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Die Wunderkammer der Weltenerde 1 -  Alexian Chrysander

Die Wunderkammer der Weltenerde 1 (eBook)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
254 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7534-8564-5 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
5,99 inkl. MwSt
(CHF 5,85)
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Diese 5 ersten Kurzgeschichten zum Erschauern und Gruseln sind ersonnen und erkoren das Licht ihrer eigenen fantastischen Welt zu erblicken und dem Leser die kriegsgeschliffenen Orte, scheußlichen Magien und die entmenschlichten Wesenheiten, die diese scheinbar friedvolle Welt in Atem halten, zu offenbaren. Kehren Sie in die Wunderkammer eines viel Gereisten der Weltenerde ein und bewundern Sie dieses obskure Sammelsurium mit seinen todesdüsternden Artefakten, den legendenbehafteten Kleinodien und den bizarren Raritäten. Zu jedem dieser Kuriositäten weiß ihr Sammler eine grauenvolle Anekdote, einen angstschweißigen Bericht oder nervenzerreißende Geschichte zu erzählen. Lassen Sie sich in den Kosmos der Weltenerde entführen.

Die Tote in der Zelle


Es gibt nichts Schlimmeres als das Leben eines Menschen auszulöschen. Dennoch, es fasziniert und fesselt ein breites Publikum. Die prophetische Ankündigung dieser Tat alleine löst im interessierten, wie auch gelangweilten Leser eine faszinierte Neugierde in den dunkelsten Tiefen seines Brägens aus. Das für sich scheint ausreichend, sei die Kulisse noch so eintönig, die Figuren noch so seicht. Zu jenem Lustspiel gesellt sich ein Konglomerat aus einem verabscheuungswürdigen Wesen der menschlichen Art, dem ein jeder Leser vergönnt zu sterben. Dazu etwas falsche Loyalität und ein endgültiges Urteil, dem geschriebenen, hier aber dem empfundenen Recht zugeordnet. Dies alles reiße man aus den vertrauten Mesokosmos einer geordneten Gesellschaft und stecke seine Handlung in den Mikrokosmos eines einzelnen Raumes.

An dem todbringenden Ergebnis selbst vermag ich tatsächlich keinen allzu großen Anteil zu nehmen. Doch bei Gott, der Weg der Jule Heuer hin zu diesem Tod berührte Elemente des menschlichen Seins, deren Offenbarung sich für mich mehr als beunruhigend präsentierten.

Jule Heuer wurde – soweit mir das von Graf Kanelinger berichtet wurde – in ein sorgenloses Leben geboren. Als Tochter eines gut situierten Müllers an der Grafschafter Wiese, war sie mit einem hübschen Gesicht und wohlgeformtem Körper gesegnet. Sie besaß die beste Ausgangsbedingungen, um dem hiesigen Baron zu gefallen. Dieser hatte durch einen Diener bereits vorsichtig Auskünfte über die schöne Müllerstochter einholen lassen. Ich bin noch heute davon überzeugt, dass nichts Schlechtes in ihrer Seele wohnte oder von dergleichen Besitz ergriffen hatte. Doch das Kind empfand sein behütetes Leben als quälend öde und wie so oft in diesem irdischen Sein ist gerade der Müßiggang der Nährboden schlechter Entscheidungen. So habe sie wilde Abenteuer zu erleben, den auferlegten häuslichen Pflichten vorgezogen. Als junge Frau von vierzehn Jahren stahl sie sich Nächtens wohl oft in das nahe Wirtshaus und tanzte und zechte dort mit den Burschen. Mit sechzehn Jahren erlebte sie die eine oder andere Liebschaft im nahen Heuschober. Im Herbst vor siebzehn Monaten aber sei sie an Johann Hochleitner geraten; den übelsten Spießgesellen dieser Zeit und Gegend.

Johann Hochleitner war der Hauptmann einer gefürchteten Räuberbande und überfiel regelmäßig die Kutschen der reichen Kaufleute. Er brauchte Jule nicht viele Versprechungen zu machen. Sie gefiel ihm und er gefiel ihr. Sie riss in der gleichen Nacht noch mit ihm aus und ward nicht mehr gesehen, ebenso das sauer angesparte Geld der Eltern. Sie zog mit der Bande von Ort zu Ort und beteiligte sich sogar an den Überfällen. Hierbei machte sie scheinbar besonders von sich reden, da sie immer in ekstatischer Begeisterung die unterworfenen Opfer zu quälen und zu demütigen wusste, ehe sie sich daran ergötzte wie sie elendig zu Tode gebracht wurden. Befand sich ihr Johann auf einen dieser Raubzüge, zu denen er sie nur noch gelegentlich mitnahm, so vergnügte sie sich mit den anderen Schergen der Bande. Eine ebenso der Gesellschaft abtrünnig gewordene Gemeinschaft aus fahnenflüchtigen Soldaten oder leidlichen Spielleuten, deren Auskommen sie durch kleinere Diebstähle bei den beauftragten Festgesellschaften aufpolierten.

Kurzum: Vom reichsten bis sogar zum ärmsten Haushalt dieser Gegend befand man gerade den Johann Hochleitner als das schlimmste Übel überhaupt. Nicht einmal der seit 27 Jahren tobende Krieg beschwor mit seinen Schrecken einen schauerlicheren Dämon herauf. Dass diese landläufige Ansicht nicht in seiner Gänze der Wahrheit entsprach, das war mir wohl bekannt. Und das sollte Jule auch schon sehr bald mit erschreckender Einsicht feststellen.

Jule war, für sie selbst überraschend, mitten in der Nacht aus ihrer kleinen Dachkammer auf dem Langenweiher Hof gewaltsam herausgeholt worden. Ihre Häscher hatte sie dabei weder gesehen, noch erkannt. Als sie mitten in der Nacht noch von einem Geräusch an ihrer Schlafstatt aufgeschreckt wurde, starrte sie in die von mir plötzlich geöffnete Laterne und war geblendet. Das nächste woran sie sich zu erinnern wusste, war in dem Verlies des Grafen noch unterhalb des Weinkellers auf Schloss Schwarzmoor wieder erwacht zu sein. Ihr Kopf dröhnte ihr immer noch von dem heftigen Schlag, mit dem ich sie bedacht hatte. Sie geriet in ihrer jetzigen Situation nicht in Panik oder Hysterie, wie man es von einer schuldigen Person nun erwartet hätte. Nein, Jule wusste oder zumindest ahnte warum sie dort war. Hätte sie jedoch gewusst, welches namenlose Grauen ihr bevorstand, so wäre sie sicherlich nicht so ruhig durch ihre neue, klamme Wohnstatt gewandert.

Die Zelle in der sie sich befand, mochte vielleicht siebzehn Fuß tief und zehn Fuß breit sein. Ihre Höhe konnte sie mit dem halb ausgestreckten Arm ohne Mühe selbst bemessen. Die massive, mit Eisen beschlagene Tür, war an der Stirnseite des rechteckigen Raumes angebracht. Die Zelle war fensterlos und tief in der Erde eingegraben. Allein ein kleines, rundes Gitter in der Mitte der Decke warf fahles Licht im Schein eines ebenso fahlbleichen Lichtkegels auf den harten Lehmboden. Das wenige Licht ließ den Raum mit seiner basaltschwarzen Farbe sehr undeutlich erkennen. Trotz der geringen Größe des Raumes war es ihr kaum möglich auch nur zur erahnen was sich am anderen Ende dieses finsteren Raumes befand. In der Mitte, genau unter dem Lichtkegel, befand sich ein in den Boden gemauertes Loch. Es war kaum breiter als ein Nachttopf. Offensichtlich war dieses finstere, bodenlose Loch auch für diese Funktion gedacht. Etwas Stroh lag in einer Ecke zusammengehäuft zu einer Schlafstätte. Jule erfühlte eine ganze Reihe von Eisenringen, die in regelmäßigen Abständen in die Wände getrieben waren, aber ungenutzt herunter hingen. Mehr gab es in diesem grob gehauenen Gefängnis nicht zu sehen.

Jule betrachtete sich selbst im Schein des wenigen Lichts. Sie fröstelte, da sie immer noch mit ihrem Nachthemd bekleidet war. Sie setzte sich auf das Stroh und beobachtete die Decke mit dem dunstigen Lichtkegel. Etwas Wasser tröpfelte immer wieder durch das Gitter und fiel ungehört in die Bodenlosigkeit des Lochs darunter. Sie horchte in die stille Dunkelheit und vermochte doch nur das Schnuppern und leise Tippeln der Ratten vor ihrer Tür zu hören. Diese ruhige Atmosphäre übertrug sich auf ihr Gemüt und sie döste auf dem Stroh wieder etwas vor sich hin. Der pulsierende Schmerz in ihrem Kopf ließ nun langsam nach. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um die Nacht ihrer Ergreifung. Sie überlegte fieberhaft, ob ihr Johann neben ihr gelegen hatte oder die Betthälfte leer und kalt lag.

Mit einem harten, dumpfen Knall schob sich der Riegel der schweren Holztür auf. Jule schreckte über dieses plötzliche Geräusch kurz zusammen. Eine Fackel loderte hinter der finsteren Silhouette, die langsam mit behutsamen Schritten in den Raum trat. Ein Mann blieb stehen und wartete bis sie ihn ansah. Sein grauweißes Haar war wirr geworfen und glühte vom Licht der Laterne hinter ihm einem Heiligenschein gleich. Doch selbst wenn sie sein Gesicht gesehen hätte, sie hätte ihn nicht erkannt. Ehrlich gesagt hätte mir dieses unscheinbare Allerweltgesicht auch niemals die schauerliche Assoziation von solch perfider Grausamkeit in die Nackenharre getrieben, hätte ich diese Seite an dem Grafen nicht bereits kennengelernt.

«Guten Tag Fräulein Heuer», begrüßte der Schatten sie mit galantem, ruhigem Tonfall.

«Was willst du von mir?», giftete sie ihn sofort an. Ein Fehler wie ich dachte, doch der Schattenmann reagierte nur mit seiner stoischen Gelassenheit auf diese Anfeindung.

«Ihr werdet mir den Aufenthaltsort von Johann Hochleitner und seinen Schergen benennen», erklärte er in freundlicher, aber nachdrücklicher Bestimmtheit. Jule hatte ihre Augen etwas an das Licht gewöhnen können. Das Gesicht des Mannes blieb ihr dennoch in Schatten verborgen.

«Warum sollte ich das tun?», zischte sie mit plötzlich erwachter Wut über die Forderung, ihren Geliebten zu verraten. Der Schattenmann hockte sich im Türrahmen hin und musterte sie als sei sie seine erlegte Beute. Sein von glühendem Haar eingerahmter Kopf legte sich etwas zur Seite.

«Zwingt mich nicht andere Maßnahmen zu ergreifen», belehrte er sie mit einem gestrengeren Unterton.

«Sonst was?», fauchte sie zurück «Willst du mich schlagen? Ist es das was du bist? Ein Frauenschläger?» Jule reagierte dabei wohl haltloser als sie in ihrer derzeitigen Lage eigentlich wollte. Die Wut über ihre Situation aber brachte sie aus der Fassung. Der Schattenmann fuhr bei dieser Unfreundlichkeit senkrecht in die Höhe. Seine Hände faltete er dabei auf den Rücken und erweckten mit dieser Körperhaltung das Bild einer tadelnden Vaterfigur.

«Ihr werdet mir den Aufenthaltsort von Herrn Hochleitner schon sehr bald benennen», erklärte er mit zurückgehaltener Wut und fuhr fort «Ihr werdet mich sogar darum...

Erscheint lt. Verlag 23.2.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-7534-8564-0 / 3753485640
ISBN-13 978-3-7534-8564-5 / 9783753485645
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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