Omega (eBook)
396 Seiten
Hybrid Verlag
978-3-96741-089-1 (ISBN)
Oscar Winter wurde 1987 in Zürich geboren und lebt dort mit seiner Familie. Als Kind tippte er Science Fiction Kurzgeschichten auf einer alten Olympia-Schreibmaschine, später studierte er Kommunikation. Er arbeitete als Journalist und Pressesprecher und reiste durch Japan, Korea, China und die U.S.A auf der Suche nach außergewöhnlichen Zukunftsideen. Oscar Winter schreibt in den Genres Science Fiction und Thriller und liebt es, bekannte Technologien mit unbekannten Welten zu verknüpfen.
Oscar Winter wurde 1987 in Zürich geboren und lebt dort mit seiner Familie. Als Kind tippte er Science Fiction Kurzgeschichten auf einer alten Olympia-Schreibmaschine, später studierte er Kommunikation. Er arbeitete als Journalist und Pressesprecher und reiste durch Japan, Korea, China und die U.S.A auf der Suche nach außergewöhnlichen Zukunftsideen. Oscar Winter schreibt in den Genres Science Fiction und Thriller und liebt es, bekannte Technologien mit unbekannten Welten zu verknüpfen.
Ω
1.
Ray legte die Hände auf den kühlen Stein der Brüstung und überblickte das Kirchenschiff unter sich. Dort, wo lange Bänke hätten stehen sollen, reihten sich jetzt Schulpulte aneinander. Anstelle von Geistlichen schritten Lehrer unter den Kreuzbögen hindurch.
Sein Blick fiel auf eine Gruppe Kinder, denen eine Lehrerin gerade erklärte, wie sie die Filter ihrer Schutzmasken auswechseln mussten. Die meisten hörten aufmerksam zu und verfolgten jede ihrer Handbewegungen. Ein paar alberten herum und ließen die Riemen ihrer Masken wie Gummibänder durch die Luft fliegen.
Auch er hatte sich damals oft versteckt, wenn er wütend oder ängstlich gewesen war. Aber wo nur? Seine Augen wanderten zu den hohen Chorfenstern über den Emporen. Die Bilder auf den bunten Gläsern beschrieben biblische Szenen und tauchten den Boden unter ihnen in weiches Licht.
Er stieß sich von der Brüstung ab und stieg hinab zum Kirchenschiff. Ohne seine schweren Einsatzstiefel, nur in den Socken, waren seine Schritte leise. Trotzdem bemerkten ihn ein paar Kinder und winkten ihm zu, die Atemmasken hingen halb in den Gesichtern. Ray winkte zurück. Er stieg die Leiter hinauf zur anderen Empore und schwang sich oben flüssig wie ein Schatten über die Brüstung.
Hier oben roch es nach Staub. Hüfthohe Kisten aus dunklem, altem Holz standen überall verteilt. Er sah ihn sofort. Am anderen Ende der Empore saß der Junge zusammengekauert auf dem Sims des Fensters und umklammerte mit beiden Händen ein viel zu großes Buch. Sein dünner, braungebrannter Körper wirkte fast schon ausgemergelt. Sein Haar glich dem einer streunenden Katze.
»Du musst Matt sein.«
Der Junge schrak zusammen, erblickte ihn und sprang vom Sims. Ohne sich umzuschauen rannte er zur Tür und versuchte, sie mit einer Hand aufzuziehen. Sie klemmte. Er zog mit aller Kraft, rutschte ab, fiel zu Boden und rappelte sich sofort wieder auf.
Ray räusperte sich. »Sie hat schon immer ein wenig geklemmt. Du musst mit beiden Händen ziehen.«
Der Junge warf das Buch weg und zog beidhändig, bis die Tür aufschwang. Als er auf der Schwelle stand, hielt er inne. »Willst du mich nicht verfolgen?« Seine Stimme klang heiser.
»Du würdest ohnehin wieder weglaufen.« Ray sprang auf eine der Kisten und blieb mit gekreuzten Beinen im Licht der bunten Gläser sitzen. »Komm her und setz dich zu mir.«
Der Kleine zögerte. Er warf einen letzten Blick ans Ende der Treppe. Die Tür fiel zurück ins Schloss. Schließlich kam der Junge langsam zurück, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen.
Aus der Nähe konnte er den Jungen noch besser erkennen. Seine rissigen Lippen zeugten vom Wassermangel. Er sah die für Wüstenkinder typischen, linienförmigen Narben in seinem Gesicht. Narben, die entstanden, wenn die Haut immer und immer wieder von Sandstürmen aufgerissen wurde.
»Amma sagt, du heißt Matt. Gefällt er dir? Der Name, den sie dir gegeben haben?«
Der Kleine schüttelte stumm den Kopf.
Er reichte dem Jungen den Wasserbeutel und dieser trank schnell und in großen Schlucken, bis er husten musste.
»Mir mussten sie damals keinen neuen Namen geben«, sagte Ray. »Sie wussten schon, wie ich heiße.« Vorsichtig zog er ein kleines, in rotes Leder gebundenes Büchlein hervor und reichte es Matt. »Als sie mich fanden, trug ich das bei mir.«
Der Junge musterte das Büchlein, legte das Wasser weg und blätterte durch die vergilbten Seiten voller Zahlen und Formeln. Nach einer Weile blickte er auf. »Was bedeuten diese Zeichen?«
»Es sind Sternenkarten und Koordinaten; Zeichen, die uns ermöglichen, Orte zu finden. Einige dieser Orte sind in den Sternen, einige sind hier auf der Erde. Ich habe sie gesucht.«
Die Augen des Jungen blickten ihn neugierig an. »Hast du sie gefunden?«
Ray nickte. »Viele von ihnen, aber ich fand sie verlassen und zerstört. Lagerhallen und Fabriken, in denen Dinge gebaut wurden, die längst in Vergessenheit geraten sind. Dinge, von denen die meisten Menschen nichts wissen.« Er zuckte mit den Schultern und zeigte auf die Inschrift des ledernen Umschlags. »Und hier steht mein Name geschrieben.«
Für Raymond, unseren geliebten Sohn. Mögest du finden, was wir verloren haben.
Matt, scheinbar plötzlich befreit von jeglicher Furcht, lehnte sich weit nach vorne. »Bedeutet das, du sollst alle diese Orte finden?«
Ray richtete sich auf und sah zum Fenster hinüber. »Einen bestimmten Ort, denke ich. Ich glaube, dass sie einen Ort gesucht haben, der besser ist als unsere Stadt oder die Wüsten. Einen Ort, wo die Menschen Zuflucht finden könnten.«
»Und den suchst du?«
Er nickte und lächelte den Jungen an.
Für eine Weile schwiegen sie beide und nur das gelegentlich von der Lehrerin unterbrochene Geplapper der Kinder unter ihnen im Kirchenschiff war zu hören.
»Bist du auch ein … ein Wüstenkind?« Die Frage kam unerwartet. Das letzte Wort flüsterte Matt, als wäre seine bloße Erwähnung ein Vergehen.
Ray deutete auf die Sandnarben in seinem Gesicht, beugte sich nach vorne und zeigte ihm auch die längliche Narbe auf seinem Hinterkopf, die von seiner Gedankenlöschung stammte.
Sofort tastete Matt nach dem frisch genähten Schnitt am eigenen Kopf. »Ava aus meiner Klasse sagt, die Ärzte nehmen mir die Erinnerung, weil meine Eltern in der Wüste hausten und Menschen fraßen. Sie sagt, wenn ich noch wüsste, wie das ginge, würde ich die anderen in der Nacht auffressen.« Angst schlich sich in seinen Blick. »Essen wir wirklich andere Menschen?« Wieder das Flüstern.
Ray schüttelte den Kopf. »Die Überlebenden dort draußen leben von den Dingen, die sie in den Ruinen finden: Konserven, Getrocknetes und Verschweißtes. So wie wir. Trotzdem glauben die Stadtbewohner, dass alle aus den Ruinen Kannibalen sind. Es ist Unsinn.«
»Also bin ich gar kein Kannibale?«
»Nein. Du isst die gleichen Sachen wie alle anderen Kinder auch.«
Der Kleine atmete sichtbar erleichtert auf.
Ray nahm den Wasserbeutel, verstaute ihn sorgsam in seinem robusten Rucksack und sprang von der Kiste. »Und jetzt lass uns Amma suchen.«
Matt folgte ihm zuerst bereitwillig die Treppen hinab, doch unten angekommen verlangsamte er seine Schritte. »Wird Amma mich bestrafen, weil ich aus dem Schlafsaal abgehauen bin?«
Ray blickte ihn aus den Augenwinkeln an. »Vermutlich.«
»Ich will aber nicht bestraft werden.« Matt blieb stehen.
»Willst du dich für den Rest deines Lebens zwischen diesen Kisten verstecken?«
Matt kniff die Augen zusammen, schien die Möglichkeit in Gedanken abzuwägen, doch schließlich ging er weiter.
Eine Horde Kinder spielte zwischen den Bögen und Pfeilern, als sie unten in die Kreuzgänge traten. Die Kleinen spielten Wüstenfangen und trugen Kapuzen und dicke Sonnenschutzumhänge. Wenn ein Kind erwischt wurde, tat es so, als würde es verbrennen, kreischte und wand sich in gespielter Qual am Boden.
Amma saß an ihrem üblichen Platz unter einem zu dieser Tageszeit schattigen Kreuzbogen ganz hinten im Innenhof. Selbst nach all den Jahren rief sie mit ihrer großgewachsenen Statur und den streng nach hinten gebundenen, inzwischen ergrauten Locken immer noch den Respekt in ihm hervor, den er auch als Kind gefühlt hatte. Sie blickte von einem alten Tablet-Computer auf. Obwohl sich ihr Mund nicht bewegte, erkannte er ein Lächeln in ihren Augen. Wie beiläufig drückte sie ihm das Gerät in die Hand und wandte sich dann dem Jungen zu. »Komm her, lass dich ansehen.« Sie stützte die Hände auf die Knie.
Matt zögerte, dann trat er an sie heran.
Auf dem Bildschirm erkannte Ray sein eigenes Gesicht auf einem Steckbrief, den das Sucherkorps von ihm verbreitete. Das Gesicht eines jungen Mannes mit grünen Augen und wilden, braunen Haaren. Linienförmige Sandnarben wie die Kriegsbemalung eines Indianers zogen sich unter seinen Augen auseinander.
Amma fasste Matt ans Kinn, so dass er ihr in die Augen blicken musste. »Geh in die Küche und sag ihnen, sie sollen dir zu essen geben. Wir zwei unterhalten uns nachher noch über die Schulordnung.«
Matt nickte gehorsam und machte ein paar zögerliche Schritte zur Tür. Schon fast an der Schwelle drehte er sich nochmal um und rannte wieder zurück zu ihm. »Wenn du diesen Ort findest, nimmst du uns dann mit?«, flüsterte er ihm ins Ohr.
Ray nickte. »Das werde ich.«
Matt sah ihm direkt in die Augen. »Versprichst du es?«
»Ich verspreche es.«
Als der Junge zwischen den Kreuzbögen verschwunden war, wandte sich Amma an Ray. »Wir haben den ganzen Tag vergeblich nach ihm gesucht. Er ist erst seit wenigen Tagen in der Kathedrale. Danke, dass du uns dein Talent als Sucher geliehen hast.«
»Sie löschen ihnen immer noch das Gedächtnis?« Er schüttelte verächtlich den Kopf. »Ich dachte, die Stadt wäre mittlerweile darüber hinaus.« Er reichte ihr ein kleines Säckchen. Ein Dutzend oranger Röhrchen mit Pillen und einige Ampullen lagen sorgfältig eingeschlagen darin.
»Wenn du das glaubst, warst du offenbar lange nicht mehr in der Stadt.«
Sie sagte die Wahrheit. Er verbrachte dieser Tage viel Zeit in den Ruinen, ernährte sich von gefundenen Konserven und schlief in Wolkenkratzern. Mittlerweile fühlte er sich in den Ruinen fast wohler als in der Stadt, die mit jedem Monat leerer und trotzdem gewalttätiger wurde.
Amma sah sich die orangen Röhrchen genau an, öffnete ein paar und roch daran. »Gott sei Dank. Wenn wir dich nicht hätten, könnten wir bei den Kindern nicht mal mehr die...
| Erscheint lt. Verlag | 10.12.2020 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Abenteuer • Apokalypse • Dystopie • Erde • Geheimnis • Raumschiff • Reise • Roman • Ruinen • Science Fiction • sonde • Sucher • Utopie • Weltall • Wüste |
| ISBN-10 | 3-96741-089-7 / 3967410897 |
| ISBN-13 | 978-3-96741-089-1 / 9783967410891 |
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