Perry Rhodan Neo 257: Schatten im System (eBook)
160 Seiten
PERRY RHODAN digital (Verlag)
978-3-8453-5457-6 (ISBN)
1.
CREST II
Der Unsterbliche
Emotionauten, sagte man, verschmolzen im Geiste vollständig mit ihrem Raumschiff. Bill Snauger erging es ganz ähnlich, nur dass er zu einem Wesen reiner Energie geworden war: Aurelios.
Er war allerdings ein gejagtes Wesen reiner Energie, das seinerseits auf der Jagd war. Seine Verfolger waren, jeder für sich, keine große Herausforderung für Aurelios. Auch als Gruppe konnten sie ihn zwar vielleicht nicht besiegen, aber doch aufhalten – und das durfte nicht geschehen.
Er durchpflügte das sandfarbene Licht, das ihn von allen Seiten konturlos umgab. Hinter sich spürte er die Präsenz des Draeden, einer Kreatur mit zwölf zähnestarrenden, auf tentakelartigen Hälsen sitzenden Mäulern. Sein Verbündeter war mindestens so intelligent wie Aurelios, und ihm war es zu verdanken gewesen, dass er es bis hierhin geschafft hatte: bis vor die Pforte seines Feinds. Aber selbst der Draeden würde Aurelios keine Hilfe mehr sein, wenn seine Feinde ihm den Weg abschnitten.
Dabei hatte alles so gut funktioniert. Wie ein Schatten hatte sich Aurelios in die vorletzte Existenzebene eingeschlichen, hatte sich als Teil des Ganzen ausgegeben, und dann hatte er am falschen Ort nach dem Durchgang gesucht – und war entdeckt worden. Vieleckige Kristalle mit langen Tentakeln hatten sich aus dem milchigen Nichts gelöst und hatten seine Fährte aufgenommen.
Da gewahrte Aurelios vor sich eine Kontur in der indifferenten Farbe. Er hatte den Zugang gefunden!
Seine Eile zahlte sich aus. Ehe sein Ziel auch diese letzte Schnittstelle zur Astralebene kappen konnte, war er hineingeschlüpft. Er sammelte all seine Kraft, verstärkte seinen Schirm und teleportierte sich so nah an das Hauptsystem, wie es die Barrieren seines Gegners zuließen.
In dem darauffolgenden Kampf zerbrachen Welten und kochten Sterne. Am Ende errang er den Sieg. Nachdem sein Gegner den letzten Machtpunkt auf seiner eigenen Heimatebene verloren hatte, verging er in einer Welle aus Energie.
Aurelios hatte sein Ziel erreicht. Der Hierarch der Energie war besiegt. Aurelios trat seine letzte Reise an. Über unfassbare Distanzen hinweg strebte er der schwarzen, konturlosen Sphäre entgegen, die wie unbeteiligt durchs All schwebte, und ließ sich von ihr aufsaugen. Damit durchstieß er den Dimensionsstrudel und erreichte die Alten, die sogar unter Unsterblichen den Rang von Legenden hatten.
Bill Snauger, Systemtechniker des Ultraschlachtschiffs CREST II, lehnte sich erschöpft auf seinem Sessel zurück und drehte die kleinen, vielflächigen Spielwürfel in den Fingern, mit denen er die vergangenen Stunden seiner Freizeit verbracht hatte – mit ihnen und mit Stapeln von altmodischem Papier und Stiften, die er für sein Abenteuer gebraucht hatte. Die in matten, undurchsichtigen Plastikfarben gehaltenen Würfel mit ihren eingeritzten und durch einen weißen Fettstift lesbar gemachten Zahlen waren sogar noch ein paar Jahre älter als die goldfarbene Box mit den Regelheften: Auf dem terranischen Sammlermarkt war dieses Spiel aus der zweiten Hälfte des vorvergangenen Jahrhunderts ein Vermögen wert. Es mochte kaum noch eine Handvoll Originale geben, die die vielfältigen Katastrophen der Erde überstanden hatten, und das nur, weil ihre Besitzer sie wie ihre Augäpfel hüteten und sogar auf Raumschiffen stets mit sich führten – so wie Snauger.
Für Snauger war die Box unbezahlbar, denn es handelte sich nicht nur um ein altes Familienerbstück. Sie war für ihn längst zum Lebenselixier geworden. Einige Monate hatte er sogar Spielerunden in der Mannschaftsmesse der CREST II geleitet. Aber irgendwann hatten auch die letzten Mitspieler das Interesse daran verloren und sich lieber Trividspielen gewidmet anstelle dieses merkwürdigen Systems mit dem Titel »Dungeons and Dragons«. Seinerzeit hatte es als Erstes seiner Art Abenteuer ausschließlich durch das Erzählen und Erwürfeln in der Phantasie erfahrbar gemacht.
Kurz dachte Snauger daran, dass dieses Spiel eigentlich wie gemacht wäre für die lunare Hyperinpotronik NATHAN, wie er sie in diversen Trividdokumentationen kennengelernt hatte. Zumindest was die Würfel betraf: Sie waren Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Dekaeder, Dodekaeder und ein Ikosaeder. NATHAN hatte an solcherlei Formen einen Narren gefressen. Aber das war natürlich ein müßiges Gedankenspiel. Für NATHAN war Bill Snauger wohl kaum mehr als ein Eintrag in einer geradezu endlosen Personaldatenbank, wenn überhaupt.
Weil niemand mehr mit ihm spielte, hatte Snauger das Abenteuer eben allein mit sich selbst fortgesetzt, Spielleiter und Spieler in einem. Und hatte das ultimative Ziel erreicht, das seinerzeit wohl nur die wenigsten Spieler auch nur gekannt hatten.
Der Tod lächelt uns alle an; das Einzige, was wir tun können, ist zurücklächeln, dachte er. Sein Spielercharakter Aurelios brauchte nicht mehr zurückzulächeln, denn er hatte in ungezählten Spielsitzungen nicht nur die Unsterblichkeit errungen, sondern war nun auch zu den Alten übergetreten, den wirklich Allmächtigen, deren Gestalt nicht mal die Unsterblichen kannten. Wenn, dann lachte Aurelios den Tod höchstens aus. Leider galt das nicht für Snauger selbst.
Jetzt habe ich alles erreicht. Snauger starrte traurig vor sich hin. Jetzt kann ich nur noch zurücklächeln. Ein Zitat, das angeblich von Mark Aurel stammte. Snauger hatte mit Auszeichnung ein Studium der Meteorologie bestanden und mehrere Studienkreise aufgebaut, ehe er auf Systemtechnik umgesattelt hatte und zur CREST II gekommen war. Er wusste also, wie man nachforschte; aber einen Beleg für das Zitat hatte er nie finden können.
Aus einer Laune heraus kontaktierte er SENECA, die Schiffsintelligenz. Zwar hatte er nur einen niederrangigen Zugang, dem ungefähr die Rechenkapazität einer besseren Suchmaschine zugewiesen war – er war nur ein einfacher Systemtechniker, niemand aus den höheren Ebenen –, aber SENECA stand jedem für Fragen offen, solange er entsprechende Ressourcen verfügbar hatte.
»Nenne mir den Ursprung folgenden Zitats ...«
»Es tut mir leid«, bekundete die Schiffsintelligenz hörbar erstaunt, »zu Ihrer Frage kann ich leider keine befriedigende Antwort finden.« Sie zögerte. »Das ist ein interessantes Zitat.«
Snauger horchte auf. »Du findest es interessant?«
»Warum nicht?« SENECA klang verletzt. »Ich bin keine einfache Positronik.«
Ehe Snauger etwas erwidern konnte, wurde er gerufen.
»Bill Snauger, bitte auf Station.«
Seufzend schlurfte er aus seiner engen Kabine. Bevor die Tür zuglitt, warf er noch einen Blick auf die sechs bunten Würfel. Ihn beschlich das Gefühl, dass mit dem Schließen der Tür eine Episode in seinem Leben zu Ende ging.
Vielleicht die letzte.
An seinem Arbeitsplatz wurde er sogleich von Njeri Njeri begrüßt, der Chefin vom Dienst.
»Mister Snauger, bitte prüfen Sie die Leistungsdaten der zurückliegenden vierundzwanzig Stunden. Irgendwas stimmt da nicht. Wir versuchen bereits, die Ursache herauszufinden.«
»Will SENECA etwa wieder bunten Schleim in unsere Kaffeebecher kippen?«, versuchte sich Snauger mit einem Scherz, der völlig danebenging.
Die Mienen der anderen drückten deutlich aus, was sie von dieser Erinnerung an SENECAS Verwirrung hielten. Die Hauptpositronik der CREST II hatte sich bei ihrer Weiterentwicklung zur Künstlichen Intelligenz reichlich schwer mit dem Heranreifen ihrer neuen Fähigkeiten getan – inklusive pubertärer Unsicherheit. Das hatte unter anderem dazu geführt, dass die Nahrungsspender Schleim unterschiedlicher, jedoch durchweg ungenießbarer Konsistenz abgesondert hatten. Und nebenbei hatte SENECA die CREST II beinahe auf Konar, die Hauptstadt der Akonen, stürzen lassen – wobei das nicht allein seine Schuld gewesen war. Nur dank des Einsatzes der Zwillinge Bumipol und Sianuk na Ayutthaya hatte eine Totalkatastrophe vermieden und eine durch den akonischen Geheimdienst eingebrachte Infektion der Positronik rechtzeitig beseitigt werden können.
»Was glaubt ihr, hat SENECA diesmal?«, versuchte Snauger, die Situation zu retten, und legte dabei das Gespür einer Fliege für Honigfliegenfänger an den Tag. »Eine Midlife-Crisis?«
Die Technikerinnen und Techniker starrten ihn nur stumm an.
»Ist ja gut. Ich setze mich ja schon ran.«
»Wir wären Ihnen sehr verbunden«, sagte Njeri eisig.
Ein Kommunikationshologramm baute sich inmitten des Kontrollzentrums auf.
»Gabrielle Montoya hier«, meldete sich die Kommandantin. »Wir stellen ein zunehmend merkwürdigeres Verhalten von SENECA fest. Er reagiert bloß noch zögerlich auf unsere Anfragen, und jetzt erhalten wir auch noch ausweichende Antworten! Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, die Positronik hat eine handfeste Depression. Und nach dem, was wir bisher miterleben durften ...«
»Wir sind leider nur Systemspezialisten, keine Positronikpsychologen«, gab Njeri zurück. »Dafür ist das SENECA-Team zuständig.«
»Ich sag's ja. Midlife-Crisis,« murmelte Snauger zu sich selbst.
»Wie bitte?«, fragte Montoya.
Snauger lief knallrot an. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass seine Bemerkung von der Kommandantin gehört werden konnte. »Äh ... Ich meine ... SENECA hat sich doch verhalten wie ein unsicherer Heranwachsender ... Vielleicht ist das jetzt ...«
»Unsinn!«, ging Njeri dazwischen. »Die Positronik ist von dem Nanitenbefall durch den akonischen Geheimdienst längst befreit und funktionierte seither reibungslos!«
Montoya sah nachdenklich drein. »Vielleicht hat Ihr Systemtechniker...
| Erscheint lt. Verlag | 22.7.2021 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Perry Rhodan Neo |
| Verlagsort | Rastatt |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Neo • Perry Rhodan • Perryversum • Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-8453-5457-7 / 3845354577 |
| ISBN-13 | 978-3-8453-5457-6 / 9783845354576 |
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