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Ein schönes Braun -  Dirk Niebergall

Ein schönes Braun (eBook)

Das etwas andere Rechts
eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
570 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7543-6946-3 (ISBN)
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9,99 inkl. MwSt
(CHF 9,75)
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Die Wand, die sinnbildlich für Alfreds Charakter, seine Emotionen, eigentlich für sein ganzes Ich steht, ist nach wie vor braun. Die alten Gefühlsregungen sind fast alle noch da. Die Ignoranz fehlt. Dafür kommt der Zweifel. Ein Aspekt, der alles bisher Dagewesene ins Schwanken bringt. Hell und glänzend zeigt sich der Zweifel inmitten brauner Ideologie. Bröckelt nun das Konstrukt aus Rassenhass und Führertreue? Die Skepsis wird zum wichtigsten Instrument in diesem perfiden Spiel. Aber wie jeder weiß, der Zweifel ist die Hure vor dem Herrn. Ob links, ob rechts oder gerade aus, der Zweifel kennt alle Richtungen.

Geboren 1968 in Neunkirchen/Saar. Er wuchs, zusammen mit seiner älteren Schwester Anke, gut behütet von seiner Mutter Gertrud und seinem Vater Horst, im saarländischen Bexbach auf. Seiner Heimat blieb er immer treu. Nach der Hauptschule ging er im elterlichen Betrieb in die Lehre. 1998 übernahm er mit seinem Cousin Andreas den Betrieb. Fünf Jahre später trennten sich ihre Wege und er übt diese Tätigkeit seither alleine aus. Parallel absolvierte er über viele Jahre seinen Ersatzdienst bei den Maltesern. 2002 lernte er seine große Liebe Nadine kennen. 2011 liefen sie in den Hafen der Ehe ein. 2013 kam das erste gemeinsame Kind. Emmi. 2016 das zweite: Loki. Beides sind Tierschutzhunde - die Besten, wie jeder weiß. Genügsam und glücklich gestaltet die Familie ihr Leben nach eigenem Geschmack und ist häufig zusammen in der freien Natur unterwegs.

EISKALT


Nummer Eins war mit der Gesamtsituation im Lager nicht glücklich. Er fasste hier einfach keinen Fuß. Nummer Zwei hatte ihn kaltgestellt. Er scharte die anderen Jungs um sich. Sein Alter und die dadurch resultierende Größe spielten dabei eine erhebliche Rolle. Aber hier im Lager ging es um mehr, um Mut und Ehre. Er war die Nummer Eins, war als Erster hier. Die Nummer Eins sollte auch führen.

Dabei war er schon lange nicht mehr der schlaksige junge Bursche von einst. Das üppige Essen und die Arbeit im Lager formten seinen Körper. Nicht gerade einem jungen Adonis gleich, aber dennoch stattlich. Er hatte gegen Nummer Zwei und seine Bande keine Chance.

Regelmäßig stand er im Abseits. Ein Einzelgänger, ein komischer Kauz.

Die anderen mieden seine Gesellschaft, versuchten ihn zu unterdrücken.

Die Ansichten der Ausbilder, eigentlich der ganzen Allianz, waren klar definiert. Sie wollten die Besseren von ihnen herausfiltern, das lag klar auf der Hand. Zur Elite heranziehen. Schnell hatte er ihre wahren Absichten erkannt.

Die schulischen Anforderungen schaffte er gerade mal so. Körperlich konnte er sich gegen seine Kontrahenten kaum durchsetzen.

Immer wieder wurden sie darauf hingewiesen, dass ein Streben nach oben in jeglicher Form erwünscht sei und belohnt werden würde. Lange wusste er nicht, was damit gemeint war.

Die Jungen, die sich auf den beiden oberen Rängen etablierten, bekamen wieder Namen. Hugin und Monin. Noch nie vorher hatte er diese Namen gehört. Odins Raben? Was war das denn? Aber schöner als Nummer Eins klangen sie allemal. Ein jeder von ihnen.

Ein Jahr lang gaben sie ihnen Zeit, danach wurde gewählt. Jeder Neuankömmling wurde dafür ins kalte Wasser geworfen. Bei Neblung, das germanische Allerheiligen, würde es soweit sein. Dann sollte feststehen, wer die Namen tragen durfte.

Diese beiden Namen waren maßgeblich für den weiteren Aufenthalt hier, denn nur zwei der Jungen würden in der Hierarchie steigen. Dürften Befehle erteilen und bei kleineren unbedeutenden Einsätzen außerhalb des Lagers teilnehmen. Dürften führen.

Vielleicht verspürte er diesen Drang, weil er als Erster und somit schon die längste Zeit hier war. Nummer Eins wollte nicht undankbar erscheinen, denn hier war es allemal besser als zu Hause. Essen, Bildung, Selbstbewusstsein, Ehre und Stolz. Ausbilder, die ihnen den rechten Weg wiesen und sie zu Männern formten. Doch all das half nichts gegen den sich immer weiter ausbreitenden Lagerkoller. Er musste endlich etwas anderes sehen, andere Luft schnuppern.

Nummer Eins war es egal, welchen der beiden Namen er bekommen würde. Sie waren ebenbürtig. Nur eines stand fest: Im Gegensatz zu vielen anderen hier im Lager, besaß er den Ehrgeiz weiterzukommen.

Ein volles Jahr abwarten, um dann mit anzusehen, wie andere diese Namen bekamen, wollte er nicht. Er musste handeln. Jetzt. Denn als Hugin oder Monin hätte er Macht über die anderen. Wenn er dieses perfide Spiel hier richtig verstand, würde sein Amt erst mit seinem Ableben wieder frei werden.

Lebenslang hier der Obermacker zu sein, gefiel dem Pubertierenden. Daran, dass er damit freiwillig auf einer Abschussliste ganz oben Platz nahm, dachte der Junge nicht.

Ein Plan musste her. Wenn alle Mittel recht waren, hatte er viele Möglichkeiten.

Aber ohne eine geeignete Waffe konnte er sich Nummer Zwei mitsamt seiner Meute nicht stellen. Mit Essbesteck oder Arbeitsgerät durften sie sich nicht an die Gurgel gehen, das hatten ihnen die Ausbilder strikt verboten.

Aber gerade in diesem Punkt hatte er gegenüber den anderen einen kleinen Vorsprung. Er hatte Ideen und besaß Verstand.

Der heftige Wintereinbruch Anfang Februar kam überraschend. War es die ganze Zeit über zu mild für diese Jahreszeit, offenbarte sich der Winter nun mit einer gewissen Härte.

Die weiten Hallen ihrer Ausbildungsstätte hatten das Prädikat ‚gemütlich‘ kaum noch verdient. Der Wind pfiff durch die Räume, die nicht alle beheizt waren.

Trotzdem war es allemal besser als draußen.

Schnee und Eis, soweit das Auge reichte. An den Dachüberständen hingen mannshohe Eiszapfen. Bäume, die als weiße Riesen dastanden und ihr Gewand aus zartem Pulver erst wieder zur Schmelze ablegen würden. Zugefrorene Bäche und Teiche. Klirrende Kälte, die man schon mit bloßem Auge wahrnehmen konnte.

In jenen kalten Tagen verweilte der Großteil der Heranwachsenden zusammengepfercht in einem großen Raum, der als Gemeinschaftsraum galt. Hier lohnte sich das Schüren des Feuers. Einige wenige, die Außenseiter, hielten sich nur in ihren Zimmern auf. Unter eine warme Decke gekuschelt ertrugen sie dort widerwillig die Kälte.

Unterricht und Arbeitsdienst waren eingestellt. Ausgesetzt bis die Kälteperiode abflachte und das ersehnte Frühjahr endlich in die schöne Region Einzug hielt.

Die Burschen um Nummer Zwei verbrachten den ganzen Tag in diesem Aufenthaltsraum, terrorisierten die Schwachen, demonstrierten ihren Zusammenhalt bei den Aufmüpfigen. Selbst das Mittag- und Abendessen mussten ihnen die ‚Wichte‘ bringen. So wurden die Kleinen und Schwachen genannt.

Nummer Eins hielt es so wie immer, er war nicht anwesend. Keiner vermisste ihn, jeder dachte, dieser Eigenbrötler sei auf seinem Zimmer, so wie an den vielen Abenden zuvor.

Aber Nummer Eins arbeitete bereits an seinem Plan. Heute wollte er es zu Ende bringen.

Wochen schon lag er nachts wach im Bett, starrte an die Decke und überlegte. Er konnte Nummer Zwei und seine Gang nicht offen angreifen. Nicht mit seinen Fäusten und deren Schlagkraft alleine. Er brauchte etwas, was das Kräfteverhältnis ein wenig in Balance brachte. Etwas, das nicht auf der Liste der Gegenstände stand, mit denen sie sich nicht an die Gurgel gehen durften. Wasser und Kniestrümpfe waren da nicht aufgeführt.

Aufgeregt war er nicht. Diese Gelassenheit wunderte ihn. War er so eiskalt und abgebrüht? Immer wieder blickte er auf die Finger seiner ausgestreckten Hand, ein Zittern hatte sich noch nicht eingestellt.

Für die Ausführung seines Planes musste er nach draußen. Das stellte kaum ein Problem dar, denn jeder konnte sich frei bewegen. Ab neun Uhr abends wurde allerdings das Licht gelöscht. Aber bis dahin sollte alles über die Bühne gegangen sein. Dann währe er die tatsächliche Nummer Eins. Vorausgesetzt, er kann seinen Plan in die Tat umsetzen.

Er wollte nicht, dass die anderen frühzeitig Wind von seinen Absichten bekamen.

Leise schlich er zur Tür am Hauptportal. In den frühen Anfängen der Ausbildung stand dort eine Wache. Es sollte militärischer wirken. Aber seit geraumer Zeit war dieser Platz nur noch sporadisch besetzt. Wie gesagt, ein freies Bewegen auf dem kompletten Gelände war erlaubt. Es wurde aber auch darauf hingewiesen, dass ein unaufgefordertes Verlassen ohne triftigen Grund und ohne Befehl bestraft werden würde. Sie würden den Flüchtigen jagen und zur Strecke bringen. Nicht jeder fühlte sich hier wohl. Heimweh war die am meisten verbreitete Krankheit innerhalb der Anlage. Mit viel Härte und geforderter Disziplin versuchten die Ausbilder diese zu unterdrücken, was bei manchen Jugendlichen nur schwerlich gelang.

Nummer Eins öffnete mit viel Mühe die Eingangstür. Feste musste er sich dagegenstemmen, denn der Sturm hatte seine Kraft. Nun schlüpfte der Junge ins Freie, die Tür fiel polternd hinter ihm ins Schloss. Ein rauer kalter Wind schlug ihm entgegen und raubte ihm zeitweise die Luft zum Atmen. Unbarmherzig und gnadenlos. Schneekristalle peitschten mit einer rauen Brise in sein Gesicht.

Die Böen pfiffen zwischen Fabrikhalle und den Nebengebäuden hindurch und trieben die Schneeflocken waagerecht vor sich her. Kurz hielt er inne, das Schauspiel imponierte ihm. Hier draußen war Weltuntergangsstimmung.

Mit dieser Tat würde dem unerbittlichen Wetter gehörig Konkurrenz gemacht werden, denn sein Vorhaben war nicht weniger erbarmungslos.

Der Junge bereute, dass er keinen Mantel übergezogen hatte. Gnadenlos zerrte der Wind an seiner Filzkledage.

Nummer Eins blickte sich um. Tagsüber, im Hellen, hatte er eine Stelle gefunden, die sein Tatwerkzeug bereithielt. An einem weit nach unten reichenden Dachüberstand hingen die Eiszapfen in einer solchen Höhe, dass sie problemlos zu erreichen waren. Er hob sein rechtes Bein und zog den Winterstiefel aus. Nur auf dem linken Bein balancierend stand er mitten im stürmischen Wind, musste so jeder Böe trotzen. Schnell zog der Junge seinen wollig warmen Strumpf vom Fuß. Direkt spürte er die eisige Kälte auf seiner nackten Haut, was der Bursche aber kaum bemerkte. Sein Fokus lag auf dem, was er vorhatte.

Auf einem Bein stehend, draußen in der Kälte, wollte sein Unterfangen nicht so recht gelingen, zumal er Kniestrümpfe trug. Mehrere Male musste Nummer Eins mit dem linken Bein ausbalancieren. Doch ehe der Stiefel wieder an seinem Fuß war, verlor er für einen kurzen Moment das Gleichgewicht. Als sein nackter Fuß den Schnee berührte, hätte der Junge am liebsten laut aufgeschrien. Aber der...

Erscheint lt. Verlag 27.9.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-7543-6946-6 / 3754369466
ISBN-13 978-3-7543-6946-3 / 9783754369463
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