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November (eBook)

Erzählung
eBook Download: EPUB
2025 | 3., Überarbeitete Fassung
142 Seiten
Null Papier Verlag
978-3-96281-860-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

November - Gustave Flaubert
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Die Novelle 'November' (1842), die vage an Goethes 'Werther' angelehnt ist, war Gustave Flauberts erstes vollendetes Werk. Ihr 'Held' reiht sich ein in einen literarischen Stammbaum von tragischen Figuren, die allesamt scheitern, erwachsen zu werden. Getrieben von Liebessehnsucht und Fantasien über ein heldenhaftes Leben trifft der junge Ich-Erzähler auf die erfahrene Prostituierte Marie, in der er eine Seelenverwandte vermutet. Null Papier Verlag

Gustave Flaubert zählt zu den großen Romanciers der französischen Literatur und gilt als prägender Wegbereiter des 'l'art pour l'art', der Bewegung, die eine reine Autonomie der Kunst anstrebte, da diese sich selbst genügen sollte. Schon früh zeigte sich die Begabung des jungen Gustave, der bereits in Jugendjahren seine Freizeit hauptsächlich dem Schreiben widmete.

Gustave Flaubert zählt zu den großen Romanciers der französischen Literatur und gilt als prägender Wegbereiter des "l'art pour l'art", der Bewegung, die eine reine Autonomie der Kunst anstrebte, da diese sich selbst genügen sollte. Schon früh zeigte sich die Begabung des jungen Gustave, der bereits in Jugendjahren seine Freizeit hauptsächlich dem Schreiben widmete.

November

November



Pour niai­ser et fan­tas­ti­que.

Mon­taig­ne

Ich lie­be den Herbst; sei­ne Trau­rig­keit stimmt gut zu Erin­ne­run­gen. Wenn die Bäu­me ent­laubt sind, wenn der Abend­him­mel noch in den tiefro­ten Far­ben glüht, die einen gol­di­gen Schein über das Heu wer­fen, dann sieht man mit Ent­zücken al­les ver­lö­schen, was jüngst noch im Her­zen brann­te.

Eben kom­me ich von mei­nem Spa­zier­gang über öde Wie­sen zu­rück, an kal­ten Grä­ben vor­bei, in de­nen die Wei­den sich spie­geln. Ihre kah­len Zwei­ge pfif­fen im Win­de; zu­zei­ten schwieg er: dann setz­te er plötz­lich wie­der ein; und nun er­schau­er­ten die klei­nen Blät­ter, die noch am Ge­sträuch hän­gen, das Gras neig­te sich zit­ternd zur Erde, al­les be­kam ein blei­che­res und käl­te­res Aus­se­hen; am Ho­ri­zont ver­lor sich die Son­nen­schei­be im wei­ßen Him­mel und er­füll­te ihn rings­um­her mit ei­nem Rest er­lö­schen­den Le­bens. Mich fror, und fast hat­te ich Furcht.

Ich setz­te mich in den Schutz ei­nes klei­nen Gras­hü­gels; der Wind hat­te sich ge­legt; als ich so auf der Erde saß, nichts dach­te und in der Fer­ne den Rauch von Hüt­ten auf­stei­gen sah, da stand – ich weiß nicht warum – mein gan­zes Le­ben wie ein Phan­tom vor mir, und mit dem Duft des tro­ckenen Heu­es, dem Ge­ruch der to­ten Wäl­der kam mir der bit­te­re Ge­schmack längst ver­gan­ge­ner Tage zu­rück. Mei­ne trau­ri­gen Jah­re zo­gen an mir vor­über, als feg­te sie der Win­ter in gräss­li­chem Stur­me da­hin. Ir­gend­ei­ne schreck­li­che Macht jag­te sie durch mei­ne Erin­ne­rung, wü­ten­der als der Wind, der die Blät­ter über die stil­len Pfa­de tan­zen ließ. Eine son­der­ba­re Iro­nie schi­en sie zu strei­fen und für mein Auge um­zu­wen­den, dann flo­gen alle zu­gleich da­von und ver­schwan­den an ei­nem düs­te­ren Him­mel.

Sie ist trau­rig, die Jah­res­zeit, in der wir ste­hen: man glaubt, das Le­ben will mit der Son­ne ver­schei­den. Ein Frös­teln zieht ins Herz, wie über den Leib. Alle Lau­te erster­ben. Der Ho­ri­zont wird blass; al­les will schla­fen, ver­ge­hen … Eben sah ich die Kühe heim­keh­ren, sie brüll­ten der un­ter­ge­hen­den Son­ne nach. Der klei­ne Jun­ge, der sie mit ei­ner Brom­beer­ran­ke vor sich her­trieb, zit­ter­te vor Käl­te in sei­nem Dril­lich-An­zu­ge. Beim Ab­stieg vom Hü­gel glit­ten sie im Schmutz aus und zer­tra­ten ein paar Kar­tof­feln, die zwi­schen Un­kraut ste­cken ge­blie­ben wa­ren. Hin­ter den ver­schwim­men­den Hü­geln her­vor sand­te die Son­ne letz­ten Ab­schied. Im Tal glüh­ten die Lich­ter der Häu­ser auf, und der Mond, das Gestirn des Tau­es, das Gestirn der Trä­nen, ent­schlei­er­te lang­sam zwi­schen Wol­ken sein blei­ches Ge­sicht.

Lan­ge habe ich mich lust­voll in mein ver­gan­ge­nes Le­ben ver­senkt. Mit Won­ne habe ich mir ge­sagt, dass mei­ne Ju­gend vor­über sei; denn es ist Won­ne, zu füh­len, wie die Käl­te ins Herz kriecht, und sa­gen zu kön­nen, wäh­rend man es mit der Hand an­fühlt wie einen noch rau­chen­den Herd: es brennt nicht mehr! Lang­sam habe ich mein gan­zes Le­ben an mir vor­über­zie­hen las­sen: sei­ne Ge­dan­ken und Lei­den­schaf­ten, sei­ne Tage stür­mi­scher Wal­lun­gen und sei­ne Tage der Trau­er, sein hoff­nungs­vol­les Frohlo­cken und sei­ne qual­vol­len Schmer­zen. Ich sah al­les wie­der, wie je­mand, der die Ka­ta­kom­ben be­sucht und lang­sam auf bei­den Sei­ten im­mer neue Rei­hen von To­ten er­blickt. Wenn ich die Jah­re zäh­le, so sehe ich wohl, dass ich noch nicht alt bin; aber ich habe zahl­lo­se Erin­ne­run­gen, de­ren Ge­wicht ich auf mir füh­le, wie die Grei­se die Last all der Tage füh­len, die sie ge­lebt ha­ben. Zu­wei­len scheint es mir, als sei ich seit Jahr­hun­der­ten da, und als schlös­se mein We­sen die Über­res­te von Tau­sen­den ver­gan­ge­ner Exis­ten­zen ein. Wo­her kommt das? Habe ich ge­liebt? Habe ich ge­hasst? Habe ich et­was er­strebt? Ich zweifle dar­an. Ich leb­te ab­seits von al­lem re­gen und tä­ti­gen Le­ben, still für mich, ohne Sinn für Ruhm, Ver­gnü­gen, Wis­sen und Geld.

Von al­lem, was ich hier er­zäh­len wer­de, hat nie­mand et­was ge­wusst; die­je­ni­gen, die mich alle Tage sa­hen, eben­so­we­nig wie an­de­re. Sie wa­ren für mich wie das Kis­sen, auf dem ich ruhe, und das nichts von mei­nen Träu­men weiß. Und ist das Herz des Men­schen nicht eine un­ge­heu­re Ein­sam­keit, in die nie­mand ein­zu­drin­gen ver­mag? Die Lei­den­schaf­ten, die hin­durch­zie­hen, sind wie die Rei­sen­den der Wüs­te Sa­ha­ra; sie er­sti­cken dar­in, und ihr Schrei dringt nicht dar­über hin­aus.

Schon in der Schu­le war ich trau­rig. Ich lang­weil­te mich da; ich koch­te vor Ver­lan­gen, hat­te ein hei­ßes Seh­nen nach ei­nem tol­len, wild­be­weg­ten Da­sein, ich ge­noss die Lei­den­schaf­ten im Traum und hät­te sie alle durch­kos­ten mö­gen. Jen­seits des zwan­zigs­ten Jah­res lag für mich eine gan­ze Welt von Licht und Duft. In der Fer­ne er­schi­en mir das Le­ben in sieg­haf­tem Glanz und Klin­gen. Wie im Mär­chen tat sich ein wei­ter Saal nach dem an­de­ren auf. Dia­man­ten fun­kel­ten im Licht gol­de­ner Kron­leuch­ter. Un­ter ei­nem Zau­ber­wort dreh­ten sich die ver­wun­sche­nen Tü­ren in ih­ren An­geln, und wenn man wei­ter­ging, tauch­te der Blick in pracht­vol­le Fer­nen, vor de­ren blen­den­dem Glän­ze sich die Au­gen lä­chelnd schlie­ßen.

Ich hat­te ein un­be­stimm­tes Ver­lan­gen nach et­was Strah­len­dem, das ich we­der in Wor­ten noch in Ge­dan­ken deut­lich zu fas­sen ver­moch­te, und doch fühl­te ich ein star­kes, un­abläs­si­ges Seh­nen da­nach. Ich habe im­mer das Glän­zen­de ge­liebt. Als Kna­be dräng­te ich mich un­ter die Men­ge an der Tür der Schar­la­ta­ne, um die ro­ten Tres­sen ih­rer Die­ner und die Half­ter ih­rer Pfer­de zu se­hen. Lan­ge stand ich vor dem Zelt der Gauk­ler, um ihre Pumpho­sen und ge­stick­ten Kra­gen zu be­trach­ten. Ach, und wie habe ich die Seil­tän­ze­rin ge­liebt, mit ih­ren lan­gen Ohr­ge­hän­gen, die um ih­ren Kopf bau­mel­ten, mit ih­rer Ket­te aus di­cken Stei­nen, die auf ihre Brust schlug. Mit welch un­ru­hi­ger Gier schau­te ich sie an, wenn sie bis an die zwi­schen Bäu­men hän­gen­den La­ter­nen sprang, wenn ihr mit Gold­flit­tern be­setz­tes Kleid beim Sprun­ge klatsch­te und sich in der Luft bausch­te. Das wa­ren die ers­ten Frau­en, die ich ge­liebt habe. Mein Sinn quäl­te sich mit dem Ge­dan­ken an die­se merk­wür­dig ge­form­ten Schen­kel, die so prall in ih­ren ro­sa­far­be­nen Tri­kots sa­ßen, an die­se ge­schmei­di­gen Arme, von Span­gen um­schlos­sen, die beim Rück­wärts­beu­gen auf dem Rücken klin­gel­ten, wenn sie mit den Fe­dern ih­res Kopf­put­zes den Bo­den be­rühr­te. Das Weib, das ich mir schon vor­zu­stel­len such­te – (denn es gibt kein Le­bensal­ter, wo man nicht dar­an denkt: als Kind be­tas­ten wir mit nai­ver Sinn­lich­keit den Bu­sen der großen Mäg­de, die uns küs­sen und die uns auf ih­rem Arme hal­ten; mit zehn Jah­ren träumt man von Lie­be; mit fünf­zehn kommt sie zu uns; mit sech­zig ist sie noch nicht er­lo­schen, und wenn die To­ten un­ter der Erde et­was den­ken, so ist es: wie sie in der Tie­fe das nächs­te Grab er­rei­chen kön­nen, um das Lei­chen­tuch der Ab­ge­schie­de­nen fort­zu­zie­hen und sich ih­rem Schlum­mer zu gat­ten) – das Weib war also für mich ein lo­cken­des Ge­heim­nis, das mein...

Erscheint lt. Verlag 1.7.2025
Reihe/Serie Minis bei Null Papier
Minis bei Null Papier
Übersetzer E. W. Fischer
Verlagsort Neuss
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte alain mabanckous • balzacsche • balzacschen • Daudet • flauberts • friedrich creuzer • gemeinplätze • Gustave • Gustave Flaubert • Julian Barnes • kübler verlag • Madame Bovary • madame michel • madame trottoir • Maupassant • Maupassants • nabokovs • Narratologie • Rouen • sartres • Stendhal • Werther
ISBN-10 3-96281-860-X / 396281860X
ISBN-13 978-3-96281-860-9 / 9783962818609
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