Zwei bemerkenswerte Frauen (eBook)
368 Seiten
Atlantik Verlag
978-3-455-01017-6 (ISBN)
Tracy Chevalier, geboren 1962, ist Autorin von elf Romanen. Ihr internationaler Bestseller Das Mädchen mit dem Perlenohrring wurde über fünf Millionen mal verkauft, in fünfundvierzig Sprachen übersetzt und als Film, Theaterstück und Oper adaptiert. Aufgewachsen in Washington DC, zog sie 1986 ins Vereinigte Königreich und lebt dort heute mit ihrem Ehemann in London.
Tracy Chevalier, geboren 1962, ist Autorin von elf Romanen. Ihr internationaler Bestseller Das Mädchen mit dem Perlenohrring wurde über fünf Millionen mal verkauft, in fünfundvierzig Sprachen übersetzt und als Film, Theaterstück und Oper adaptiert. Aufgewachsen in Washington DC, zog sie 1986 ins Vereinigte Königreich und lebt dort heute mit ihrem Ehemann in London.
Cover
Titelseite
Widmung
I Anders als alle Steine am Strand
II Schmutzig, mysteriös und nicht sehr damenhaft
III Wie die Suche nach einem vierblättrigen Kleeblatt
IV Was für eine Abscheulichkeit
V Wir werden uns in Fossilien verwandeln und für immer am Strand bleiben
VI Auch ich war ein wenig verliebt
VII Wie die Flut an ihren höchsten Punkt schlägt und sich wieder zurückzieht
VIII Das Abenteuer eines an Abenteuern armen Lebens
IX Der Blitz, der mein größtes Glück ankündigte
X Zusammen schweigen
Postskriptum
Literaturverzeichnis
Biographien
Impressum
II Schmutzig, mysteriös und nicht sehr damenhaft
Mary Anning führt mit den Augen. Gleich bei unserer ersten Begegnung fiel mir das auf, obwohl sie damals noch ein Mädchen war. Ihre knopfbraunen, hellwachen Augen scheinen, typisch für eine Fossilienjägerin, ständig nach etwas zu suchen, selbst dort, wo es wirklich nichts Interessantes zu finden gibt, auf der Straße etwa oder im Haus. Wegen dieser Angewohnheit wirkt sie sogar dann lebendig und voller Energie, wenn sie sich völlig ruhig verhält. Meine Schwestern behaupten, ich sei genauso, mein Blick schweife ständig suchend umher, statt stetig und fest zu sein. Nur, dass sie das nicht als Kompliment meinen, wie ich bei Mary.
Ich beobachte seit Langem, dass Menschen meist mit einer besonderen Eigenheit des Gesichts oder des Körpers führen. Bei meinem Bruder John zum Beispiel sind es die Augenbrauen. Zum einen natürlich, weil sie ihm in markanten Büscheln über den Augen stehen, aber auch, weil sie der Teil seines Gesichts sind, der am häufigsten in Bewegung ist. Bei John scheinen die Augenbrauen den Gedanken zu folgen, unter denen sich die Stirn in Falten legt und wieder glättet. Nach Louise ist er das zweitälteste der Philpotkinder, und da er der einzige Sohn blieb, musste er nach dem Tod unserer Eltern die Verantwortung für vier Schwestern übernehmen, eine Pflicht, die einem leicht in die Augenbrauen steigen kann.
Meine jüngste Schwester Margaret führt mit den Händen. Sie sind zwar klein, haben aber überproportional lange und elegante Finger, sodass sie besser Klavier spielt als wir anderen. Beim Tanzen fällt sie durch betont graziöse Handbewegungen auf, und im Schlaf wirft sie die Arme hoch über den Kopf, selbst wenn es im Zimmer kalt ist.
Frances, die einzige Philpot-Schwester, die geheiratet hat, führt mit dem Busen – was vermutlich alles erklärt. Wir Philpots sind keine Schönheiten, unsere Figuren sind hager und unsere Gesichtszüge herb. Auch reichte das Familienvermögen nur, um eine Tochter problemlos zu verheiraten. Frances machte das Rennen und verließ das Haus am Red Lion Square, um die Frau eines Kaufmanns in Essex zu werden.
Schon immer habe ich Menschen bewundert, die wie Mary Anning mit den Augen führen, denn sie scheinen die Welt und deren Treiben bewusster wahrzunehmen. Aus diesem Grund vertrage ich mich auch mit meiner ältesten Schwester Louise am besten. Louise hat wie alle Philpots graue Augen und ist eher schweigsam, aber wenn sie einen fest anblickt, nimmt man sie ohne Worte ernst.
Auch ich wollte immer mit den Augen führen, doch es war mir nicht vergönnt. Ich habe ein markantes Kinn, und wenn ich die Zähne zusammenbeiße – was aus Kummer über diese Welt leider öfter geschieht, als es sollte –, verspannt es sich und wirkt scharf wie eine Klinge. Auf einem Ball hörte ich einmal einen potenziellen Bewerber um meine Hand sagen, er traue sich nicht, mich zum Tanzen aufzufordern, weil er Angst habe, sich an meinem Gesicht zu schneiden. Von dieser Bemerkung habe ich mich nie wieder richtig erholt, und sie erklärt wohl, warum ich unverheiratet geblieben bin und selten tanze.
Nur zu gern hätte ich das Kinn gegen die Augen eingetauscht, doch ist mir aufgefallen, dass sich das Merkmal, mit dem ein Mensch führt, genauso wenig ändern lässt wie sein Charakter. Mein ausgeprägtes Kinn ist so versteinert wie die Fossilien, die ich sammele; es wird mir wohl ewig bleiben und, wie ich befürchte, die Menschen abschrecken.
Mary Anning lernte ich in Lyme Regis kennen, der Kleinstadt, in der sie ihr ganzes Leben verbrachte. Niemals hätte ich gedacht, dass ich in so einem Ort landen könnte. Wir Philpots sind natürlich in London aufgewachsen, genauer gesagt am Red Lion Square. Von Lyme hatte ich zwar gehört, weil die modernen Seebäder, die damals überall aus dem Boden schossen, ein beliebtes Gesprächsthema waren, selbst besucht hatte ich es nie. Im Sommer bereisten wir Philpots meist Städte in Sussex wie Brighton oder Hastings. Als unsere Mutter noch lebte, bestand sie darauf, dass wir frische Luft atmeten und im Meer badeten. Sie hing den Lehren des Doktor Richard Russell an, der eine Dissertation über die wohltuenden Auswirkungen des Meerwassers geschrieben hatte, in dem man seiner Meinung nicht nur baden, sondern das man auch trinken sollte. Auch wenn ich mich weigerte, es zu trinken, ging ich gelegentlich zum Schwimmen. Am Meer fühlte ich mich heimisch, nur dass ich einmal wirklich am Meer wohnen würde, hätte ich nicht vermutet.
Doch zwei Jahre nach dem Tod unserer Eltern verkündete mein Bruder eines Abends beim Dinner, dass er sich mit der Tochter eines befreundeten Anwaltskollegen unseres Vaters verlobt habe. Wir küssten John und gratulierten ihm, Margaret spielte einen Festwalzer auf dem Klavier. Nachts im Bett aber weinte ich, wie meine Schwestern vermutlich auch, denn wir wussten, dass dies das Ende unseres trauten Lebens in London sein würde. Hatte unser Bruder erst geheiratet, würden weder Platz noch Geld reichen, um uns alle am Red Lion Square wohnen zu lassen. Die neue Mrs Philpot würde natürlich die Herrin in ihrem Haus sein wollen und es mit Kindern füllen. Drei Schwestern waren einfach zu viel des Guten, insbesondere, wenn abzusehen war, dass sie unverheiratet blieben. Louise und mir war bereits klar, dass wir keinen Mann mehr finden würden. Wir hatten kaum Geld und hätten mögliche Ehemänner allein durch unser Aussehen oder ein gewinnendes Wesen überzeugen müssen, wozu aber weder das eine noch das andere taugte. Louise hatte zwar schöne Augen, die ihrem Gesicht Leben und Anmut gaben, war aber hoch gewachsen – so hoch, dass die meisten Männer zu ihr aufschauen mussten –, und hatte zu allem Überfluss auch noch große Hände und Füße. Erschwerend hinzu kam ihre ausgeprägte Schweigsamkeit, mit der sie mögliche Bewerber verunsicherte, weil sie sich von ihr kritisch beäugt fühlten – was vermutlich sogar stimmte. Ich selbst war klein, hager und unscheinbar, konnte nicht flirten und versuchte stattdessen, über ernste Dinge zu reden, was die Männer erst recht abschreckte.
Wir waren wie Schafe, die von einer abgeweideten Wiese auf die nächste getrieben werden mussten, und John fiel die Rolle des Schäfers zu.
Am Morgen nach seiner Ankündigung legte er ein Buch auf den Frühstückstisch, das er von einem Freund ausgeliehen hatte.
»Ich dachte, ihr wollt in den Sommerferien vielleicht einmal etwas Neues sehen und nicht schon wieder Onkel und Tante in Brighton besuchen«, schlug er vor. »Wie wäre es mit einer kleinen Reise entlang der Südküste? Weil der Krieg mit Frankreich Reisen zum Kontinent unmöglich macht, sprießen in letzter Zeit überall Seebäder aus dem Boden. Eastbourne oder Worthing zum Beispiel. Oder ihr fahrt noch etwas weiter bis Lymington, vielleicht auch bis an die Küste Dorsets, nach Weymouth oder Lyme Regis.« John ließ diese Namen fallen, als hakte er auf einer Liste in seinem Kopf einen nach dem anderen ab. So funktionierte sein ordentlich strukturiertes Anwaltsgehirn eben. Offenbar hatte er bereits eine genaue Vorstellung davon, wo er uns hinschicken könnte, wollte uns aber nicht zu sehr drängen. »Schaut einmal rein, was euch gefallen könnte.« John klopfte auf das Buch. Obwohl er es mit keinem Wort erwähnte, wussten wir alle, dass es um mehr ging als nur um ein Reiseziel. Wir sollten uns nach einem neuen Zuhause umschauen, in dem wir zwar einen etwas bescheideneren Haushalt führen würden, aber wenigstens nicht, wie es in London der Fall wäre, in Armut leben mussten.
Sobald John sich in seine Kanzlei verabschiedet hatte, nahm ich das Buch zur Hand. »Führer zu Trink- und Badekuren für das Jahr 1804«, las ich Louise und Margaret vor. Beim Durchblättern entdeckte ich, dass die englischen Städte alphabetisch aufgelistet waren. Das vornehme Bath hatte mit neunundvierzig Seiten natürlich den längsten Eintrag bekommen, ergänzt durch eine große Landkarte und eine ausklappbare Panoramaansicht der Stadt, deren elegante Fassaden sich harmonisch in die Hügel der Umgebung fügten. Über unser geliebtes Brighton gab es einen begeistert klingenden Bericht von dreiundzwanzig Seiten. Ich schlug die Städte nach, die unser Bruder erwähnt hatte. Einige waren gerade einmal bessere Fischerdörfer und gaben nicht mehr als zwei Seiten voller halbherziger Plattitüden her. John hatte die Orte seiner Wahl mit einem Punkt am Seitenrand markiert. Vermutlich hatte er alle Einträge des Buchs gelesen und sich für diejenigen entschieden, die seinen Vorstellungen am nächsten kamen. Er hatte ganze Arbeit geleistet.
»Und warum nicht Brighton«, fragte Margaret.
Ich las gerade den Eintrag über Lyme Regis und lächelte ironisch: »Hier ist die Antwort.« Ich reichte ihr den Führer. »Schau, was John angestrichen hat.«
»›Lyme wird vor allem von Angehörigen der mittleren Gesellschaftsschicht aufgesucht‹«, las Margaret laut vor. »›Feriengäste entscheiden sich für diesen Ort, weil sie dort nicht nur Linderung für viele Krankheiten finden, sondern in Zeiten versiegender Einkünfte auch ihr angeschlagenes Vermögen schonen können.‹« Sie ließ das Buch in den Schoß sinken. »Das heißt also, Brighton ist zu teuer für die Philpot-Schwestern.«
»Du könntest hier bei John und seiner Frau bleiben«, schlug ich in einem plötzlichen Anflug von Großzügigkeit vor. »Mit einer von uns kommen sie sicher zurecht. Wir müssen uns nicht gleich alle an die Küste verbannen lassen.«
»So ein Unsinn, Elizabeth, wir lassen uns nicht auseinanderreißen«, erklärte Margaret mit einer Loyalität, für die ich sie umarmen musste.
In...
| Erscheint lt. Verlag | 2.6.2021 |
|---|---|
| Übersetzer | Anne Rademacher |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 19. Jahrhundert • Chevalier Tracy • Dorset • Elizabeth Philpot • Familie • Fossilien • Frauenunterhaltung • Freundinnen • Freundschaft • Geheimnis • Jurassic Coast • Liebesroman • London • Lyme Regis • Mary Anning • Paläontologie • Roman • Schicksal • Standesunterschied • Südengland |
| ISBN-10 | 3-455-01017-2 / 3455010172 |
| ISBN-13 | 978-3-455-01017-6 / 9783455010176 |
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