehr flau. Ich hatte heute Morgen nichts herunterbekommen. Bihla muss mir das angesehen haben, denn sie bot mir einen Becher Wein an. Jetzt erst fiel mir der Korb auf, der neben ihr auf der Bank stand. Ich griff dankbar zu und trank einen Schluck....

Erscheint lt. Verlag 21.10.2021
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Märchen / Sagen
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Abenteuer • episch • Fantasy • High Fantasy • Königin • Liebe • Märchen • Meer • Prinz • Roman • Romance • Schneewittchen
ISBN-10 3-7546-1558-0 / 3754615580
ISBN-13 978-3-7546-1558-4 / 9783754615584
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