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OMBRA (eBook)

Roman einer Wiedergeburt
eBook Download: EPUB
2021
267 Seiten
Luchterhand Literaturverlag
978-3-641-27387-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

OMBRA - Hanns-Josef Ortheil
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'Ombra' erzählt die Geschichte einer Wiederkehr aus großer Todesnähe: Im Sommer 2019 wird bei Hanns-Josef Ortheil eine schwere Herzinsuffizienz festgestellt. Die anschließende Operation verläuft nicht ohne Komplikationen, es folgt der lange Aufenthalt in einer Rehaklinik. Das Leben des höchst produktiven Autors, der sich selten schont, steht am Scheideweg - der Körper hat die Herrschaft übernommen und lässt nicht mit sich verhandeln. Doch in das Gefühl der Ohnmacht und Angst hinein kehrt allmählich das Schreiben zurück. Stück für Stück setzt Hanns-Josef Ortheil in seinem wohl persönlichsten Buch aus Wahrnehmungen, Erinnerungen und Reflexionen sein Leben neu zusammen. Wer ist er gewesen vor der Krankheit? Und wer kann er danach einmal sein?

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

1


AM FRÜHEN Abend. Ich könnte durchs nahe Gelände streunen, wie ich es vor einem Jahr noch häufig getan habe. Jetzt aber ist alles anders, denn ich scheue die einsetzende Dunkelheit. Sobald ich weniger sehe, schleiche ich vorsichtig herum und traue mir keine längeren Wege zu.

Es könnte etwas passieren. Ich könnte straucheln, stürzen, was auch immer.

Von den ersten Morgenstunden an denke ich diesen Satz: Es könnte dir etwas passieren. Ich fühle mich nicht mehr sicher, denn ich bin durch einen Todestunnel gegangen.

Ich kämpfe gegen die vielen Irritationen an, aber die alte Angst, von der ich dachte, sie sei längst besiegt, ist so massiv wie noch nie wieder da. Die Angst, nicht mehr weiterzuwissen. Plötzlich von einem Dunkel verschlungen zu werden. Bis zur Reglosigkeit zu erstarren. Während einer Zugfahrt zu sterben, ohne dass es einer bemerkt.

Was ist mit dem Herrn dort drüben? Warum sitzt er so schief?, fragt das Kind. Und dann schauen Mutter und Kind nach und erkennen: Der Herr auf Platz 55 lebt nicht mehr, der Zug schaukelt einen Leichnam hin und her. Ist der Mann jetzt im Himmel?, fragt das Kind. Ja, sagt die Mutter, so wie er aussieht, ist er im Himmel.

2


NACHTS. ICH kann nicht schlafen. Lese, gehe in die Küche, höre Musik, kehre ins Bett zurück, lese weiter, grüble lange, gehe wieder in die Küche.

Mein Hirn ist durcheinander, und ich weiß nicht, wie ich Ordnung hineinbringen könnte. Die Herzoperation liegt erst einen Monat zurück. Sie dauerte fünf Stunden, und danach lag ich im Koma, aus dem ich fast nicht mehr erwacht wäre.

Was auf der Intensivstation in den darauf folgenden Wochen geschah, weiß ich nicht mehr genau. Ich habe nur Bruchstücke im Kopf, Geräusch- und Filmszenen, Besuche und Begegnungen – alles wie im Polaroid-Format, verwackelt, matt, unscharf.

Wenn ich mich bloß genauer erinnern könnte! Das würde helfen! Momentan kehren nur Augenblicke zurück, die ich kurz durchlebe und meist sofort wieder vergesse.

Ich nehme einen Stift in die Hand, zögere und bemerke, dass der Stift meinen Gedanken nicht folgt. Ich kann ihn nicht wie sonst leicht und rasch bewegen, er streikt und wirkt schwer und massiv. Ich lege ihn fort, lenke mich ab und vergesse, dass ich schreiben wollte.

Gehe ich ein paar Schritte aus dem Haus, weiß ich draußen nicht mehr, was ich dort suchte. Den Türschlüssel habe ich anscheinend im Haus gelassen. Zum Glück ist die Gartentür zur hinteren Terrasse noch offen. Warum?! Ach ja, ich habe vergessen, sie zu schließen.

Nicht einmal die einfachsten Handlungen gelingen. Beim Teekochen erhitze ich Wasser in einem Kocher und lasse das heiße Wasser so lange stehen, bis es abgekühlt ist.

Beim Klavierspielen versagt das Zusammenspiel beider Hände, ich kann sie nicht koordinieren, sie kommen sich in die Quere und treten auf wie störrische, autonome Solisten, die sich keinem Zusammenspiel unterordnen und von denen jeder vergessen zu haben scheint, was der andere vorhat.

Ich fühle mich hilflos und amputiert.

Stark ist die anhaltende Sehnsucht nach einer Rückkehr ins Bett. Dort allerdings würde ich sofort einschlafen und die Nacht danach wieder hellwach verbringen.

Was ist bloß mit mir los? Am schlimmsten sind die Tagträume, die mich wieder in die Kindheit zurückschicken. Was habe ich in der Kindheit zu suchen?

Mein verletzter, armselig herumzappelnder Körper erinnert mich an den kleinen Körper des frühen Lebens. An seine Vorsicht, seine Zurückhaltung, sein Tasten und Ausprobieren. Ich sehne mich nach einer rettenden, haltenden Hand und gäbe etwas, die meiner Mutter wieder zu spüren. Sich an die Hand nehmen lassen, ein paar ruhige, sichere Schritte gehen. Mit ihr zusammen auf einer Bank sitzen. Nichts könnte mir passieren. Ich wäre aufgehoben, den ganzen Tag lang.

Manche Fantasien haben etwas Erotisches. Ich sehe meine junge Mutter als schöne, lebenslustige Frau, die gerade geheiratet hat. Der erotische Impuls ist spürbar, er überträgt sich sogar auf Menschen und Dinge, die plötzlich wie aus dem Nichts sehr nahe und gegenwärtig sind, als wollten sie mir helfen.

Warum ist das so? Warum träume ich davon, ausgerechnet mit Fanny Ardant in Paris unterwegs zu sein und mit ihr ein Glas Wein zu trinken?! Weil sie eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Mutter auf deren Jugendfotografien hat? So leicht durchschaubar steuern mich momentan meine Träume! Machen sie sich über mich lustig oder tun sie so, als wären sie für Doktor Freud komponiert?

Dabei weiß ich nicht viel über Doktor Freud. Ich habe nie eine psychoanalytische Therapie kennengelernt. Und die Geschichte meiner Erkrankung möchte ich, so gut es geht, aus eigener Kraft rekonstruieren.

3


VON BERUF bin ich ein Schreiber. Im erweiterten Sinn sogar ein Schriftsteller. In diesen beiden Rollen habe ich seit Jahrzehnten viele Bücher veröffentlicht. Geschrieben habe ich bereits seit meinem achten Lebensjahr. Schon damals fast täglich. Kurze Geschichten und Beobachtungen. Prosagedichte. Kleine Szenen. Mein Vater hat dieses kindliche Schreiben angeregt und betreut. Die Stunden mit ihm waren Höhepunkte der Kindertage.

Wenn ich jetzt nicht alle Kräfte gegen den Verfall mobilisiere, überleben meine vitaleren Lebensgeister nicht. Ich werde meine liebsten Beschäftigungen, Schreiben und Klavierspielen, aufgeben, und meine Fantasie wird sich darauf beschränken, ein neues Reisgericht zu erfinden.

Nach einem halben Jahr werde ich von früh bis spät auf der Terrasse sitzen, im Gespräch mit der Katze, die mich manchmal besucht und auf einem Stuhl neben mir einige Zeit in der Sonne verbringt. Ich werde zu einem Wrack mutieren, das langsam zerfällt. Dieser Zerfall steht mir täglich vor Augen.

Es wird einige Zeit dauern, bis Sie wieder der Alte sind, sagte Herzspezialist Diabelli. – Wie lange, Herr Doktor? – Mindestens ein Jahr, wenn nicht mehr. – Das ist nicht Ihr Ernst! – Leider doch. – Nein, es muss schneller gehen! Ich werde es Ihnen beweisen!

Einen Monat nach der Herzoperation habe ich mit der Beweisführung begonnen. Um mir und anderen zumindest nach außen hin zu zeigen, dass ich wieder der Alte bin.

Dabei ahne ich längst, wie sehr ich mir etwas vormache. Selbst bei einem glücklichen Ausgang der Geschichte werde ich nicht mehr der Alte, sondern ein ganz anderer sein. Einer, der durch das Dunkel gegangen, davon gezeichnet ist und kaum noch weiß, wer er einmal war.

Wer also war ich? – Das ist eine der leitenden Fragen. Und es gibt weitere: Wo überall war ich unterwegs, während sich die Katastrophe anbahnte? Was habe ich getan, woran gearbeitet und gedacht, was erlebt? Wann überraschten mich die ersten kleinen Signale und Stiche? Und: Was zum Teufel waren die Ursachen und Hintergründe der sich heimlich und hinterrücks anschleichenden Erkrankung?

Nach den Details dieser Geschichte will ich forschen, um Halt und Orientierung zu finden. Ich werde mich auf meine schwarze Couch legen, die Augen schließen, die Hände auf der Brust zusammenfalten und in Szenen meiner letzten Jahre zurückblenden.

Daneben jedoch werde ich davon berichten, was gerade mit mir geschieht: vom Livestream der Tage, den kleinen Ereignissen, dem Kampf um das Weiterleben.

4


MEIN GEGENWÄRTIGES Zuhause ist das Haus meiner Eltern im Westerwald. Dorthin habe ich mich zurückgezogen, es ist zugleich auch das Haus meiner Kindheit auf dem Land. Ende der fünfziger Jahre erbaut, liegt es versteckt auf einem großen Waldgrundstück. Zumindest dort fühle ich mich geborgen und sicher.

Meine drei Nächsten haben mich hierher gebracht. Seit ich in die Klinik eingewiesen wurde, waren sie in meiner Nähe. Sie haben mich Tag für Tag besucht und viele Stunden an meinem Krankenbett verbracht. Als ich im Koma lag und nicht ansprechbar war, hat mich ihre Nähe am Leben erhalten. Ich habe immer gespürt, dass sie da waren, sie waren die Trias, die mich begleitete.

Jetzt aber haben wir uns getrennt, ich wollte es so. Sie sollen nicht weiter ihre Zeit damit verbringen, mich zu betreuen. Geht es mir schlecht, werden sie wiederkommen. So haben wir es vereinbart. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Morgen ist Montag, mein erster Tag in der Rehaklinik. Die Behandlung verläuft ambulant und soll von morgens zehn bis in den frühen Abend dauern. Viel mehr weiß ich nicht, nur dass ich...

Erscheint lt. Verlag 18.10.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 70. Geburtstag • Autobiografisch • Bestsellerautor • Die Erfindung des Lebens • eBooks • Krankheit • Rehaklinik • Roman • Romane
ISBN-10 3-641-27387-0 / 3641273870
ISBN-13 978-3-641-27387-3 / 9783641273873
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