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Schauerroman (eBook)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
592 Seiten
Hoffmann und Campe (Verlag)
978-3-455-01198-2 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Schauerroman -  Gerhard Henschel
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 »Die lustigste aller BRD-Chroniken.«   Ursula März,  Die Zeit     'Und wie ist das so in diesem Haus, das du geerbt hast?', fragte Max.    'Liegt da noch das Skelett von deinem Vater rum?'     Frühling 1992: In der Kreuzberger Wohngemeinschaft des dreißigjährigen Schriftstellers Martin Schlosser geht es drunter und drüber, aber seine ersten Bücher sind in Arbeit, und ihm lacht das Glück. Er zieht um die Häuser, tummelt sich mit Max Goldt und Rattelschneck auf Helgoland, freundet sich mit Eckhard Henscheid an, singt zu seiner eigenen Verwunderung eines Nachts Hand in Hand mit der Streetworkerin Domenica Niehoff im Vollmondschein einen Kanon und lernt auf seinen Lesereisen die neuen Bundesländer von ihren schwärzesten Seiten kennen. Nebenbei verliebt er sich immer öfter und bleibt trotzdem ein überzeugter Single, der die Pärchenbildung als Irrweg der Evolution betrachtet.   Im Herbst 1993 tritt Martin Schlosser in Frankfurt in die Redaktion des Satiremagazins  Titanic  ein. Damit beginnt für ihn ein neues Leben, während seinen verwitweten Vater in der emsländischen Kleinstadt Meppen allmählich die Kräfte verlassen und ein schauerliches Ende naht.   

Gerhard Henschel, geboren 1962, lebt als freier Schriftsteller in der Nähe von Hamburg. Sein Briefroman Die Liebenden (2002) begeisterte die Kritik ebenso wie die Abenteuer seines Erzählers Martin Schlosser, die mit dem Kindheitsroman 2004 ihren Anfang nahmen. Henschel ist außerdem Autor zahlreicher Sachbücher. Er wurde unter anderen mit dem Hannelore-Greve-Literaturpreis, dem Nicolas-Born-Preis und dem Georg-K.-Glaser-Preis und dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet.

Gerhard Henschel, geboren 1962, lebt als freier Schriftsteller in der Nähe von Hamburg. Sein Briefroman Die Liebenden (2002) begeisterte die Kritik ebenso wie die Abenteuer seines Erzählers Martin Schlosser, die mit dem Kindheitsroman 2004 ihren Anfang nahmen. Henschel ist außerdem Autor zahlreicher Sachbücher. Er wurde unter anderen mit dem Hannelore-Greve-Literaturpreis, dem Nicolas-Born-Preis und dem Georg-K.-Glaser-Preis und dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet.

Cover
Verlagslogo
Titelseite
Schauerroman
Hauptteil
Und noch immer dauerte [...]
Nachdem René Bölls Anwalt [...]
Untergebracht wurden wir im [...]
Eine blonde junge Frau [...]
Auf der Zugfahrt nach [...]
Über Gerhard Henschel
Impressum

Und noch immer dauerte der Bürgerkrieg in Rostock an. Die Meute schmiß Brandsätze, die Feuerwehr drang nicht durch, und die Vietnamesen mußten über das Dach ihres Wohnhauses fliehen.

Auf einer Pressekonferenz in Rostock äußerte der Bundesinnenminister Rudolf Seiters, dies sei »sicherlich nach übereinstimmender Einschätzung ein Vorgang, der das deutsche Ansehen in der Welt schädigt und der auch geeignet ist, das Bild vom ausländerfreundlichen Deutschland zu trüben und zu beschädigen, das wir ja auf jeden Fall erhalten wollen«. Als Rezept gegen die rufschädigende ausländerfeindliche Gewalt schlug er deshalb vor, die Zahl der Ausländer in Deutschland zu reduzieren: »Wir müssen handeln gegen den Mißbrauch des Asylrechts, der dazu geführt hat, daß wir einen unkontrollierten Zustrom in unser Land bekommen haben von Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen zu uns kommen und nicht, weil sie politisch verfolgt werden.«

Keine Silbe darüber, daß mit harter Hand gegen die Marodeure in Rostock-Lichtenhagen durchgegriffen werden müsse. Die Sorge des Innenministers galt nicht dem Leben der Vietnamesen, sondern dem Ansehen Deutschlands.

»Der sollde sich schäma«, sagte Sigrun. »Diesr Mischdkerl! Der hedd do no koin gotziga Ausländr uf seim Grondschdügg gseha!«

»Doch«, sagte Philipp. »Ich glaube, Seiters hatte mal Besuch von George und Barbara Bush.«

»Jo, die obera Zehndausend! Abr meinschd, der häd mol mid eim viednamesische Flüchdling greded?«

 

In einer Talkshow im dritten Programm verteidigte Katharina Rutschky Woody Allen, gestand ihre Liebe zu ihm und äußerte ihr Bedauern darüber, für seinen Geschmack zu alt zu sein.

Dabei war sie erst 51. Und Woody Allen nur fünf Jahre älter.

 

Am Dienstag erhielt ich einen freundlichen Brief von Kurt Scheel:

Man muß das Böse packen & ausreuten. Aber wem sage ich das?! Dem furchtlosen Günther-Anders-Levitenleser ist selbiges gelungen, gut, finde ich. Und wenn Sie mir jetzt noch ein Ms. schicken, das besser zu lesen ist als ein Fax, wird auch Herr Bohrer es bekommen und hoffentlich bei der Lektüre ähnlich entzückt sein wie ich.

Womit ich in meiner WG leider auch nicht renommieren konnte, denn da kannte keiner Kurt Scheel, Karl Heinz Bohrer und Günther Anders.

 

Wiglaf las mir am Telefon seine für das Neue Deutschland verfaßte Besprechung meines Buchs vor. Darin hatte er ein Zitat von Friedrich Schorlemmer aufgegriffen, wonach der »Angstfriede« am Ende sei: »Am Ende wäre sehr rasch auch der Leser dieses Kompendiums blühendster Idiotien, hätte Martin Schlosser sie nicht sorgfältig sortiert, inhaltlich zwingend miteinander verknüpft und rhetorisch tiptop kommentiert.«

»Danke.«

»Gern geschehen! Aber im Unterschied zu den korrupten Betriebsnudeln loben wir uns ja nicht aus Gefälligkeit, sondern nur dann, wenn’s stimmt.«

 

In Rostock bekam die Polizei das rechtsextreme Gesindel noch immer nicht in den Griff. Nach vier oder fünf Tagen! Dort tobte sich der Volkszorn aus, und der Staat kratzte sich am Kinn, anstatt mit aller Gewalt einzuschreiten, die Rädelsführer zu verhaften und die Mitläufer in ihre Rattenlöcher zurückzujagen.

 

Zwei Anrufe: Michael Rudolf sagte mir, daß mein esoterischer Roman im Frühjahr ’93 im Verlag Weisser Stein erscheinen könne, und die Apothekerin lud mich für Freitag nach Leipzig ein. Na endlich.

I’ve hungered for your touch

A long, lonely time …

Was aber auch bedeutete, daß ich neue Präservative kaufen mußte.

 

Im Septemberheft von Kowalski wurde die Rubrik »Zeichen, Zeiten, Tage & Wunder« mit Kathrins Text »Tüschwa« eröffnet. Gut! Denn wenn sie begriff, daß es bares Geld dafür gab, rutschte sie ja vielleicht doch noch in die Laufbahn einer freien Autorin hinein. Das einzige, was dem entgegenstand, war die schlechte Zahlungsmoral des Verlagshauses Semmel.

Ich selbst schrieb für Kowalski als nächstes eine Geschichte, in der ich in stark verfremdeter Form rekapitulierte, wie mein alter Schulfreund Hermann Gerdes und ich einmal in Göttingen durch ein Kanalrohr gekraucht waren und bei der Rückkehr an die Erdoberfläche einen uns unbekannten Mann zu dem Ausruf veranlaßt hatten: »Das sind die Morlocks!«

Nebenbei sah ich mir auf Video »Mrs. Brisby und das Geheimnis von NIMH« und »Terminator« an, und mit einem Ohr verfolgte ich eine irgendwo hinten in der Wohnung eskalierende Reiberei zwischen Jochen und Philipp, die auch körperliche Gewalt und die Verwendung unterschiedlicher Haushaltswaren als Wurfgeschosse einzuschließen schien.

Sigrun lugte durch meine Zimmertür und fragte mich: »Weischt du, worum’s da gohd?«

»Nein.«

»Meinschd, die kriega sich wiedr oi?«

»Das bleibt abzuwarten.«

»Sollda mir ned eingreifa?«

»Ich glaube, die kommen ganz gut ohne uns aus …«

 

Und tatsächlich waren Jochen und Philipp schon beim Frühstück wieder ein Herz und eine Seele. Philipp hatte allerdings ein blaues Auge, und an Jochens Kinn klebte ein Pflaster.

 

Willi Winkler hatte für die taz Walter Kempowski, der anscheinend gesundet war, zu den Krawallen in Rostock interviewt, und Kempowski hatte gesagt:

Nun, mir wurde deutlich, daß wir ganz ohne Zweifel am Ende sind mit unserem Zivilisationslatein.

Etwas klarer hätte er sich von den Feuerteufeln schon distanzieren können.

 

Zweieinhalb Stunden lang saß ich mit einer mürrischen Blinden, einem Mittsechziger und drei bulgarischen Soldaten in einem Abteil, bevor Nicole mich im Hauptbahnhof Leipzig umarmte.

Mit ihrem Trabi fuhren wir zu ihrer Uraltbauwohnung am anderen Ende der Stadt, damit ich mein Gepäck abladen konnte, und dann gleich weiter zur Moritzbastei.

»Da wartet ’ne Freundin von mir, die dich mal begutachten will«, sagte Nicole. »Die verrät mir dann hinterher, ob du vorzeigbar bist …«

Bei Bier und Jägerschnitzel entpuppte diese Freundin sich als Kowalski-Fan (»Wie, und du bist Martin Schlosser? Mein Held!«) und bettete ihr Haupt auf meine Schulter.

Nicole tolerierte das. Und obwohl sie nach dem Genuß von zwei Litern Bier nur noch eingeschränkt fahrtüchtig war, kutschierte sie sich und mich im Anschluß an das Besäufnis unfallfrei nachhause, wo wir unverzüglich miteinander ins Bett gingen.

Tandaradei!

 

Eine süße kleine Wohnung hatte sie. Zwei Zimmer, Küche, Bad und an der Dielenwand ein gerahmtes Schulzeugnis von 1983 mit der Bemerkung:

Nicole muß ihren Klassenstandpunkt überprüfen und ihre weltanschauliche Position in unserer sozialistischen Gemeinschaft dringlich korrigieren.

»In der DDR wollten sie uns alle zu Leisetretern erziehen«, sagte sie. »Aber bei mir haben sie’s irgendwann aufgegeben.«

 

Am Sonnabendnachmittag fuhren wir nach Halle. Dort stieg ein Stadtfest, für das man sogar ein Riesenrad herbeigeschafft hatte. Wir sahen uns ein Puppentheaterspiel an, aßen Wildschwein und tranken Bier, und Nicole kaufte mir eine Plastikspinne mit Schlauchverbindung und Pumpe. Drückte man auf die Pumpe, sprang die Spinne hoch empor.

Grauslich fand ich die vielen Männer in kurzen Hosen. Selbst ein gebeugt gehender Greis zeigte sich in einer kurzen und zudem noch mit Dschungelmotiven verzierten Proletenbuxe.

»Das verstößt gegen die Genfer Konvention«, sagte ich zu Nicole, aber sie erwiderte, daß dieses Beinkleid doch »urst schau« sei, was so viel bedeutete wie »ungemein ansehnlich«.

Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ein Feuerwerk gezündet, und die im Osten heißgeliebte Rockband Karat trat auf.

Über sieben Brücken mußt du gehn …

Die Leute um uns herum stellten sich auf die Bierbänke, sangen lauthals mit und schunkelten und weinten.

Siebenmal wirst du die Asche sein …

Weder der leiernde Gesang noch die Zahlenmystik hätten aus mir einen Fan dieser Band machen können, doch so weit das Auge reichte, waren die Zonis zutiefst aufgewühlt. Mit Ausnahme von Nicole, die auf Eric Burdon schwor. Für tränenselige DDR-Hits hatte sie nichts übrig.

 

Als ich am Sonntag wieder heimreiste, sagte mir mein sechster Sinn, daß diese Affäre keine Zukunft hatte. Ich mochte Nicole, es war lustig mit ihr, aber meine Freiheit hatte auch ihren Reiz.

Die Liebe kommt, die Liebe geht,

so lang ein Stern am Himmel steht …

Und war Nicole auf dem Bahnsteig nicht eine Spur zu kühl gewesen? Mit etwas zu stark gespitzten Lippen beim Abschiedskuß? So als hätte sie mich eher abfertigen als küssen wollen?

 

Nachdem sie sich an den Eßtisch gesetzt hatten, erschreckte ich Lizzy und Sigrun mit meiner vorher gut unter einer Zeitung versteckten Springspinne.

»Du Saudaggl!« schrie Sigrun. »Des zahl i dir hoim!«

 

In seinem Aufsatz »Der Waldgang« hatte Ernst Jünger sich 1951 wieder einmal wortreich darum gedrückt, sich zu seiner Beteiligung an den Kriegen der Wehrmacht zu bekennen, und die Untersuchung ihrer Verbrechen als befremdliche Schnurre der Alliierten abgetan:

Man fragt uns, warum wir dann und dort geschwiegen haben, und gibt uns die Quittung dafür. Das sind die Zwickmühlen der Zeit, denen keiner entrinnt.

Der Ärmste! In den »Zwickmühlen der Zeit« hatte er als entlassener Offizier...

Erscheint lt. Verlag 1.11.2021
Reihe/Serie Martin Schlosser
Verlagsort Hamburg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Autorenleben • Berlin • BRD-Chronik • Chronik • Deutsche Literatur • Erinnerung • Familie • Familiengeschichte • Familiensaga • Freundschaft • Humor • Kreuzberg • Lustige Literatur • Martin Schlosser • Mauerfall • Max Goldt • Parodie • Popkultur • Satire • Schicksal • Schriftsteller • Titanic • Trauer • Unterhaltungsliteratur
ISBN-10 3-455-01198-5 / 3455011985
ISBN-13 978-3-455-01198-2 / 9783455011982
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