Sonnenaufgang (eBook)
208 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7534-5731-4 (ISBN)
Jens Korbus studierte Germanistik und Philosophie in Bonn und Düsseldorf. Mitarbeit an der Uni Düsseldorf und am Heine-Institut. Gymnasiallehrer und Mentor in der Referendarausbildung. 1988 erster Preisträger beim Fachinger Kulturpreis für seinen "Brief an Goethe". Er ist mit vielen literarischen Veröffentlichungen hervorgetreten. Davon 8 Erzählungen über Goethe, sein Umfeld und Motive aus seinem Werk.
Jan, Marina und Ines
Ihr Geschichtsschnitt lässt ein Wieselgesicht durchschimmern. Sie hat schwarze Haare und slawische Augen mit einer kleinen, sehr beweglichen Pupille, die aber auch wie starr wirken kann. Auffällig ist eine stete, leicht verzerrte Emporhebung des rechten Mundwinkels. Ein Gesicht, das geschminkt sehr fraulich-süß, nuttenhaft und spitzbübisch wirken kann. Sie schminkt sich mit einer sehr natürlichen Teintfarbe, tuscht dazu die Wimpern sehr stark und legt viel Grün und Silber auf die Augen. Sie hofft dadurch die Kleinheit ihrer Iris, die natürliche Kälte ihres Blickes zu mindern. Ungeschminkt und mit straff nach hinten genommenen Haaren hat sie das gelblich-bleiche Gesicht eines zwölfjährigen, sehr hübschen südländischen Knaben.
Das ist Marina Vladic. Sie ist die Tochter eines jugoslawischen Diplomaten und studiert in Bonn im dritten Semester Psychologie. Sie ist zweiundzwanzig, misstrauisch und unsicher. Aber sie ist sich sicher, dass sie sich durchboxen wird. Sie hat im Vorraum der Bonner Mensa Jan Koniezny kennengelernt. Sie waren beim Durchmustern der Kaufangebote am Anschlagbrett fast mit den Köpfen zusammengestoßen und waren dann ins Gespräch gekommen. Sie sucht ein Radio für ihre zwei möblierten Zimmer, in denen sie allein lebt. Jan sagt, dass er ein altes Radio besitzt, das er loswerden will. Sie gehen zusammen nach draußen, wo der Wagen von Jans Freundin Ines steht, ein schöner, neuer hellblauer Käfer. Bevor sie sich verabschieden, sagt sie: „Komm mich doch mal besuchen.“ Aber er weiß, dass er das nicht tun wird. Sie ist zu schön. Diese Herausforderung traut er sich nicht zu.
Aber zwei Wochen später begegnet er ihr wieder in der Stadt. Sie ist auf einem ihrer Streifzüge mit ihrer großen Tasche: Kaufhof, Markt, Robert Ley, Biba-Boutique, C & A, Institut. Trotz ihrer Unsicherheit hat Marina mit ihren 22 Jahren schon einiges hinter sich. Sie hat für Exil-Kroaten Flugblätter übersetzt. Sie half anderen Jugoslawen in München beim Automieten. Sie hat neben ihrem Studium drei Jobs. Sie arbeitet im Haus Wittgenstein, einem Pflegeheim, macht Nachtwachen in der Kinderklinik und hilft beim CDU-Wirtschaftsrat. Sie ist Anhängerin von Partisan Belgrad.
Während sie sich in Bonn auf dem Münsterplatz unterhalten, sagt Marina: „Du wolltest mich doch mal besuchen kommen.“ Sie gehen auseinander, und zwei Wochen später traut Jan sich. Sie wohnt in der Kölnstraße in einem vierstöckigen großen Haus und ist tatsächlich zu Hause. Über einen großen Innenhof geht es nach oben: ein Arbeitszimmer und ein kleines Schlafkämmerchen. Im Arbeitszimmer stehen nur ein Plastikschreibtisch, zwei Plastikstühle und eine kleine, unmoderne Liege aus den Fünfzigern. Jan setzt sich darauf. Sie setzt sich dicht neben ihn, und dann reden sie über alltägliche Dinge. Sie über ihr Psychologiestudium, das sie nur als Übergang zu einem Medizinstudium betrachtet. Er über sein erstes Staatsexamen in Germanistik und Philosophie, das er mit „gut“ hinter sich gebracht hat. Während des Gesprächs berührt er, weil sie so nahe neben ihm sitzt, unwillkürlich ihren Hals. – Nach dem Küssen reden sie ganz aufgeklärt und erwachsen miteinander. Marina nimmt die Pille nicht, ist aber bereit, sie sich verschreiben zu lassen. Er muss also warten. Will er das? „Natürlich“, sagt er. Er könnte sich denken, dass diese schöne Frau noch in anderen Beziehungen steckt.
Jan und Marina sind auf einer Party im Diplomatenviertel. Marina kennt viele Diplomatenfamilien. Die Einrichtung gefällt Jan. Auch Björn Nilsson ist da, die Hoffnung des gesamten Psychologischen Instituts, und tanzt ausgelassen. Marina sieht angestrengt nicht hin. Jan ist kein guter Tänzer, und zu den Gesprächen kann er wenig beitragen. Bald ist die ganze Gesellschaft ein Haufen bunter, beineschlenkernder Gliederpuppen. Björn Nilsson setzt sich zu ihnen und fragt Jan, was er macht. Als Jan von seinem ersten Staatsexamen erzählt, fragt Björn, was er damit anfangen könne. Jan, der ein Jahr als Assistent an der Uni Düsseldorf verbummelt hat, sagt, er brauche noch sein zweites Staatsexamen, dann könne er Lehrer werden. Björn erwidert, für ihn zähle nur die Wissenschaft, und zwar die Psychologie als reine Wissenschaft vom Menschen. Jan, der aus der Philosophie doch etwas mitgenommen hat, sagt, die statistisch orientierte Psychologie sei für ihn unzuverlässig, was Prognosen an lebenden Menschen betreffe. Björn schweigt, und versucht, sich Marina zuzuwenden, die sich aber wortlos wegdreht. Nach dem Gespräch fragt sich Jan, was ihn eigentlich ohne Geld und in einem schlechten Zimmer noch in Bonn hält. Ist es seine Freundin Ines, ohne deren Zuwendung und Hilfe er kein so gutes erstes Staatsexamen gemacht hätte? Und jetzt betrügt er sie mit einem Diplomatentöchterchen.
Sie tanzen noch eine Weile zwischen den zuckenden und zappelnden Paaren, laben sich an den sparsamen Schnittchen. Dann drängt Marina zum Aufbruch, obwohl es erst elf Uhr ist. Sie möchte noch spazieren gehen. Jan fährt auf den Venusberg, und sie gehen die Straßen zwischen den Kliniken entlang, ein kleines Wäldchen, dann wieder zurück. Vor ihrem Haus fragt sie ihn, ob er noch mit hochkommen wolle. Natürlich will er. Oben angekommen, zieht sie sich sofort aus und zieht ihn in die kleine Schlafkammer. Auf der Liege, die eigentlich nur für eine Person gerichtet ist, versuchen sie, es sich bequem zu machen. Jan ist nicht sehr potent, und bald ist es vorüber. Marina will angefasst werden. Jan, der mit seinen 27 Jahren erst mit zwei Frauen geschlafen hat, weiß nicht, was er tun soll. Sie führt ihm die Hand. So endet ihr erstes Mal mit beiderseitiger Frustration. Er zieht sich wieder an und fährt mit Ines‘ Auto zu seinem möblierten Zimmer, das nur ein paar Straßen von Ines‘ Zimmer entfernt liegt.
Jan ist ein Kriegskind. Er ist im Muff der 60-er Jahre groß geworden, hat gelernt, sich anzupassen. Die Lehrer eine Katastrophe. Seine Mutter war mit ihm aus Ostpreußen geflüchtet, war in Chemnitz ins Bombardement gekommen und hatte ihn, in feuchte Tücher gewickelt, hindurch getragen. Der Großvater hatte sich liebevoll um ihn gekümmert. Sein Vater war aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden, und dann fingen sie in einer kleinen Wohnung von vorne an. Die letzten drei Jahre auf dem Gymnasium gingen noch. Aber im Studium hatte er, außer etwas Spezialwissen, nichts gelernt. Marina ist sechs Jahre jünger als er. Sie ist ein Diplomatenkind. Früh zur Selbstständigkeit erzogen. Sie ist so eloquent und selbstständig mit ihren drei Jobs.
Jan geht die Treppe zu seinem möblierten Zimmer hoch. Es ist eine kleine Kammer, aber in der Nähe von Ines‘ Zimmer. Überhaupt Ines. Ohne ihre Unterstützung hätte er das lernaufwendige Examen in Philosophie nicht geschafft. Sie ist eine großgewachsene Frau, die etwas Gauguins Südseeinsulanerinnen und etwas Cathérine Déneuve ähnelt. Sie ist liebevoll und großzügig. Aber sie riecht, dass sich in den letzten vier Wochen etwas mit ihm verändert hat. Brüllt los, ohne dass sie weiß, warum. So hält er sich immer weiter an Marina. Ines studiert auch Psychologie, ist kurz vor dem Vordiplom. Ines kommt aus dem katholischen Trier, tief in der rheinlandpfälzischen Provinz, und hat sich gleich in das Liebesleben mit den ausgehungerten Studenten gestürzt. Sie hat mehr Erfahrung als Jan mit Minirock, Lidstrich und toupiertem Haar. Aber sie ist froh, dass sie mit Jan einen, wie sie glaubt, zuverlässigen Partner gefunden hat. Jan ist sein Schwanken zwischen den beiden Frauen selbst ein wenig unheimlich. Aber an der Zuverlässigkeit von Ines ist nicht zu zweifeln.
Er lebt von dem Geld, das er in seiner Düsseldorfer Assistentenzeit gespart hat. Viel ist es nicht mehr. Sein Konto ist beträchtlich geschmolzen, denn Marina hat ihm weisgemacht, dass er zu schlecht angezogen sei und ist mit ihm durch die Boutiquen von Bonn, Bad Godesberg und Köln gestreunt. Er hatte versucht, in Bonn eine Referendarstelle zu bekommen und dort sein zweites Staatsexamen zu machen. Aber man hatte ihm stattdessen Mönchengladbach angeboten. Er weiß, dass er an das Mainzer Kultusministerium schreiben muss, um eine Stelle in Alt-Muhl zu bekommen, wo das Referendariat nur ein Jahr dauert. Aber was ist dann mit Ines und Marina?
Jan beschließt, nach Alt-Muhl zu fahren und sich in der Stadt, in der er groß geworden ist, noch einmal umzusehen. Ines hat ihm ihren VW geliehen. In zwei Tagen will er zurück sein. Reuterstraße, das langweilige Bad Godesberg, Rolandseck, Remagen, Bad Breisig, immer den Rhein entlang, und dann sieht er auf den Höhen von Andernach schon die Alt-Muhler Silhouette. Sein Vater steht kurz vor der Pensionierung und arbeitet das letzte Jahr an der landwirtschaftlichen Genossenschaft von Raiffeisen. Durch das grau gestrichene Gittertor fährt er langsam auf das weiß gestrichene, vielflügelige Gebäude zu, in dem sich die Dienstwohnung befindet. Seine Eltern freuen sich über seinen Besuch. Seine Mutter hat extra...
| Erscheint lt. Verlag | 6.7.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-7534-5731-0 / 3753457310 |
| ISBN-13 | 978-3-7534-5731-4 / 9783753457314 |
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