Afrika, mon amour (eBook)
320 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-98791-2 (ISBN)
CHRISTIAN SCHNALKE, geboren 1965, verbrachte die meiste Zeit seiner Jugend im Internat mit Zeichnen und studierte dann Literatur und Philosophie. Er schrieb zwei Romane gemeinsam mit Volker Kutscher und probierte mehrere Jahre lang erfolgreich die verschiedensten Formen des Schreibens für Bühne und Film aus, was ihn bis nach Moskau und New York führte, wo ein Theaterstück am Broadway aufgeführt wurde. Danach zog er sich mit seiner Frau nach Tokio zurück, um Anlauf für umfassendere Geschichten zu nehmen. Nach zwei Jahren kehrte er mit Kind und vielen Ideen zurück und schrieb Drehbücher für große Mehrteiler und preisgekrönte TV-Events: unter anderem Die Patirarchin, Krupp - eine deutsche Familie, Afrika, mon amour, Duell der Brüder - die Geschichte von Adidas und Puma und Katharina Luther. Er schreibt seit jeher am liebsten unterwegs - in Cafés, auf Reisen oder in freier Natur.
CHRISTIAN SCHNALKE, geboren 1965, verbrachte die meiste Zeit seiner Jugend im Internat mit Zeichnen und studierte dann Literatur und Philosophie. Er schrieb zwei Romane gemeinsam mit Volker Kutscher und probierte mehrere Jahre lang erfolgreich die verschiedensten Formen des Schreibens für Bühne und Film aus, was ihn bis nach Moskau und New York führte, wo ein Theaterstück am Broadway aufgeführt wurde. Danach zog er sich mit seiner Frau nach Tokio zurück, um Anlauf für umfassendere Geschichten zu nehmen. Nach zwei Jahren kehrte er mit Kind und vielen Ideen zurück und schrieb Drehbücher für große Mehrteiler und preisgekrönte TV-Events: unter anderem Die Patirarchin, Krupp - eine deutsche Familie, Afrika, mon amour, Duell der Brüder - die Geschichte von Adidas und Puma und Katharina Luther. Er schreibt seit jeher am liebsten unterwegs - in Cafés, auf Reisen oder in freier Natur.
1
»Schneller! Fahren Sie doch schneller!« Die Droschke raste klirrend durch die Dunkelheit der Berliner Straßen. Als der Kutscher die Zügel herumriss, um die Pferde in vollem Galopp förmlich auf die Moltkebrücke zu zerren, rutschte eines der Pferde auf dem gefrorenen Pflaster aus, fing sich im letzten Moment und galoppierte weiter.
Der Wind jagte von Osten her immer noch nadelfeines Eis und Frost vor sich her. Sogar der Schnee schien sich vor dem schneidenden Sturm in Sicherheit bringen zu wollen und duckte sich in dunkle Mauerwinkel und Kellereingänge, an die Backsteinmauern der Fabrikhöfe, unter die vereisten Kaimauern der Kanäle und unter die Salutkanonen auf den leeren Kasernenhöfen. Passanten, die sich tief in ihre Pelzmäntel verkrochen hatten, sprangen erschrocken beiseite.
»Schneller! Bitte!« Katharina von Strahlberg hielt sich mit beiden Händen an den frostigen Eisenstreben der Kutsche fest, sie trug weder Hut noch Handschuhe, ihr Pelzmantel wurde aufgeweht, doch es war ihr egal. Sie war auf ihrem Sitz so weit nach vorne gerutscht, dass sie beinahe stand. Ihr gesamter Körper drängte nach vorne, als ob sie dadurch die Fahrt noch mehr beschleunigen könnte.
Als der Kutscher vor einem noblen Stadthaus in der Tiergartenstraße die Zügel nach hinten riss, sprang Katharina aus der noch rollenden Kutsche und lief zum Haus. Schnee bröckelte von ihren Schuhen, als sie die Treppe hinauf rannte, so schnell es ihre üppigen Röcke zuließen. Ein verweintes Dienstmädchen ließ sie ein, und mit wenigen Schritten war sie an Marthas Zimmertür. Sie rüttelte an der Klinke. Verschlossen.
»Martha! Martha, mach auf, hörst du nicht? Ich bin es, Katharina! Bitte, mach die Tür auf!«
Keine Antwort. Katharina schlug mit der Faust gegen die Tür. »Martha, ich bitte dich! Rede mit mir!«
Stille.
»Martha, bitte…« Katharina war den Tränen nahe.
Endlich drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Katharina öffnete behutsam die Tür und ging hinein.
Der Anblick der Freundin ließ sie erstarren, als ob sie einem Gespenst gegenüber stünde: Martha wich zitternd, eine Armeepistole in der Hand, rückwärts von der Tür zurück. Sie war jünger als Katharina, trug ebenso wie ihre Freundin ein elegantes Kleid, aber ihr Gesicht glänzte verschwitzt und bleich. Ihre hektisch suchenden Augen hatten bereits einen Blick hinter den Vorhang geworfen, hinter dem der Tod wartete. Sie schaute Katharina flehend und in ihrer Verzweiflung zärtlich an.
»Martha…«
Als Antwort gelang Martha lediglich eine hilflose Geste mit der Pistole.
»Bitte! Leg die Pistole weg! Was ist nur los, Martha? Erzähl mir doch, was passiert ist!«
»Heinrich will mich verlassen.«
Das hatte Katharina nicht erwartet. Sie war überrascht.
»Was? Warum?«
»Ich weiß nicht mehr weiter…«
Katharina lachte beinahe erleichtert. Sie machte einen Schritt auf Martha zu, doch die wich zurück. »Aber Martha! Es wird immer weiter gehen! Du hast so viele Möglichkeiten!«
Martha lachte nur zynisch. »Ich bin schwanger.«
Katharina freute sich spontan. Sie hatte es nur einmal erleben dürfen, schwanger zu sein, vor achtzehn Jahren, doch es war das Glück ihres Lebens gewesen. »Das ist doch wundervoll! Ich werde dir helfen! Ich werde immer zu dir stehen!«
»Katharina…« Martha schüttelte verzweifelt den Kopf. »Das Kind…« Sie konnte kaum sprechen. »Das Kind ist von deinem Mann…«
Katharina versuchte zu begreifen, was sie gehört hatte. Ihr Mann und Martha… ihre Freundin… die Frau seines Bruders… ein Kind… Sie versuchte, eine Vorstellung davon zu bekommen, was das bedeutete, aber jeder klare Gedanke wurde erdrückt von einer beklemmenden Angst, dass die Folgen weit über alles hinaus gingen, was sie sich vorstellen konnte.
Martha brachte nur noch ein tonloses Flüstern heraus. »Es tut mir so leid…« Dann setzte sie sich die Pistole an den Kopf.
»Nein!«
In Katharinas entsetzten Schrei hinein fiel der Schuss.
Noch während Marthas Körper von der Kugel herumgeworfen wurde, sprang Katharina nach vorne.
Später erinnerte sie sich nicht mehr, was dann folgte. Sie sah nur noch Marthas vom Blut verklebte Haare, sah ihre eigenen Hände an Marthas Schultern, spürte das Gewicht ihres leblosen Körpers, sah Dienstboten durchs Zimmer rennen, das Dienstmädchen, das sich die Hand vor den Mund schlug, und sah sich selber – wie von außen – wie sie die Freundin an sich drückte, heulte und zum Himmel schrie.
Es ging schon auf Mitternacht zu, als ihr Mann die Wohnung seines Bruders betrat. Noch während das Mädchen Richard von Strahlberg den Mantel abnahm, unter dem die makellose Offiziersuniform mit den Rangabzeichen eines Obersts zum Vorschein kam, nahm Richard förmlich Besitz von dem Raum. Er war ein perfekter Offizier. Sehr körperlich, sehr männlich, sehr selbstgefällig.
Er gab dem Diener seinen Säbel und ging in den Salon.
Katharina saß zusammengesunken auf einem Stuhl und starrte vor sich hin. Richard blieb stehen und musterte sie. Als sie schließlich aufsah, versuchte er, in ihrem Blick zu lesen. Sie ertrug es nicht, von ihrem Mann gelesen zu werden und wandte ihr Gesicht ab.
Also ging er weiter. Als er Marthas Zimmer mit dem großen, schweren, weichen Eichenbett betrat, fand er seinen Bruder alleine. Heinrich rauchte eine Zigarette. Er wirkte in sich zurückgezogener als Richard, eher von innen heraus lauernd.
Heinrich stand mit seinen glänzenden schwarzen Schuhen auf Marthas weichem Teppich und schaute auf den Blutfleck hinab. Er rührte sich nicht. Nicht die geringste Regung war ihm anzusehen. Er hatte es noch nie zugelassen, dass jemand in ihn hinein sah. Schon als Kind nicht.
»Ich bin fassungslos, Heinrich. Wie konnte das passieren?« Heinrich starrte nur weiter brütend vor sich hin.
»Mein Beileid. Das ist ein harter Schlag. Nicht nur für dich. Für uns alle.«
»Sie wollen sichergehen, dass sie es selbst getan hat… Sie werden sie obduzieren… Sehr modern, nicht wahr?«
Richard legte ihm die Hand auf die Schulter. Doch er sagte nichts weiter. Was in solche Situationen zu sagen ist, hatte er gesagt. Eine wortlose Geste hielt er deshalb für angemessen.
Schließlich fragte Heinrich: »Wie geht es deiner Frau?«
»Katharina ist stark…«
»Sag ihr, was hier passiert ist, bleibt unter uns. Wir werden nicht über Marthas Todesursache sprechen.«
»Selbstverständlich.«
»Ausgerechnet jetzt. Wo alles auf Messers Schneide steht. Ich brauche meine volle Konzentration!« Er riss sich vom Anblick des Blutes los und verließ das Zimmer. Richard blieb noch einen Moment alleine zurück, das schien ihm eine Art Schuldigkeit Martha gegenüber zu sein, dann folgte er seinem Bruder.
In dieser Nacht wurden noch viele Worte verschwiegen.
Während Katharina im Salon auf einer Stuhlkante saß und sich mit beiden Händen an einem Glas Wasser festhielt, wandte sie den Blick nicht von ihrem Rock, auf dem Marthas Blut verschmiert war. Richard saß zurückgelehnt auf einem Sofa, einen Arm besitzergreifend über der Lehne, in der anderen einen Cognac, an dem er von Zeit zu Zeit nippte, als ob er mit sich und der Welt im Reinen sei. Heinrich zeigte den beiden nur seinen Rücken, während er aus dem Fenster hinaus in das Schneetreiben schaute und sich eine Zigarette anzündete. Das Schweigen wurde Katharina immer unerträglicher. »Ich werde jetzt gehen.« Sie stand auf.
Heinrich drehte sich abrupt um. »Was hat Martha dir erzählt?«
Katharina sah ihn prüfend an.
»Du warst bei ihr, Katharina. Sie muss irgendetwas gesagt haben.«
Als Richard merkte, dass Heinrichs klare helle Augen auf ihn gerichtet waren, wich sein Blick aus. Er zog es vor, zu Katharina aufzusehen. Es war nur das schwere Ticken der Standuhr zu hören, deren Pendel unbeirrt ausschlug. Schließlich stellte Katharina das Wasserglas weg. »Ja, ich war bei ihr.« In der schweren Betonung des Wortes »ich« lag aller Vorwurf, den sie Heinrich zu geben hatte. »Und jetzt werde ich nach Hause gehen.«
Auf den Stufen des Treppenhauses legte sich plötzlich die Erschöpfung schwer auf Katharinas Schultern. Ihre Füße hielten noch ein paar Schritte stand und stiegen wie von selbst die Treppe hinab, dann verlor sie plötzlich die letzte Farbe aus dem Gesicht, hielt sich krampfhaft am Geländer fest und setzte sich auf eine Stufe.
Und weinte.
Vorne unter dem Kreuz stand Marthas Sarg. Sie lag aufgebahrt darin, den Kopf in den seidenen Kissen tief versteckt, in ihrem Gesicht – unter der Schminke – ein Friede, wie sie ihn zu Lebzeiten lange nicht gefunden hatte. Zu ihren Füßen stand ein auffallend großer Kranz mit einer auffallend großen Schleife. Darauf die Worte: Meiner geliebten Frau. Eine Sängerin ließ effektvoll das »Ave-Maria« erklingen, das Martha so sehr geliebt hatte.
Ebenso tot wie Marthas Gesicht erschienen Katharina die Mienen der Trauergäste: Neben Heinrich saßen Marthas Eltern, die ihre Tochter so wenig gekannt hatten. Die sie aus der Obhut des Kindermädchens in die Obhut einer Pensionsdame und schließlich in die Obhut eines Ehemannes gegeben hatten. Und in den hölzernen Reihen der Kapelle, in maßvoller Distanziertheit zueinander, schwarz gekleidete gute Bürger aus Heinrichs Kreisen, die Martha noch viel weniger gekannt hatten. Als die Sängerin schließlich schwieg, wurde der Sargdeckel geschlossen.
Draußen herrschte Schneegestöber. Die Zylinder der Sargträger bekamen bald ein weißes Plateau, als sie sich mit dem schweren Eichensarg in Bewegung setzten. Heinrich folgte mit Marthas Eltern, doch als Richard seine Hand unter Katharinas Arm schob, um sich in den Zug der Trauernden...
| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2021 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 1. Weltkrieg • Buch zum Film • Deutsch-Ostafrika • Frauenschicksal • historischer Frauenroman • Historischer Roman • Iris Berben • Katharina von Strahlberg • Kolonialherrschaft |
| ISBN-10 | 3-492-98791-5 / 3492987915 |
| ISBN-13 | 978-3-492-98791-2 / 9783492987912 |
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