Perry Rhodan Neo 254: Die Exemplarische Instanz (eBook)
160 Seiten
PERRY RHODAN digital (Verlag)
978-3-8453-5454-5 (ISBN)
3.
Ronald Tekener
Die Wasseroberfläche war spiegelglatt. Ronald Tekener sah sich um, erblickte einen faustgroßen Stein auf dem felsigen Plateau und hob ihn auf. Kurz wog er seinen Fund in der rechten Hand. Die raue Struktur war durch das vibroelastische Gewebe der Handschuhe deutlich zu spüren. Das Gewicht des Brockens war dagegen praktisch nicht vorhanden – auf dem Saturnmond Mimas herrschte weniger als ein Prozent der Erdschwerkraft.
Tekener holte aus und schleuderte den Stein mit Schwung davon. Er beschrieb eine schnurgerade Linie und tauchte einen Atemzug später in die Fluten des subglazialen Ozeans ein. Sofort stob eine Traube aus perlengleichen Tröpfchen in die Höhe, schwebte einen Moment lang als glitzernde Wolke im Licht des Helmscheinwerfers, um dann übergangslos zu gefrieren und eine über zwei Meter hohe, ausladende Eisblüte zu formen. Um den Eintauchpunkt des Steins herum breiteten sich zahllose Kreise aus, die sich fortpflanzten und immer größer wurden. Dort war das Wasser noch immer flüssig.
Tekener kannte das Phänomen, das die Physiker als Supercooling bezeichneten, denn bei seinen diversen Expeditionen hatte er bisher so gut wie immer ein paar Felsbrocken ins Meer geworfen und das beeindruckende Schauspiel beobachtet, das sich danach entwickelte.
Ringsum, gut dreißig Kilometer im Innern vom Mimas, war es stockfinster. Mangels einer nennenswerten Atmosphäre und somit fehlender Streuwirkung erzeugte das künstliche Licht des Einsatzanzugs eine Reihe von scharf konturierten Schatten und grellen Reflexen auf dem allgegenwärtigen Eispanzer der Höhle, die den Ozean umschloss. Immerhin war es in dieser Tiefe ein paar Grad wärmer als auf der verkraterten Mondoberfläche. Dennoch hatte das Wasser eine Temperatur von lediglich minus zwölf Grad Celsius. Man bezeichnete diesen Effekt als Unterkühlung. Er trat auf, wenn die betreffende Flüssigkeit besonders rein, also kaum mit anderen Molekülen versetzt war.
Um zu gefrieren, benötigte Wasser sogenannte Kondensationskeime, winzige Verunreinigungen wie zum Beispiel Staubkörnchen, an denen sich das Eis anlagern und wachsen konnte. Auf Mimas war der Ozean jedoch so steril und kristallklar, dass das nicht geschah. Stattdessen kühlte er weit unter den allgemein bekannten Gefrierpunkt ab. Der entscheidende Faktor war dann die Bewegung. Tekeners Stein hatte beim Auftreffen auf die Wasseroberfläche für eine Erschütterung und damit für eine Impulsübertragung gesorgt. Der fragile, metastabile Zustand des unterkühlten Wassers war gestört worden, was es in Sekundenschnelle hatte gefrieren lassen.
Freilich übte diese nüchterne, physikalische Erklärung nicht mal annähernd jene Faszination aus, die der Anblick der prächtigen Kristallblume erzeugte. Sie schaukelte auf einem Eispfropfen hin und her und würde sich im Laufe der kommenden Stunden langsam auflösen und wieder zu einem Teil des Ozeans werden.
In solchen Momenten, wenn Tekener – manchmal stundenlang – allein und nur mit seinen Gedanken beschäftigt am Ufer dieses ungewöhnlichen Meers saß, hätte er am liebsten den Helm geöffnet, jene letzte Barriere, die ihn noch von dieser phantastischen Welt trennte, die die meisten Menschen niemals zu Gesicht bekamen. Natürlich tat er es nicht, denn er war nicht lebensmüde. Aber der Wunsch war da, und wenn er einen guten Tag hatte, konnte er ihn sogar genießen.
Irgendwann stand er auf und schlenderte gemächlich zu seiner Klause zurück. Der kuppelförmige, rund fünf Meter durchmessende Unterschlupf war erst zu sehen, wenn man praktisch vor ihm stand. Er schmiegte sich zwischen zwei Felswände und war von einem weißgrauen Eispanzer überzogen, der sich über die Jahre gebildet hatte. Es hatte Monate gedauert, bis Tekener alle Teile seiner kleinen Zuflucht an Ort und Stelle transportiert hatte, aber das war es wert gewesen. Er verbrachte den Großteil seiner Freizeit in dieser Umgebung, manchmal mehrere Tage hintereinander. Die Stille, die Einsamkeit, die majestätische Schönheit ... An diesem Ort fühlte er sich einfach wohl. Wenn er nicht hin und wieder hätte Geld verdienen und sich um Jessica kümmern müssen, wäre er am liebsten gar nicht mehr ins MIMERC zurückgekehrt.
Kurz bevor er die schmale Schleuse erreichte, über die er ins Innere seines Domizils gelangte, meldete sich mit einem heftigen Vibrieren sein Multifunktionsarmband. Er winkelte den linken Arm an und starrte konsterniert auf das rot pulsierende Warnsymbol.
Systemalarm!
Ein solcher wurde nur bei höchster Gefahr ausgelöst – und wenn die gesamte Menschheit bedroht war!
Für das Mimas Medical Research Center, kurz MIMERC, bedeutete das den medizinischen Notstand. Laboratorien wurden versiegelt, die Patienten in ihre Unterkünfte gebracht und die einzelnen Klinikkomplexe voneinander isoliert. Man bereitete sich auf das Schlimmste vor.
Etwas war geschehen. Etwas, das jeden betraf, der sich im Solsystem aufhielt. Und damit auch Jessica!
Tekener verzichtete darauf, sich einzuschleusen und seine wenigen Habseligkeiten zusammenzusuchen. Das würde zu lange dauern. Stattdessen machte er sofort kehrt und verließ die Höhle mit ihrem gewaltigen Wasserreservoir.
Irdische Astronomen hatten schon zu Beginn des 21. Jahrhunderts vermutet, dass es auf dem 400 Kilometer durchmessenden Saturnmond Mimas einen subglazialen Ozean gab. Das war höchst ungewöhnlich, denn normalerweise reichte die Größe des Monds nicht aus, um genug Reibungswärme für die Entstehung flüssigen Wassers zu erzeugen. Mit der überlegenen Technik der Arkoniden hatte man jedoch schnell herausgefunden, dass die Orbitalbahn von Mimas früher sehr viel elliptischer gewesen war. Dadurch war ein Überschuss an Gezeitenkräften entstanden – und die hatten zur Bildung des Ozeans und seiner vom Eis isolierten Felshöhle geführt.
Es dauerte knapp zehn Minuten, dann gelangte Tekener an jenem Schacht an, der mehr als zwanzig Kilometer senkrecht in die Höhe strebte und auf dem Grund einer Eisschlucht mündete, die weitere acht Kilometer tief war.
Wie meist verzichtete er auf sein Antigravaggregat, um diese nicht gerade geringe Distanz zurückzulegen, sondern hängte sich mit zwei Karabinerhaken in eine Vorrichtung, die an zwei dünnen Kunststoffseilen befestigt war und gemeinsam mit zwei Stahlrollen und einem kleinen Elektromotor über mehrere Etappen eine Art Flaschenzug bildete. Die Konstruktion erlaubte eine Maximalgeschwindigkeit von zehn Metern pro Sekunde. Damit würde er die Schlucht in etwas mehr als einer halben Stunde erreichen – und war praktisch nicht zu orten. Streng genommen war es nämlich verboten, sich ohne Erlaubnis außerhalb der Klinikanlagen herumzutreiben.
Während des Aufseilens lauschte er nach Funksignalen, empfing jedoch nur Rauschen. Von sich aus Verbindung zum MIMERC aufzunehmen, wagte er nicht. Bevor er nicht wusste, was passiert war, erschien ihm das entsprechende Risiko zu hoch.
Es dauerte mehr als eine Stunde, dann lag die Mondoberfläche endlich vor ihm. Er konsultierte den in seinem Multifunktionsarmband integrierten Kompass und orientierte sich. Zwar hatte Mimas kein eigenes Magnetfeld, aber es gab eine Reihe von Signalbaken, die geeignete Impulse ausschickten und angemessen werden konnten. Da sich bestimmte Regionen des Monds noch immer stark veränderten, hatte man auf diese Weise dafür gesorgt, dass sich Menschen im Notfall auch ohne positronische Unterstützung zurechtfinden konnten.
Normalerweise genoss Tekener den etwa einstündigen Marsch zurück zu den Klinikkuppeln. Diesmal jedoch kam ihm jeder Schritt als einer zu viel vor. Selbstverständlich hätte er fliegen können und wäre dadurch in weniger als fünf Minuten am Ziel gewesen, doch er verzichtete aus denselben Gründen darauf, aus denen er zuvor schon den Schacht und die Eisschlucht lieber mit Seilzügen bewältigt hatte. Stattdessen schaltete er die künstliche Schwerkraft seines Anzugs ab und bewegte sich mit weiten Sprüngen über das urwüchsige Gelände.
Als er die Wölbung des größten Klinikkomplexes am Horizont auftauchen sah, beschleunigte er sein Tempo noch einmal. Über ihm hing die mächtige Kugel des Saturn. Einige seiner Ringe wurden direkt von der Sonne angestrahlt und leuchteten, als hätte jemand sie in Brand gesetzt, doch Tekener hatte keinen Blick für das überwältigende Naturschauspiel.
Dann sah er das Walzenschiff über sich schweben. Wegen der schwarzen Farbe hob es sich nur undeutlich vor dem dunklen Himmel ab, doch kurz darauf geriet es auf seinem Nahorbit um Mimas teilweise vor die helle Saturnscheibe und war klar zu erkennen. Fünf Minuten später kamen zwei weitere Walzen in sein Sichtfeld.
Mehandor?, fragte sich Tekener. Die Vertreter jener Spezies, die als Galaktische Händler bekannt waren, tummelten sich seit Langem regelmäßig im Solsystem. Zwischen der Terranischen Union und den Sippen der im Vergleich mit Menschen meist zierlich wirkenden Humanoiden existierten zahlreiche Handelsabkommen.
Nein!, dachte Tekener. Das wäre schon vor Tagen bekannt gegeben worden. Drei Mehandorwalzen über dem MIMERC sind alles andere als alltäglich. Außerdem sehen diese Dinger nicht wie Handelsschiffe aus.
Er hatte die Fachklinik VI für Psychiatrie und Psychotherapie erst wenige Stunden zuvor verlassen. Nach der Begegnung mit Thomas Rhodan da Zoltral hatte er es dort nicht mehr ausgehalten. An jenem viel zu vertrauten Ort, an dem Jessica schon so lange behandelt wurde und ihm immer wieder vor Augen führte, dass er sie nicht hatte retten können.
Behandelt? Aufbewahrt trifft die Sache wohl eher.
Er wusste, dass dieser Vorwurf unfair war. Die...
| Erscheint lt. Verlag | 10.6.2021 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Perry Rhodan Neo |
| Verlagsort | Rastatt |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Neo • Perry Rhodan • Perryversum • Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-8453-5454-2 / 3845354542 |
| ISBN-13 | 978-3-8453-5454-5 / 9783845354545 |
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