Colerianischer Herbst (eBook)
424 Seiten
Hybrid Verlag
978-3-96741-103-4 (ISBN)
Sylvia van Wijhe, 1970 in Hamburg geboren, infizierte sich schon sehr zeitig mit dem Lese- und Autorenvirus. Später, an Gymnasium und Fachhochschule, erwachte ihr Interesse für Luft- und Raumfahrt, Physik und Chemie. Ihr beruflicher Werdegang führte sie zur Forschung und Entwicklung in der chemischen Industrie. Ihr literarisches Freizeitinteresse brachte sie den russischen Klassikern und der Science-Fiction-Literatur näher, insbesondere den Werken von Stanislaw Lem, den sie als Vorbild ansieht.
Sylvia van Wijhe, 1970 in Hamburg geboren, infizierte sich schon sehr zeitig mit dem Lese- und Autorenvirus. Später, an Gymnasium und Fachhochschule, erwachte ihr Interesse für Luft- und Raumfahrt, Physik und Chemie. Ihr beruflicher Werdegang führte sie zur Forschung und Entwicklung in der chemischen Industrie. Ihr literarisches Freizeitinteresse brachte sie den russischen Klassikern und der Science-Fiction-Literatur näher, insbesondere den Werken von Stanislaw Lem, den sie als Vorbild ansieht.
Blatt 51: Widerstand gegen die Staatsgewalt
»Verhaftet? Was soll das denn heißen?«
Artouste Goeland starrte den Leutnant 1. Ranges unter seinen buschigen, rötlichen Brauen hinweg an. Es war ein Blick, der in einem dünnen Blech Beulen hinterlassen hätte. Ein Blick, der schon angesichts der unterschiedlichen Körpergrößen eine gewisse Fallhöhe besaß, bevor er mit Wucht sein Ziel erreichte.
»Naja, verhaftet eben. Ich verhafte Sie hiermit im Namen des Imperators«, versuchte es Lieutenant Chient erneut.
»Ach ja? Im Namen des Imperators? Wissen Sie Strichlatte überhaupt, wie der Typ heißt? Na? Ich warte! Oder brauchen Sie da diese nasse Primel hinter Ihnen zum Vorsagen?«
Chient seufzte innerlich, ohne seine äußerst gewichtige und ernste Mimik damit zu trüben. Ein Talent, das die meisten imperialen Offiziersgrade irgendwann erwarben. Warum nur bekam immer er solche undankbaren Aufträge? Corporal Grandgalet, sein Adjutant, hatte sich standhaft geweigert, dem ungehobelten Direktor von CN-0197 abermals allein gegenüberzutreten, und als Vorgesetzter konnte er sich ihm schlecht anschließen. Auch wenn ihm gerade dämmerte, dass es möglicherweise eine gute Idee gewesen wäre. Grandgalet würde ihm jedenfalls erneut keine Hilfe in dieser Sache sein, er hatte sich bereits halb hinter seinem Rücken versteckt.
»Sir! Jetzt beleidigen Sie imperiale Offiziere!«, brachte er mit möglichst autoritärer Stimme hervor, während er seinen dünnen Oberlippenbart zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelte.
»Oh, ist das ein Befehl? Na gut, wenn Sie es so wollen, bitte sehr: Vollidiot! Na, jetzt zufrieden?«, knurrte Goeland und es klang wie das Reiben schwerer Steine aufeinander.
Chient presste seine Lippen zu einem dünnen Doppelstrich zusammen und bemühte sich, damit seinem Oberlippenbärtchen einen Eindruck von Dominanz zu verleihen.
»Sir, jetzt lassen Sie bitte diese Späße und lassen Sie uns einfach wie erwachsene Menschen nach dem Protokoll weiterverfahren, ja?«
»Ich mache keine Späße, du kleines Häufchen Elend in Uniform«, brummte es ihm entgegen und Goelands Worten folgte dessen hünenhafter Körper, bis dieser direkt vor Chient stand. Er war jetzt gezwungen, seinen Kopf in den Nacken zu legen und überließ es Grandgalet, seine Offiziersmütze dabei in Position zu halten.
»Wo sind denn die anderen beiden Verdächtigen?«, herrschte Chient in einer Art Ersatzhandlung den Truppführer an, der in gebührendem Abstand von den dreien stand und demonstrativ die Eingangstür absicherte. Chient kam es mehr so vor, als wollte er sich möglichst nah am Fluchtweg befinden.
»Meine Leute haben sie aufgetrieben, Sir!«, versicherte der in braun-schwarze Schutzausrüstung gekleidete Mann. »Sie müssten in wenigen Minuten hier sein, Sir!«
Die Arbeit für die Imperiale Militärpolizei – Chasseurs Militaires oder kurz CM – war nicht der schlechteste Job, so sagte sich Lieutenant Chient wieder und wieder. Gerade in Kriegszeiten – und es war ja schließlich fast immer Krieg – war es von Vorteil, nicht an der galaktischen Front zu stehen. Auch in der Etappe konnte man wertvolle Dienste für den Imperator leisten. Im Gegenteil, es machte ihm sogar ausgesprochene Freude, Fahnenflüchtige, subversive Elemente, umtriebige Journalisten und anarchistische Chaoten aller Art aus der ruhmreichen colerianischen Gesellschaft zu entfernen und sie einer gerechten Justiz zuzuführen. Aber es gab auch Tage wie diesen, und er spürte mehr als deutlich, dass er mit einem einzigen Feierabendbier heute nicht auskommen würde. Immer, wenn er Goelands diamantbohrerhartem Blick auszuweichen suchte, sah er hinab und erblickte stattdessen Goelands Fäuste, die gefühlt ungefähr so groß waren wie sein eigener Adjutant.
»Ich würde vorschlagen, wir warten die Ankunft der beiden Herren ab und dann bereden wir die Sache nochmals. Wollen wir uns vielleicht solange setzen?«, begann er gezwungen charmant und machte einen Schritt rückwärts, um sich dann der einladenden altmodischen Besucherlounge zuzuwenden.
Goeland blieb stehen.
»Ehm … na gut, wir können ja auch hier warten«, entschied Chient mit resignierendem Unterton.
Für einige Minuten flüsterte nur das leise Lied der Luftaufbereiter durch den Raum. Ganz gelegentlich unterbrach ein bassiger Schlag, mehr zu spüren denn zu hören, die Ruhe, wenn irgendwo in einer der unzähligen Ebenen des gewaltigen Werftmondes schwere Bauteile aufeinander prallten.
Adjutant Grandgalet schaffte es irgendwie, bei jeder Bewegung seines Vorgesetzten in dessen Rücken zu bleiben und er war vermutlich sehr dankbar, dass dieser Goeland immer die Front zuwandte.
Artouste Goeland verschränkte seine Arme vor der Brust. Die Geste wirkte nicht nur ungehalten, sondern ließ seinen mächtigen Brustkorb noch ein wenig breiter erscheinen. Unangenehm breiter.
Wie eine Fanfare der allgemeinen Erleichterung seufzte schließlich die pneumatische Tür des Großraumbüros, um sich dienstbar zu öffnen. Herein kamen zuerst zwei CMs, danach betraten zwei ältere Männer das Büro, gefolgt von mehreren watschelnden Intelli-Bots. Zwei weitere Bewacher bildeten die Nachhut. Die kleine Gruppe lief fast ineinander, als die vorderen CMs stehenbleiben wollten, um ihrem Truppführer zu salutieren, die beiden Verdächtigen jedoch schnurstracks in Richtung der Couch weitergingen. Schließlich einigte man sich intuitiv auf eine eher gelockerte Party-Aufstellung mitten im Raum, sehr zu Chients Verdruss.
»Meine Herrschaften«, begann er mit offiziellem Tonfall. »Darf ich annehmen, dass Sie Jean-Baptiste Vigreux und Benoit Costa sind?«
»Also, ich muss Sie enttäuschen, mein Bester«, begann Vigreux mit ausladender Gestik und einer leicht angedeuteten Verbeugung. »Leider vermag ich nicht, beide Identitäten auszuüben. Ich beschränke mich auf meine Funktion als Vigreux. Ben, würdest du den anderen Part übernehmen? Sei doch so gut, ja?«
»Das hier ist eine Verhaftung und keine Komödie, meine Herrschaften!«, rief Chient aufgebracht. »Ich bitte um den gebührenden imperialen Ernst!«
»Er wollte damit ausdrücken, dass du beleibt genug für zwei Personen bist, mein lieber Joba«, erklärte Costa mit belehrendem Tonfall, während sich die Intelli-Bots weiter im Raum verteilten.
»So? Das muss ich mir von diesen zwei halben Portionen doch sicher nicht gefallen lassen, oder? Kann man sie dafür verklagen, Ben? Was meinst du?«
»Ruhe jetzt!«, schrie Chient mit dem schrillen Unterton beginnender Hysterie los. »Ich beginne nochmals!«
»Es muss gut gewesen sein, Artouste ist schweigsam. Das ist er nur, wenn man ihn wirklich gut unterhalten hat«, nuschelte Vigreux.
»Also: Meine Herrschaften, ich verhafte Sie hiermit im Namen des Imperators!«
Goeland und seine beiden Freunde sahen Chient ausdruckslos an.
Die Chasseurs erhoben zögernd ihre Waffen, um der Erklärung den passenden Nachdruck zu verleihen. Dennoch wirkte es, als liefe etwas ganz anders als sonst üblich.
Chient schnappte nach Luft und fuhr nach kurzer Pause fort. »Ihnen werden folgende Vergehen wider das colerianische Imperium zur Last gelegt: Bildung einer subversiven Gruppe, Verstoß gegen das Pflicht-Treue-Gesetz, Unterschlagung imperialen Eigentums, nicht genehmigte Verbreitung von Kriegswaffen, diverse Verstöße gegen die Registrierungsverordnung von Raumschiffsantrieben, Sabotage imperialer Verteidigungsanstrengungen und … ehm.«
Grandgalet flüsterte ihm etwas zu.
»Ja ja, und natürlich Beleidigung imperialer Offiziere im Dienst, das weiß ich selbst, Adjutant!«, blaffte Chient zurück.
Die drei Männer sahen ihn noch immer ausdruckslos an.
»Möchten Sie sich dazu äußern?«, half Chient rhetorisch nach, in der Annahme, sie wären sprachlos angesichts der massiven Taten, derer sie überführt worden waren.
»Hätten wir denn bis nach Dienstschluss mit dem Beleidigen warten sollen? Wir dürfen keine Überstunden machen«, fragte Costa nüchtern nach.
»Sie haben die illegale Verwendung von Transponderkennungen vergessen«, ergänzte Vigreux hilfreich, indem er...
| Erscheint lt. Verlag | 28.5.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Dystopie • Ermittlung • Imperium • Kampf • Krieg • Militär • Mord • Offizier • Pilot • Raumschiff • Science Fiction • Space Opera • Utopie • Verschwörung |
| ISBN-10 | 3-96741-103-6 / 3967411036 |
| ISBN-13 | 978-3-96741-103-4 / 9783967411034 |
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