Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

Die Tänzerin vom Moulin Rouge (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
430 Seiten
Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG
978-3-7517-0404-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Tänzerin vom Moulin Rouge -  Tanja Steinlechner
Systemvoraussetzungen
9,99 inkl. MwSt
(CHF 9,75)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen

Paris 1882. Louise Weber wächst als Tochter einer Wäscherin in bitterer Armut auf. Doch sie brennt für den Tanz. Immer wieder schleicht sie sich heimlich fort, in die Bars und Cafés am Montmartre, und steigt, gefördert von Künstlern wie Renoir oder Toulouse-Lautrec, zum Star des Moulin Rouge auf. Als sie vor dem Schah von Persien tanzt, wird sie zur international gefeierten Königin des Cancan. Doch die Angst, wieder in die Armut abzugleiten, quält sie. Und so setzt sie alles aufs Spiel: Wohlstand, Glück - und die Liebe ihres Lebens ...



Tanja Steinlechner, 1974 in Heilbronn geboren, besuchte die Freiburger Schauspielschule im E-Werk. Sie hat an der Universität Hildesheim Kreatives Schreiben bei Dr. Hanns-Josef Ortheil studiert und war danach als Lektorin und Literaturagentin tätig.

Tanja Steinlechner, 1974 in Heilbronn geboren, besuchte die Freiburger Schauspielschule im E-Werk. Sie hat an der Universität Hildesheim Kreatives Schreiben bei Dr. Hanns-Josef Ortheil studiert und war danach als Lektorin und Literaturagentin tätig.

KAPITEL 2


Schweißperlen standen Louise auf der Stirn, als sie den kühlen Hausflur betrat. Von der Wäscherei bis zu ihrer Wohnung waren es nur knapp zwanzig Minuten Fußweg, aber ihre Sohlen brannten vom stundenlangen Stehen am Zober, und ihre Arme schmerzten vom Gewicht der nassen Wäscheberge, die sie heute bestimmt an die fünfzehn Mal von der Halle nach oben auf den Trockenboden geschleppt hatte. Außerdem war ihr übel vom Gestank, dem lauten Stimmengewirr ihrer Kolleginnen und ihren eigenen Ausdünstungen. Louise tastete nach dem knisternden Geldschein in der Tasche ihres Rocks. Obst könnte sie davon kaufen und daraus Marmelade für die Wintermonate einkochen, zwei ordentliche Stücke Fleisch auf dem Markt erstehen, um sie in Rosmarin und Thymian einzulegen, oder das Geld sparen und Maman mit einem Weihnachtsgeschenk überraschen. Eigentlich gehörte der Schein ja gar nicht Louise, sondern Francine. Ob Maman es schätzen würde, wenn sie es sich auf Kosten einer anderen Frau – und gar einer Prostituierten – gut gehen ließen? Louise schob den Gedanken beiseite.

Im Treppenhaus vermengte sich der Geruch von Bratfett mit dem Mief, der aus den Gemeinschaftsklos herwehte. Darüber lag ein säuerlicher Film Potée de chou blanc. Kohlsuppe. Angewidert verzog Louise das Gesicht.

Als sie in die Wohnung trat, stand Maman über den Herd gebeugt, die eine Hand am Rücken, die andere fest um den Kochlöffel. Louise schloss die Tür hinter sich, band die Schnüre ihrer Stiefel auf und befreite die schmerzenden Füße. Auf Strümpfen näherte sie sich ihrer Mutter und umarmte sie von hinten. Deren Leidensmiene, die tiefe Furche auf ihrer Stirn, die von all den Sorgen rührte – sie sah alles vor sich, obwohl Maman ihr den Rücken zuwandte. An Mamans Härte und ihrer Schwermut war der Krieg schuld. Er hatte ihnen nicht nur Papa genommen, sondern auch zu ihrem Leben in Armut geführt.

Als Louise etwa vier Jahre alt gewesen war und der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ausbrach, hatte Maman auch gerade das Mittagessen gekocht. Papa war an diesem Tag früher nach Hause gekommen. Er hatte Maman den Kochlöffel aus der Hand genommen und die Arme um sie geschlungen. Dann hatte er gesagt: »Frankreich ist im Krieg mit den Deutschen.«

Nur mit Mühe hatte ihr Vater Maman an diesem Abend dazu bewegen können, sich zur Ruhe zu legen. Durch die geschlossene Tür des Elternschlafzimmers konnte Louise noch lange Mamans leises Schluchzen hören. Tagelang ging das so, bis Papa beschloss, in den Krieg zu ziehen. Bei seiner Soldatenehre hatte er ihnen geschworen, für seine Familie und für das Elsass zu kämpfen. Eigentlich hatte er keine Wahl gehabt, er meldete sich bloß freiwillig, bevor er ohnehin eingezogen worden wäre, aber das wusste Louise damals noch nicht.

Früher hatte Papa, mit ihr auf den Schultern und Vic an der Hand, häufig Sonntagsausflüge nach Paris in die Ménagerie du Jardin des Plantes gemacht. Sie lag am linken Seineufer im fünften Arrondissement und niemand musste Eintritt zahlen. Wegen der Forscher und reichen Unterstützer des Zoos gab es längst nicht nur einheimische Tiere zu sehen, sondern auch Elefanten, Bären, ein Affenhaus, Greifvögel und sogar ein nagelneues Reptiliengehege. Am liebsten aber war Louise die Fauverie, das Raubtierhaus. Davor saßen die Tiermaler, die versuchten, die Großkatzen auf ihre Leinwand zu bannen. Louise hätte die Löwen und Tiger Ewigkeiten anschauen können, so herrlich und kraftvoll waren diese wilden Tiere. Und doch wünschte sie sich nichts sehnlicher, als sie aus ihren Käfigen zu befreien. Niemand, schon gar nicht so mächtige und einzigartige Geschöpfe, sollte hinter Gittern sein Dasein fristen müssen. Doch auch wenn es sie betrübte, die Wildkatzen in den Käfigen zu sehen, waren es helle Sonntage. Sie waren bis zum Rand angefüllt mit Glück. Papa nahm Louise an solchen Tagen oft bei den Händen und drehte sich so rasch mit ihr im Kreis, dass sie beinahe meinte, zu fliegen. Für Papa waren Glück und Tanzen ein und dasselbe. Er erzählte oft davon, wie er als junger Mann in Paris gewesen war und es dort gelernt hatte. Mit einem wilden Tanz habe er Maman für sich gewonnen, aber das würde sie natürlich nie zugeben. Seine Töchter lehrte er gegen Mamans Widerstand den Chahut. Wie hoch er seine Beine warf! Das wollte Louise auch können. Kamen sie von ihren Ausflügen nach Hause und spielte gerade einer auf der Straße die Drehorgel, sprang und hüpfte Louise zur Musik, auch wenn längst Schlafenszeit war. Und Papa war immer der Erste, der ihr Beifall klatschte. »Sie hat doch wahrhaftig ein ganz ungeheures Talent, unsere Louise«, sagte er dann zu ihrer Mutter, die das in ihren Augen ungehörige Treiben mit gerunzelter Stirn verfolgte.

Mit Kriegsbeginn hörten die Sonntagsausflüge auf und statt fröhlicher Tänze erfüllte nun eine eigenartige Stille die Wohnung. Dagegen half es, sich an die Vergangenheit zu erinnern und das Lachen, das die Sommertage begleitet hatte, wieder heraufzubeschwören. Louise lachte viel und ohne Anlass und vor allem, weil es sonst niemand tat. Wenn Papa auf Heimaturlaub zu Hause war und niedergeschlagen oder müde wirkte, brachte sie ihn fast immer dazu, vom Sofa aufzustehen, sie an den Händen zu fassen und wie früher mit ihr umherzuwirbeln. Er selbst hatte ihr schließlich gezeigt, wie sich das Glück anfühlte, wie man es wieder heraufbeschwor und an sich band.

Auch jetzt lachte Louise, nahm ihrer Mutter energisch den Kochlöffel aus der Hand und schob sie sacht vom Herd weg.

»Maman, setz dich bitte. Ruh dich aus. Das Kochen übernehme ich.«

Ihre Mutter kam der Aufforderung nach und ließ sich dankbar auf einen Stuhl sinken. Sie wirkte ungewohnt heiter und lächelte. »Ma chérie, es gibt gute Neuigkeiten.«

Louise hörte nicht richtig zu, ihr Blick ruhte auf dem gepökelten Speck, den Maman in die Kohlsuppe gegeben hatte, und den Majoranstängeln, die neben den kleinen Kartoffelschnitzen im heißen Fett schwammen. Sie hatten nicht das Geld, um unter der Woche Majoran und Speck zu kaufen. Überrascht drehte sie sich um und sah ihre Mutter fragend an.

»Speck und Majoran? Woher hast du das?«

Maman antwortete nicht, sie suchte nach einem Zeichen der Zustimmung in Louises Blick, doch der blieb streng. Für heute und morgen war die Mahlzeit zwar gesichert, aber was käme danach? Schnell wandte sich Louise wieder zum Herd und rührte weiter, die Suppe durfte auf keinen Fall anbrennen.

»Stell dir vor«, sagte Maman, »ich habe heute auf dem Markt Rémi getroffen. Er ist Kutscher wie dein Onkel Pierre. Erinnerst du dich an ihn? Er hat dich früher manchmal mit seiner Kutsche mitgenommen. Rémi ist so ein großzügiger und feiner Mensch! Er hat doch tatsächlich unsere Einkäufe bezahlt und verlangt keinerlei Gegenleistung. Und dann hat er am Ende auch noch gefragt, ob du ihn am Samstag auf einen Ausflug begleiten möchtest. Er lädt dich zu einer Kutschfahrt ein!«

»Maman!« Der Löffel fiel Louise in die Suppe. Die heiße Flüssigkeit spritzte hoch, und ein paar Rübenstücke landeten auf dem Holzboden. Ihre Mutter erhob sich schwerfällig vom Stuhl und hielt sich dabei den Rücken. Sie kam auf Louise zu, wohl um sie zu beschwichtigen, wich aber zurück, als Louise abwehrend die Hand hob. »Wie konntest du nur? Was interessiert es mich, ob er denselben Beruf wie Onkel Pierre hat? Ich kenne ihn nicht. Und selbst wenn. Du tauschst mich gegen ein bisschen Speck und ein paar Kartoffeln?« Vor Wut stampfte Louise mit dem Fuß auf. Maman machte noch einen Schritt auf sie zu und übersah dabei die auf dem Boden liegenden Rübenstücke. Sie rutschte aus, strauchelte und fiel mit einem Aufschrei rücklings auf die Dielen. Louise war sofort bei ihr und kniete sich neben sie. »Oh Gott, Maman! Hast du dich verletzt? So sag doch was!«

Ihre Mutter winkte ab, bat aber um einen kühlen Waschlappen. Louise nahm ein Tuch von der Wäscheleine, tauchte es in den Wasserkübel, wrang es aus und brachte es ihr. So hockten sie eine Weile nebeneinander auf dem Boden und schwiegen. Erst als die Suppe überzukochen drohte, sprang Louise auf und eilte zum Topf, der auf dem neuen Sparherd vor sich hin köchelte. Betty hatte dafür gesorgt, dass sie einen dieser Herde mit Backofen und einer Klappe bekamen, die sich schließen ließ. Auf diese Weise konnten sie Kohle sparen. Betty war stets an erster Stelle, wenn Not am Mann war, aber niemals uneigennützig oder ohne Hintergedanken. Sie suhlte sich in der Anerkennung, die ihr wegen ihrer christlichen Hilfbereitschaft in Clichy zuteilwurde.

Maman stand ächzend auf und setzte sich wieder an den Tisch. Louise drehte sich zu ihr um. »Weißt du noch, was Vic einmal gesagt hat? ›Wir dürfen nicht nur buckeln und dienen, Papa hätte das nicht gewollt. Er hat uns das Tanzen und die Freude gelehrt.‹«

Maman ging nicht darauf ein. Sobald die Rede auf ihre Schwester kam, verstummte sie. Als hätte Maman nichts gehört, redete sie einfach weiter. »Dieses Haus, mein Schatz, braucht wieder einen Mann, so viel steht fest, und mich …«, sie rang sich ein heiseres Lachen ab, »… mich will keiner mehr. Rémi hat mir seine Absichten deutlich offengelegt. Er würde dich auf der Stelle ehelichen. Anscheinend bist du ihm aufgefallen, als du mich letztens auf den Markt begleitet hast.« Sie zwinkerte Louise zu.

Louise wurde blass. Dieser Rémi war bestimmt schon ein alter Mann. Und überhaupt hatte sie nicht vor, so bald zu heiraten. »Aber wir haben doch uns«, antwortete Louise rasch und umarmte Maman fest. »Wir haben uns, und wir haben diese vermaledeite...

Erscheint lt. Verlag 28.5.2021
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Aristide Bruant • Aufstieg • Auguste Renoir • Cancan • Chat de Noir • Freundschaft • Kabarett • la Goulue • Liebe • Louise Weber • Montmartre • Nachtleben • Paris • Pigalle • Ruhm • Saga • Tanz • Tänzerin • Toulouse-Lautrec
ISBN-10 3-7517-0404-3 / 3751704043
ISBN-13 978-3-7517-0404-5 / 9783751704045
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Ohne DRM)

Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopier­schutz. Eine Weiter­gabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persön­lichen Nutzung erwerben.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Mein Leben zwischen Kokain und Waffen

von $ick

eBook Download (2025)
Piper ebooks (Verlag)
CHF 15,60
Die Autobiografie

von Daniel Böcking; Freddy Quinn

eBook Download (2025)
Edition Koch (Verlag)
CHF 9,75