Die Wunderkammer der Weltenerde 2 (eBook)
272 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7543-3566-6 (ISBN)
Was der Nebel barg
Die anderen Kriegsjungfern verstehen nicht warum ich seit dem vergangenen Frühjahr so eine tiefsitzende Angst habe, wenn Nebel heraufzieht. Sie sagen, ich würde angsterfüllt schauen und am ganzen Körper zittern. Jedes kleine Geräusch ließe mich aufschrecken wie ein scheues Reh. Warum ich bei dem bloßen Anblick eines solchen grauweißen Schleiers so schreckhaft bin. Warum ich so angespannt bin, als würde ein lauernder Wolf bei absoluter Dunkelheit um mich herumschleichen. Das will ich hier berichten. Ich will euch das grauenvolle Erlebnis schildern, das mir vor drei Jahren widerfahren ist und immer noch angstnasse Alpträume bereitet. Mag sich jede selbst ein Urteil auf meine Reaktion machen.
Das Stammesgebiet von uns Vestyren ist groß und wird in regelmäßige Rundgängen von einem Wehrturm zum nächsten durch unsere Kriegerinnen kontrolliert. Diese Aufgabe ist eine von verschiedenen Stationen einer einfachen Kriegerin des Stammes, um eine Kriegsjungfer zu werden. Der Vestyren-Stamm ist eine frauendominierte Gesellschaft verschiedener kleinerer Stämme, vereint unter der Führung unserer Königin Heerlinde. Unser Leben und Umgang miteinander zeugt von Respekt und Verständnis. Wir ziehen die Töchter des Stammes gemeinsam groß, arbeiten Hand in Hand und auch sonst ist unser Leben gut. Das ist allerdings auch nicht verwunderlich. Von den Ältesten weiß ich, dass Männer uns zwar nicht unähnlich sind, aber wesentlich aggressiver und kampfbereiter ihre Ziele durchzusetzen versuchen. Ich habe tatsächlich noch nie einen dieser Männer gesehen oder erlebt. Im Grunde habe ich mit meinen 17 Wintern noch nicht viel von der Welt außerhalb unseres Stammes gesehen. Männer sind nicht im inneren Bereich unserer Heimat erlaubt und dürfen höchstens in den ausgewiesenen Handelsposten im Grenzbereich unser Land betreten. Was ich weiß ist, dass unser Wohlstand und Friede beinah ganzjährig durch die Krieger der bellumischen Stämme von Mittreich bedroht sind. Sie kommen auf ihren langen Booten über das große Wasser im Süden an unsere Küsten oder fahren unsere Flüsse hinauf. Sie plündern unsere Siedlungen und verschleppen die jungen Frauen. Daher ist der Dienst der Grenzwache auch so ungemein wichtig und hoch angesehen in unserem Stamm.
Absurderweise stammen die Vestyren und Bellumen aus dem gleichen Stammesgebiet. Im Großen Krieg der Sonne war es, da sich die Stämme des Schwarzen Waldes zusammenschlossen und gemeinsam dem Kriegsruf des viktorianischen Großreiches folgten. Die Feigen, wie die Soldaten der Güldenen gerufen wurden, hatten die einstige Heimat im Norden Ostreichs durch List, Betrug und Hinterhalt zerstört. Die verbliebenen Stämme Ostreichs vereinten sich unter dem gewählten und legendären Stammeskönig Urgor. Er folgte mit seinen Kriegern der Einladung von Großfürst Viktorius Faust VIII Er bot ihnen eine neue Heimat in seinem Reich, so sie ihm im Krieg gegen die Armeen der Goldenen Sonne beistanden. Als sie nach zwei Monaten Reise in der Völkerschlacht der Ramerk-Hochebene jenseits des Godtwalls aufschlugen, da rannte die vergleichsweise geringe Zahl der Krieger in den übermächtigen Feind. Allein die Frauen und Kinder blieben zurück. Die Krieger stürmten geradewegs in die gewaltige Zahl der Feinde und zerstörten bei diesem selbstmörderischen Angriff die gesamte östliche Flanke des Feindes. Zwei Mal erhoben sich die Schwarzwälder Krieger aus ihrem Sterben nochmal um als Berserker unter den völlig wehrlosen und verzweifelten Soldaten Amok zu laufen. Dieser selbstlose Akt bereitete danach den nun umso entschlossener kämpfenden viktorianischen Legionen einen unerwartet starken Sieg. Es gelang die gewaltige Armee der Sonne in eine Massenflucht zu versetzen. Tausende starben im Kampf, nochmal mehr starben, als die Armee auf breiter Front gegen den Godtwall getrieben wurde und nochmal so viele starben bei dem Versuch sich durch das Tor des Nordens und die dahinter liegende Gaetja-Schlucht im Godtwall-Gebirge zurück auf die andere Seite des Godtwalls ins zentrale Mittreich zu flüchten. Der Anfang vom Ende der Güldenen. Die verbliebenen Frauen zogen später in das versprochene Land, das der Großfürst ihnen versprochen hatte. Aus diesen kriegerischen und selbstbestimmten Frauen entwickelte sich schließlich über Jahrzehnte der Stamm Bellumer und der sich abgespaltene Stamm von uns Vestyren.
Dank dem Einsatz meiner Mutter erhielt ich seit dem vorletzten Sommer mein Training und durfte im Winter vor drei Jahren zum ersten Mal bei den Patrouillen der Grenzwacht mitlaufen. Ich kam bei der Gruppe der Kriegsjungfer Eldrid unter. Sie ist eine langjährige Freundin meiner Mutter und hatte sich meiner angenommen. Das Leben als Kriegsmaid, als angehende Kriegerin die noch nie einen Kampf gesehen hat, war nicht einfach. Als die Jüngste erhielt ich alle unliebsamen Aufgaben. Doch ich beklagte mich nicht und das hatte mir schon ein gewisses Ansehen in der Gruppe eingebracht.
Es war kurz vor den Raunächten, jene Zeit im Winter an denen der Nordwind blies. Ein Sturm, der so scharfe Winde heulen ließ, dass Schnee und Eis in Minuten das Land erstarren ließen. Eisige Kälte senkte sich auf die Erde und ließ sogar stark fließende Flüsse in kürzester Zeit erstarren. Ich erlebte Zeiten in denen wir wochenlang nicht hinausgehen konnten und nur vor dem Feuer in der großen Versammlungshalle hockten. Dieses Jahr war der Nordwind noch sehr mild gewesen. Wir erfuhren wenige Tage später am eigenen Leib, dass er seine kältesten Stürme noch aufbewahren sollte.
Wir befanden uns an der westlichen Außengrenze zwischen zwei Wachtürmen, als wir die Jaulenden Windhunde vernahmen. Jene Stürme die den Nordwind ankündigten. Sie fegten schon seit dem frühen Morgen über das Land und warfen allen Schnee aus den Bäumen und Sträuchern. Eldrid hatte entschieden, dass wir nun endgültig das Lager aufschlagen mussten, ehe wir vom Nordwind überrascht würden.
Während Thuri, Eberhilde und Gry, unsere stärksten und größten Kämpferinnen das Lager errichteten, zog ich mit unseren Schützinnen Elfrun und Harda los um genug Feuerholz für unsere Notunterkunft zu sammeln. Es war mühselig immer und immer wieder das Feuerholz zu sammeln, zu bündeln und zum Lager zu schleppen. So teilten wir uns die Arbeit auf. Elfrun und ich trugen Äste und Zweige an einen Ort zusammen und Harda brachte sie bundweise zum Lager zurück. Es war zwar eine Erleichterung für uns drei, doch eigentlich blieb mir so das einzig Schöne am Feuerholz holen verwehrt. Es war immer faszinierend wie schnell die anderen das Lager errichteten und wie der stückweise Fortschritt mit jedem Bündel mehr Gestalt annahm. Üblicherweise lagerten wir in den älteren, fest angelegten Rastplätzen oder eben in den Wachtürmen selbst. Doch manchmal musste aus der Not heraus ein provisorisches Lager errichtet werden.
Elfrun schickte mich los um nach Baumharz und Wollmoos zu suchen, da uns diese Zündhilfen für das Feuer langsam ausgingen. Der Winter war bisher zwar kalt aber auch sehr nass gewesen und so mussten wir viel unserer Zündhilfen aufwenden, um den nassen Reisig entfachen zu können. Ich zog also ohne zu Murren etwas weiter in den Wald hinein. Der heulende Wind hatte sich für eine kurze Weile gelegt und ich genoss die Stille, aber auch wie es gefühlt wieder etwas wärmer war ohne die schneidend kalten Winde. Innerlich freute ich mich schon darauf in der zwar engen aber behaglichen, warmen Behausung mein Lager aufschlagen zu können. Der kriechenden Kälte zu entkommen und meine feuchtklammen Stiefel endlich wieder trocknen zu können.
Während ich so in meinen Gedanken schwelgte, hatte ich eine kleine Baumgruppe entdeckt auf der ich das begehrte Moos fand. Ich griff es mit ganzen Händen und stopfte es in meine Tasche. Die Freude meinerseits über dieses großzügige Geschenk der Natur war natürlich groß und so bedachte ich mich selbst mit der Pflicht der Erdenmutter bei dem nächsten Gebet zu danken.
Meine Träumerei wurde jedoch jäh unterbrochen als ich nahe Schreie hörte. Ich griff meinen Speer und rannte los. Der Wind heulte wieder auf und ich musste stehen bleiben. Ich horchte erneut und machte die Rufe in westlicher Richtung aus. Durch das sich lichtende Unterholz sah ich eine große flache Lichtung bei der mir sofort ein zugefrorener See in den Gedanken kam. Mit einem zweiten Blick bestätigte sich meine Vermutung. Mitten auf dem See war ein tiefdunkles Eisloch aufgebrochen und jemand schrie aus voller Kehle um Hilfe. Ich lief ein Stück zurück zum Lager um Unterstützung zu holen. Rava, unsere Kundschafterin und Fährtenleserin, tauchte jedoch wie aus dem Nichts plötzlich auf und riss mich mit sich zum See zurück. Sie warf mir ein Seil zu das bereits um ihre Hüfte geknotet war. Ich verstand sofort und eilte mit ihr zum See. Die große schlanke Frau warf ihre Ausrüstung und Mantel ab, alles was sie eben leichter machte. Danach lief sie auf das verschneite Eis und legte sich das letzte Stück flach hin. Auf allen Vieren...
| Erscheint lt. Verlag | 8.6.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-7543-3566-9 / 3754335669 |
| ISBN-13 | 978-3-7543-3566-6 / 9783754335666 |
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