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Jetzt war ich ganz allein auf der Welt (eBook)

Erinnerungen an eine Kindheit in Königsberg. 1944–1947
eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
272 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-2765-2 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Jetzt war ich ganz allein auf der Welt - Hans-Burkhard Sumowski
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Eine Liebeserklärung an Ostpreußen und die verlorene Heimatstadt Königsberg.

Hans-Burkhard Sumowski schildert in seinen Erinnerungen seine erschütternden Erlebnisse am Ende des Zweiten Weltkriegs in Königsberg. Als achtjähriger Junge überlebt er als Einziger seiner Familie die sowjetische Invasion und gerät mit Hunderten anderer deutscher Kriegswaisen in einen wahren Albtraum, bestimmt von Hunger, Krankheiten, Gewalt und Tod.

Sumowskis Buch ist ein zutiefst berührendes Zeugnis von der Grausamkeit des Krieges und dem beeindruckenden Überlebenswillen eines Kindes.



Hans-Burkhard Sumowski, 1936 in Königsberg geboren, studierte Wirtschaftsingenieurwesen in Graz und Berlin. Er war Geschäftsführer einer Berliner Firma für Tonstudio- und Schallplattentechnik, bevor er sich mit einem Ingenieurbüro selbständig machte. Heute ist er im Ruhestand.

Meine Schule wird geschlossen


Als Mutter und ich nach den zwei Wochen in der ländlichen Idylle ausgeruht und gutgenährt nach Hause kamen, fing für mich ein neuer Ferienabschnitt an. Ich spielte mit den Freunden aus der Nachbarschaft, und wir genossen die Freiheit, die uns die Abwesenheit unserer Väter schenkte. In den Familien ging es ohne die väterliche Strenge lockerer zu. Wir verbrachten viele Stunden draußen, ohne ständige Kontrolle. Noch waren unsere Spiele harmlos und ungefährlich. Wir fuhren mit dem Tretroller umher, liefen über die große, vor wenigen Jahren errichtete Schindekopfbrücke, eine moderne Stahlkonstruktion mit Bitumen-Fahrbahn und Fußweg, der über die Bahngleise führte, und versuchten in die Dampflokschornsteine zu spucken. Wir holten den hitzeweichen Teer aus den Asphaltfugen, formten Kugeln daraus und hatten dann natürlich pechschwarze Hände.

Bald jedoch war unsere unbeschwerte Ferienzeit zu Ende. Durch die oft im Flüsterton geführten Gespräche zu Hause und bei den Nachbarn erfuhr ich, dass der Krieg immer bedrohlicher wurde. Bisher war Königsberg weitgehend verschont geblieben, doch nun, so hieß es, rücke die russische Front näher. Schon seit Beginn des Jahres hatte meine Mutter aufmerksam den Frontverlauf verfolgt. Sie hatte mich auch in die Wochenschau mitgenommen, in der noch immer von der siegreichen deutschen Wehrmacht, der Wunderwaffe und dem Endsieg die Rede war und die Verluste der Armee und ihre Niederlagen vertuscht und als »Frontbegradigung« bezeichnet wurden. Die Leute wollten es nur zu gern glauben, denn alles andere war unvorstellbar und bedrohlich. Meine Mutter verließ sich nicht auf diese Informationsquelle. Jeden Tag hörte sie heimlich den verbotenen Sender BBC. Das musste sie vor den Nachbarn natürlich verbergen, um nicht angezeigt zu werden. Denn immer wieder kam es vor, dass jemand, der »Feindsender« gehört hatte, von der Gestapo abgeholt wurde. Dabei wussten eigentlich alle, dass man der Nazi-Propaganda schon lange nicht mehr trauen konnte. Und doch hofften alle im Stillen, dass sich das Kriegsgeschick noch wendete. Eine sinnlose Hoffnung, aber die Menschen klammerten sich regelrecht daran. Auch meine Mutter, meine Tante und die Großeltern. Mich interessierten die Meldungen der BBC nicht besonders, meine Frage an Mutter war, wie die Stimmen wohl in dieses Radiogerät kamen, so klein könnten Menschen doch nicht sein. Erklären konnte sie es mir nicht.

Ich spürte, dass die Erwachsenen ernster wurden und sich fürchteten, doch ich war, wie Kinder eben sind, sorglos und unbefangen und mit Spielen beschäftigt. Ich erfuhr zwar von allen möglichen Dingen, der vorrückenden Front, der Grausamkeit der Russen. Aber was machte das schon, solange ich mich jeden Tag draußen mit meinen Freunden vergnügen konnte? Zu spielen ist offenbar ein existenzielles Bedürfnis von Kindern, es schafft Distanz zur Wirklichkeit und lenkt ab von allem, was bedrohlich werden könnte. Ich kann nur sagen, Gott sei Dank ist das so. Vielleicht haben manche von uns durch die Fähigkeit, die Realität auszuklammern, weniger unter dem Krieg gelitten als viele Erwachsene.

Unmerklich wandelten sich unsere Spiele von Tag zu Tag, sie wurden zunehmend martialischer. Wir spielten Krieg auf alle möglichen Weisen. Uns war nicht im Geringsten bewusst, dass die von uns mit Feuereifer veranstalteten Kämpfe zwischen russischen und deutschen Truppen im Kunststoff-Miniaturformat von Soldatenfiguren, Panzern und Geschossen in der Wirklichkeit bitterer Ernst waren und bald unser Leben in größte Gefahr bringen würden.

Als wir erfuhren, dass unsere Schule schließen müsse, weil sie von der Wehrmacht gebraucht wurde und weil immer häufiger feindliche Flugzeuge den Unterricht stören würden, begriffen wir noch nicht, was das bedeutete. Zunächst freuten wir uns über verlängerte Ferien. Ich verbrachte viel Zeit bei meinen Großeltern väterlicherseits, Emil und Caroline Sumowski, in Maraunenhof, einem Villenvorort im Nordosten der Stadt. Dort hatte mein Großvater nach seiner Pensionierung 1939 ein hübsches Haus gebaut, das von einem großen Garten umgeben war. Großvater Emil aus Masuren hatte am Ersten Weltkrieg teilgenommen und das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse bekommen. Viele Jahre war er als Universitätslaborant am Königsberger Lehrstuhl für Forensische Medizin der Albertina tätig gewesen. Nun hatte man ihn als Pförtner im Mercedes-Reparaturwerk Königsberg, das in der Nähe unserer Wohnung lag, kriegsdienstverpflichtet. Dieser Arbeit ging er täglich und oft auch nachts nach, ohne sich zu beklagen. Für ihn galt wie für die meisten anderen, dass man seine Pflicht für das Vaterland erfüllen muss. Er war Preuße mit Leib und Seele. Caroline, seine Frau, stammte aus dem Sauerland und war ihm nach der Heirat in den Osten gefolgt. Solange er an der Universität arbeitete, betrieb sie in ihrer Dienstwohnung einen Mittagstisch für Professoren.

Bei den Großeltern fühlte ich mich zu Hause. Mein Großvater erzählte mir in der weinberankten Pergola Märchen und Fabeln, ich sehe den Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen, noch heute bildhaft vor mir. Schön war auch, dass ganz in der Nähe mein Freund Gerhard Masuch wohnte, den ich nur in den Ferien sah, weil er das Internat besuchte. Ob er auf eine Eliteeinrichtung wie die Napola ging? Ich weiß es nicht. Wenn er da war, waren wir jedenfalls die besten Freunde. Was haben wir nicht alles erlebt in dieser schönen Gegend: Erkundungstouren, Radeln auf dem Fahrrad meiner Cousine Brigitte, Feuer machen und Geländespiele. Als Gerhard wieder in die Schule musste, kam der Abschied. »Also, bis zu den nächsten Ferien!« Wir würden nie wieder voneinander hören.

Allmählich wurde mir die Zeit lang und ich fragte mich, wann ich endlich wieder in die Schule gehen könnte. Es kam mir seltsam vor, dass die Ferien so gar kein Ende nahmen. Die Erwachsenen machten sich Sorgen, dass ich nichts lernte, und gaben sich Mühe, mich zu beschäftigen. So übernahm ich einige ihrer Aufgaben und half in Haus und Garten. Emil und Caroline hatten wegen des Kriegs ein Gemüsebeet angelegt und züchteten Hühner und Kaninchen. Damit versorgten sie die ganze Familie, und auf dem Weg nach Hause in der Straßenbahn nahm ich immer Kartoffeln, Gemüse, Eier, Äpfel, Birnen, Pflaumen und manchmal etwas Hühnerfleisch mit, zur großen Freude meiner Mutter, denn es war immer schwieriger geworden, für die zugeteilten Lebensmittelkarten etwas Vernünftiges zu bekommen. Wir aßen fast nur noch Gerichte wie Brotsuppe, Kartoffeln, Grieß oder Plinsen, nur bei den Großeltern gab es manchmal sonntags noch Rouladen. Die durch den Krieg verursachte Not wurde immer deutlicher spürbar. Doch die Erwachsenen planten noch immer für die Zukunft. Emil, der mich und meine Cousine besonders ins Herz geschlossen hatte, wollte, dass später aus mir etwas Besonderes würde: »Wenn du mit der Schule fertigwirst, Bullerchen, dann wirst du an der Albertina studieren und ein feiner Mann werden, Doktor und Professor«, sagte er immer wieder zu mir. Er gab mir auch Unterricht in Schreiben und Lesen, damit ich nicht zu viel versäumte. Oft saß ich bei ihm in der Pförtnerloge mit einem Stift in der Hand und schrieb oder rechnete. Dieser Einzelunterricht war viel effizienter als der in der Klasse.

Gerne gingen wir am Oberteich spazieren, dem bedeutendsten Königsberger Gewässer, groß wie ein See, von herrlichen Parks mit schönen Promenaden umgeben. In der Nähe des Hauses meiner Großeltern stand nah am Wasser inmitten dichten Gebüschs ein Trafohaus im Stil eines Knusperhäuschens. Um Großmutter ein bisschen zu ärgern, sagte mein Großvater immer, dort wohne der Boshebaubau, der gern unartige Kinder schnappe. Boshe, in der Mitte mit extra weichem »sch« gesprochen, ist das slawische Wort für »Gott«, und scheinbar bedeutete Großvaters Wortschöpfung Boshebaubau so etwas wie »böser Gott«. Ich habe immer einen großen Bogen um das kleine Gebäude gemacht, nicht ahnend, dass diese Gegend bald für mich und mein Überleben in größer Not eine wichtige Rolle spielen würde. Da sollte ich erfahren, dass der Boshebaubau kein allzu böser Gott sein konnte, jedenfalls was mich betraf.

Langsam, aber unaufhaltsam wurden auch wir Kinder ins Kriegsgeschehen mit hineingezogen. Zunächst erschien uns das als spannendes Spektakel. Unsere Neugier und Abenteuerlust kam dabei ganz auf ihre Kosten. Die Stadt und unser Viertel veränderten sich jeden Tag mehr. Wenige Straßen von unserer Wohnung entfernt lag das große Mercedes-Reparaturwerk, in dem Unmengen von defekten, zerschossenen Wehrmachts-LKWs und Panzern zur Reparatur abgestellt waren. Wir Jungen mit unserem technischen Interesse hatten dort viel zu bestaunen. Oft ging ich auch zu Großvater in seine Pförtnerloge, saß stundenlang bei ihm und ließ mir Geschichten erzählen und erklären, was in dem Werk passierte. Dort wurden die Lastwagen und Panzer wieder kriegstüchtig gemacht. Für die schweren Arbeiten zog man russische Kriegsgefangene heran, als Techniker wurden freiwillig nach Deutschland gekommene belgische und französische Fremdarbeiter eingesetzt, die in Baracken am Bahndamm wohnten. Ihnen ging es besser als den Russen, sie hatten eigene Gemüsebeete, konnten über ihre Freizeit verfügen, wie sie wollten, und waren bei so manchen Königsberger Frauen sehr begehrt. Die Russen hatten es bei weitem nicht so gut. Keine Frau hätte sich freiwillig mit einem von ihnen eingelassen. Sie erledigten niedrige Arbeiten, auch in der Stadt, wo sie als Müllmänner tätig waren. Manchmal schickte meine Mutter mich heimlich mit einem Kanten Brot zu ihnen, wenn sie die Mülltonnen leerten. Dann sahen sie mich dankbar und ungläubig an. Meine Mutter musste mir...

Erscheint lt. Verlag 19.10.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 2.Weltkrieg • Beate Rösler • einzig Überlebender • Hunger • Kind • Königsberg • Ostpreußen • Sabine Hoffmann • Tod • Vertreibung • Waisenjunge
ISBN-10 3-8412-2765-1 / 3841227651
ISBN-13 978-3-8412-2765-2 / 9783841227652
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