Rochade (eBook)
516 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7534-3215-1 (ISBN)
Patrick Karez wurde in den Siebziger Jahren als Kind Prager Eltern in Deutschland geboren. Nach seiner Matura lebte er zehn Jahre lang in Paris, wo er an der Université de Paris-Sorbonne in Kunst- und Architekturgeschichte s.c.l. promovierte und als Kunstkritiker für eine dem französischen Ministerium für Kultur anhängige Institution tätig war. In diesem Rahmen publizierte er bereits mit Mitte Zwanzig - so etwa Kunstkritiken, Übersetzungen aus dem Tschechischen, Englischen und Französischen - und verfasste nebenher kontinuierlich belletristische Texte. Nach seinem Studium ging er für ein Vierteljahr nach Südostasien, lebte ferner für mehrere Jahre in Budapest, Rom, New York und Wien, wo er sieben Jahre lang als Mitarbeiter für die Österreichische Nationalgalerie Belvedere samt anhängigen Häusern tätig war. Das 19. Jahrhundert und die Kunst der Jahrhundertwende zählen zu seinen Forschungsschwerpunkten. So stammen etwa aus der Feder des Autors u.a. die beiden Romanbiographien "Gustav Klimt" (erschienen im November 2014 im acabus Verlag, Hamburg; 4. Auflage 2020; russische Ausgabe bei Molodaya Gvardiya, Moskau, 2019) sowie "Egon Schiele" (erschienen im September 2016, im acabus Verlag, Hamburg). Nach seinen Romanen "Schwartz auf Weiss" (2004, publiziert 2018), "Diva - Whatever happened to Martha Külföldi" (1999/2019) und "Reinthal" (2020), legt der Autor nun das zeithistorische Drama "Rochade" (2001/2021) vor.
1
Tuut. Tuut. Tuut.
„Hallo?“
„Risi?“
„Bisi! Wo steckst Du? Ich dachte, Du wolltest schon seit zwei Wochen hier in Wien sein!?“
„Sorry. Mir ist was... dazwischengekommen.“
„Was dazwischengekommen?“
„Ja. Ich hab... also, Franz und ich, wir haben... grad eine Wohnung in Den Haag angemietet.“
„In Den Haag? Sag mal, spinnst Du?“
„Reg Dich nicht künstlich auf! Ich komme schon noch nach Wien… Nur halt etwas später…“
„Was? Du tickst wohl nicht ganz sauber!? Immerhin war es Deine Idee gewesen, mich hierher nach Österreich zu locken, damit wir hier gemeinsam einen Neustart wagen können! Und jetzt läßt Du mich hier komplett allein, in einer mir völlig fremden Stadt? Also wirklich! Und ich Doofe hab mich auch noch auf diese dumme Idee eingelassen! Eine regelrechte Schnapsidee, die ich jetzt schon total bereue!“
„Halt’ aus, ich komme bald! So, ich muß jetzt auflegen – mein Zug nach Amsterdam fährt gerade ein. Tschüß!“
„Was? Halt! Warte!“
Klick.
Beatrice knallte rasch den Hörer auf. Erstens, um sich nicht weiterhin dieser unangenehmen Diskussion aussetzen zu müssen – und zweitens, damit das andere 2½-Gulden-Stück wieder unten herauskullern würde, denn Beatrice war zur Zeit ein bißchen knapp bei Kasse. Doch es kullerte nicht.
„Mist!“, fluchte sie und versetzte dem Telephon einen Schlag mit ihrer Handkante.
Franz, der die ganze Zeit über teilnahmslos neben ihr gestanden hatte, sah sie nun mit großen Augen an.
„Der Zug?“, fragte er vorsichtig, „Welcher Zug?“
„Hach!“, raunzte Beatrice ihn an, während sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Handkante rieb, „Ist doch viel dramatischer so! Außerdem… Ah! Da hinten kommt er ja tatsächlich…“
Die beiden hatten wieder einmal ein Wochenende am Strand verbracht. In der Nähe von Oostkapelle. In Südholland. War es unspektakulär gewesen. Geradezu langweilig. Im Grunde genommen. War es bloß totgeschlagene Zeit. Und das, obwohl Beatrice ihrer Freundin Rita hoch und heilig versprochen hatte, Anfang August wieder in Wien zu sein. Stattdessen verlängerte sie ihren Müßiggang an der holländischen Nordseeküste noch um eine weitere Woche. Oder zwei. Denn nun ging es ja nach Den Haag. In eine kleine Wohnung. Die sie nie zuvor gesehen hatte. Währenddessen wartete Rita seit bereits gut drei Wochen auf sie. In Wien. In einer kleinen Wohnung. Die auch sie nie zuvor gesehen hatte. Franz sagte zu alledem nichts. Er hatte zur Zeit Semesterferien. Und folgte den Grillen seiner Freundin. Wie ein treuer und willenloser Hund.
Der Zug fraß sich rasch und ohne merklichen Widerstand durch die holländische Marschlandschaft. Die Kühe taten es ihm nach. Sattgrüne Kuhweiden mit vor lauter grünen Weiden satten Kühen zogen teilnahmslos an Beatrice vorbei, die ihrerseits teilnahmslos über sie hinwegsah. In ihrem Kopf jedoch brodelte und rumorte es. Sie fühlte sich plötzlich in einer Endlosschleife gefangen. Genauso wie die unzähligen Kühe um sie herum, war auch sie es satt. Dieses Standbild. Aus sattgrünen Weiden. Dieses ewige Schwarzweiß-Programm. Aus gescheckten Milchkühen. Welches durch nichts und niemanden unterbrochen wurde. Höchstens durch ein paar Trauerweiden. Doch die Trauerweiden stimmten sie traurig. Die sich drehenden Flügel der Windmühlen verdrehten auch ihr den Kopf. Selbst die vielen Kanäle um sie herum vermochten ihre Gedanken nicht zu kanalisieren. Und die winzigen Ortschaften aus Backstein bescherten diesem Backfisch eine steinerne Miene. An ihren Fingernägeln kauend, starrte sie geistesabwesend aus dem Fenster. Sie fragte sich vermutlich, ob dieser letzte Einfall mit der Den Haager Wohnung nicht vielleicht doch eine Schnapsidee gewesen war. Erstens wurde sie ja in Wien erwartet. Und zweitens – und das war ein noch viel gewichtigeres Argument! – wurde allmählich ihr Geld knapp.
„Sag mal…“, hob nun Franz vorsichtig an, der ihr, entgegen der Fahrtrichtung, gegenüber saß, „Warum nennst Du Rita eigentlich immer Risi? Das war doch gerade Rita, die Du da angerufen hast – oder etwa nicht?“
„Ja, schon… Ich weiß nicht. Es hat sich irgendwann mal so aus purem Zufall ergeben. Rita wurde ja schon von ihrer Mutter immer Ri oder Riri genannt – und daraus ist dann irgendwann eben Risi geworden. Und da mein Name ja mit einem B beginnt, wie Du sicherlich weißt, wurde ich dann zu Bisi.“
„Aber warum? Warum nennt ihr euch nicht so, wie ihr wirklich heißt?“
„Risi und Bisi – ein Wortspiel! Kosenamen. Dich nenne ich ja auch manchmal Stinker. Oder Schlappschwanz. Alles klar?“, Beatrice tauchte erneut ihre Nase in irgend eine Zeitschrift, die hier jemand liegengelassen hatte und von der sie kein Wort verstand, da sie auf Holländisch verfaßt war.
„Ja, aber…“, Franz ließ nicht locker, „Weshalb Eskimonamen?“
„Verdammt, Franz!“, Beatrice klappte die Zeitschrift endgültig zu und warf sie neben sich auf die Sitzbank, „Es mag vielleicht wie Eskimonamen klingen – aber es ist ein Reisgericht!“
„Ein… was?“
„Ein Reisgericht! Kennst Du kein Risi-Bisi?“
„Nein.“
„Na, dann kann ich Dir auch nicht weiterhelfen…“
RISI UND BISI
(Ein schwerverdauliches Gericht)
Risi e bisi, auch Risibisi genannt (aus dem Italienischen: „Reis und Erbsen“), ist ein Klassiker der venezianischen Küche. Alljährlich zum Sankt Markustag wurde er dem Dogen als erster Gang serviert.
Man schwitze hierzu Speck, Zwiebeln und Petersilie in einer Mischung aus Olivenöl und Butter an. Dann gebe man die jungen Erbsen hinzu. Zusammen mit einer kräftigen Fleischbrühe wird das alles eine kurze Zeit lang gedünstet.
Nun geben wir den Reis hinzu und lassen das Ganze garen. Bei Bedarf wird mit kochender Fleischbrühe aufgefüllt und mit Salz, Pfeffer und Zucker abgeschmeckt. Anschließend werden auch noch Butter und Parmesan beigemischt.
Eine Variante dieses Gerichts ist übrigens Risi con fenoci. Dabei wird statt der Erbsen Fenchel verwendet. (Doch das interessiert uns nicht die Bohne. Beziehungsweise nicht die Bisi. Denn die bliebe ja dabei auf der Strecke…)
Genervt nahm Beatrice ihre Pseudo-Lektüre wieder auf – doch immer wieder verlor sich ihr Blick in der weiten, unendlichen Plattitüde der niederländischen Marschlandschaft zu ihrer Rechten. Gerade überquerten sie eine große stählerne Brücke – und zu ihrer Linken gähnte sie nun unverblümt das Meer an. Zumindest aber war es eine große Bucht. Oder ein Meeresarm. Der vom offenen Meer abgetrennt worden war. Abgehackt. Durch eine Art riesigen Deich.
Da Beatrice eine Schriftstellerin war – oder sich zumindest dafür hielt – machte sie sich stets zu allem und jedem (also für nichts und wieder nichts) die unnützesten Gedanken. Wenn möglich, notierte sie diese umgehend, wobei sie kurzerhand eine wichtigtuerische Miene auflegte und ihren Hello-Kitty- oder Snoopy-Notizblock herausholte. Das waren Momente, wo man sie unter gar keinen Umständen stören durfte – das wußte Franz nun schon zu genüge und er legte es auch nicht mehr darauf an.
Tragischerweise lag ihr dabei die Lyrik ganz besonders am Herzen – justament jene literarische Nische, die nicht nur am wenigsten einbringt, sondern in der sie auch – mit Abstand – am untalentiertesten war. Franz mußte dabei stets als Versuchskaninchen herhalten, aber erstens hatte er nicht die geringste Ahnung von Literatur – und zweitens wagte er es nicht, sie diesbezüglich zu kritisieren. Einmal oder zweimal hatte er es versucht, ganz zu Anfang ihrer Beziehung nämlich, aber das war mächtig in die Hose gegangen, also ließ er es besser bleiben. Denn wenn Beatrice eines so ganz und gar nicht vertrug, dann war es Kritik an ihrer Person, geschweige denn an ihren literarischen Ergüssen! Da kannte sie kein Pardon. Und wenn ihre unzähligen Manuskripte zum unzähligsten Male wieder daheim im Briefkasten eintrudelten, dann hatte sie stets eine Entschuldigung und eine Erklärung dafür parat: Alle waren doof! Die Lektoren waren doof. Die Verleger waren doof. Und Franz war es natürlich auch. Sie waren allesamt unkultiviert – und vor allem hatten sie alle keine Ahnung!
Rasch griff sie nach dem Bleistift und dem abgegriffenen Notizblock in ihrer Tasche – und begann mit versonnener Miene vor sich hin zu kritzeln...
RISIBISL
Der Doge wehrt sich vehement
Im großen Dogensaal
Gegen den Erbs-und-Reis-Zement
Die alljährliche...
| Erscheint lt. Verlag | 17.3.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| ISBN-10 | 3-7534-3215-6 / 3753432156 |
| ISBN-13 | 978-3-7534-3215-1 / 9783753432151 |
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