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Smaragdglanz Labsale alter Sprache -  Christine Meiering

Smaragdglanz Labsale alter Sprache (eBook)

Jahreszeitenreigen im alten bayrischen Fraßhausen
eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
514 Seiten
TWENTYSIX (Verlag)
978-3-7407-6010-6 (ISBN)
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7,49 inkl. MwSt
(CHF 7,30)
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Der Fraßhausener Bauernsohn Friedhelm, ein in sich gekehrter junger Mann, der sich tiefgreifenden Gedanken hingibt, weiß sich schöngeistigen Welten zugetan. So beschließt er eines Tages fortan nicht mehr der seinem Namen alle Ehre machende junge Bursche zu sein. Die Liebe zur Poesie findet er durch die Begegnung mit Gertraude, einer ´Waldfee`, der der Ruf einer Hexe vorauseilt. Ihre äußere, auf ihn erotisch wirkende Erscheinung, aber vor allem ihre poetische Geisteshaltung imponiert den jungen Mann so sehr, dass er in jeder neuen Jahreszeit, beginnend mit dem Herbst, sich seine Gedichte dort abholt, solange bis ein tragisches Schicksal dieses Weib zu Tode kommen lässt. Er setzt sich selbst noch, als er Verleumdungen und Ablehnungen erfährt, treulich für Gertraudes Belange ein. An seiner Seite kämpft seine Gefährtin Frieda, die er sich, durch die Verheißungen der ´Waldfee` genährt, immer ersehnt hat. Ein adäquates Geschick bringt beide Friedensleute zusammen. Selbst widrige Umstände (andere Gesellschaftsschicht!) halten dieser Liebe stand. Friedas Heimatgefühl für Fraßhausen, dereinst als Sommerfrische auserwählt, erhält neue Nahrung durch das Auffinden ihrer adeligen Wurzeln in diesem oberbayrischen Dorf.

Zur Person: Auslöser für meine umfassende Schreibtätigkeit, nachdem mich die Familie nicht mehr vollumfänglich brauchte, waren die Erfahrungen mit einer von uns betreuten Russlanddeutschen, der ich auf Schritt und Tritt nur noch mit Zetteln in der Hand begegnete, zumal uns deren bestürzende Lebensgeschichte zutiefst anrührte. Diese Erfahrungen veröffentlichte ich schließlich in meinem Buch: Wanderin zwischen zwei Welten! (2012) Da ich meiner geliebten Heimatstadt Leipzig ein ehrendes Andenken widmen wollte, habe ich in meinem zweiten Buch: `Kalle iss dof, Leipzig iss dufte!´(2013) mir u.a. unsere Fluchterfahrungen von der Seele schreiben wollen. Nach der dritten Veröffentlichung: `Die Rosenlady und ihr Sekretär` (2018) interessierte mich anlässlich des 200. Geburtstages von Florence Nightingale, mit der ich durch meine Kaiserswerther Schulzeit (Düsseldorf) schon in Berührung gekommen war, das Leben dieser bedeutenden, für das Krankenhauswesen entscheidenden Frau. Mein Buch heißt: `Katzenjahre der Florence Nightingale` (2019), zumal die Pionierin der Krankenpflege als eine große Katzennärrin gilt. Im Übrigen wurde ich an der Pädagogischen Hochschule in Essen als Grund- und Hauptschullehrerin ausgebildet, habe aber die Lehrtätigkeit infolge der Behinderung unseres Sohnes nicht vollzeitig ausüben können. Seit nunmehr fast 50 Jahren steht mir mein lieber Ehemann mit Rat und Tat zur Seite.

Herbst


Im herbstlichen Reichertshausener Tal

Welche Augenweide! Herbstrunken hockt der Wanderer zwischen Riesenföhren am Waldesrand. Fürbass, fürbass, so hatte er Schritt für Schritt in aller Gemächlichkeit schlendernd, sehnsuchtstrunken nach kühlendem Nass lechzend, vor sich hingemurmelt.

Nun an der Quelle des Moosbaches, der die drei Thanniger Weiher, die Fischzuchtanlage, speist, ist er endlich bei den sprudelnden Labsalstropfen angelangt. Hier erträumt er seinen nach Wonnefreuden dürstenden Schlund auf wundersame Weise zu beglücken. Ein Herbstgewässer, diese Wortschöpfung erkürt er sich selbst angesichts der in den schillerndsten goldgelben Farbschattierungen glitzernden Landschaft. Wahrhaft eine Kunstoffenbarung der wunderprächtigen Gräser, sinniert er, nachdem er sich hier mittendrin zwischen Riesenstraußgras, rauem und rotem derselben Gattung, nicht zu vergessen dem Hundsstraußkraut, niedergelassen hat. Bellen oder Kläffen habe ich hier noch nie vernommen, aber vielleicht lieben es Hunde als Festtagsmahl, fabuliert er, seine Finger an einigen dieser Gräser entlang streifend. Scharf können sie sein und die Haut empfindlich ritzen, aber dieses hier entpuppt sich wahrlich als ein liebliches Gräselein, in ein purpurrotes Farbgewand der untergehenden Sonne getaucht. Er streichelt andächtig über die Krone einer klitzekleinen Blüte und lässt seinen Blick weit über das mannigfaltige Grasmeer gleiten, das zu brennend roten Beerenbüscheln gebündelt, in ihm wahre Herbstlaune gebiert. Wie wunderlieblich, so sinniert er und wendet sein Antlitz sehnsuchtstrunken gen Himmelland:

Voller Herrlichkeit strotzend zeigt sich die herbstliche Natur in diesem Jahr wahrlich besonders gebefreudig. Wie ein Herbststillleben, konstatiert er wonnetrunken; jede Blüte lässt mich Schöpferwonne erahnen.

„Oh, welch wahre Kribbelfreude durchzieht mein Gemüt!“

Er spürt Wohlbehagen ob der seine zarten Handrückenhärchen aufrichtenden Wirkung eines einzigen Halmes.

„Ein Augen - und Tastschmaus sondergleichen! Der Herbst als begnadeter Malermeister!“

Der Rastende streicht so liebevoll über diese Halme, fast so herzlich wie eine Mutter ihr Kind auf ihrem Schoße kost.

„Die gute Mutter!“ Wie wenig lobt er sie doch im Gleichmaß der Zeit?

Aus tiefstem Herzensgrund formen sich seine Lippen zu einem Wortdank. Der junge Mann hat gerade sein Ränzlein entschnürt und sein blechernes Essgeschirr daraus hervorgelupft, ehe dieses Lob sein Herz einen Freudensprung vollführen lässt. Ob es in Erwartung der noch verborgenen Gaumenfreude sowieso schon stärker pocht als ohnehin, sei dahingestellt.

„Oh, wie herrlich! Herbstmilch!“

Seine Mundpartie beginnt zu zittern, Herbstmilchduft lässt seine Riechorgane in Aussicht eines wohlseligen Genusses bereits justament in einen Glücksrausch verfallen, noch bevor er das Schüsselchen, mit Mutters fester Hand daheim kräftig verschlossen, zu öffnen vermag. Der exquisite Löffel mit seinen surrealen Ornamenten, von Urgroßmutter bereits in Ehren gehalten, mag sicher tausende Male durch mannigfaltigste Hände gewandert sein. Wer hat sie gezählt, diese Vielfalt der Patschhändchen, die ihn seit jeher umgriffen hielten? Wer hat die Männerpranken erfasst, die eventualiter für den leichten Linksdrall verantwortlich zeichnen, der dafür sorgte, dass es eine Nuance seiner Geradheit einzubüßen hatte? Der kleine Krümmling liegt nun in der lindgrün gefärbten Gräserhand des jungen Mannes.

„Oh, diese verlockenden Duftwogen!“

Gemächlich lässt er das Löffelchen voller Herbstmilch zu seinem weit geöffneten Mund gleiten, und das in Erwartung eines Gaumengenusses sondergleichen. Noch ohne jedwede klitzekleine Schluckbewegung vollführt zu haben, erlebt er Sauermilchfreuden pur, genauer gesagt Sauermilchfreuden mit einem Quäntchen Süß verfeinert, nämlich mit braunen Zuckerkrümelchen verquirlt.

Oh, diese vermaledeiten Krümelchen, wie oft drohte das geschwisterliche Seelenband daran zu zerbrechen? Der hat schon, ich will noch, der hat mehr, der hat sich etwas davon in den Mund gesteckt, schaut doch die verräterische dicke Backe! I hob gestan a weng gekriegt; du host di zwoa Leffe davo einvaleibt; i hob`s gseng! Mutter, die Bedauernswürdige, sie musste allda jeden Zwist klugerweise im Keim ersticken, ehe die drei Brüder mit geballten Fäusten aufeinander losziehen konnten.

„Ja, ein Herzensdank an die gute Mutter!“

Dieser Gedanke und die Wortbewegung kommt ihm rechtzeitig genug, fürwahr, ehe er sich das zweite Löffelchen mit der zuckersüßen, herzerweichenden Herbstmilch einverleibt. Seine Wonnetrunkenheit wird gespeist von der nicht hoch genug zu preisenden Wohltat der Mutter, ihm diesmal, in Anbetracht der fehlenden Konkurrenten, Zuckerkörnchen ohne Zahl in die Suppe geschmuggelt zu haben. Vater hat wohl nicht so genau hingeschaut heute in der Frühe, wie er es damals vor etlichen Jahren tat, als Otto, sein Zweitältester nur die Nase rümpfte ob des Brüderleins Zuckerbegier und ein unziemliches Gezeter veranstaltete, solange bis Vaters Hand zum Schlag ausholte.

Derweil sucht Bruder Otto seine Wonnen im Nachbardorf Sachsenkam, während Wilhelm, der Stammhalter, schon über alle sieben Berge hinüber nach Garmisch gemacht und seinen Heimatgefilden längst den Rücken gekehrt hat. Sicherlich dürften beide sich jetzt Zugga ohne Zahl in ihr Maul hineinstopfen, ja, vorausgesetzt, dass Wilhelms Kindsen nicht ständig über dieserart braune Körnerköstlichkeit herfallen. Und ob sich Ottos Liebste nicht als rechte Zuckerphantastin entpuppt, dessen ist er sich nicht gewiss!

Nun, die Zeiten sind bessere geworden! Ihnen sei´s gegönnt! Und die Mutter - er, der Jüngste im Bunde sieht sie jetzt förmlich vor Augen! - als dralle Haarknotenfrau mit ergrauten Seitenlöckchen, ständig mit flinken Händen in Haus und Hof hantierend. Er betrachtet sie sich inwendig mit ihren schwülstigen Bratzn, die sie mit Kernseife säubert, um diese dann mit Beherztheit an der rot- weiß oder blau-weiß karierten Schürze kraftbeseelt abzustreifen. Wärme durchflutet ihn dabei.

Oh, so a guads Gmiad! Sie hat es mit vier Mannsbildern dahoam nicht immer leicht gehabt!

So brütet er insgeheim und vertraute Abbilder melden sich justament in seinem Hirn zu Besuch:

Die Morgendämmerung taucht die holzbalkentragende Küche in gespenstige Atmosphäre. Vater bestreicht zur Morgenspeise seine dicke Scheibe köstlich duftenden Brotes mit einem Hugel Johannisbeergelee. Lange genug haben wir gehungert, lange genug war Schmalhans Küchenmeister; Mutter, ja, jetzt dürfen wir uns mit leiblichen Genüssen betören, spricht´s und verpasst seinem Ehegespons einen herzhaften Schmatz auf die Backe. Vater liebt es, gewisse Aussprüche zum Leidwesen der anderen, tausendmal an den Mann zu bringen. Aber Mutter mag seine deftigen Lobesworte durchaus und den nachfolgenden herzhaften Schmatz nicht weniger.

Vor Augen steht Friedhelm das heutige Frühstücksgeschehen: Mutter lässt Zuckerkrümel für Zuckerkrümel gemächlich durch ihre Finger rieseln, nachdem sie die Herbstmilch in das Gefäß geschüttet hat. Und bei diesem Tun wird sie voller Beseelung sinniert haben: Alles für meinen Friedhelm, unseren Nachkömmling, meinem bravsten und liebsten, der zu vollem Recht seinen Friedensnamen trägt.

„Ja, ich ...wie Recht Mama doch hat! Friedfertig bin ich immer gewesen! Viel zu friedfertig im Verein mit solchen Haudegen von Brüdern, wie sie mir nun einmal beschert waren!“

Ehe Herbstmilch-Löffel No. 3 mit einer Extra-Portion Zuckerkörnchen seinen Gaumen berühren darf, klingelt es schon mächtig in seinem überstrapazierten Gehirn:

Du bist und bleibst unser Friedenskind. Freilich bist du auch ein wenig Weltenschmerzler, aber solange damit Schönsinn verbunden bleibt, können wir deinen Schweigeblick gut ertragen. Wie oft haben wir Tränenschimmer in deinen Augen entdecken müssen, aber der Sternenschimmer, den deine Augen, weiß Gott, zuhauf aussendeten, zauberte weiland wundermächtiges Seelenglück in deiner Eltern Herz!

Friedhelm erinnert sich an ihre Worte, so, als ob´s gestern gewesen wäre. Just schön, sich dessen bewusst zu werden.

Gleichzeitig beginnt die Friedensliebe in seinem Hirn jäh zu rebellieren. Wie gern hätte ich mir doch gewünscht, mal den Schwadroneur spielen zu können, ein wenig den Bramarbas oder den Brausekopf heraus hängen zu lassen und auch mal ungeschmälert über die Stränge schlagen zu dürfen, ohne jedes Mal hören zu müssen:

Bedenke, Friedhelm, mach deinem Namen alle Ehre! Du bist und bleibst unser Friedenskind!

Ob ebendieses möglicherweise nicht auch meiner Statur in gebührender Weise entsprochen hätte? Eine Spur frevelhafter, ein wenig wagehalsiger, kurzum eine Schaufel mehr...

Erscheint lt. Verlag 26.7.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-7407-6010-9 / 3740760109
ISBN-13 978-3-7407-6010-6 / 9783740760106
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