November (eBook)
142 Seiten
Null Papier Verlag
978-3-96281-860-9 (ISBN)
Gustave Flaubert zählt zu den großen Romanciers der französischen Literatur und gilt als prägender Wegbereiter des 'l'art pour l'art', der Bewegung, die eine reine Autonomie der Kunst anstrebte, da diese sich selbst genügen sollte. Schon früh zeigte sich die Begabung des jungen Gustave, der bereits in Jugendjahren seine Freizeit hauptsächlich dem Schreiben widmete.
Gustave Flaubert zählt zu den großen Romanciers der französischen Literatur und gilt als prägender Wegbereiter des "l'art pour l'art", der Bewegung, die eine reine Autonomie der Kunst anstrebte, da diese sich selbst genügen sollte. Schon früh zeigte sich die Begabung des jungen Gustave, der bereits in Jugendjahren seine Freizeit hauptsächlich dem Schreiben widmete.
November
November
Pour niaiser et fantastique.
Montaigne
Ich liebe den Herbst; seine Traurigkeit stimmt gut zu Erinnerungen. Wenn die Bäume entlaubt sind, wenn der Abendhimmel noch in den tiefroten Farben glüht, die einen goldigen Schein über das Heu werfen, dann sieht man mit Entzücken alles verlöschen, was jüngst noch im Herzen brannte.
Eben komme ich von meinem Spaziergang über öde Wiesen zurück, an kalten Gräben vorbei, in denen die Weiden sich spiegeln. Ihre kahlen Zweige pfiffen im Winde; zuzeiten schwieg er: dann setzte er plötzlich wieder ein; und nun erschauerten die kleinen Blätter, die noch am Gesträuch hängen, das Gras neigte sich zitternd zur Erde, alles bekam ein bleicheres und kälteres Aussehen; am Horizont verlor sich die Sonnenscheibe im weißen Himmel und erfüllte ihn ringsumher mit einem Rest erlöschenden Lebens. Mich fror, und fast hatte ich Furcht.
Ich setzte mich in den Schutz eines kleinen Grashügels; der Wind hatte sich gelegt; als ich so auf der Erde saß, nichts dachte und in der Ferne den Rauch von Hütten aufsteigen sah, da stand – ich weiß nicht warum – mein ganzes Leben wie ein Phantom vor mir, und mit dem Duft des trockenen Heues, dem Geruch der toten Wälder kam mir der bittere Geschmack längst vergangener Tage zurück. Meine traurigen Jahre zogen an mir vorüber, als fegte sie der Winter in grässlichem Sturme dahin. Irgendeine schreckliche Macht jagte sie durch meine Erinnerung, wütender als der Wind, der die Blätter über die stillen Pfade tanzen ließ. Eine sonderbare Ironie schien sie zu streifen und für mein Auge umzuwenden, dann flogen alle zugleich davon und verschwanden an einem düsteren Himmel.
Sie ist traurig, die Jahreszeit, in der wir stehen: man glaubt, das Leben will mit der Sonne verscheiden. Ein Frösteln zieht ins Herz, wie über den Leib. Alle Laute ersterben. Der Horizont wird blass; alles will schlafen, vergehen … Eben sah ich die Kühe heimkehren, sie brüllten der untergehenden Sonne nach. Der kleine Junge, der sie mit einer Brombeerranke vor sich hertrieb, zitterte vor Kälte in seinem Drillich-Anzuge. Beim Abstieg vom Hügel glitten sie im Schmutz aus und zertraten ein paar Kartoffeln, die zwischen Unkraut stecken geblieben waren. Hinter den verschwimmenden Hügeln hervor sandte die Sonne letzten Abschied. Im Tal glühten die Lichter der Häuser auf, und der Mond, das Gestirn des Taues, das Gestirn der Tränen, entschleierte langsam zwischen Wolken sein bleiches Gesicht.
Lange habe ich mich lustvoll in mein vergangenes Leben versenkt. Mit Wonne habe ich mir gesagt, dass meine Jugend vorüber sei; denn es ist Wonne, zu fühlen, wie die Kälte ins Herz kriecht, und sagen zu können, während man es mit der Hand anfühlt wie einen noch rauchenden Herd: es brennt nicht mehr! Langsam habe ich mein ganzes Leben an mir vorüberziehen lassen: seine Gedanken und Leidenschaften, seine Tage stürmischer Wallungen und seine Tage der Trauer, sein hoffnungsvolles Frohlocken und seine qualvollen Schmerzen. Ich sah alles wieder, wie jemand, der die Katakomben besucht und langsam auf beiden Seiten immer neue Reihen von Toten erblickt. Wenn ich die Jahre zähle, so sehe ich wohl, dass ich noch nicht alt bin; aber ich habe zahllose Erinnerungen, deren Gewicht ich auf mir fühle, wie die Greise die Last all der Tage fühlen, die sie gelebt haben. Zuweilen scheint es mir, als sei ich seit Jahrhunderten da, und als schlösse mein Wesen die Überreste von Tausenden vergangener Existenzen ein. Woher kommt das? Habe ich geliebt? Habe ich gehasst? Habe ich etwas erstrebt? Ich zweifle daran. Ich lebte abseits von allem regen und tätigen Leben, still für mich, ohne Sinn für Ruhm, Vergnügen, Wissen und Geld.
Von allem, was ich hier erzählen werde, hat niemand etwas gewusst; diejenigen, die mich alle Tage sahen, ebensowenig wie andere. Sie waren für mich wie das Kissen, auf dem ich ruhe, und das nichts von meinen Träumen weiß. Und ist das Herz des Menschen nicht eine ungeheure Einsamkeit, in die niemand einzudringen vermag? Die Leidenschaften, die hindurchziehen, sind wie die Reisenden der Wüste Sahara; sie ersticken darin, und ihr Schrei dringt nicht darüber hinaus.
Schon in der Schule war ich traurig. Ich langweilte mich da; ich kochte vor Verlangen, hatte ein heißes Sehnen nach einem tollen, wildbewegten Dasein, ich genoss die Leidenschaften im Traum und hätte sie alle durchkosten mögen. Jenseits des zwanzigsten Jahres lag für mich eine ganze Welt von Licht und Duft. In der Ferne erschien mir das Leben in sieghaftem Glanz und Klingen. Wie im Märchen tat sich ein weiter Saal nach dem anderen auf. Diamanten funkelten im Licht goldener Kronleuchter. Unter einem Zauberwort drehten sich die verwunschenen Türen in ihren Angeln, und wenn man weiterging, tauchte der Blick in prachtvolle Fernen, vor deren blendendem Glänze sich die Augen lächelnd schließen.
Ich hatte ein unbestimmtes Verlangen nach etwas Strahlendem, das ich weder in Worten noch in Gedanken deutlich zu fassen vermochte, und doch fühlte ich ein starkes, unablässiges Sehnen danach. Ich habe immer das Glänzende geliebt. Als Knabe drängte ich mich unter die Menge an der Tür der Scharlatane, um die roten Tressen ihrer Diener und die Halfter ihrer Pferde zu sehen. Lange stand ich vor dem Zelt der Gaukler, um ihre Pumphosen und gestickten Kragen zu betrachten. Ach, und wie habe ich die Seiltänzerin geliebt, mit ihren langen Ohrgehängen, die um ihren Kopf baumelten, mit ihrer Kette aus dicken Steinen, die auf ihre Brust schlug. Mit welch unruhiger Gier schaute ich sie an, wenn sie bis an die zwischen Bäumen hängenden Laternen sprang, wenn ihr mit Goldflittern besetztes Kleid beim Sprunge klatschte und sich in der Luft bauschte. Das waren die ersten Frauen, die ich geliebt habe. Mein Sinn quälte sich mit dem Gedanken an diese merkwürdig geformten Schenkel, die so prall in ihren rosafarbenen Trikots saßen, an diese geschmeidigen Arme, von Spangen umschlossen, die beim Rückwärtsbeugen auf dem Rücken klingelten, wenn sie mit den Federn ihres Kopfputzes den Boden berührte. Das Weib, das ich mir schon vorzustellen suchte – (denn es gibt kein Lebensalter, wo man nicht daran denkt: als Kind betasten wir mit naiver Sinnlichkeit den Busen der großen Mägde, die uns küssen und die uns auf ihrem Arme halten; mit zehn Jahren träumt man von Liebe; mit fünfzehn kommt sie zu uns; mit sechzig ist sie noch nicht erloschen, und wenn die Toten unter der Erde etwas denken, so ist es: wie sie in der Tiefe das nächste Grab erreichen können, um das Leichentuch der Abgeschiedenen fortzuziehen und sich ihrem Schlummer zu gatten) – das Weib war also für mich ein lockendes Geheimnis, das mein...
| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Minis bei Null Papier | Minis bei Null Papier |
| Übersetzer | E. W. Fischer |
| Verlagsort | Neuss |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | alain mabanckous • balzacsche • balzacschen • Daudet • flauberts • friedrich creuzer • gemeinplätze • Gustave • Gustave Flaubert • Julian Barnes • kübler verlag • Madame Bovary • madame michel • madame trottoir • Maupassant • Maupassants • nabokovs • Narratologie • Rouen • sartres • Stendhal • Werther |
| ISBN-10 | 3-96281-860-X / 396281860X |
| ISBN-13 | 978-3-96281-860-9 / 9783962818609 |
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