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Oma Thea macht die Fliege (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2021 | 2. Auflage
340 Seiten
Aufbau digital (Verlag)
978-3-8412-2856-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Oma Thea macht die Fliege - Gabi Breuer
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Wenn das Leben noch ein paar Rechnungen offen hat.

Fast hundert Jahre sind einfach genug, findet Oma Thea. Überall zwickt es, Freunde und Familie werden weniger, nur bei ihr hat der liebe Gott wohl das Verfallsdatum vergessen. Deshalb steht sie nun sprungbereit auf dem Dach des Seniorenheims. Leider aber findet Oma dort nicht die ersehnte Ruhe, sondern drei ziemlich überraschte Schicksalsgenossen: den Krankenpfleger Jan, die finanziell ruinierte Friedelies und die suchtkranke Susanna. Doch statt zum letzten Sprung anzusetzen fällt ihnen auf, dass sie alle noch eine Rechnung offen haben - auf der Erde, nicht im Himmel. Und damit begibt sich das ungewöhnliche Quartett auf eine kunterbunte Rachetour quer durch Deutschland ...



Gabi Breuer, geboren 1970, lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Köln. Sie arbeitet in einem Seniorenheim und schreibt in ihrer Freizeit liebend gerne Romane. Ihre historischen Titel erscheinen unter Gabriele Breuer.

Kapitel 1


Schlimmer konnte es wirklich nicht mehr kommen. Friedelies war schon einiges an Elend gewohnt, doch nun befand sie sich auf dem Gipfel ihres jämmerlichen Lebens. Seit Stunden saß sie nun schon neben Horsts Bett und starrte ins Leere, während ihr Mann vor sich hindöste. An den Fenstern schlossen die dunkelgrauen Vorhänge das Sonnenlicht aus und verliehen dem Zimmer das Ambiente einer Gruft. Seit zwei Monaten verbrachte Friedelies die Tage hier in diesem Altenheim, um bei ihrem Mann zu sein. Er wollte es so – sie nicht. Doch seine Dominanz besaß er selbst nach dem Schlaganfall wie in all den Jahren zuvor. Friedelies schalt sich selbst als Duckmäuschen. Aber bald würde es alles vorbei sein, dann würde sie ausbrechen, um endlich ihren Traum zu verwirklichen. Dazu brauchte sie nur noch das letzte Quäntchen Mut zu fassen.

Die Tür öffnete sich, und der Windzug bauschte die Vorhänge auf. Kurz darauf trat eine Pflegekraft in das Zimmer, um das Abendessen zu servieren. Sie grüßte kurz und stellte das Tablett auf den Betttisch. Friedelies kannte sie nicht, also schaute sie auf das Namensschild. Heidi hieß die neue Kraft, deren Kittel sich um den Bauch spannte, dass die Knöpfe fast absprangen. Friedelies hatte selbst einige Kilos zu viel auf den Rippen, doch im Vergleich zu der Pflegerin fühlte sie sich fast schon schlank.

Horst öffnete die Augen. »Meine Frau reicht mir das Essen an«, knurrte er. Es waren die ersten Worte, die er an diesem Tag sagte.

Dann wandte er den Blick zu Friedelies und verzog die schiefe Lippe. »Himmel, hat die eine Wampe.«

Schwester Heidi schüttelte den Kopf. »Ist Ihr Mann immer so freundlich?«

In diesem Augenblick schämte Friedelies sich wieder einmal in Grund und Boden. Horst hasste dicke Menschen und hielt damit auch nicht hinterm Berg – selbst bei ihr nicht. »Ich denke, er hat nicht gut geschlafen«, meinte sie entschuldigend.

Horst stützte sich auf die Ellenbogen. »Die Dicke soll verschwinden. Von so einer will ich nicht versorgt werden.«

Wie vor jeder Mahlzeit legte Friedelies ihm den Latz um den Hals. »Mensch, Horst. Hör bitte auf. Sei froh, dass es Menschen gibt, die sich um dich kümmern.«

»Leider kann ich mir hier nicht die Bewohner aussuchen, die ich zu pflegen habe. Aber glauben Sie mir, ich bin noch mit jedem Stinkstiefel fertig geworden.« Schwester Heidi presste die Lippen aufeinander und verließ das Zimmer.

Friedelies‘ Magen fühlte sich an, als wäre er wundgescheuert. Kurz zögerte sie, doch dann nahm sie all ihren Mut zusammen, schnappte sich ihren Mantel und fuhr nach Hause.

Auch wenn Thea den Film mit Gregory Peck und Audrey Hepburn in- und auswendig kannte, freute sie sich schon seit Tagen darauf. Ein Herz und eine Seele, das waren ihr Erwin und sie auch gewesen – als er vor langer Zeit noch gelebt hatte. Das Kopfteil des Bettes erhöht und die Fernbedienung in der Hand, lauschte sie nun der Anfangsmusik. So sahen sie also aus, die Höhepunkte in ihrem alten Leben, die ihr nur noch das Fernsehprogramm schenken konnte. Thea drückte den Ton lauter. Kurz darauf betrat Jan ihr Zimmer und schüttelte den Kopf. Wie sie an den Lippen des Altenpflegers erkennen konnte, sagte er irgendetwas.

»Du musst lauter sprechen. Ich hab mein Hörgerät nicht an«, brüllte Thea in seine Richtung.

Jan nahm ihr die Fernbedienung aus der Hand und stellte murmelnd den Ton leiser.

»Was soll das?« Verärgert schaute Thea ihn an. »Ich versteh nichts.«

Der junge Mann beugte sich zu ihr hinab und hielt seine Lippen ganz nah an ihrem Ohr. »Ihre Zimmernachbarin kann nicht schlafen.«

»Ja und?«

»Weil Sie den Fernseher so laut gestellt haben.«

»In der Nacht darf ich mein Hörgerät nicht tragen.«

»Wie wäre es denn hiermit?« Der Altenpfleger holte die Kopfhörer aus ihrem Nachtschränkchen.

Thea verdrehte die Augen. »Die tun mir an den Ohren weh.«

»Sie können aber nicht das ganze Haus wachhalten.« Ohne sie zu fragen, setzte Jan ihr die Kopfhörer auf und gab ihr die Fernbedienung zurück. Dann verließ er wieder das Zimmer.

Thea nahm sich das Teil vom Kopf und schmiss es auf den Boden. Anschließend stellte sie den Ton wieder lauter. Verdammt, jetzt hatte sie den Anfang des Films verpasst, den sie doch so liebte. Keine zwei Minuten später flog die Tür wieder auf. Herein trat eine Pflegerin, die Thea noch nicht kannte. Die korpulente Frau drückte den Fernseher aus, nahm ihr die Fernbedienung ab und verließ mit dem Teil das Zimmer. Thea glaubte an einen schlechten Traum. Das konnte doch nicht wahr sein! Was erlaubte die Trulla sich? Augenblicklich drückte sie den Notruf. Nichts geschah. Thea starrte den schwarzen Fernseher an. Dann knipste sie das Licht aus und betete ganz fest zu ihrem Erwin, er möge sie in der Nacht zu sich holen. Nie hatte sie hundert Jahre alt werden wollen, und älter schon gar nicht. Doch nun steuerte sie mittlerweile ihren hundertundeinsten Geburtstag an. Und wie es schien, vergaß der Tod sie einfach hier in diesem Altenheim am Kölner Stadtrand. Dabei gehörte das Sterben hier doch zur Tagesordnung. Fast jeden Tag fuhr der Leichenwagen vor. Das Billet für die Fahrt in der Holzkiste hatte Thea schon lange in der Tasche, denn vor gut zehn Jahren hatte sie ein kleines Vermögen für ihren Bestattungsvertrag gezahlt. Vielleicht sollte sie lauter Hier schreien, wenn der Sensenmann wieder einmal durch das Haus schlich. Leider wusste sie noch nicht einmal, wie er aussah. Klar, sie war ihm ja auch noch nicht begegnet. Thea stellte das Kopfteil tiefer und rutschte mit dem Hintern über die Dekubitus-Matratze, bis sie eine halbwegs schmerzfreie Liegeposition gefunden hatte. Dann zählte sie die selbst gezogenen Kerzen auf der Fensterbank, die sie vor vielen Jahren angefertigt hatte. Als sie danach die Augen schloss, hoffte sie inständig, es möge für immer sein.

Natürlich wachte Thea auch am nächsten Morgen wieder auf und schimpfte auf Erwin und den Sensenmann. Zu allem Überfluss drückte nun auch noch der Harn in ihrem Unterleib. Zappelnd klingelte sie nach dem Pflegepersonal, das jedoch wieder einmal auf sich warten ließ. Weil der Notruf nicht half, schrie Thea, als stünde Graf Dracula persönlich vor ihrem Bett. Leider ohne Erfolg. Dann schmiss sie die Wasserflasche gegen die Tür – immer noch tat sich nichts. Nun war ihre Geduld endgültig erschöpft. Thea warf das Federbett auf den Boden und schlängelte sich über das Bettgitter. Trotz der Gefahr eines Oberschenkelhalsbruches ließ sie sich einfach fallen. Die Zudecke und das Kissen federten nur unwesentlich ihren Sturz ab. Doch wie es schien, würde sie nur ein paar blaue Flecken behalten – und die würde sie bald schon nicht mehr spüren. Wenn der Sensenmann nicht zu ihr kommen wollte, dann musste sie eben zu ihm.

Gerade, als Thea zur Tür robben wollte, flog diese auf und traf sie fast am Kopf.

»Du liebe Güte, Frau Holzapfel. Was machen Sie denn da?«, rief Jan leicht hysterisch aus. Im Nu fasste der Pfleger sie unter den Armen und setzte sie in den Rollstuhl.

Thea strampelte mit den Beinen. »Ich bin es leid«, keifte sie, »ich will nicht mehr warten müssen.«

Jan setzte ihr das Hörgerät ein. »Ab morgen versorge ich Sie als Erste. Das verspreche ich«, versuchte er sie zu beruhigen.

»Es gibt kein Morgen mehr.« Theas Stimme wurde leiser.

»Aber sicher gibt es das. Sie werden uns noch lange erhalten bleiben.«

»Das glaubst aber auch nur du.«

»Was ist denn los, Frau Holzapfel? Haben Sie schlecht geschlafen?«

»Deine Kollegin hat mir die Fernbedienung abgenommen.« Thea musterte Jans ebenmäßige Gesichtszüge. Wie die Schatten unter seinen Augen verrieten, musste er derjenige gewesen sein, der nicht gut geschlafen hatte.

»Heidi hat sie Ihnen abgenommen? Also, das darf sie nicht. Ich werde sie gleich darauf ansprechen. Wo wollten Sie eigentlich hin?«

»Aufs Dach.«

Jan rümpfte die Nase. »Wie bitte?«

»Du hast schon richtig gehört.«

»Also irgendwie sind Sie heute Morgen komisch drauf.« Jan setzte sie auf den Toilettenstuhl. Nachdem sie fertig war, schob er den Rollstuhl ins Badezimmer.

»Ich hab auch meinen Grund, so zu sein«, sagte Thea, während er ihr das Nachthemd aufknöpfte.

In Windeseile duschte Jan ihren klapprigen Leib ab, wickelte Thea in ein Badetuch und fragte sie wie jeden Morgen, was sie anziehen wollte.

»Mein Hochzeitskleid.«

»Ihr Hochzeitskleid?«

Thea schürzte die Lippen zu einem bösen Lächeln und nickte. An dem schönsten Tag ihres Lebens hatte sie es getragen und heute, wenn sie Erwin wiedersah, sollte es auch so sein.

Jan zog ihr kopfschüttelnd das Kleid über. Es passte ihr noch genau wie damals vor achtzig Jahren.

»Wollen Sie wirklich so in den Frühstücksraum?«

»Nein, ich will aufs Dach«, antwortete Thea und betrachtete sich im Spiegel. Ihre silbrige Altfrauen-Lockenwelle war an der Seite platt gelegen. Aber der Anblick des Kleides schickte einen kleinen Lichtstrahl in ihre Augen. Sanft fuhr sie mit der Hand über die Spitze. Dann schaute sie zu Jan. »So, und nun besorgst du dir beim Hausmeister den Schlüssel und bringst mich aufs Dach.«

»Hören Sie mit dem Quatsch auf. Nach einer Tasse Kaffee sieht die Welt wieder anders aus.« Jan schaute wie ein mutterloses Dackelwelpe und schob sie durch die Tür. »Außerdem wollten Sie doch mit zum Ausflug.«

...

Erscheint lt. Verlag 1.7.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Comic / Humor / Manga
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Brigitte Kanitz • Dora Heldt • Du mich auch • Ellen Berg • Frauen • Frauen Humor • Frauen Roman • Frauenunterhaltung • Frauen Unterhaltung • Gisa Pauly • Humor • Ich koch dich tot • Ich will es doch auch • Komödie • Liebe • Liebesbeziehung • lifestyle • Lilli Beck • Oma • Online-Omi • Rache • Rache ist süß • Renate Bergmann • Romantik • Seniorenheim • Unterhaltung • Zur Hölle mit Seniorentellern
ISBN-10 3-8412-2856-9 / 3841228569
ISBN-13 978-3-8412-2856-7 / 9783841228567
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