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Geschichten aus dem Unteren Reich 1 - 5 -  Markus Krüger

Geschichten aus dem Unteren Reich 1 - 5 (eBook)

Unheimliche Kurzgeschichten

(Autor)

Hagen Thiele (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
448 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7534-1151-4 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
9,99 inkl. MwSt
(CHF 9,75)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
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Bereits fünfmal hat Markus Krüger seine Leser hinab ins Untere Reich geführt, jenen Ort, an dem hinter alltäglichen Ereignissen blanker Horror auf den Leser wartet. In dieser Sammelausgabe erhalten Sie alle Geschichten der ersten fünf Bände. Werden Sie Zeuge, wenn ein Hausverwalter in einem Keller eine schreckliche Entdeckung macht. Werden Sie Zeuge, wenn die Experimente an einer Laborratte grauenhafte Folgen nach sich ziehen. Werden Sie Zeuge, wenn in einer einsamen Berghütte der Wahnsinn und ein Virus um sich greifen. Werden Sie Zeuge, wenn der Inhaber eines Fotoladens dem Wahnsinn verfällt. Werden Sie Zeuge, wenn sich der Wolfsgott ein weiteres Opfer sucht. Diese und noch über 20 weitere gruselige, ekelhafte und morbide Ereignisse erwarten Sie in der Sammelausgabe Geschichten aus dem Unteren Reich 1 - 5.

Markus Krüger begann seine Autorenkarriere mit Kurzgeschichten, die in der Sammelreihe Flüstergeschichten veröffentlicht wurden. Sein Durchbruch gelang ihm mit der Horrorgeschichte Eine einfache Fahrt. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen im Verlag Maar & Schmidt, bis es zu einem verhängnisvollen Streit zwischen Krüger und Verlagschef Benedikt Maar kam. Die Ereignisse wurden im Roman Bluttinte aufgegriffen. Derzeit befindet sich Krüger in einer Psychiatrie und nimmt seine Arbeit als Autor schrittweise wieder auf.

Druck


»Marc, du musst sofort herkommen. Herr Wolter hat starke Schmerzen im Unterbauch!«, hallte Monikas Stimme über den Krankenhausflur. Hätte ich doch nur geahnt, was mich erwartet. Ich hätte sie nicht weiter beachtet oder wäre – was noch viel sinnvoller gewesen wäre – einfach davongelaufen. Aber so ist das wohl im Leben, viele Dinge weiß man erst hinterher besser. Deswegen ist mir damals nichts anderes übriggeblieben, als leicht zu nicken. Gerade in der Nachtschicht bin ich in der Regel zu nichts zu gebrauchen – für einen Assistenzarzt war das zwar nicht gerade eine gute Eigenschaft, aber ich kam zurecht.

Während Monika, die mit Ende zwanzig selbst noch zu den Küken auf der Station gehörte, wieder im Patientenzimmer verschwand, verstaute ich eilig die Akten der anderen Patienten und machte mich auf zu Herrn Wolter. Noch heute muss ich unwillkürlich den Kopf schütteln, wenn ich an diesen alten Sack zurückdenke. Bereits bei seiner Einlieferung hatte es mir der ehemalige Manager eines Werkzeugunternehmens nicht leicht gemacht. Er war der typische Privatpatient, dem alles nicht schnell genug gehen konnte. Ganz zu schweigen davon, dass er es sich am liebsten hätte verbieten lassen, dass ich – ein einfacher Assistenzarzt – auch nur sein Zimmer betreten durfte.

Allerdings hatte Herr Wolter ein Handicap, bei dem ihm auch sein Status als Privatpatient nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit des Chefarztes einbrachte. Er hatte eine vergleichsweise uninteressante Erkrankung: eine Giardien-Infektion, die er sich vermutlich im Tropenurlaub zugezogen hatte. In aller Regel erforderte der Befall nur eine medikamentöse Behandlung, aber keinen Krankenhausaufenthalt. Aufgrund des schweren Verlaufs war Herr Wolter allerdings von seiner Tochter zu uns gebracht worden.

Seitdem machte er dem gesamten Personal das Leben schwer. Nicht nur, dass es lästig war, das Bett des alten Mannes regelmäßig zu machen und die Hygiene einzuhalten. Er kritisierte jeden Handgriff, der nicht von Professor Schäfer durchgeführt oder angeordnet wurde. Doch in dieser Nacht musste er auf seine Chefarztbehandlung verzichten. Selbst für die beste Privatversicherung der Welt hätte wohl kein hochrangiger Mediziner um diese Uhrzeit den Weg ins Krankenhaus auf sich genommen, um Giardien zu behandeln und sich das Gezeter eines alten Nörglers anzuhören.

Wissen Sie eigentlich, wie stark sich Gerüche einbrennen können? Weder der entsetzte Ausdruck auf Monikas hübschem Gesicht noch dieses unaufhörliche Wimmern von Herrn Wolter haben sich auch nur ansatzweise so tief in mein Gedächtnis gefressen wie der bestialische Geruch, der schwer in seinem Zimmer hing. Doch es war nicht der Gestank, der von Kot ausgeht. Dieser war ganz anders – und fast noch schlimmer. Die Katzenbesitzer unter Ihnen können es sich eventuell vorstellen. Dafür müssen Sie sich nur intensiv genug den Gestank von eingetrocknetem Katzenurin in Erinnerung rufen.

Ich musste mich jedenfalls stark beherrschen, nicht die Hand vor Mund und Nase zu legen, als ich näher an Herrn Wolters Bett herantrat. Der ausgemergelte Mann hatte ganze Arbeit geleistet: Seine Bettdecke hatte er vermutlich mit Händen und Beinen zur Seite geschoben (auch jetzt gelang es ihm nicht, die Gliedmaßen ruhig zu halten) und sein lichtes Haar stand wirr vom Kopf ab. Auf seiner Schädeldecke schimmerte der Schweiß.

»Herr Wolter, bitte beruhigen Sie sich und sagen Sie mir, was Sie für Beschwerden haben und wann die Schmerzen begonnen haben!« Meine Worte hatten anscheinend ausgereicht, um den Alten aus seinem Wahn zu lösen. Für einen kurzen Moment entspannten sich die Gesichtszüge und er musterte mich kalt. Dabei fixierten seine pechschwarzen Augen mein Namensschild. Sein Blick verfinsterte sich.

»Ich will nicht, dass so ein Quacksalber mich anpackt!« Er keuchte, als eine neue Schmerzwoge ihn packte. Sein Adamsapfel trat deutlich hervor, während er versuchte, das nächste Wimmern hinunterzuschlucken. »Jahrelang habe ich in diese beschissene Versicherung eingezahlt. Jetzt möchte ich auch etwas von meinem Geld haben. Wo ist Professor Schäfer?«

Ich sog hörbar die Luft ein. Die spitze Antwort lag mir schon auf der Zunge, als sich Monika räusperte. Sie hatte ja recht, der alte Mann hatte Schmerzen und war deswegen vermutlich noch unausstehlicher als sonst. Ich beschloss, vernünftig zu bleiben. »Professor Schäfer ist nicht im Hause. Leider müssen Sie in der Nachtschicht mit mir Vorlieb nehmen. Also, Herr Wolter, sagen Sie mir bitte, wo Sie genau Schmerzen haben und wann sie eingetreten sind.«

Der Alte musterte mich immer noch mit unverhohlener Abscheu. Widerwillig antwortete er: »Dieser schreckliche Druck kam vorhin. Ich dachte, es reißt mir da unten was entzwei. Ich habe sofort geklingelt. Aber es hat natürlich gedauert, bis …«

Ich wollte mir die Schuldzuweisungen und Schimpftiraden nicht weiter anhören und warf stattdessen einen fragenden Blick über meine Schulter zu Monika. Sie schaute elendig drein. »Was war los, als du hereingekommen bist? Hast du es dir schon angesehen?« Ich hatte keine Lust mehr, mich bei der Anamnese mit Herrn Wolter herumzuplagen. Vermutlich wusste die junge Schwester ohnehin schon mehr als der alte Sack. Doch sie schwieg.

»Monika!« Ich zuckte beim schneidenden Ton meiner Stimme beinahe selbst zusammen, aber stellte erfreut fest, dass meine Ermahnung Wirkung zeigte.

»Er hat eine deutliche Umfangsvergrößerung am Bauch. Ich habe so etwas noch nie gesehen.«

Geht es noch genauer?, dachte ich und seufzte. Eine wirkliche Hilfe war diese Auskunft nicht gewesen. Ich ging zur Ablage, packte mir ein paar der Latexhandschuhe und streifte sie mir über. »Ich werde mir das Ganze jetzt mal genauer ansehen, Herr Wolter. Am besten machen wir danach einen Ultraschall. Schwester Monika kann ja schon mal losgehen und das Gerät holen.«

Dann trat ich wieder an das Bett heran und schob das Nachthemd zur Seite. Der alte Mann zuckte und ich erschrak. »Monika, bleib hier. Ich glaube nicht, dass wir noch einen Ultraschall machen müssen.«

Ich hatte aufgrund der Erkrankung damit gerechnet, dass Herr Wolter Schmerzen im Verdauungstrakt haben könnte und ich womöglich eine Rötung sehen würde, ja vielleicht sogar eine warme Stelle auf der Haut spüren könnte. Doch das hier, verursachte sogar mir beim Anblick Schmerzen. Eine apfelgroße Schwellung trat deutlich sichtbar aus dem faltigen Unterleib hervor und richtete ihn wie ein Zelt auf. Dort glänzte die ansonsten graue Haut bereits, da sie so sehr unter Spannung stand.

»Herr Wolter, haben Sie heute schon Wasser gelassen?«

Ein Knurren entfuhr der Kehle des Alten. »Ja, heute Morgen. Was soll die bescheuerte Frage? Ich hab’s mit dem Darm, nicht der Blase. Ich wusste schon, warum ich keinen Quacksalber haben wollte. Zu blöd, um Blase und Darm zu unterscheiden!«

Ich seufzte. »Herr Wolter, die Schwellung sitzt dort, wo sich bei einem gesunden Menschen die Blase befindet. Wenn der Harn nicht mehr austreten kann, staut er sich und die Blase schwillt an. Wenn nichts unternommen wird, kann es sogar zu einem Riss führen.«

Allerdings wusste ich nicht, dass sie fast so groß wie eine Melone werden kann, dachte ich und malte mir unwillkürlich aus, wie die Schwellung an seinem Unterleib mit einem lauten Plopp zerbersten und die Pisse uns um die Ohren fliegen würde. Ich schnitt eine angewiderte Grimasse.

»Ich hole mal einen Katheter«, sagte Monika leise und eilte aus dem Zimmer. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie vorhatte. Dann erst fiel mir ein, dass wir die Flüssigkeit ablassen mussten, um den Druck zu verringern. Ich war viel zu fasziniert von dem Anblick, als dass ich mich hätte normal konzentrieren können. Konnte das sein? Konnte es sein, dass diese Schwellung vor meinen Augen weiterwuchs?

»Was ist denn los? Warum gucken Sie so?« Der spöttische Ton war inzwischen aus Herrn Wolters Stimme gewichen und auf seine schmerzverzerrten Gesichtszüge hatte sich Angst gelegt. Konnte dieser Mistkerl etwa auf einmal Mitleid bei mir wecken?

»Es ist alles in Ordnung. Ich bin nur müde«, erwiderte ich und hoffte, er würde mir die Lüge abkaufen. In Wahrheit war ich inzwischen hellwach. Ich war allenfalls überdreht, so sehr sogar, dass mir das Blut in den Ohren rauschte. »Schwester Monika holt nun einen Katheter und dann werden wir den Urin ableiten. Danach wird der Schmerz nachlassen.«

Just in diesem Augenblick kehrte sie auch schon zurück. Man sah ihr an, dass sie gelaufen war – und das schürte die Angst bei Herrn Wolter nur noch mehr.

»Etwas stimmt hier doch …« Weiter kam er nicht. Seine Worte gingen in ein langgezogenes Stöhnen über. Ich ignorierte es und gab der Schwester Anweisungen. In aller Regel können sie Katheter allein legen, doch der Alte zappelte so stark, dass es ohne meine Hilfe nicht gefahrlos möglich gewesen wäre.

Ich griff nach seinen dünnen Armen und hielt ihn fest. »Los, mach schon!« raunte ich...

Erscheint lt. Verlag 4.4.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-7534-1151-5 / 3753411515
ISBN-13 978-3-7534-1151-4 / 9783753411514
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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