Das Geheimnis der alten Lady (eBook)
238 Seiten
Verlag Zarah Lu
978-3-7521-4247-1 (ISBN)
Die zweifache Mutter lebt und arbeitet im Herzen Deutschlands. In ihrer freien Zeit widmet sie sich ihren Romanhelden und entführt ihre Leser in eine fantasievolle Welt voller Mystik und Abenteuer. Ihr Debütroman erschien 2018.
Die zweifache Mutter lebt und arbeitet im Herzen Deutschlands. In ihrer freien Zeit widmet sie sich ihren Romanhelden und entführt ihre Leser in eine fantasievolle Welt voller Mystik und Abenteuer. Ihr Debütroman erschien 2018.
Zwei
Patrick entließ die beiden nach dem Essen aus seiner Obhut und schlenderte allein zu seiner Hütte zurück. Johannes und Sebastian hatten es nicht weit bis zu der ihren und sanken erschöpft auf ihre Betten. Hier drinnen war es warm und extrem stickig. Heiße Luft hüllte sie wie eine Membran ein und machte sie nur noch schläfriger. Johannes stand auf und öffnete das Fenster. Draußen war es immer noch hell und der Lärm des Camps drang nun umso lauter zu ihnen. Eigentlich war es noch viel zu früh zum Schlafen. Sebastian wühlte sich tiefer in sein Kissen und war nach wenigen Atemzügen weg.
Johannes lächelte seinen Bruder liebevoll an und legte sich dann ebenfalls auf sein Bett.
Wenig später kam Ben herein. Er sah kurz auf Sebastians Seite und nickte dann Johannes zu. Leise näherte er sich Johannes‘ Bett und setzte sich auf die Kante.
„Ihr wart heute den ganzen Tag mit Patrick unterwegs, stimmts?“
Johannes nickte.
„Das ist ok. Wenn du mich fragst, ist Patrick ´ne ziemlich gute Wahl als Ältester. Manche behaupten, dass der hier jeden Stein kennt. Zumindest kann er euch mehr über das Camp und die Gegend erzählen als ich. Meldet euch beim nächsten Mal aber bitte ab, damit ich weiß, wo ihr steckt.“
Johannes nickte erneut. Er war erleichtert. Nach Bens finsterem Blick beim Essen hatte er eher eine Standpauke erwartet. Ben sah noch einmal zu dem schlafenden Sebastian hinüber und richtete sich dann wieder an Johannes.
„Soll ich nachher nochmal nach euch sehen, bevor es auf der Feuerlichtung losgeht? Oder wollt ihr lieber pennen?“
„Schlafen können wir zu Hause. Wäre cool, wenn du kurz reinschaust. Ich glaube zwar nicht, dass es mich genauso umhaut, wie den da. Aber man weiß ja nie.“
„Alles klar. Wir sehen uns.“
Ben schlich aus der Hütte und schloss behutsam die Tür. Wahrscheinlich war er doch ganz ok, wenn man ihn erstmal kennengelernt hatte.
Johannes schrak hoch, als ihn jemand an der Schulter berührte. Das helle Sonnenlicht war verschwunden. Die Dämmerung hatte eingesetzt und von draußen wehte ein kühler Luftzug in die Hütte. Johannes blinzelte. Jemand hatte die Tür geöffnet. Vor ihm saß Sebastian und blickte auf ihn herab.
„Endlich wach? Ben war gerade hier. Die anderen sind schon auf der Feuerlichtung.“
Erst jetzt fiel Johannes auf, um wie viel ruhiger es im Camp geworden war. Hastig schwang er sich aus dem Bett. Er wühlte kurz in seiner Tasche und griff sich den erstbesten Pulli, den er finden konnte. Dann sprintete er seinem Bruder hinterher.
Zum Glück kannten sie den Weg zur Feuerlichtung schon. Wie sich herausstellte, waren außer ihnen noch einige dahin unterwegs und sie würden längst nicht die Letzten am Lagerfeuer sein. Als sie die kleine Arena erreichten, brannte in ihrer Mitte bereits ein großes Feuer. Die untersten Reihen waren dicht belegt. Johannes schätzte seine Chance auf ein warmes Plätzchen und etwas Stockbrot als sehr gering ein, bis er Patrick entdeckte, der ihnen eifrig zuwinkte.
Natürlich hatte der die besten Plätze am Feuer ergattert und für sie freigehalten. Sie drängelten sich zu ihm durch und nahmen ihn in ihre Mitte. Hier unten war es warm, eigentlich kaum auszuhalten, doch wenn das Feuer erst ein wenig heruntergebrannt wäre und es Zeit für die Stockbrote wurde, waren das die perfekten Plätze.
Gegenüber von ihnen saß eine Frau mit schneeweißen, langen Haaren. Ihre Haut war noch immer faltenfrei, doch aus ihren Augen sprachen die Weisheit und die Erfahrung eines jahrzehntelangen Lebens. Ihre Augen waren so hell, dass man meinen konnte, sie hätten gar keine Farbe. Nur ein dunkler Ring grenzte die Iris vom Rest des Auges ab. Sie beobachtete, wie Johannes und Sebastian ihre Stöcke holten und lächelte ihnen freundlich zu, als sie zurück an ihrem Platz waren.
Johannes verstand jetzt, warum er nach Patricks Meinung mit einem Problem lieber zu ihr gehen sollte. Frau Reser wirkte so überaus freundlich und friedliebend, als könnte sie auf niemanden böse sein. Ganz anders als der bärtige Knautzbart neben ihr.
Sie trug helle Turnschuhe, ein dunkles geblümtes Kleid und darüber eine gelbe Strickjacke. Irgendwie schien nichts davon richtig zusammenzupassen. Johannes konnte nicht sagen, was ihn genau an ihr störte. Doch es wirkte unpassend. Unpassend für diesen Ort, für diese Tageszeit und für eine Person ihres Alters. Sie war eben eine kuriose alte Lady. Kurios und sehr sympathisch.
Als das Feuer etwas heruntergebrannt war, formten die jungen Leute den Teig um ihre Stöcke und begannen ihre Brote zu grillen. Es wurde ruhig am Feuer und Frau Reser ergriff das Wort.
„So viele neue Gesichter. Das bedeutet, es muss wieder Samstag sein. Ich heiße euch willkommen, meine Freunde. Ihr dürft mich Elvira nennen, doch eure Älteren bevorzugen meinen alten Namen und rufen mich Frau Reser. Ich glaube, sie wissen gar nicht, warum sie das tun. Soll ich es euch erzählen?“
Die Älteren sahen begeistert zu ihr auf und die Frischlinge nickten aufgeregt. Also begann sie zu erzählen.
„Mein Name bedeutet so viel wie die Reisende. Er wurde mir gegeben, weil es mich in jungen Jahren nie lange an einem Ort gehalten hat. Ich war so alt wie ihr es seid, als ich von zu Hause fortgegangen bin. Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben. Ich wollte alles, wovon ich bis dahin nur in Büchern gelesen hatte, mit meinen eigenen Augen sehen. Die hohen Berge, das weite Meer, dichte Wälder und die prunkvollsten Städte unserer Gesellschaft. Mutter Natur meinte es stets gut mit mir. Der Tisch war immer reich gedeckt. Die Winter waren damals nicht so kalt und schneereich wie heute und wenn meine Vorräte doch einmal zur Neige gingen, so lenkte sie meinen Weg zu einer kleinen Sippe oder einer ganzen Ortschaft. Doch meist war ich auf mich allein gestellt. Nachts schlief ich unter dem freien Sternenhimmel. Die Seen und Flüsse waren mein Badezimmer. Die Pflanzen und Tiere waren meine Freunde.
Ich kann mich kaum entsinnen, dass je die Sehnsucht heimzukehren über mich gekommen wäre. So glücklich war ich.“
Sie seufzte und machte eine kleine Pause, in der sie ihr Stockbrot vom Feuer nahm und genüsslich davon abbiss.
„Einmal“, begann sie mit vollem Mund zu sprechen, „hatte ich einen schlimmen Traum. Ich sah meine Mutter weinend vor unserem Haus stehen. Um sie herum tobte ein Sturm und zerzauste ihr wunderschönes, kupferfarbenes Haar. Dann war es plötzlich still und sie stand auf dem Hügel über unserem Dorf. Ich erkannte die uralte Linde, die schon meiner Großmutter Schatten gespendet hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. Es war ein sonniger Tag, die Wiese blühte in allen Farben und ein sanfter Wind glitt darüber hinweg. Ich folgte meiner Mutter und sah an ihr vorbei ins Tal. Hinunter zu unserem Dorf, das es nicht mehr gab. Es war einfach nicht mehr da. Niemand war mehr da. Angst und Kummer engten mein Herz ein. Ich wachte auf. Mit einem Mal fühlte ich mich sehr allein. Zum ersten Mal auf meiner weiten Reise hatte ich Sehnsucht nach meiner Heimat.
Ihr müsst wissen, dass ich zu diesem Zeitpunkt sehr weit weg von zu Hause war. Wenn ich jetzt zurückginge, dann würde ich mehrere Wochen unterwegs sein und erst im Winter heimkehren. Aber ich musste im jeden Preis erfahren, was dieser Traum zu bedeuten hatte. Ich musste mit eigenen Augen sehen, dass mein Dorf noch stand und es allen, die darin lebten, gutging.“
Der Ruf eines Käuzchens unterbrach ihre Rede. Es saß gut verborgen auf einem Ast am anderen Ende der Lichtung. Doch Frau Reser blickte auf und schien es anzusehen. Schweigend sah sie in die Richtung, aus der der Ruf erklungen war. Dann nickte sie kurz und lächelte.
Sie sah die Jungen und Mädchen an, die um das Lagerfeuer versammelt waren. Ihre Gesichter wurden vom warmen Schein der Flammen angestrahlt und waren auf sie gerichtet. Niemand hatte begonnen zu sprechen. Also erzählte sie weiter.
„Ich wollte auf dem schnellsten Weg zurück in mein Heimatdorf. Das bedeutete jedoch, dass mich mein Weg diesmal auch durch größere Städte führen würde. Die größte und berühmteste von ihnen war Luhmia – die leuchtende Stadt. Sie machte ihrem Namen alle Ehre. Man erzählte sich allerlei wundersame Dinge über sie. Vieles so fantastisch, dass ich es gar nicht glauben wollte. Man berichtete sich zum Beispiel, dass es in Luhmia niemals Nacht wurde. In ihren Häusern, auf den Straßen, ja selbst auf ihren Plätzen sei es stets so hell, dass man sein Gegenüber schon von weitem erkennen und bequem ein Buch lesen konnte. Die Stadt selbst sei das Schönste, was man je erblickt hat. Die Menschen in ihr seien wohlgenährt und edel gekleidet. Alle wären fröhlich und gut gelaunt, denn niemand musste mehr schwere Arbeit verrichten. Alle Krankheiten, ja selbst das Alter, habe man besiegt. Ich war sehr neugierig, was davon alles der Wahrheit entsprach. Auch wenn mir wenig Zeit bleiben würde, um all ihre Geheimnisse zu ergründen.
Ich sollte meine Neugierde bald befriedigen können. Nur wenige Tage später erblickte ich die leuchtende Stadt in der Ferne. Dieser Punkt entsprach also schon einmal der Wahrheit. Sie leuchtete bei Tag und bei Nacht. So hell, dass man wirklich den Eindruck gewinnen konnte, es würde in ihr nie Nacht werden. Tags strahlte und funkelte sie in einer solchen Pracht, dass ich ganz geblendet von ihr war. Und nachts leuchtete sie aus sich selbst heraus und erhellte wie eine kleine Sonne das ganze Tal. Für mich war das wie Magie!
Luhmia lag in einem fruchtbaren Tal, umgeben von saftigen Weiden und üppigen Feldern. Ich...
| Erscheint lt. Verlag | 22.4.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Schlagworte | Abenteuer • Bibliothek • Entführung • Feriencamp • Fluss • Geheimnis • Geist • Jugendbuch • Kinderbuch • Mystik • Vogel • Wald |
| ISBN-10 | 3-7521-4247-2 / 3752142472 |
| ISBN-13 | 978-3-7521-4247-1 / 9783752142471 |
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