Nil (eBook)
148 Seiten
Wallstein Verlag
978-3-8353-4671-0 (ISBN)
Anna Baar, geb. 1973 in Zagreb (ehem. Jugoslawien). Kindheit und Jugend in Wien, Klagenfurt und auf der dalmatinischen Insel Brac. Ihr Debütroman 'Die Farbe des Granatapfels' stand drei Monate auf Platz 1 der ORF-Bestenliste. Für die Arbeit an 'Als ob sie träumend gingen' erhielt sie den Theodor Körner Preis. Anna Baar lebt in Klagenfurt und Wien.
Anna Baar, geb. 1973 in Zagreb (ehem. Jugoslawien). Kindheit und Jugend in Wien, Klagenfurt und auf der dalmatinischen Insel Brac. Ihr Debütroman "Die Farbe des Granatapfels" stand drei Monate auf Platz 1 der ORF-Bestenliste. Für die Arbeit an "Als ob sie träumend gingen" erhielt sie den Theodor Körner Preis. Anna Baar lebt in Klagenfurt und Wien.
Zwischensequenzen
Wahrscheinlich war Papa in seiner Erzählung von der Herkunft seiner Zootiere so ins Schwärmen gekommen, dass mir die Bilder von Shuyak Island mit denen vom Nil verschwammen.
Undatiert
In einer Nacht im Dezember, nach einem langen Tag, von dem noch die Rede sein wird, ist Sobek, ganz in Gedanken, auf dem Nachhauseweg. Unschwer, ihn zu beschreiben: Ein Mensch, der nicht viel von sich weiß. Alles, was er, wenn er denn sucht, in seinem Inneren findet, ist ein verlorenes Kind, dem er gelegentlich wirre Geschichten erzählt. So spricht er, so kleidet er sich, obwohl er recht eitel ist, und selbst sein Gesicht hat die Züge eines an seinem Werden völlig Desinteressierten. Ginge er unter Leute, er fiele niemandem auf. Doch aus der Nähe gesehen, beeindrucken seine Augen mit den schmalen Pupillen. Ihr Ausdruck ist immer gleich, einerlei, was er betrachtet.
Jetzt geht er die Straße stadtauswärts, der Wind beißt ihm ins Gesicht, aber er spürt es nicht, spürt auch die Kniewunde nicht, weiß nicht, wo und wie er gestürzt, nicht einmal, dass er gestürzt ist. Ein Heimgang wie immer, denkt er, oder beinah wie immer, denn etwas Ungewöhnliches liegt in der Nacht, und umso ungewöhnlicher, als nur er es bemerkt: Taghell scheint ihm die Nacht. Doch liegt das nicht im Geringsten an der Straßenbeleuchtung. Er legt den Kopf in den Nacken, schaut zur Laterne auf, sieht die OP-Leuchte über sich, fünfzigtausend Lux oder mehr. Allmählich setzt sein Gedächtnis ein – ein Arzt beugt sich über ihn, will die Kanüle setzen. Augenblicks reißt der Film.
Sobek reibt sich die Augen. Nach dem Besuch beim Arzt war er nicht mehr er selbst. Er trat auf die Straße hinaus, sah beim Haus gegenüber einen Pulk fremder Leute. Da, jetzt sieht er sie wieder! Sie stecken die Köpfe zusammen, starren ihn böse an, wie eine Trauergesellschaft, die einen Mörder erkennt. Gebete und Sprüche murmelnd, schwenken sie Kruzifixe, kreisen ihn immer mehr ein. Sobek macht, dass er fortkommt, biegt um die nächste Ecke. Aber nach wenigen Schritten steht er wieder vor denen – Charles Montgomery Burns, Gargamel, Cruella de Vil. Während sie über ihn herfallen, schreckt er aus seinem Traum.
Jetzt bewegt er die Lippen, stimmt einen Schlager an. Vom Text kennt er nur den Refrain, oder kennt ihn eigentlich nicht, hat sich immer verhört. Er greift in die Manteltaschen, fühlt in der linken sein Heft, rechterhand ein Skalpell. Aber warum ein Skalpell? Am Ende werden wir sehen.
Bald, denkt Sobek, ist er am Ziel, beim Elternhaus, wo er immer noch wohnt. Was er dort will? Auf sein Zimmer, sich auf dem Bett ausstrecken. Die Zeit verbringt er am liebsten im Liegen, oft in Kleidern und Schuhen, den Blick auf den Fernseher gerichtet. Das Haus hat ausreichend Fenster, aber er schaut nur zum Bildschirm hinaus, sieht Tiere, Menschen und Monster an sich vorüberziehen.
Meistens versinkt er so tief im Geschehen, dass er alles vergisst, was ihn sonst noch umgibt, aber das kommt ihm gelegen. Es beruhigt ihn zu wissen, dass zeitgleich Tausende andere seinen Bildausschnitt sehen, seinen Blickwinkel teilen, also wohl auch seinen Standpunkt und seine Sympathie für manche Nachrichtensprecher. Denen glaubt Sobek mehr als gewöhnlichen Leuten, so sie deutlich herausstellen, was ihn in seinem Urteil und seiner Meinung festigt. Keinen Besitz der Welt verteidigt er so vehement wie seine eigene Ansicht. Wer ihn beirren will, wird schnell zum Dummkopf erklärt. Doch wer ihn darin bestätigt, scheint ihm tausendmal klüger als der größte Gelehrte. Was jemand vor großem Publikum sagt, wird ja schon dadurch wirklich, dass es viele erreicht. Nachrichtensprecher, denkt er, wissen nicht nur am besten, was auf der Welt passiert, sie sehen auch manches voraus, das Wetter von morgen etwa oder den Ausgang von Wahlen. Er mag die Kultiviertheit, mit der sie vom Elend berichten, formsicher, elegant. Dort ein Krieg, da ein Unfall, ein Hochwasser, eine Seuche … Betroffenheitsmienen ekeln ihn an. Sie stellen als schrecklich hin, was seine Lust erregt. Zum Beispiel: Er sieht Notre Dame, darauf ein Dreieck aus Flammen, die Schönheit des lodernden Turms, wie er die tänzelnden Zünglein, umgeben von dichtem Qualm, gegen den Himmel schickt. Hätte er bloß einen Zeugen, wie ihm der Tropfen der Rührung plötzlich ins Auge quillt! Und wie er dann aufschluchzt und schluckt, bis ins Tiefste ergriffen, dabei sein Geschlecht betastend, erfasst ihn auf einmal der Drang, selbst ein Feuer zu legen. Dafür bloß keine Zeugen!
Man sperrte ihn sicher ein, bekannte er seine Neigung. Auch könnte er keinem mitteilen, dass ihn meist fröhlich stimmt, was andere bitter beklagen, oder dass er sehr ernst wird, sobald die anderen lachen. Wirds auf der Bildfläche heiter, verfinstert sich sein Gesicht. Er wünscht sie alle zum Teufel, die launigen Schwätzer und Schleimer, die furchtlosen Jammerlappen, die ängstlichen Todesleugner. Bevor es ihn überkommt, gegen sie anzubrüllen, den Apparat zu zertrümmern oder um Hilfe zu schreien, wechselt er schnell das Programm, zappt sich durch die Kanäle, bleibt dann irgendwo hängen.
Meist schaut er sich Tierfilme an. Tiere verstellen sich nicht, machen alles in ernst und in echt, faulenzen, jagen, töten, dazwischen ein kurzer Geschlechtsakt. Von jedem Tierfilm erwartet er sich, Tiere bei der Paarung zu sehen. Einmal las er von Zoophilie, das hat ihn arg irritiert. Sollten all seine Lüste Krankheitssymptome sein – und falls ja, welchen Leidens, wo ihn doch einzig schmerzt, dass man sie ihm missgönnt?
Wird Sobek das Schauen zu viel, kratzt er ein klein wenig Kalk von der Wand, gibt ihn auf einen Löffel, träufelt Essig darauf, kocht das Gemisch, bis es zischt, saugt es durch ein Stück Watte in eine Einwegspritze. Der Stich – ein Beruhigungsschmerz. Behutsam zieht er am Kolben, bis sich der rote Faden in der Lösung zu kräuseln beginnt – Ready to beam up, Jim! Der Finger am Abdruck zittert. Schon fliegt er zu auf ein blendendes Licht in majestätischer Freude, alles erfüllt zu wissen, wovon er sonst nur träumt. Danach wird er stundenlang dösen, magische Dinge sehen, ab und zu etwas davon in sein Büchlein notieren. Darin denkt er wie ich: Manches muss geschrieben stehen, dass es überhaupt gilt. Noch das Gewöhnlichste, Kleinste ist ihm das Aufschreiben wert, das Feuer im Brombeerstrauch, die Perlen des ersten Frosts, die schrumpfenden Apfelköpfchen an einem blattlosen Ast, das, was anderen unsichtbar bleibt, also nur ihm gehört. Und erst das Große und Größte und das, was er dafür hält – erst in die Schrift gebracht wird es zu seinem Besitz.
Meist glaubt Sobek im Rausch, ein großer Dichter zu sein, Werke von Weltrang zu fabrizieren; freilich nur im Geheimen, denn die andern wären zu klein, seine Größe zu sehen. Erst die Nachwelt verstünde, was sich ihm, seiner Zeit weit voraus, hier und jetzt offenbart. Also bewahrt er sie sorgfältig auf, die Sudelblätter und Kladden voll von wirrem Gekritzel, die angefangenen Briefe an diesen und jenen und sich, selbst Schmierblätter, Einkaufszettel und allerlei Haftnotizen. Eines Tages, meint er, würde irgendein Publikum begierig nach all dem greifen.
*
Unter Menschen zu gehen kommt Sobek gefährlich vor; und nicht aus Furcht, sie täten ihm was, sondern aus Furcht vor sich. Kommt er irgendwem näher, will er ihn gleich verschlingen, aus Liebe oder Abscheu – egal. Als Kind sah er einst im Fernsehen ein riesiges Krokodil. Pfeilschnell fuhr’s aus dem Tümpel, zog ein Gnu unter Wasser, schlug damit wild um sich. Der Tümpel färbte sich rot. Wäre Sobek nicht schweigsam, er käme darüber ins Schwärmen: Trotz ihrer scheinbaren Trägheit sind Krokodile flink und geschickt, fantastische Lauerjäger mit kräftigen Kiefermuskeln und gigantischen Zähnen. Unmöglich ist es der Beute, diesem Feind zu entkommen. Vor Gegenschlägen sind sie gefeit, sogar Harpunenstiche überleben sie oft, auch glühende Kohlen und Gift. Doch wäre bald jeder gelangweilt von seinen Tiergeschichten. Der eine oder andere spielte wohl interessiert, dem Anschein nach wissbegierig, doch schweifte er alsbald ab ins harmlose kleine Gerede, um sich nicht zu verstricken. Sobek bliebe allein mit dem, was ihn anrührt und reizt – gefährliche Tiere beim Sex, Räusche jedweder Art, seine geheimen Notizen.
Je wilder die Bestie in ihm an ihren Gittern rüttelt, desto zivilisierter sucht er nach außen zu sein. Reden andere von sich, sitzt er meist stumm dabei, zu keiner Bewegung fähig, als sich in der Nase zu bohren. Auf Fragen meint er fast immer, die einzige Antwort zu kennen, aber es scheint ihm absurd, sie mit andern zu teilen. Er weiß, man glaubte ihm nicht. Kriegt er den Mund doch auf, vergisst er meist mitten im Satz, was er antworten wollte. Und manchmal bricht er wie absichtlich ab.
Es überfordert Sobek, was da in ihm rumort, in die Sprache zu zwängen, die viel zu engen Begriffe, die alles bloß umreißen. Sooft er es doch versucht, sieht er, wie die andern ihre Augen verdrehen und sich in...
| Erscheint lt. Verlag | 8.3.2021 |
|---|---|
| Verlagsort | Göttingen |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Erzählung • Fantasie • Fiktion • Gegenwartsliteratur • Geschichte • Klagenfurt • Krokodil • Literatur • Nil • Schreiben • Schriftsteller • Verhör • Wahrheit |
| ISBN-10 | 3-8353-4671-7 / 3835346717 |
| ISBN-13 | 978-3-8353-4671-0 / 9783835346710 |
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