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Zeiten der Lagune -  Robert Röhrig

Zeiten der Lagune (eBook)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
196 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7534-8709-0 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
8,49 inkl. MwSt
(CHF 8,25)
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Ein Kreuzfahrtschiff gerät durch ein Naturereignis in eine Lagune mit verschlossener Ausfahrt. Die Funkanlage ist defekt, so dass das Schiff wie vom Erdboden verschwunden ist. Für Passagiere und Mannschaft beginnt eine Zeit sich zu sortieren, nachzudenken und sich zu finden. Eine Zeit des Kampfes um das Überleben und um eine Zukunft. Eine Zeit der persönlichen Bewährungsproben. Warten, Planen und Handeln.

Robert Röhrig ist Arzt und Psychotherapeut. Auf diesem Hintergrund entstehen Geschichten in einer gut zugänglichen Mischung aus Spannung, Nachdenklichkeit und seelischem Tiefgang.

Niemand hätte je den Ozean überquert, wenn die Möglichkeit bestanden hätte, bei Sturm das Schiff zu verlassen (Charles Franklin Kettering)

Ein Schiff ist eine eigene Welt.


Die „Joy of Freedom IV“ zog gleichmäßig ihren Kurs. In der Bugwelle bäumte sich das Meer ein wenig auf, als ob es keine Lust hätte, dem Druck nachzugeben, dann teilte sich das Meer und glitt plätschernd an der Bordwand vorbei. Hinter sich zog das Schiff eine lange und gerade Spur von Luftblasen im Wasser, welche durch die Schrauben aufgewühlt wurde und den leichten Wellengang glättete. Die Motoren arbeiteten mit Nachdruck und schoben den Stahlkoloss entschlossen voran. Die Joy of Freedom war ein eher kleiner Kreuzfahrer für den individuellen Anspruch, der den Seegang ausreichend gut ausgleichen konnte und angenehm ruhig im Wasser lag. Kein Motorengeräusch oder mechanische Vibrationen störte das Gefühl, gemächlich und doch zielstrebig unterwegs zu sein. Die Reling lag weit genug über dem Wasser, um sich vor der See sicher zu fühlen, trotzdem konnte der direkte Blick nach unten einen leichten Schwindel erzeugen. Es entstand ein Sog, der einen etwas festeren Griff an der Reling zur Folge hatte. Die Phantasie zwang den Betrachter kurz in Gedankenspiele darüber, wie es wäre, sich einfach fallen zu lassen. Die Furcht, diesem Impuls unkontrolliert nachgeben zu können und in der Tiefe zu verschwinden ließ die Phantasie zurück schrecken. Diese verschwand beim Blick nach vorne, wenn der Fahrtwind über Stirn und Wangen in die Haare blies, und in den Ohren ein gleichmäßiges und beruhigendes beruhigendes Rauschen erzeugte.

Die Joy of Freedom unter ihrem Kapitän Klaus Horn war ein älteres Schiff, wie gemacht für eine Gesellschaft, die sich dem Charme des frühen letzten Jahrhunderts und der Kreuzfahrtromantik verschrieben hatten. Man war unterwegs, um dem Winter in der Heimat zu entkommen, so weit wie möglich entfernt auf der anderen Seite der Welt. Für eine Zeit in Luxus, Schiffsmöbeln in edlem Holz und Porzellan, ein Abenteuer im Pazifik wie es die alten Seefahrer erlebt hatten, aber mit dem Komfort durch professionelle Versorgung und Planung. Es war einiges modernisiert worden. Das Schiff hatte sogar am Heck dicht über dem Wasserspiegel eine unsichtbare große Öffnung bekommen, die wie eine Zugbrücke nach unten aufgeklappt werden konnte und einen Treppenschacht sichtbar machte. Die Treppe führte auf der dadurch entstehenden Plattform direkt am Schiff ins Meer. Diese Möglichkeit war bisher nicht zum Einsatz gekommen, aber von dort aus baden zu können war eine großartige Vorstellung.

Wo man sich umschaute, konnte man Vertrauen erweckende Technik sehen und Geborgenheit spüren. Eine ganze Welt und ein heimisches Wohnzimmer zugleich, das der Phantasie über unbekannte Möglichkeiten freien Lauf ließ. Sogar der Schornstein schien nur einen diskreten Schleier von Abgasen zu entlassen. Alles im grünen Bereich.

Lisa und Eric standen an der Reling mit Blick auf den Rand des Wassers und ließen all das auf sich einwirken. Die Stimmung der Bilder und Geräusche schafften eine angenehme Distanz zu der Welt, die sie für eine Weile hinter sich lassen wollten. Man sah ihnen an, dass sie in ihrem bisherigen Leben schon einige Erfahrung machen konnten, die sich auf eine sympathische Weise als Spuren in den Gesichtszügen abgebildet hatten. Kleine beiläufige Bewegungen offenbarten eine Fähigkeit zum offenen Kontakt, zur Neugier auf unbekanntes und aufregendes, mit allen Möglichkeiten, sich empathisch auf die Menschen einzulassen. Die Bewegungen wirkten wie ein gemeinsames Spiel, das seine eigene Regelwelt entwickelt hatte. Sie waren schon in etwas fortgeschrittenem Alter, irgendwo Mitte 40, aber erst seit drei Jahren ein Paar.

Die Tage der Reise waren dahingezogen wie im Traum. Mit einigen Menschen war man schon in Kontakt gekommen, Der Kapitän, die Offiziere, die Mannschaft und die Mehrzahl der Mitreisenden waren zwar eher ein Beiwerk zum Traum, aber doch schon so vertraut, dass es ein Gefühl gab, Bewohner einer geschlossenen Gesellschaft zu sein, inklusive des einen oder anderen Vorurteils über die menschlichen Qualitäten der Mitfahrer.

Gefühlt wie ein junges Paar schlenderten sie Hand in Hand über das Deck, und umarmten sich demonstrativ, als sie vorne am Bug angekommen waren, wo der Wind die Seeluft am intensivsten bis auf die Haut blies. Mit sich selbst und der Welt zufrieden ließen sie sich in die Laken ihres Bettes fallen, sich vom Rhythmus des Schiffes im Spiel mit den Wellen einlullen und in einen hypnotischen Halbschlaf tragen.

Beim Abendessen im Salon wurde ein Plan des Kapitäns zum Gesprächsthema, demnächst eine einsame Koralleninsel anzusteuern, die auf dem Kurs lag, und einen intensiven Eindruck pazifischer Natur vermitteln sollte. Jeder für sich mit den Bildern der Reiseprospekte im Kopf konnte in der Phantasie schon das Atoll vor sich sehen, an dessen Rändern vermutlich das Blau des Wassers die Tiefe des Meeres anzeigen würde und die verschiedenen Türkistöne des Wassers im Inneren eine Einladung zu einem tropischen Badevergnügen aussprechen könnten.

Am folgenden Vormittag zeichnete sich die reale Kontur des kleinen Atolls in der Ferne ab. Im Grund eine ungastliche Erscheinung mit einen relativ hohen Wall aus bleichen Korallen und etwas Sand. Es schien einen schmalen Gürtel von Grün und ein paar breitere Stellen zu geben, wo Gebüsch, ein paar niedrige tropische Bäume und Palmen existieren konnten. Genug, um sich aufzuhalten, aber nicht genug, um als Mensch auf Dauer dort leben zu können. Also unbewohnt. Auf der dem Meer zugewandten Seite schroffe, von den Wellen bearbeite Felsen mit einem steinigen Strand bis zur Riffkante, wo die Wellen und die Gischt sich zum Teil hoch aufspritzend in den Spalten austobten. Auf der Innenseite hatte sich Sand zu einem schmalen hellen Strand angesammelt. Der Korallenring öffnete sich an einer Stelle, wie bei jedem Atoll, und gab den Blick ins Innere frei. Es sah fast aus wie ein antikes Hafenbecken. Die Zufahrt, der zum Meer offene Teil, war allerdings viel zu flach, um hineinfahren zu können. Schon von Ferne war der Sand des Bodens im flachen Wasser sichtbar.

Nicht besonders attraktiv, aber die Farben des Wassers stimmten mit der Erinnerung an tropische Reiseprospekte überein.

Kapitän Horn entschloss sich, vor dieser Art von Hafeneinfahrt zu ankern. Er wollte seinen Passagieren den romantischen Blick auf dieses Panorama nicht vorenthalten. Das Schauspiel, von der einen Welt des Schiffes in eine ganz andere Welt paradiesisch einfacher Schönheit zu schauen, und das Wechselspiel der Blau- und Grüntöne des Wassers im Sonnenlicht auf die Seele wirken zu lassen. Es war gar nicht so schwer, im immer dunkler werdenden Blau am Außenrand des Atolls die Tiefe des Meers zu erahnen, und sich den steilen Kegel der ursprünglichen Vulkaninsel im Meer vorzustellen. Die Gedanken tauchten ins Wasser zu den Abhängen, welche in dieses unglaubliche Muranoblau und dann ins Dunkle hinab führten. Gleichzeitig schien sich das ganze Schiff leicht nach unten zu neigen, aber kurz darauf spürte der Körper eine sanfte Bewegung nach oben, eine irritierende Diskrepanz der Wahrnehmung.

Ein Surfer hätte vielleicht gesagt: Jetzt kommt eine perfekte Welle.

Irgendwie war sie das ja auch. Was auch immer sie ausgelöst haben mag. Vielleicht ein Seebeben etwas ähnliches, oder ein ferner Orkan. Noch während des Versuchs, an geeigneter Stelle die Anker fallen zu lassen machte das Schiff diese Bewegung, die bis in den Magen zu spüren war, als ob das Schiff überraschend zu einem Fahrstuhl geworden wäre. Es entstand ein Gefälle zwischen Meer und Lagune, gerade so hoch, dass das ganze Schiff über den flachen Rand aus Korallen angehoben und in Richtung Lagune geschoben wurde. Zunächst schien alles wie in Zeitlupe abzulaufen. Dann entstand ein brodelnder Kessel, in welchem das Schiff hin und her geschleudert wurde und in Schieflage geriet. Es bäumte sich auf, um sich gleich darauf mit Wucht in das flache Wasser der Lagune zu stürzen. Der Bug bohrte sich in den Sand und die Korallen, so dass Glas und Porzellan splitterte und die ganze Welt vom Schürfen und Kreischen des stählernen Rumpfes an den Korallen in Resonanz geriet. Der feine Sand bearbeitete die Schiffshaut wie Schmirgelpapier, was ein reibendes sehr nerviges Geräusch erzeugte, das sich mit dem hellen Klirren von zerspringendem Porzellan vermischte. Sehr langsam wie ein niedergeschlagener Kämpfer richtete sich das Schiff wieder auf. Das Metall hatte Stand gehalten. Es blieb kein Wrack übrig, sondern eine verbeulte Hülle, die allem Anschein nach weiterhin bewohnbar war. Ein paar kaputte Scheiben waren vermutlich kein großes Problem.

Die Menschen sammelten sich, nachdem sie eine Weile wie zerschmettert in den Ecken lagen, standen langsam auf und realisierten, dass sie überlebt hatten. Die meisten brauchten länger als das Schiff, um wieder aufrecht zu stehen. Einige hatte es schwer erwischt. Rippenbrüche, Verstauchungen, Prellungen, Wunden. Dr. Hipp, der Schiffsarzt sah viel Arbeit auf sich zukommen, obwohl er selbst eine große Platzwunde auf der Stirn hatte.

Das Atoll hatte...

Erscheint lt. Verlag 4.5.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-7534-8709-0 / 3753487090
ISBN-13 978-3-7534-8709-0 / 9783753487090
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